Zum Inhalt springen

Philipp Wisser und die Suche nach der einfachen Schönheit

Auf 5th Dimension entwickelt Philipp Wisser mit seinem Quartett einen zeitgenössischen Jazz zwischen klarer Struktur und kollektivem Risiko.

Der Düsseldorfer Gitarrist und Komponist Philipp Wisser legt mit 5th Dimension ein Album vor, das zeitgenössischen Jazz in eine klare, reduzierte Form überführt. Im Zentrum steht keine komplexe Theorie, sondern eine Erfahrung: die unmittelbare Wirkung einfacher musikalischer Momente. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren entwickelte Wisser gemeinsam mit Christoph Klenner, Conrad Noll und Daniel Guerrero ein Repertoire, das reflektierte Komposition mit energetischem Zusammenspiel verbindet.

Der Entstehungsprozess folgte keinem klassischen Produktionsplan. Die Musiker trafen sich immer wieder, meist ohne konkreten Anlass wie ein bevorstehendes Konzert. Stücke wurden ausprobiert, verworfen, neu geformt. Diese offene Arbeitsweise prägte die Musik nachhaltig. Als die Band schließlich ins Studio ging, wurde das Material live eingespielt. Auf nachträgliche Overdubs wurde verzichtet. Das Ergebnis ist ein direktes Klangbild eines Quartetts, das sich im Moment aufeinander einlässt. Im Titelstück erweitert Vincent Pinn am Flügelhorn die Besetzung um eine zusätzliche Stimme.

Die Kompositionen verbinden moderne Grooves mit lyrischen Linien und offenen Passagen für Improvisation. Strukturelle Klarheit trifft auf ein Zusammenspiel, das bewusst Risiken eingeht. In dieser Balance entwickelt die Band einen fokussierten Klang, der sich zwischen Tradition und Gegenwart bewegt.

Der Albumtitel verweist auf einen musiktheoretischen Ausgangspunkt. Viele der Harmonien auf 5th Dimension stehen in Terzverwandtschaft zueinander. Die Terz entspricht dem fünften Oberton einer Tonreihe. Während der Quintenzirkel auf dem dritten Oberton basiert und im musiktheoretischen Alltag präsent ist, führt die Beschäftigung mit der Obertonreihe zu einer grundlegenderen Frage: Warum funktionieren bestimmte Harmonien überhaupt? Für Wisser wurde diese Auseinandersetzung zum Ausgangspunkt eines neuen Verständnisses von Musik. Regeln, die zuvor abstrakt wirkten, erhielten eine physikalische und klangliche Grundlage.

Aus dieser Perspektive entwickelte sich auch sein künstlerisches Selbstverständnis. Ziel ist nicht die Demonstration komplexer Theorie, sondern das Hörbarmachen einer einfachen, unmittelbar erfahrbaren Schönheit. Viele der Harmonien und Rhythmen auf dem Album sind zwar analytisch betrachtet komplex. Beim aufmerksamen Zuhören erschließt sich ihre Logik jedoch intuitiv.

5th Dimension entstand langsam und ohne festen Zeitplan. Diese lange Entwicklungsphase prägte auch die Aufnahmen. Die Verbindung aus intensiver Vorbereitung und dem gemeinsamen Loslassen im Moment bildet den Kern der Musik. Einzelne Stücke wurden aus verschiedenen Takes zusammengesetzt, doch das Spiel selbst bleibt kollektiv und spontan.

In gewisser Weise setzt das Album den Weg fort, den Wisser mit seinem Debüt Just a Glimpse begonnen hat. Während das erste Album rückblickend wie eine Momentaufnahme wirkt, zeigt 5th Dimension eine deutlich gereifte musikalische Sprache. Gleichzeitig baut es auf Erfahrungen auf, die in früheren Projekten entstanden sind.

Philipp Wisser gehört zu einer jüngeren Generation von Jazzmusikern, die den europäischen Jazz mit neuen Perspektiven erweitern. Er studierte Jazzgitarre und Komposition unter anderem mit Stipendium am Berklee College of Music in Boston sowie an der Folkwang Universität der Künste in Essen. In dieser Zeit entwickelte er einen starken Fokus auf eigene Kompositionen und profilierte sich zugleich als Improvisator und Bandleader.

Seine Musik bewegt sich im modernen Jazz und verbindet diesen mit Einflüssen aus Rock, Indie und anderen zeitgenössischen Stilrichtungen. Neben seiner Arbeit als Konzertmusiker ist Wisser auch als Musikpädagoge aktiv und engagiert sich in verschiedenen Projekten der deutschen Jazzszene.

Am Ende steht bei 5th Dimension weniger eine theoretische Idee als eine einfache Erinnerung: Musik kann etwas sichtbar machen, das immer schon da ist. Eine Schönheit, die sich nicht besitzt, sondern nur teilen lässt. Beim Hören zeigt sich, wie nah Theorie und Erfahrung manchmal beieinander liegen.

Schlagwörter: