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Rio Reiser und Ton Steine Scherben: Biografie, Alben und Songs

Rio Reiser (Pressefoto 1986 / Autogrammkarte Homepage Artist)

Am 20. August 1996 stirbt Rio Reiser auf dem Hof Fresenhagen in Schleswig-Holstein, 46 Jahre alt, an Herzversagen. Drei Jahrzehnte später ist sein Name fester Bestandteil des deutschen Musikgedächtnisses: als Frontmann von Ton Steine Scherben, als Solosänger, als Stimme einer Generation, die Widerstand als Haltung verstand. Sein 30. Todestag ist Anlass, das Werk noch einmal in seiner ganzen Wucht zu betrachten.

Ralph Christian Möbius, geboren am 9. Januar 1950 in West-Berlin, nennt sich später Rio Reiser. Den Künstlernamen entnahm er der Romanfigur „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz; 1977 legte er seinen bürgerlichen Namen für die Filmrolle „Johnny West“ ab.

Aufgewachsen in einer bürgerlichen Familie, entdeckt er früh Theater und Musik. Ende der Sechzigerjahre trifft er in Kreuzberg auf den Gitarristen R.P.S. Lanrue und andere, mit denen er 1970 Ton Steine Scherben gründet.

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Die Band kommt aus einer Stadt, die selbst ein politisches Experiment ist: umgeben von Studentenbewegung, Kommunen und dem Aufruhr einer Gesellschaft, die ihre eigenen Fundamente in Frage stellt. Ton Steine Scherben spielen zunächst vor allem für Hausbesetzer, für Demonstranten, für Menschen, die in den Rissen des Wirtschaftswunders leben.

Ihr erstes richtiges Konzert gaben sie am 6. September 1970 beim Love-and-Peace-Festival auf der Insel Fehmarn.

„Warum geht es mir so dreckig?“ (1971)

Das Debütalbum erscheint 1971. Es ist ein Dokument roher Energie: direkt, wütend, auf Deutsch gesungen, zu einer Zeit, als Deutsch im Rock als provinziell galt. Ton Steine Scherben ignorieren diese Konvention schlicht. Reisers Stimme trägt etwas Ungeschütztes, fast Verwundetes, das sich durch die gesamte Bandgeschichte zieht.

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Der Titel ist Programm. Die Songs fragen nach Miete, nach Polizeigewalt, nach dem Alltag derer, die das Wirtschaftswunder nicht erreicht hat. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wächst zur Parole, die weit über das Album hinausreicht.

„Keine Macht für Niemand“ (1972)

Das Doppelalbum, das viele als Herzstück der Bandgeschichte betrachten. Größer, vielschichtiger, politisch präziser als der Vorgänger. Die Songs erzählen von Klassenkampf, von Solidarität, von der Erschöpfung des Widerstands. Und sie klingen trotzdem nach Aufbruch.

Reiser schreibt kleine Geschichten, brüllt nicht mehr nur Parolen. Die Band spielt auf einem Niveau, das weit über den politischen Liedermacher-Kontext hinausgeht, in dem sie oft eingeordnet wird. „Keine Macht für Niemand“ wird zum Referenzpunkt für deutschen Politrock, der bis heute nachwirkt, von Punk bis Deutschrap. Die rebellische Musik von Ton Steine Scherben wirkt bis heute für junge Menschen anziehend.

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„Wenn die Nacht am tiefsten…“ — Der Rückzug nach Fresenhagen

Das Album „Wenn die Nacht am tiefsten…“ erscheint im September 1975 und zeigt eine Band, die mehr möchte als das Sprachrohr einer linken Bewegung zu sein. Rio Reiser schreibt einige der berührendsten Songtexte deutscher Sprache. Insbesondere „Halt dich an deiner Liebe fest“ gehört zu den schönsten und eindringlichsten Songs der deutschsprachigen Popgeschichte.

Das Album ist auch ein ganz bewusster Abschied von der Kreuzberger Hausbesetzer-Szene. Rio Reiser hat keine Lust mehr, für politische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Rio Reiser zieht mit der Band im gleichen Jahr auf einen alten Bauernhof in Fresenhagen (Schleswig-Holstein), um in Ruhe an ihrer Musik arbeiten zu können. Dort entstehen zunächst einige Projekte fürs Theater und Musik für die schwule Gruppe Brühwarm von Corny Littmann (dem späteren Gründer des Schmitz-Theaters auf St. Pauli). Rio Reiser lebte damals schon offen schwul, was Mitte der 70er Jahre ebenfalls ein politisches Statement war.

Fresenhagen ist für die Scherben ein Gegenentwurf zu Berlin: kollektives Leben, selbst organisiert, abseits der Plattenindustrie. Die Band veröffentlicht seit 1971 auf ihrem eigenen Label David Volksmund Produktion, einem der ersten Indielabels überhaupt. Niemand hatte zuvor gewagt, Musik komplett jenseits der Musikindustrie zu veröffentlichen. Das führte fast zwangsläufig auch zu finanziellen Problemen. Es gab schlicht keine Vertriebs- und Vermarktungskanäle für die Band, trotz ihrer schnell gewachsenen Popularität verkaufte sie kaum Alben.

IV („Die Schwarze“)

Das 1981 erschienene, selbstbetitelte vierte Album von Ton Steine Scherben, oft „Die Schwarze“ genannt, markiert mit seiner Mischung aus akustischen Balladen, Reggae und komplexen Rhythmen einen radikalen musikalischen Wendepunkt. Die Band experimentierte in Fresenhagen mit ganz neuen Ausdrucksformen. Reisers Texte sind wahre Kunstwerke deutscher Sprache. Bekannt für Songs wie „Jenseits von Eden“ und „Heimatlied“, gehört „Die Schwarze“ heute zu den einflussreichsten und außergewöhnlichsten Alben in der deutschen Rockmusik.

„Scherben“ und das Ende der Band

Das letzte Studioalbum der Band, „Scherben“, erscheint im April 1983, es enthält weitere experimentelle Rocksongs, die aber so gar nicht mehr in die Zeit der Neuen Deutschen Welle passen wollten und deshalb trotz der Popularität deutschsprachiger Musik völlig untergingen. Völlig zu Unrecht. „Scherben“ dürfte eines der unterschätztesten Alben der Band sein. Doch das Label steht vor der Pleite.


Ton Steine Scherben lösen sich 1985 mit 200.000 DM Schulden auf. Annette Humpe von Ideal überzeugte Rio im Jahr zuvor davon, mit ihr die Single „Dr. Sommer“ zu produzieren und besorgte ihm anschließend einen Plattenvertrag beim Majorlabel und einen Manager, der mit Geld umgehen konnte. Die Plattenfirma gab ihm einen Vorschuss, um sein erstes Soloalbum zu produzieren, für das er auch Scherben-Songs, die noch in der Schublade lagen verwertete.

„Rio I.“ (1986) — „König von Deutschland“ und die zweite Karriere

1986, ein Jahr nach dem Ende der Scherben, erscheint Reisers Soloalbum „Rio I.“ mit dem Song „König von Deutschland“. Der Track wird sofort zum Radiohit, was für Reiser eine merkwürdige Situation schafft: Der Mann, der sein Leben lang abseits von Mainstream-Strukturen gearbeitet hat, landet im Mainstream-Radio, in den Charts, in Wohnzimmern, die er vorher nicht erreicht hätte.

„König von Deutschland“ ist ein sarkastischer Scherben-Song auf Pop getrimmt. Reiser singt von Sehnsucht, von Macht, von dem Wunsch, alles anders zu machen. Der Song funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig: als Ironie, als Bekenntnis, als Traum. Er ist bis heute das Stück, das seinen Namen trägt, wenn man ihn Menschen erklärt, die Ton Steine Scherben nicht kennen.

Auch „Junimond“ und „Alles Lüge“ entwickelten sich zu Klassikern der deutschen Popmusik. Die Schulden waren mit einem Schlag weg und Rio konnte sich ganz auf seine Musik konzentrieren, auch wenn ihm alte Weggefährten Verrat der alten Ideale vorwarfen, weil er nun im Radio zu hören und bei einem Major gesignt war. Doch es war der einzige Weg für ihn, um als Musiker von seiner Musik leben zu können.

Weitere Soloalben

Es folgen weitere Soloalben: „Blinder Passagier“ kann 1987 an den Erfolg von Rio I. anschließen und enthält mit „Für immer und dich“ einen seiner schönsten Liebessongs. Den Erfolg der ersten beiden Alben wiederholt Reiser in dieser Form nicht mehr, bleibt aber produktiv: Er tourt, schreibt und sucht weiter, passt aber nie so richtig in die Mechanismen der Musikindustrie.

Rio Reisers Tod

Am 20. August 1996 stirbt Rio Reiser im Alter von nur 46 Jahren in Fresenhagen. Als unmittelbare Todesursache gilt ein Kreislaufversagen infolge schwerer innerer Blutungen. Auslöser waren geplatzte Krampfadern in der Speiseröhre, als Folge einer schweren Lebererkrankung. Reisers langjähriger Lebensgefährte Misha Schoeneberg und enge Freunde sprachen später offen über seine chronische Alkoholkrankheit.

Bereits in den Monaten vor seinem Tod war Reiser körperlich stark geschwächt. Trotzdem ging er im Mai 1996 noch einmal auf Deutschland-Tournee, obwohl seine Ärzte ihm dringend davon abgeraten hatten. Doch ihm ging das Geld aus, weil er den Unterhalt des gesamten Hofs und seiner Freunde über Jahre finanzierte und dafür selbst die Tantiemen seiner Hits nicht mehr ausreichten. Wenige Monate nach vorzeitigem Abbruch der Tour stirbt Rio Reiser.

Mit einer Sondergenehmigung wurde Reiser zunächst auf seinem eigenen Grundstück beigesetzt. Der Hof entwickelte sich danach zu einer Pilgerstätte für Fans. Seine Familie versuchte noch jahrelang, Fresenhagen als kulturellen Ort zu erhalten, musste das Anwesen jedoch schließlich aus finanziellen Gründen verkaufen. Im Februar 2011 wurde Reisers Leichnam deshalb nach Berlin umgebettet. Seitdem befindet sich sein Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg, wo Rio Reiser heute in einem Ehrengrab ruht.

Dort findet am 20. August 2026 um 15 Uhr eine Gedenkveranstaltung mit ehemaligen Bandkollegen statt.

Diskografie

Mit Ton Steine Scherben

  • Warum geht es mir so dreckig? (1971)
  • Keine Macht für Niemand (1972)
  • Wenn die Nacht am tiefsten … (1975)
  • IV (Die Schwarze) (1981)
  • Scherben (1983)

Solo

  • Rio I. (1986)
  • Blinder Passagier (1987)
  • ***** (1990)
  • Durch die Wand (1991)
  • Über Alles (1993)
  • Himmel und Hölle (1995)

Quellen