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Disco-Legende Nile Rodgers (Chic) verteidigt KI-Video gegen Kritik

Nile Rodgers (Pressic 2018 Universal) Foto: Jill Furmanovsky

Nile Rodgers verteidigt sein KI-generiertes Musikvideo gegen Kritik aus dem Netz und offenbart dabei ein grundlegend falsches Verständnis für die neue Technologie.

Nile Rodgers gehört zu den einflussreichsten Musikern und Produzenten der Popgeschichte. Mit Chic erfand er den Disco-Funk neu, produzierte Hits für Diana Ross („Upside Down“), David Bowie („Let’s Dance“) und Madonna („Like A Virgin“) und prägte mit seiner unverwechselbaren Gitarre sogar den Sound von Daft Punk. Kaum jemand weiß besser, wie technische Innovationen die Popmusik verändern können.

Jetzt sorgt der 74-Jährige mit einem neuen Projekt für hitzige Diskussionen. Für den gemeinsam mit der britischen Sängerin Rebecca Ferguson aufgenommenen Benefizsong „The Christmas Song“ arbeitet Rodgers an einem KI-generierten Musikvideo, das am 20. November erscheinen soll. Erste veröffentlichte Bilder stoßen auf deutliche Kritik. Einige Nutzer bezeichnen die künstlichen Bildwelten als „AI Slop“, also KI-Müll.

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Rodgers reagiert auf Social Media gereizt. Er verweist auf die kreativen Möglichkeiten der Technik und wirft Kritikern eine widersprüchliche Haltung vor. Schließlich nutzten die meisten Menschen längst täglich künstliche Intelligenz. Doch die Diskussion über KI in der Kunst dreht sich um wesentlich mehr als die Frage, ob neue Technologien grundsätzlich erlaubt sein sollten.

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Der Vergleich mit der Drum Machine hinkt

Bereits 2023 verteidigte Rodgers künstliche Intelligenz mit einem historischen Argument: Auch Drum Machines, Sequencer und Sampler seien anfangs auf Widerstand gestoßen. Heute gehören sie selbstverständlich zur Musikproduktion. Manche Bands hätten ohne diese Werkzeuge niemals eine Platte aufnehmen können.

Rodgers hat damit grundsätzlich recht. Elektronische Instrumente haben neue musikalische Ausdrucksformen ermöglicht. Ohne Drum Machines gäbe es weder House noch Techno in ihrer bekannten Form. Ohne Sampling wären Hip-Hop und zahlreiche Spielarten elektronischer Musik kaum vorstellbar.


Allerdings unterscheiden sich generative KI-Systeme erheblich von diesen Werkzeugen. Eine Drum Machine erzeugt Rhythmen, die Musiker selbst programmieren. Ein Sampler verarbeitet ausgewählte Aufnahmen. Generative KI kann dagegen komplette Kompositionen, Stimmen oder Bildwelten auf Grundlage statistischer Muster nachahmen und millionenfach neu zusammensetzen, die sie aus großen Trainingsdatensätzen gelernt hat. Sie erzeugt eine Beliebigkeit, die sich grundsätzlich vom Experimentieren mit Instrumenten unterscheidet.

Völlig ungeklärt sind bisher die Fragen nach dem Urheberrecht, Vergütung, Transparenz und künstlerischer Eigenleistung. Also all dem, womit Künstler normalerweise ihren Lebensunterhalt bestreiten oder – wie im Fall von Rodgers – beträchtlichen Reichtum erwirtschaftet haben. Mit dem Hinweis auf frühere technologische Revolutionen lassen sich diese Fragen kaum beantworten.

Gute Absichten garantieren keine guten Bilder

Rodgers verfolgt mit seinem Projekt einen guten Zweck. Nach eigenen Angaben entstand der Benefizsong gemeinsam mit Rebecca Ferguson während der Coronapandemie. Er soll schwer kranken Kindern Freude bereiten. Der Musiker hat selbst eine Prostatakrebserkrankung durchlebt und berichtet, dass ihm ein Kind während seiner Behandlung geholfen habe.

Rodgers betont, dass sein Team jede einzelne Sekunde sorgfältig gestaltet habe und die KI lediglich die vorgegebenen Anweisungen ausgeführt habe. Die bislang veröffentlichten Bilder wirken allerdings wie jede andere KI-Produktionen: gnadenlos überzeichnet, geschmacklos und merkwürdig steril. Das fertige Video steht noch aus, eine abschließende Bewertung wäre deshalb verfrüht.

Gerade von einem Musiker wie Rodgers darf man jedoch mehr erwarten als die bloße Demonstration technischer Möglichkeiten. Schließlich bestand seine größte künstlerische Leistung immer darin, seinen unverwechselbaren Sound zu entwickeln, der häufig nur auf einer Gitarre erzeugt wurde.

Warum ausgerechnet etablierte Künstler von KI schwärmen

Bemerkenswert ist, wie begeistert manche etablierte Musiker aus der Generation von Rodgers auf generative KI reagieren. Wer die Entwicklung von analoger Studiotechnik über Synthesizer bis zur digitalen Musikproduktion selbst erlebt hat, erkennt in KI offenbar einfach nur die nächste Revolution.

Allerdings waren die erfolgreichsten technischen Innovationen der Popgeschichte stets mit neuen musikalischen Ideen verbunden. Die Drum Machine wurde durch die Menschen interessant, die mit ihr bislang ungehörte Rhythmen erfanden. Der Sampler erhielt seine Bedeutung durch Produzenten, die vorhandenes Material neu interpretierten und daraus eigene musikalische Sprachen entwickelten.

Generative KI kann ähnliche Experimente ermöglichen. Sie kann ebenso gut dafür sorgen, dass das Internet mit immer mehr Varianten längst bekannter ästhetischer Muster gefüllt wird. Die Technik selbst garantiert keinerlei Innovation, sondern das genaue Gegenteil: sie erzeugt nur einen Nachhall der Vergangenheit.

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Generative Systeme werden mit Sound und Bild trainiert, für deren Nutzung die Urheber weder gefragt noch vergütet wurden. Gerade ein Musiker wie Rodgers, der sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Songwritern einsetzt, sollte diese Diskussion ernst nehmen.

Doch bei Künstlern dieses Kallibers reicht es häufig, wenn sie Produktionen mit ihrem Namen schmückt. Um künstlerische Qualität oder gar Experimente geht es schon lange nicht mehr. Der Einsatz von KI ist ein kreativer Offenbarungseid.

Die eigentliche Frage lautet: Was bleibt vom Künstler?

Nile Rodgers wird durch dieses Projekt nichts von seiner historischen Bedeutung verlieren. „Le Freak“, „Good Times“, „Upside Down“ oder „Let’s Dance“ bleiben Klassiker der Popgeschichte. Sie lebten davon, dass sie zu ihrer Zeit bahnbrechend und neu waren.

Seine Songs funktionieren bis heute, weil sie eine erkennbare musikalische Handschrift tragen. Dasselbe muss künftig auch für Künstler gelten, die mit generativer KI arbeiten. Entscheidend bleibt, ob sie damit etwas Eigenständiges schaffen, das Menschen berührt und neue Perspektiven eröffnet.

Und ein Nile Rodgers sollte eigentlich wissen, dass unendliche technologische Möglichkeiten alleine noch lange keinen guten Song erzeugen.

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