Seattle, Herbst 1990. Andrew Wood, Sänger von Mother Love Bone, ist wenige Monate zuvor an einer Überdosis gestorben. Die Band, die er angeführt hatte, liegt in Trümmern. Gitarrist Stone Gossard und Bassist Jeff Ament stehen vor dem Nichts, und genau aus diesem Nichts entsteht eine der bedeutendsten Bands der Neunziger.
Über drei Jahrzehnte später haben sie mehr als 85 Millionen Alben verkauft, sich mit Ticketmaster angelegt, für Abtreibungsrechte gekämpft und dabei Musik gemacht, die zwischen Stadionhymnen und intimen Kammerstücken pendelt. Aber erstmal der Reihe nach.
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Ten (1991): Der Urknall aus Seattle
Gossard und Ament fanden in Mike McCready einen Gitarristen, der Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan in einer Person zu sein schien. Drummer Dave Krusen komplettierte das Gerüst. Was fehlte, war eine Stimme.
Die kam per Kassette aus San Diego. Jack Irons, Schlagzeuger der Red Hot Chili Peppers, reichte ein Demo-Tape an einen Bekannten weiter: Eddie Vedder, Surfer, Tankstellenarbeiter, Gelegenheitssänger. Vedder hörte die Instrumentals, fuhr ans Meer, schrieb über Nacht Texte dazu und schickte das Tape zurück. Die Band war sofort überzeugt. Vedder packte seine Sachen und zog nach Seattle.
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Das Debütalbum „Ten” erschien im August 1991, einen Monat vor Nirvanas „Nevermind”. Die Verkäufe liefen zunächst schleppend, doch die Songs „Alive”, „Even Flow” und „Jeremy” bahnten sich ihren Weg ins Radio. „Jeremy” erzählt von einem Schuljungen, der sich vor seiner Klasse erschießt, basierend auf realen Ereignissen. Das Musikvideo gewann vier MTV Video Music Awards. „Ten” wurde schließlich über 13 Millionen Mal allein in den USA verkauft und ist bis heute eines der meistverkauften Debütalben der Rockgeschichte.
Das Ergebnis: schwer, melodisch, mit Vedders Bariton als emotionalem Gravitationszentrum. Grunge, ja, aber auch Arena-Rock, auch Heartland-Rock, auch etwas, das sich jeder Schublade entzog.
Vs. (1993) und Vitalogy (1994): Ruhm als Feind
Der Erfolg von „Ten” traf die Band unvorbereitet. Vedder insbesondere haderte mit dem Starkult, der Medienmaschine, dem Verlust von Kontrolle. „Vs.” erschien im Oktober 1993 und brach einen Rekord: 950.000 verkaufte Exemplare in der ersten Verkaufswoche in den USA, damals Bestmarke. Musikalisch rauer, weniger poliert, mit Songs wie „Daughter” und „Animal” als Belege dafür, dass die Band ihren Sound absichtlich schärfer machte.
Dave Abbruzzese hatte inzwischen Krusen am Schlagzeug ersetzt. Die Chemie stimmte, aber die Spannungen innerhalb der Band wuchsen. Vedder wollte weniger touren, weniger Promo, weniger Bild. MTV-Auftritte wurden abgesagt, Musikvideos kaum noch gedreht.
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„Vitalogy” (1994) ist das unruhigste, eigenartigste Album der frühen Phase: „Better Man” ist ein Popsong über häusliche Gewalt, der trotzdem zur Stadionhymne wurde. „Nothingman” ist zerbrechlich und still. Dazwischen experimentelle Noise-Passagen, die Hörer damals verwirrten und heute als mutig gelten. Abbruzzese verließ die Band kurz vor Veröffentlichung. Jack Irons, der Vedder einst die Kassette weitergereicht hatte, übernahm.
Der Ticketmaster-Krieg und No Code (1996)
1994 zogen Pearl Jam in einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnten, und führten ihn trotzdem. Die Band weigerte sich, Konzerte über Ticketmaster abzuwickeln, weil das Unternehmen ihrer Meinung nach überhöhte Servicegebühren berechnete. Sie sagten ihre gesamte US-Tour ab und sagten vor dem US-Kongress aus. Am 30. Juni 1994 traten Stone Gossard und Jeff Ament vor einem Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses auf, um Ticketmaster wegen angeblicher monopolistischer Praktiken zu beschuldigen. (Los Angeles Times) Ticketmaster behielt seine Marktmacht. Pearl Jam verlor den Kampf, gewann aber eine Haltung, die sie nie wieder ablegten.
„No Code” (1996) klingt wie eine Band, die sich absichtlich kleiner macht. Kürzere Songs, mehr Stille, weniger Bombast. Das Album floppte kommerziell im Vergleich zu seinen Vorgängern, gilt heute aber als unterschätztes Meisterwerk. „Hail, Hail” und „Who You Are” zeigen eine Band, die sich neu erfindet, ohne sich zu verbiegen.
Yield (1998) bis Riot Act (2002): Reife ohne Kompromiss
Mit „Yield” (1998) fanden Pearl Jam eine neue Balance. Das Album klingt entspannter, aber nicht zahmer. „Given to Fly” ist einer ihrer schönsten Songs, eine Hymne über Freiheit und Verlust, die an Led Zeppelins „Going to California” erinnert, ohne Kopie zu sein. Jack Irons verließ die Band gesundheitsbedingt. Matt Cameron, der Soundgarden-Drummer, stieß dazu und spielt bis heute.
„Binaural” (2000) experimentierte mit binauralen Aufnahmetechniken, klingt dunkel und dicht. „Riot Act” (2002) ist das politischste Album der Band bis dahin: Vedder singt über George W. Bush, den Irak-Krieg, gesellschaftlichen Zerfall. Der Song „Bu$hleaguer” wurde bei Konzerten mit einer Bush-Maske performt. Nicht alle Fans fanden das gut. Vedder tat es trotzdem.
Das selbstbetitelte Album (2006): Rückkehr zur Stärke
Nach einer kurzen Pause erschien 2006 das selbstbetitelte Album, oft „The Avocado Album” genannt wegen seines grünen Covers. Es ist das direkteste, energiegeladenste Werk seit Jahren. „World Wide Suicide” kam als politische Breitseite, „Life Wasted” als Trauerarbeit, „Inside Job” als zehnminütiger Abschluss, der zeigt, was diese Band kann, wenn sie sich Zeit lässt.
Das Album debütierte auf Platz 2 der US-Charts. Pearl Jam war keine Nostalgie-Veranstaltung.
Backspacer (2009), Lightning Bolt (2013) und Dark Matter (2024)
„Backspacer” ist das kürzeste Album der Band, knapp 37 Minuten, und das zugänglichste seit „Ten”. Poppiger, direkter, mit „The Fixer” als Radiohit. „Lightning Bolt” (2013) knüpfte daran an, wuchtiger, mit „Mind Your Manners” als Punk-Ausbruch und „Sirens” als stiller Gegenpol.
Dann kam die längste Pause der Bandgeschichte: zehn Jahre zwischen „Lightning Bolt” und „Dark Matter” (2024). Produziert von Andrew Watt, klingt das Album wie eine Band, die sich an ihre eigene Stärke erinnert, laut, melodisch, mit Vedder in einer Stimmform, die viele nicht mehr erwartet hatten. „Dark Matter” erhielt überwiegend positive Kritiken; auf Metacritic erreicht es einen Metascore von 81/100 auf Basis von 17 Rezensionen.
Mehr als Musik: Engagement, Haltung, Mythos
Pearl Jam haben nie aufgehört, politisch zu sein. Sie unterstützen Umweltschutzorganisationen, engagieren sich für Abtreibungsrechte und spendeten nach dem Tod von Fans beim Roskilde-Festival 2000 für deren Familien. Bei dem Gedränge während ihres Auftritts kamen neun Menschen ums Leben. Die Band unterbrach nach dem Unglück ihre Tour und kehrte erst Monate später auf die Bühne zurück.
Vedder trat öffentlich für Barack Obama ein, sprach gegen Waffengewalt, sang bei Benefizkonzerten für Bernie Sanders. Die Band ist seit Jahrzehnten Teil eines größeren Gesprächs über das, was Rockmusik gesellschaftlich bedeuten kann.
Diskografie
- Ten (1991)
- Vs. (1993)
- Vitalogy (1994)
- No Code (1996)
- Yield (1998)
- Binaural (2000)
- Riot Act (2002)
- Pearl Jam (2006)
- Backspacer (2009)
- Lightning Bolt (2013)
- Dark Matter (2024)
