Der plötzliche Erfolg der New Yorker Formation Geese galt in den vergangenen Monaten als Beleg dafür, dass klassische Gitarrenmusik im von Pop und Rap dominierten Musikmarkt wieder massentaugliche Relevanz erlangen kann. Der Haken: es war massiv KI-Manipulation im Spiel. [+]
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Mit ihrem im Jahr 2025 erschienenen vierten Album „Getting Killed“ und einer ausverkauften Tournee durch Europa im Frühjahr 2026 reanimierte die Band aus Brooklyn das totgesagte Genre des Post-Punk und weckte Erinnerungen an das Indierock-Revival der frühen Zweitausenderjahre.
Ein Bericht der Tageszeitung Taz legen jedoch nahe, dass dieser Aufstieg kein Resultat organischen Wachstums war. Stattdessen steht die Band im Zentrum eines Skandals um den systematischen Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Simulation digitaler Reichweite, koordiniert von einer spezialisierten Marketingagentur namens Chaotic Good.
Die Agentur nutzt automatisierte Software-Strukturen, um die Dynamiken sozialer Netzwerke gezielt zu manipulieren. Durch das massenhafte Erstellen vermeintlich authentischer Profile, sogenannte Bot-Netzwerke, wurden die Interaktionen rund um die Veröffentlichungen und Live-Auftritte der Band künstlich vervielfacht. Das ist nicht verboten, fühlt sich aber trotzdem falsch an. Fans können sich diesen Dynamiken nicht mehr entziehen, wenn künstlich kreierte Social Media Hypes unsere Kultur dominieren.
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Sobald die Musiker eine Bühne betraten, fluteten diese KI-gesteuerten Accounts die Kommentarspalten einschlägiger Plattformen mit positiven Rezensionen und kreierten vollautomatisch einen regelrechten Hype. Da die Algorithmen moderner Netzwerke diese automatisierten Interaktionen als echtes Nutzerverhalten interpretieren, wurden die Inhalte vermehrt in die Feeds realer Musikfans gespült. Auf diese Weise entstand eine sich selbst verstärkende Dynamik, die schließlich die Konzertsäle wie von selbst füllte.
Das System der manipulierten Authentizität
Die Enthüllungen um das Marketing von Geese berühren den Kern des Indie-Bereichs, der sich traditionell über den Begriff der Authentizität und die Abgrenzung von den Methoden der Major-Labels definiert. Das Prinzip von Chaotic Good basiert darauf, popkulturelle Narrative digital zu fingieren, bevor eine entsprechende physische Basis existiert.
In der Praxis führt dieses Verfahren dazu, dass Bands in der Anfangsphase einer Kampagne vor einem digital aufgeblähten Marktwert agieren, der erst im weiteren Verlauf durch reale Ticketkäufe und Tonträgerabsätze kapitalisiert wird. Das Management von Geese reagierte unmittelbar auf die Veröffentlichung der Rechercheergebnisse und veranlasste das Entfernen sämtlicher Referenzen von der offiziellen Website der PR-Agentur.
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Die Tragweite des Falls reicht jedoch über die New Yorker Band hinaus, da die Kundenkartei der Agentur auch internationale Pop-Größen wie Justin Bieber und Dua Lipa umfasst. Im Segment der globalen Popmusik gehören strategische Kampagnen zum Standard, im Bereich der Independent-Musik wirft die systematische Täuschung durch Algorithmen jedoch grundlegende Fragen zur Glaubwürdigkeit von Neuentdeckungen auf.
Die ökonomischen Hintergründe der KI-Blase
Die Implementierung solcher Marketing-Werkzeuge erfolgt vor dem Hintergrund massiver Investitionen in den Sektor der künstlichen Intelligenz. Die Musikindustrie dient derzeit als Testfeld, um digitale Aufmerksamkeit in reale Geldströme umzuwandeln.
Selbst wenn die Musik der Band selbst nicht mit KI generiert wurde und viele Fans den riesigen Erfolg für völlig verdient halten, wird uns ein künstlicher Hype vorgesetzt, der mit Algorithmen erzeugt wird. Für uns als Musikhörer wird es immer schwerer, uns dem zu entziehen, selbst wenn wir alle Social Media Accounts stilllegen würden. Der KI-generierte Hype schwappt dann auch von der digitalen Welt ins echte Leben rüber und in die Konzerthallen.
Der Wandel der Kontrollinstanzen im Musikgeschäft
Traditionell funktionierte die Talentförderung über ein eng verwobenes Netzwerk aus Musikjournalisten, Clubbetreibern und Talentscouts, den sogenannten A&Rs der Plattenfirmen. Diese Instanzen bewerteten Musik nach subjektiven, aber fachlichen Kriterien und filterten Veröffentlichungen für die Öffentlichkeit. Auch diese Gatekeeper beeinflussen und formen unseren Musikgeschmack maßgeblich, aber durch die Verlagerung des Diskurses in algorithmisch gesteuerte Netzwerke wurden diese klassischen Vermittler weitgehend entmachtet.
An ihre Stelle treten nun KI-Agenturen, die mit Musik gar nichts mehr zu tun haben, sondern nach rein kommerziellen Gesichtspunkten die Reichweite als programmierbare Variable behandeln. Wer am meisten Geld in diese Systeme investiert, gewinnt den harten Kampf um Aufmerksamkeit in sozialen Medien. Das Risiko des Scheiterns, das für die Entwicklung innovativer Musikstile essenziell ist, soll durch den Einsatz von Bot-Netzwerken vollständig eliminiert werden. Oder wie KI-Fan Diplo es kürzlich in einem Interview ausdrückte: “Adapt or die”.
Verunsicherung innerhalb der Musiklandschaft
Die Aufdeckung der Praktiken von Chaotic Good hinterlässt eine verunsicherte Independent-Szene. Das Misstrauen betrifft aktuell auch Acts, die einen ähnlichen Aufstieg verzeichnen, ohne dass ihnen Manipulation nachgewiesen wurde. Die Band Angine de Poitrine aus Québec generiert im Vorfeld ihrer anstehenden Herbsttournee eine signifikante digitale Resonanz, die unter normalen Umständen als Erfolg ihrer Musik und ihrer außergewöhnlichen Erscheinung gewertet würde.
Im Licht des Geese-Skandals wird die plötzliche digitale Omnipräsenz vom Publikum jedoch inzwischen mit Skepsis betrachtet. Und das ist ein Problem: KI zerstört das Vertrauen in Künstler und ihre Kunst, selbst wenn die Künstler überhaupt nichts damit zu tun haben, der Geist ist aus der Flasche.
Wer die betroffenen Künstler trotz der aktuellen Diskussionen im Live-Kontext bewerten möchte, kann sich eigene Eindrücke auf den kommenden Konzerten verschaffen. Geese setzen ihre Auftritte fort, und auch Angine de Poitrine werden im Herbst auf europäischen Bühnen zu sehen sein, um zu beweisen, dass ihre Musik auch ohne Unterstützung aus dem Rechenzentrum vor realem Publikum Bestand hat. Und das ist immerhin das, worauf es am Ende ankommt und was wir ganz direkt und ohne Hilfe von KI bewerten können.
