Polly Jean Harvey, Jahrgang 1969, hat nie einen geraden Weg gewählt. Sie wächst auf einem Bauernhof in Dorset auf, lernt Gitarre, Saxofon und Klavier, und beschließt irgendwann, dass Schönheit und Schmerz in der Musik dasselbe sein können. Was folgt, ist eine der eigenwilligsten Karrieren, die der britische Rock je hervorgebracht hat.
Harvey erhielt klassischen Musikunterricht und spielte als Kind in lokalen Orchestern. In ihren Teenagerjahren entdeckte sie Post-Punk und Blues für sich und begann, eigene Songs zu schreiben. Ende der 1980er Jahre zog sie nach London, um sich vollständig der Musik zu widmen — eine Entscheidung, die gegen den Rat ihrer Familie ging und die sie in die Londoner Indie-Szene führte. Dort traf sie Rob Ellis und Steve Vaughan, mit denen sie 1991 die Band PJ Harvey gründete. Der Name war schnell gefunden: Sie wollte ein Pseudonym, das nicht sofort als weiblich erkennbar war, um sich von Erwartungen zu befreien.
Wie baut eine Frau aus der Provinz, ohne Majorlabel-Maschinerie im Rücken, ein Werk auf, das Kritiker und Publikum gleichermaßen fesselt und das nach mehr als drei Jahrzehnten noch wächst? Die Antwort liegt in der Musik selbst.
Dry (1992): Der erste Schrei aus Dorset
PJ Harvey beginnt als Trio: Polly Jean Harvey an Gitarre und Gesang, Rob Ellis am Schlagzeug, Steve Vaughan am Bass. Das Debütalbum „Dry” erscheint 1992 beim winzigen Indielabel Too Pure und klingt, als hätte jemand Blues, Post-Punk und freie Improvisation in einem Raum eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen. Die Produktion ist karg, die Gitarren kratzen, die Stimme wechselt zwischen Flüstern und Zerreißen.
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Songs wie „Dress” und „Sheela-Na-Gig” handeln von weiblicher Körperlichkeit auf eine Weise, die 1992 im britischen Indie-Kontext selten war. Den NME-Jahrestitel 1992 gewann „Copper Blue” von Sugar; „Dry” blieb dennoch eines der meistdiskutierten Debüts des Jahres.
Rid of Me (1993): Steve Albini und die Eskalation
Ein Jahr später nimmt PJ Harvey mit Steve Albini auf, dem Mann, der auch Nirvanas „In Utero” produziert. Das Ergebnis ist „Rid of Me”, ein Album, das klingt wie ein Gewitter, das sich nicht entscheiden kann, ob es abzieht oder eskaliert. Die Dynamik ist extrem: Stille und Lärm wechseln sich ab, die Stimme heult, flüstert, schreit.
Der Titelsong „Rid of Me” ist ein Dokument obsessiver Zuneigung, das sich in Aggression entlädt. Albinis trockenes, unkomprimiertes Aufnahmeverfahren gibt dem Album eine physische Präsenz, die auf Kopfhörer und Boxen gleichermaßen einschlägt, nimmt PJ Harvey aber auch ihre Zerbrechlichkeit. Deshalb veröffentlicht PJ Harvey im gleichen Jahr auch die Demos des Albums, die die Songs ganz nackt und ohne fette Produktion zeigen. Viele sehen in „Rid of Me” den radikalsten Moment ihres frühen Schaffens.
To Bring You My Love (1995): Glamour und Dunkelheit
Mit „To Bring You My Love” vollzieht PJ Harvey 1995 eine der erstaunlichsten Kehrtwenden der Neunziger. Weg vom abrasiven Trio-Sound, hin zu einem üppigen, dunkelglänzenden Klang, der Blues, Gospel und Gothic miteinander verwebt. Produziert gemeinsam mit Flood und John Parish, klingt das Album wie ein Ritual, das irgendwo zwischen Mississippi-Delta und einem verlassenen Varietétheater stattfindet.
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Die Single „Down by the Water” wird ihr bekanntester Song dieser Phase. Das Video, in dem Harvey in einem roten Kleid am Wasser steht, prägt ein Bild, das bleibt. Das Album bringt ihr die ersten Grammy-Nominierungen und macht sie international sichtbar: 1996 war sie in den Kategorien Best Alternative Music Album für „To Bring You My Love” und Best Female Rock Vocal Performance für „Down by the Water” nominiert.
Is This Desire? (1998): Rückzug ins Experimentelle
Nach dem Erfolg von „To Bring You My Love” hätte der nächste Schritt ein zugänglicheres, kommerziell berechnendes Album sein können. PJ Harvey wählt das Gegenteil. „Is This Desire?” von 1998 ist ein elektronisch durchwirktes, fragmentiertes Werk, das Charakterstudien über Frauen am Rand erzählt: Niko, Angelene, Joy. Die Songs klingen wie Skizzen, die absichtlich unfertig gelassen wurden.
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Das Album polarisiert. Wer den Gitarren-Rock der frühen Phase liebt, steht vor einem Rätsel. Wer bereit ist, sich einzulassen, findet eines der eindringlichsten Werke ihres Katalogs.
Stories from the City, Stories from the Sea (2000): New York und der Mercury Prize
Das Jahr 2000 bringt einen neuen Ort und einen neuen Klang. PJ Harvey verbringt Zeit in New York, und die Stadt hinterlässt Spuren. „Stories from the City, Stories from the Sea” ist ihr zugänglichstes Album bis dahin: melodisch, drängend, mit Momenten echter Zärtlichkeit. Die Gitarren klingen breiter, die Arrangements offener.
Auf „Good Fortune” und „This Mess We’re In”, einem Duett mit Thom Yorke von Radiohead, zeigt sie, dass Eingängigkeit und Tiefe sich nicht ausschließen. Das Album gewinnt den Mercury Prize 2001. Die Energie dieser Aufnahmen klingt, als wäre eine ganze Stadt in die Studioarbeit eingeflossen.
Uh Huh Her (2004): Allein im Studio
„Uh Huh Her” ist ein Experiment in Eigenregie. PJ Harvey spielt fast alle Instrumente selbst, produziert weitgehend allein und kehrt zu einem raueren, direkteren Sound zurück. Das Album klingt bewusst unfertig, wie Demos, die zur Aussage geworden sind. Manche Kritiker sprechen von Rückschritt, andere von konsequenter Selbstbehauptung.
Nach einem Mercury-Prize-Gewinner ein Album zu machen, das klingt, als wäre es im Proberaum entstanden: Das ist PJ Harvey.
White Chalk (2007): Klavier, Falsett und Dorset
Mit „White Chalk” kehrt sie nach Hause, zumindest klanglich. Das Album ist fast vollständig auf dem Klavier aufgebaut, Harveys Stimme rutscht in ein hohes Falsett, und die Songs kreisen um Kindheit, Verlust und die Landschaft von Dorset. Es ist ihr intimstes Werk bis dahin, und eines der unerwartetsten.
Der Sound erinnert an viktorianische Balladen, an Volkslieder, die niemand mehr kennt. Wer „White Chalk” zum ersten Mal hört und die vorigen Alben kennt, fragt sich kurz, ob das wirklich dieselbe Künstlerin ist. Es ist dieselbe, und genau das ist der Punkt.
Let England Shake (2011): Das politischste Album ihrer Karriere
„Let England Shake” ist das Album, über das am meisten geschrieben wird. PJ Harvey arbeitet erneut mit John Parish zusammen, und das Ergebnis ist ein Zyklus über England, Krieg und kollektives Gedächtnis. Autoharp, Saxofon, Samples von Schlachtfeldern. Die Songs zitieren Volkslieder und Kriegsberichte, ohne je illustrativ zu werden.
Das Album gewinnt den Mercury Prize am 6. September 2011 ein zweites Mal und macht PJ Harvey zur ersten Künstlerin, die den Preis zweimal gewonnen hat. (Guinness World Records) Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen und eine intensive Debatte darüber, ob Popmusik politische Lyrik tragen kann. Das Album liefert die Antwort.
The Hope Six Demolition Project (2016): Washington D.C. und die Welt
Für ihr neuntes Studioalbum reist PJ Harvey nach Washington D.C., nach Kosovo und nach Afghanistan. Die Beobachtungen fließen direkt in die Texte. „The Hope Six Demolition Project” ist lauter und selbstbewusster als „Let England Shake”, mit breiten Bläsersätzen und einem fast marschierenden Groove auf manchen Tracks.
Das Album entsteht unter ungewöhnlichen Umständen: Die Aufnahmen finden in einem Glaskasten im Somerset House in London statt, öffentlich einsehbar für Besucher. Studioarbeit als Performance, Entstehung als Teil des Werks.
Orlam (2022) und „I Inside the Old Year Dying” (2023): Die Rückkehr zur Sprache
Nach einer langen Pause erscheint 2022 „Orlam”, ein Gedichtband in Dorset-Dialekt, illustriert, eigenwillig, kaum vermarktbar. Ein Jahr später folgt das Album „I Inside the Old Year Dying”, das auf demselben Material basiert. PJ Harvey vertont ihre eigene Lyrik, und der Sound ist reduziert, traumartig, beinahe geflüstert.
Das Album ist kein leichter Einstieg. Es belohnt Geduld und Wiederholung. Wer sich darauf einlässt, findet ein Werk, das zeigt, wie weit eine Künstlerin gehen kann, wenn sie sich jeder Erwartung verweigert.
Im Juni 2026 veröffentlicht sie die neue Single „Voyager” und deutet an, dass die Reise weitergeht.
Diskografie
„Dry” (1992)
„Rid of Me” (1993)
„To Bring You My Love” (1995)
„Is This Desire?” (1998)
„Stories from the City, Stories from the Sea” (2000)
„Uh Huh Her” (2004)
„White Chalk” (2007)
„Let England Shake” (2011)
„The Hope Six Demolition Project” (2016)
„I Inside the Old Year Dying” (2023)
