Mit „Blue Morpho“ legt Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien sein zweites Soloalbum vor. Der Gitarrist von Radiohead tritt damit deutlicher denn je aus dem Schatten seiner Band.
Wenn man an Radiohead denkt, fallen einem zunächst Thom Yorke und Jonny Greenwood ein. Der Name Ed O’Brien ist nur Fans geläufig, hält er sich doch lieber im Hintergrund auf.
Sein zweites Soloalbum „Blue Morpho“ macht deutlich, wie stark er den Sound seiner Band tatsächlich prägt. Mehr als einmal wartet man förmlich darauf, dass Thom Yorke anfängt zu singen.
Der Vergleich mit George Harrison drängt sich auf, der mit seinem Soloalbum „All Things Must Pass“ sein eigenes Profil nach dem Ende der Beatles schärfte. Auch O’Brien war in seiner Hauptband nie der dominierende Songwriter, aber ein entscheidender Teil des Gesamtklangs. Erst im Alleingang wird hörbar, wie stark seine Handschrift das große Ganze geprägt hat und wie breit sein musikalisches Spektrum ist.
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Der Opener „Incantations“ setzt den Ton. Eine sanft gezupfte Gitarre, getragen von Hall und zurückhaltenden Synthesizern, eröffnet den Raum. O’Briens Stimme bleibt bewusst zurückgenommen, sie wirkt eher wie ein weiterer Klang im Arrangement als wie ein klassischer Leadgesang.
Das Titelstück „Blue Morpho“ sowie „Sweet Spot“ stehen exemplarisch für die ästhetische Ausrichtung des Albums. Gemeinsam mit dem Tallinn Chamber Orchestra entstehen weit gespannte Klangflächen, die fast kammermusikalisch wirken. Streicher und Gitarren verweben sich zu elegischen Bögen.
Unterstützt wird O’Brien unter anderem von Dave Okumu am Bass und Radiohead-Schlagzeuger Philip Selway. Auch die simbabwische Künstlerin Eksa bringt zusätzliche klangliche Farben ein. Die Arrangements sind sorgfältig ausgearbeitet, ohne je verkopft zu wirken.
„Teachers“ setzt einen markanten Kontrapunkt. Getragen von einem funkigen Basslauf, entwickelt sich das Stück zu einer Reflexion über Rollenwechsel und Orientierung.
„Midway through life, I’ve just lost my way“, heißt es leise im Text. Die Musik greift Elemente psychedelischer Rocktraditionen der Siebziger auf, mit Anklängen an Pink Floyd, ohne in Nostalgie zu verfallen. Eine einzelne Basslinie schiebt sich durch flirrende Synthesizer und perkussive Akzente, bevor O’Briens verfremdete Gitarre das Klangbild aufbricht. Hier zeigt sich seine ganze Erfahrung als Gitarrist, der nicht nur begleitet, sondern Räume öffnen kann.
Den Abschluss bildet „Obrigado“, eine knapp neunminütige Hommage an Brasilien. O’Brien verbrachte mit seiner Familie längere Zeit in einem abgelegenen Dorf, diese Erfahrung klingt in dem Stück nach. Samba- und Bossa-Nova-Rhythmen fließen ein, allerdings nicht als stilistische Zitate, sondern als organischer Bestandteil seiner eigenen Klangwelt. Die Mischung aus entspannten Vocals, chorischen Passagen und perkussiven Strukturen wirkt respektvoll und persönlich. Bereits mit „Brasil“ hatte O’Brien diese Verbindung angedeutet, hier führt er sie weiter.
„Blue Morpho“ trägt den Namen eines Schmetterlings, der für Verwandlung steht. Das Bild passt. O’Brien präsentiert sich nicht als Solist, der mit großen Gesten um Aufmerksamkeit wirbt, sondern als Musiker, der seinen Platz neu definiert. Die Spiritualität, die viele Songs durchzieht, bleibt dabei unaufdringlich. Sie äußert sich in der Bereitschaft, Stille zuzulassen und Entwicklungen Zeit zu geben. Deshalb erfordert das Album mehrere Durchläufe, bis es sich dem Hörer voll erschließt: ein leises Meisterwerk.
