Ansa Sauermann veröffentlicht morgen sein neues Album „Geht’s noch“! Es enthält eine furiose musikalische Gesellschaftsdiagnostik zu unserer Zeit, die gerade deshalb so erfrischend ist, weil sie weder moralisierend noch angespannt daherkommt.
Große Bögen, explosiver Garagenrock, gewaltige Refrains: Der Rock’n’Roll des Ansa Sauermann ist stürmische Befreiungsmusik. Es ist ja aktuell immer und überall die Rede von Kulturkämpfen und der Spaltung der Gesellschaft. Wie so viele hat Ansa Sauermann diese Spaltung in seinem engsten Umfeld erlebt, weshalb das Private für ihn aktuell sogar sehr politisch ist. Das Besondere ist aber nun, dass er sich von dem Furor aktueller Debatten nicht davontragen lässt, sondern seinen Themen zwar mit Hingabe, aber durchaus mit Gelassenheit und Humor begegnet.
Wir haben den Musiker kurz vor Veröffentlichung seines neuen Albums zum Interview getroffen:
- Was ist der erste Song, an den du dich erinnerst?
Halbstark (1. Rote Rosen Platte) – meine Mutter war und ist der größte DTH Fan. Sie war damals auch bei dem tragischen 1000. Konzert dabei. So ungefähr ab der dritten Klasse durfte ich dann auch immer mit zu den Konzerten. Im Kunstunterricht der Grundschule konnte abwechseln immer jemand irgendeine CD mitbringen, die dann in der Stunde beim Malen gehört wurde. Die erste CD dich ich mitgebracht habe, war eben „Never Mind The Hosen – Here’s Die Roten Rosen“.
2. Was war die erste Platte, die du dir selbst gekauft hast?
Das müsste „Sing when your winning“ von Robbie Williams gewesen sein. Mein absoluter Favorit war und ist Road to Mandalay. Ich hatte keine Ahnung, worum es in dem Song ging, aber er hat mich komplett mitgerissen. Bis heute. Mittlerweile gefallen mir allerdings nicht nur die Harmonien und Melodien, ich bin auch großer Fan der Leichtigkeit, mit der er solch einen Text singt. Ich mag das sehr: schwere, düstere Texte bewusst nicht allzu schwer klingen zu lassen.
3. Was war dein erstes Konzert als Besucher?
Das war 100%ig ein Konzert der Toten Hosen. Also die waren wirklich ab Tag eins omnipräsent bei mir. Ich war allerdings auf so vielen ihrer Konzerte in ganz Deutschland, dass ich keine Ahnung mehr habe, welches das erste war. Unsere Mutter ist mit uns von Dresden aus wirklich überallhin gefahren. Sehr besonders war das Heimspiel 2005 in der LTU Arena in Düsseldorf. Ich erinnere mich, wir waren auf der Autobahn schon weit hinter Leipzig, als meinem Bruder einfiel, dass er seine Karte in Dresden vergessen hatte. Wir also wieder zurück. Am Ende haben wir alle drei Vorbands verpasst (auch die Beatsteaks waren dabei). Aber den Moment, als Campino auf das Gerüst geklettert und am Ende eine Bengalische Fackel entzündet hat, werde ich nie vergessen.
4. Wie bist du zur Musik gekommen?
Ich habe zu Hause irgendwann angefangen mit Quirlen auf lauter Pappkisten und Töpfen herumzutrommeln. Das ist irgendwie komplett ausgeartet. Ich habe laut Musik gehört (ihr könnt raten, was) und dazu auf die Kisten gekloppt. So kam ich zur Musik. Ich bin nach der Trennung meiner Eltern, als ich 5 war, bei meinem Vater aufgewachsen. Er war alles andere als begeistert von Rockmusik. Ihm habe ich die halbe Küchenausrüstung zerlegt. Er hat mich dann zum Klavierunterricht geschickt. Das hat mir als Songwriter später sicher viel geholfen, war damals aber echt nicht mein Ding. Später fand ich im Zimmer meines 2,5 Jahre älteren Bruders (er hat bei meiner Mutter gewohnt) eine Gitarre, die ihm seine damalige Freundin geschenkt, die er aber nie angerührt hatte. Die tiefe E-Saite und ich wurden schnell Freunde.
5. Wie machst du Musik?
Beim aktuellen Album „Gehts noch“ habe ich erstmals alle Songs zu Hause im Homestudio vorproduziert. Sobald ich eine Idee hatte, habe ich angefangen sie von Grund auf aufzubauen. Das lief teils sehr intuitiv, wie zum Beispiel beim Gesang von „Untergehen“, teils aber auch sehr perfektionistisch, wie die Bässe oder auch Keys bei „Junge Dumme Hunde“. An einer Stelle brauchte es knapp 50 Takes, bis ich zufrieden war. Bei diesem Album wusste ich ziemlich genau, was ich sagen wollte und wie. Da hatte sich sehr viel angestaut, sodass es oft nur darum ging, mitzuhalten. Ich habe sehr viel sehr schnell geschrieben und dann auch direkt aufgenommen. Ich finde,dadurch ist eine besondere Dynamik auf dem Album entstanden, die man gut hören kann.
6. Warum machst du Musik?
Lass mich es so sagen: Dieses Album ist ein sehr politisches, sehr wütendes und gleichzeitig sehr persönliches Album. Es ist ein Abgrenzungs- und Befreiungsversuch. Ja, es ist wütend und manchmal auch böse, aber aus Liebe, nicht aus Hass. Ich habe in den letzten Jahren viele Briefe geschrieben, diese aber nie abgeschickt. Sie haben ihren Weg jetzt aber in diese Songs gefunden. Dieses Album zu schreiben war keine Option, genauso wie es keine Option war es nicht zu schreiben. Die Musik ist mein Ausdrucksmittel. Manchmal wie ein Streitgespräch.
7. Welche Künstler haben dich am meisten geprägt?
Geprägt haben mich natürlich die Toten Hosen, einfach weil sie wie gesagt ein großer Teil meiner Kindheit und Jugend waren. Aber auch die Ramones, später Johnny Cash und in Deutschland Bands wie Selig haben eine große Rolle gespielt. Sehr gern einmal zusammenarbeiten, oder sogar nur über die Schulter schauen, würde ich Thom Yorke und Jonny Greenwood. Wie konzeptionell oder intuitiv arbeiten sie? Wie schaffen sie es, so komplexe Songs so leicht und luftig klingen zu lassen. Wie frei oder stoisch wird da (weiter)gearbeitet oder korrigiert, bzw. wie lange wird an einer Grund-Idee festgehalten oder eben akzeptiert, dass es sich woanders hinentwickelt. Schwer zu sagen, warum. Ihre Musik ist einfach magisch und ich bin Fan. Wahrscheinlich wäre eine gemeinsame Session eine einzige Katastrophe.
8. Was möchtest du mit deiner Musik erreichen?
Ich kann hier nichts Weltbewegendes oder Pathetisches sagen. Außer vielleicht: Ich mache Musik, weil da etwas raus muss, dass mich sonst wie ein Geschwür von Innen krank machen würde. Solange ich Freude an der Musik habe, bin ich glücklich. Solange andere Freude daran haben, zu meinen Konzerten kommen und die Lieder mitsingen, umso mehr.
9. Welches ist dein bester Song bisher?
Schwer zu sagen, zählt der beste Text, die Melodie, die besten Gitarren, Drums, oder der beste Live-Song? Mein Lieblingssong aktuell ist „Es tut mir leid“. Ich mag den Vibe sehr. Es ist wie der Soundtrack meiner Jugend, erinnert mich an die 2000er. Dabei klang er in meiner Vorproduktion noch komplett anders. Als ich mit der Band später im Studio war, hat er uns aber nicht mehr überzeugt. Als unsere gebuchte Studiozeit beinahe zu Ende war, habe ich in der Nacht vom vorletzten auf den letzten Tag, in einem letzten halbverzweifelten Versuch alles umgekrempelt. Die bestehende Bridge (die ich nach wie vor super fand) zu Intro und Strophe umgewandelt, dann eine neue Bridge, einen neuen Refrain und den Text neu geschrieben. Am nächsten Tag bin ich mit der Band in den Aufnahmeraum und voilà: es hat direkt klick gemacht. Last-Minute Glück. Ein ganz entscheidender Faktor in jedem Studio bei jeder Aufnahme jeder Band.
10. Woran arbeitest du gerade? Was kommt als nächstes?
Gerade bin ich mitten in der Promo-Phase meines vierten Albums „Gehts noch“. Dann freue ich mich schon sehr auf die Deutschland- und Schweiz-Tour im Frühjahr. Ich will die Songs auf den Bühnen richtig aufleben lassen. Dort gehören sie hin! Es ist nicht nur mein politischstes, sondern auch mein lautestes und rockigstes Album bislang. Meine erste eigene Gitarre war eben doch eine e-Gitarre.
Geht’s noch Tour 2026:
19.03.26 Münster, Café Sputnik
20.03.26 Erfurt, Museumskeller
21.03.26 Hannover, Lux
22.03.26 Hamburg, Knust
26.03.26 Nürnberg, MUZ
27.03.26 Plauen, Malzhaus
28.03.26 Esslingen, Kulturzentrum Dieselstraße
29.03.26 Bad Kötzting, Bahnhof
08.04.26 Halle, Objekt 5
09.04.26 Görlitz, Kühlhaus Görlitz
10.04.26 München, Milla
11.04.26 Magdeburg, Moritzhof
17.04.26 Köln, Subway
08.05.26 CH-Luzern, Konzerthaus Schüür
10.05.26 CH-Zürich, Kaufleuten
13.06.26 Lindau, Zeughaus, Open Air Sommer