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Riot-Pop und queeres Dating: Get Jealous veröffentlichen Debütalbum „Casually Causing Heartbreaks“

Nachdem uns das Trio bereits auf dem Reeperbahn Festival unendlich begeistert hat, folgt jetzt das Debüt mit wahnsinniger Energie und großartigen Songs.

Get Jealous – Sally

GET JEALOUS haben einen intensiven Sommer hinter sich. Nach ihren beiden EPs “Easily” (2020) und “Worried” (2021) trauen sich Marek (Drums), Marike (Bass) und Otto (Gitarre, Gesang) mit “Casually Causing Heartbreaks” (VÖ 6. Oktober via corner.Company) endlich auf das Format Album; mit einer Selbstverständlich- und Fertigkeit, die ihresgleichen sucht. Kennengelernt haben sich die drei in den Niederlanden, mittlerweile ist das Riot Pop-Trio in Hamburg ansässig. Auf der Platte kommt auch das rüber, was die Band die vergangenen Monate auf den Festivalbühnen dieses Landes gezeigt hat: Wucht und Energie.

Im Opener werden Zuhörer*innen in das “16”-jährige Ich Ottos zurückversetzt, das langsam aber sicher zu realisieren beginnt, dass es erwachsen wird. “Tell me what it’s all about” singen GET JEALOUS. Nichts lieber als das: Entschuldigungen, Eingeständnisse und Echtheit:

“Casually Causing Heartbreaks” setzt sich in knapp 30 Minuten mit den Höhen und Tiefen in Ottos Gefühlswelt auseinander. Eine musikalische Achterbahnfahrt durch Tinder-Swipes, Gender-Dysphorie, das Erwachsenwerden, Gefühls-Konfusionen und heimliche Schwärmereien, gekoppelt an Hooks, die vor Intensität und Schärfe nahezu zu platzen scheinen. “I got a little secret”, oder besser gesagt 7 (+1) characters to unlock. Jeder Track erzählt seine ganz eigene Geschichte mit dem dazugehörigen Protagonisten. Drei der sieben bzw. acht Charaktere, die ebenfalls das Albumcover zieren, das Otto höchst selbst entworfen hat, wurden bereits im Vorhinein als Single-Auskopplungen enthüllt (Sally, Michelle, Sophie). Nun werden die restlichen vier offengelegt, unter ihnen auch “Marie”. 

“Bei unserem ersten Date haben wir einen Spaziergang gemacht und uns verlaufen“, verrät Otto über den Song. So ist die gebräuchlich-popkulturelle Phrase “I wanna get lost with you” nicht nur einfach daher gesagt, sondern beruht auf wahren Gegebenheiten. Musikalisch bedient sich “Marie” an den typischen GET JEALOUS-Elementen: eine catchy Bassline, voran preschende Drums, wirkungsstarke Gitarren.

Auch die großen Pop-Momente kommen auf dem Album neben dem ganzen Riot nicht zu kurz. So räumen GET JEALOUS auf “Julia” Platz für ihre sanftere, emotionalere Seite ein. Ein packendes Duett ‒ aber wem gehört die zweite Stimme? Ein paar Geheimnisse behalten GET JEALOUS trotz der ganzen Leaks und Eingeständnisse (“But this time I won’t get so mad”) doch noch für sich. Im Kontrast dazu geht es auf “C-C-C-Call Me” ekstatisch weiter. Die tanzbare Up-tempo-Nummer sticht aus dem Album heraus, ist (ab-)verlangend und wagt den Versuch, Sex als Aspekt von Dating musikalisch zu thematisieren, ohne dem Cringe zu verfallen.

Das Album endet schließlich, wie es auch begann: mit “Otto” selbst. Der nach sich selbst benannte Track kann als eine Fortsetzung von “Boy Like You” verstanden werden, in dem sich Otto mit den anhaltenden Struggles rundum deren Gender Identity im Kontext von Dating-Erfahrungen auseinandersetzt. Ein Ich, das zwar nicht mehr wie zu Beginn des Albums 16 Jahre alt ist, aber dennoch mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten zu kämpfen hat, die tagtäglicher Wegbegleiter sind. Auch wenn das Album in vorherigen Songs den Selbstbezug erkennen lässt, wird er hier an dieser Stelle in aller Deutlich- und Dringlichkeit hergestellt.

Mit einer musikalischen Mühelosigkeit stellen Marek, Marike und Otto auf ihrem Debüt ihr Metier unter Beweis: Riot Pop ‘til you drop. “Casually Causing Heartbreaks” zeigt alle Facetten und Phasen des sich Verliebens, den damit verbundenen Hürden, Momente jugendlicher Naivität, unschöne Ausgänge und unterm Strich vor allem den Mut zur Selbstreflexion. Wer bin ich in Beziehungen? Wer will ich sein? Wie bin ich gerade? Das sind essenzielle Fragen der LP, denen sich auf unterschiedlichste Art und Weise und durch Teilhabe anderer Protagonisten genähert wird.

In einem Zeitalter, in dem wir uns angewöhnt haben, Dating wie ein unverbindliches, schnelles Match (sowohl Spiel als auch Swipe) zu sehen, appelliert das Album nicht zuletzt durch seinen Titel daran, uns zu erinnern, dass unsere Handlungen in zwischen- menschlichen Beziehungen Konsequenzen haben und wir aus ihnen lernen und an ihnen wachsen können. “I’m just casually being toxic” lautet eine Zeile aus dem Titeltrack, der in einem sarkastischen Unterton die eigenen Fehltritte anprangert, aber auch reflektiert ‒ Ein Truismus oder besser gesagt Gestus, den wir nicht einfach so hinnehmen sollten. Wenn eine Erkenntnis nach dem Hören bleibt, dann ist es diese.