Wer die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik um 1980 verstehen will, kommt an einer Konstellation nicht vorbei, die sich selbst kaum Zeit ließ, zu werden, was sie war. Die Nina Hagen Band existierte keine zwei Jahre als Einheit und hinterließ trotzdem Spuren, die tiefer gingen als die meisten Bands, die ein Jahrzehnt Zeit hatten.
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Was danach kam, war Spliff: dieselben Musiker, anderes Selbstverständnis, anderer Sound. Plötzlich war da eine Band, die Deutschrock und New Wave zusammendachte, bevor das irgendwer so nannte.
Die These, die sich durch diese Geschichte zieht: Ohne die kurze, explosive Phase der Nina Hagen Band hätte Spliff nie die Souveränität entwickelt, die ihre besten Momente ausmacht. Der Übergang zwischen beiden war ein Reifeprozess und einer der interessantesten, leider viel zu kurzen Momente in der Geschichte des deutschen Pop.
Gründung und erste Schritte: West-Berlin, 1977
Nina Hagen verlässt 1976 die DDR, nachdem ihr Stiefvater Wolf Biermann im November desselben Jahres ausgebürgert worden war; Eva-Maria Hagen und ihre Tochter folgten ihm nach Westdeutschland. (Deutsche Welle) Hagen bringt eine Stimme mit, die sich nicht einordnen lässt: Opernausbildung, Punk-Attitüde, Theatralik, Ironie, alles gleichzeitig. In West-Berlin kommt sie mit dem Bassisten Manfred Praeker und seiner Band Lokomotive Kreuzberg zusammen und aus dieser Zweckgemeinschaft entsteht etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Zur Nina Hagen Band gehören neben der namensgebenden Sängerin und Praeker auch Herwig Mitteregger (Drums), Bernhard Potschka und Reinhold Heil (Keyboards).
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„Nina Hagen Band” (1978): Punkrock auf Deutsch
Das Debütalbum erscheint am 31. August 1978 auf CBS Records und trifft den deutschsprachigen Markt wie ein Kurzschluss. Tracks wie „TV-Glotzer” und „Auf’m Rummel” bringen Punk-Energie mit deutschen Texten zusammen, zu einem Zeitpunkt, als die meisten deutschen Bands entweder auf Englisch singen oder im Schlager-Fahrwasser treiben.
Die Platte klingt zwar roh und direkt, ist aber musikalisch wesentlich vielschichtiger als Punk. Potschkas Gitarrenarbeit ist virtuos, Jazz-Musiker Heil am Keyboard sorgt für athmosphärische Momente, die über den reinen Gitarren-Lärm hinausgehen. Das Ergebnis: ein Album, das gleichzeitig Zeitdokument und Stilübung ist.
„Unbehagen” (1979): Schärfer, weiter, freier
Ein Jahr später erscheint „Unbehagen” auf CBS Records, und die Band klingt, als hätte sie beschlossen, alle Grenzen des Debüts zu ignorieren. Die Arrangements werden komplexer, Hagens Vortrag theatralischer, die Texte politischer und surrealer zugleich. „African Reggae” und „Wir Leben Immer… noch” zeigen, dass die Band einen eigenen Kompositionsansatz entwickelt hat, der alle musikalische Grenzen sprengt. Die Musiker sind zu dieser Zeit alle gerade erst Mitte 20 und doch schon mit allen Wassern gewaschen.
Der plötzliche Bruch
Nach zwei gefeierten Alben und intensiver Tourarbeit verlässt Nina Hagen die Band 1980, um ihre Solokarriere zu verfolgen. Die Gründe sind in der Musikpresse der Zeit unterschiedlich dokumentiert: künstlerische Differenzen, unterschiedliche Vorstellungen davon, wohin die Reise gehen soll, und vermutlich auch der Wunsch Hagens, die eigene Musik stärker zu kontrollieren als in einer Band mit 5 kreativen Köpfen.
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Was bleibt, ist eine Band ohne Frontfrau, aber mit einem ausgeprägten musikalischen Selbstverständnis. Heil, Potschka, Praeker und ihre Mitstreiter hätten sich nach dem Willen der Plattenfirma auflösen können. Doch sie tun genau das Gegenteil: Sie nennen sich um in Spliff und machen weiter ohne ihre Frontfrau.

Spliff: Eigenständigkeit als Programm
Der Name ist Programm, lässig, leicht provokant, ohne die theatralische Aufladung der Vorgänger-Konstellation. Spliff starten zu Beginn der 1980er Jahre mit einem Sound, der die Energie der Nina Hagen Band destilliert, aber den Spieß umdreht und zunächst nur Gastsänger ins Studio holt. Der Star ist jetzt die Band: New-Wave-Synthesizer, eingängigere Strukturen, mehr Augenzwinkern.
Mit der englischsprachigen Rockoper “Spliff Radio Show” veröffentlichen sie 1980 eine Satire auf das Musikgeschäft um den fiktiven Rock-Star Rocko J. Fonzo und verarbeiten damit ihre Erfahrungen im Musikgeschäft. Angeregt wurde das Projekt vom Fotografen Jim Rakete.
„85555″ (1982): Das Spliff-Debüt
Das erste deutschsprachige Spliff-Album stellt klar, dass hier eine Band antritt, die sich nicht um Pop-Konventionen schert. Der Sound ist polierter als zuvor, aber auch experimenteller. Tracks wie „Computer-Karriere” verbinden gesellschaftskritische Texte mit einer Leichtigkeit, die ansteckend ist. Das ist die Ästhetik der frühen NDW auf ihre beste Art: ernst gemeint, aber nie verbissen. Spliff schaffen es, politische Ironie und Dancefloor-Tauglichkeit zusammenzudenken, ein Kunststück, das nur wenigen deutschen Bands dieser Zeit gelingt.
„Herzlichen Glückwunsch” (1982) und die Hochphase
Mit dem zweiten Album festigt Spliff ihren Status als eine der wichtigsten deutschen Bands des frühen Jahrzehnts. Die Produktion wird selbstbewusster, die Arrangements breiter. Wo das Debüt noch die Energie des Neuanfangs hat, wirkt das Nachfolgewerk wie eine Band, die angekommen ist.
Nena, Die Ärzte und das Ende von Spliff
Jim Rakete verpflichtet Heil und Praeker als Produzenten eines Nachwuchstalents, namens Nena. Der Rest ist Geschichte: Nena erobert Deutschland im Sturm, “99 Luftballons” macht sie kurzfristig sogar zum Weltstar. Die beiden produzieren alle Nena Alben bis 1986 und verlegen sich fast vollständig auf die Arbeit im Studio.
Spliff bringen zwar 1984 zwar nochmal ein Album heraus, lösen sich dann aber endgültig auf. Herwig Mitteregger startet erfolgreich seine Solokarriere. Reinhold Heil gründet mit seiner Frau Rosemarie Precht das Pop-Duo Cosa Rosa und schreibt später die Filmmusik für so gut wie alle Tom Tykwer Filme.
Manfred Praeker produziert u.a. Die Ärzte und Extrabreit und stirbt 2012 nach langer schwerer Krankheit. Potschka und Mitteregger gründen eigene Studios und produzieren bis heute verschiedene Bands.
Diskografie
Nina Hagen Band
„Nina Hagen Band” (1978)
„Unbehagen” (1979)
Spliff
„Spliff-Radio Show” (1980)
„85555″ (1982)
„Herzlichen Glückwunsch” (1982)
„Schwarz auf Weiß” (1984)
