Die Kritik an den stetig steigenden Konzertpreisen hat die größten Akteure der Livebranche erreicht. Mit Coldplay, Olivia Rodrigo, den Rolling Stones und Charli XCX bieten inzwischen mehrere internationale Künstler vergünstigte Ticketkontingente für ihre Tourneen an.
Den Anfang machten die Rolling Stones mit ihrem Programm „Lucky Dip“. Käufer erhalten ein Ticket zum Festpreis, erfahren aber erst am Tag des Konzerts, welchen Sitz oder Stehplatz sie bekommen. Coldplay übernahm das Konzept mit den sogenannten „Infinity Tickets“, Olivia Rodrigo bietet ein ähnliches Modell unter dem Namen „Silver Star“ an.

Je nach Veranstaltung kosten diese Karten umgerechnet rund 20 bis 30 Euro und sollen auch Fans mit kleinerem Budget den Konzertbesuch ermöglichen.
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Wie das Wall Street Journal berichtet, entstand die Initiative auf Wunsch der Künstler selbst. Jared Braverman, Senior Vice President Global Touring bei Live Nation, erklärte, die Rolling Stones hätten Coldplay zu dem Modell inspiriert. Ziel sei es gewesen, Konzerte zugänglicher und erschwinglicher zu machen. Olivia Rodrigo habe sich später ebenfalls für ein vergleichbares Angebot entschieden.
Die günstigen Tickets sind allerdings nur in sehr begrenzter Zahl verfügbar. Braverman räumte ein, dass es sich pro Konzert nicht um große Kontingente handele. Sie seien jedoch ausreichend, um das Angebot für Fans attraktiv zu machen. Es handelt sich also eigentlich nur um Lockangebote bzw. „cheap-washing“. Durch einige billige Tickets wird die Nachfrage angekurbelt und das Image des Künstlers fanfreundlich reingewaschen.
Coldplay bot bereits bei früheren Tourneen „Infinity Tickets“ für Konzerte in Deutschland an. Auch andere große Acts wie Die Ärzte haben in den vergangenen Jahren immer wieder kleine Kontingente zu deutlich reduzierten Preisen freigegeben für Fans, die über kein reguläres Einkommen verfügen und sich sonst gar keine Konzerte mehr leisten könnten. Die Nachfrage nach diesen Sozialtickets ist in der Regel entsprechend hoch.
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Dass ausgerechnet Live Nation das neue Modell hervorhebt, wirkt dabei durchaus widersprüchlich. Der weltweit größte Konzertveranstalter gehört gemeinsam mit Ticketmaster zu den wichtigsten Akteuren des Ticketmarktes und steht seit Jahren wegen steigender Ticketpreise, Servicegebühren und dynamischer Preisgestaltung in der Kritik.
Die neuen Billigtickets setzen zwar ein positives Signal und ermöglichen einigen wenigen Fans den Konzertbesuch zu einem deutlich niedrigeren Preis. Da jedoch nur ein kleiner Teil der verfügbaren Karten zu diesen Konditionen angeboten wird, ändern sie nichts an der grundsätzlichen Preisentwicklung.
Für die große Mehrheit der Konzertbesucher bleiben die regulären Ticketpreise weiterhin auf hohem Niveau, sodass sie sich Konzerte schlichtweg nicht mehr leisten können. In den USA mussten 2026 mehrere prominente Acts ihre Tourpläne kurzfristig ändern oder Konzerte absagen. Betroffen waren unter anderem Meghan Trainor, Zayn, die Pussycat Dolls sowie die gemeinsame Stadiontour von Post Malone und Jelly Roll, bei der mehrere Termine gestrichen wurden. Offiziell wurden dafür unterschiedliche Gründe genannt, Branchenbeobachter verwiesen jedoch vielfach auf schwächere Vorverkäufe als erwartet.
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Robert Smith von The Cure kritisiert seit Jahren die dramatische Preisentwicklung im Konzertgeschäft und machte 2023 Schlagzeilen, als er sich öffentlich gegen die dynamische Preisgestaltung von Ticketmaster stellte. Für die Nordamerika-Tour der Band verzichtete The Cure bewusst auf sogenannte Platinum-Tickets mit nachfrageabhängigen Preisen, setzte vergleichsweise niedrige Einstiegspreise durch und erreichte nach Beschwerden über hohe Servicegebühren sogar, dass Ticketmaster einen Teil der Kosten an Käufer zurückerstattete. Auch den Weiterverkauf schränkte die Band durch personalisierte Tickets und Wiederverkauf zum Originalpreis weitgehend ein.
Smith betonte damals mehrfach, dass Künstler bei der Preisgestaltung deutlich mehr Einfluss hätten, als oft behauptet werde. Seiner Ansicht nach könnten viele Acts auf Dynamic Pricing verzichten, wenn sie dies wollten.
Allerdings zeigt auch The Cure, wie schwierig es geworden ist, sich dem allgemeinen Trend dauerhaft zu entziehen. Für die aktuelle Europatour lagen die Ticketpreise erstmals ebenfalls vielerorts bei über 100 Euro. Gestiegene Produktionskosten, höhere Ausgaben für Personal, Transport und Veranstaltungsstätten sowie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen großer Tourneen lassen sich auch von Künstlern mit einer kritischen Haltung nur begrenzt ausgleichen. Und natürlich ist das Touren für viele Künstler die letzte verbliebene Einnahmequelle, nachdem sich mit Streams kaum noch nennenswert Geld erwirtschaften lässt.
Wie lange dieses Geschäftsmodell überhaupt noch funktioniert, lässt sich aktuell nicht voraussagen. Nach Angaben des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft sind Konzerttickets heute im Durchschnitt rund 30 Prozent teurer als vor der Corona-Pandemie. Nicht nur bei den großen Acts machen sich die gestiegenen Preise durch teilweise nachlassende Zuschauerzahlen bemerkbar, auch die kleinen Clubkonzerte sind häufig nur noch schwer zu vermarkten, wenn sie auch schon mehr als 30 Euro kosten.
