Zum Inhalt springen

Fast 40 Prozent der neuen Musik entsteht bereits mit Hilfe von KI [+]

Künstliche Intelligenz verändert die Musikproduktion offenbar schneller als bislang angenommen. Eine neue Untersuchung der Musikplattform SubmitHub kommt zu dem Ergebnis, dass bei 38,5 Prozent der im Juli 2026 untersuchten Neuveröffentlichungen KI bei der Entstehung beteiligt war. Fast ein Viertel der analysierten Musik soll sogar vollständig von KI generiert worden sein.

Für die Untersuchung analysierte SubmitHub nach eigenen Angaben mehr als eine Million Musikstücke mit dem hauseigenen Erkennungssystem SH Labs. Bei 23,2 Prozent der untersuchten Tracks kam das System zu dem Ergebnis, dass diese vollständig mit künstlicher Intelligenz erzeugt wurden. Weitere 15,3 Prozent enthielten KI-generiertes Audiomaterial, das anschließend von Menschen bearbeitet oder weiterverarbeitet wurde. Zusammengenommen ergibt das einen Anteil von 38,5 Prozent.

Es handelt sich um Ergebnisse eines automatisierten Erkennungssystems und damit nicht um eine vollständige Erhebung aller weltweit veröffentlichten Songs anhand offengelegter Produktionsdaten. Die Studie zeigt dennoch, wie stark KI-Werkzeuge inzwischen in die Musikproduktion vorgedrungen sind und wie schwierig es gleichzeitig geworden ist, ihren Einsatz zuverlässig zu erkennen.

Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden

SubmitHub hatte SH Labs im Sommer 2026 gestartet, um auf ein nach Ansicht des Unternehmens wachsendes Transparenzproblem hinzuweisen. Der KI-Detektor wird laut SubmitHub inzwischen auch von Bandcamp und Traxsource sowie von der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA eingesetzt und erkennt KI-unterstützte Musik angeblich zu 98% korrekt.

SubmitHub-Gründer Jason Grishkoff sieht vor allem eine Kennzeichnungspflicht als möglichen Umgang mit der Entwicklung. Hörer sollten selbst entscheiden können, ob sie sich mit KI-generierter Musik beschäftigen wollen. Voraussetzung dafür sei, dass entsprechende Informationen überhaupt verfügbar sind.

Auch Tonspion nutzt SubmitHub seit Jahren, um neue Musik und bislang unbekannte Künstler zu entdecken. KI-generierte Musik wird dabei inzwischen komplett ausgefiltert und gelangt nicht mehr in die redaktionelle Auswahl. Angesichts der stark wachsenden Menge künstlich erzeugter Einreichungen hilft uns der Filter dabei, den Fokus auf Musik von realen Künstlerinnen und Künstlern zu legen.

Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden

___STEADY_PAYWALL___

KI-Musik wird zum Massenphänomen

Dass KI-generierte Musik längst kein Randphänomen mehr ist, zeigen auch Zahlen von Deezer. Der Streamingdienst meldete für Juni 2026, dass mehr als die Hälfte der täglich neu hochgeladenen Musik vollständig KI-generiert war. Bereits 2025 hatte eine Untersuchung zudem ergeben, dass 97 Prozent der Befragten Schwierigkeiten hatten, KI-generierte Musik zuverlässig von menschlich produzierter Musik zu unterscheiden.

Damit rücken konkrete Folgen für Streamingdienste, Musiker und Publikum in den Vordergrund. Dazu gehören die Kennzeichnung künstlich erzeugter Inhalte, mögliche Auswirkungen auf die Verteilung von Streaming-Einnahmen sowie die weiterhin umstrittene Frage, mit welchem urheberrechtlich geschützten Material generative Musikmodelle trainiert werden dürfen.

Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden

Erste Plattformen reagieren bereits. Bandcamp untersagte Anfang 2026 vollständig KI-generierte Musik und behält sich vor, Veröffentlichungen bei entsprechendem Verdacht zu entfernen. Spotify wiederum will ab September sogenannte „AI Persona“-Kennzeichnungen auf ausgewählten Künstlerprofilen einführen. Damit sollen Nutzer erkennen können, wenn hinter einem vermeintlichen Act eine künstlich erzeugte Künstleridentität steht.

Apple Music führt verpflichtende KI-Kennzeichnung ein

Auch Apple verschärft den Umgang mit KI-Musik. Im März 2026 führte das Unternehmen für Apple Music sogenannte „AI Transparency Tags“ ein. Labels und Vertriebe konnten damit freiwillig angeben, wenn ein wesentlicher Teil einer Veröffentlichung mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Noch im Laufe des Jahres soll diese Kennzeichnung verpflichtend werden.

Laut einer E-Mail von Apple an Inhalteanbieter, über die The Hollywood Reporter berichtete, müssen die Transparency Tags künftig immer gesetzt werden, wenn KI für einen wesentlichen Teil des Inhalts verwendet wurde. Dazu gehören ausdrücklich auch Tracks, die über generative KI-Plattformen erstellt wurden. Wie Apple kontrollieren will, ob Labels und Vertriebe dieser Pflicht tatsächlich nachkommen, ist bislang offen. Für Hörer sind die Tags in Apple Music derzeit noch nicht sichtbar.

Nach Angaben des Unternehmens ist mehr als ein Drittel der bei Apple Music angelieferten Songs vollständig KI-generiert. Ihr Anteil an den tatsächlichen Streams liegt allerdings bei weniger als 0,5 Prozent. KI-Musik wird demnach zwar in großen Mengen hochgeladen, erreicht bislang jedoch nur einen sehr kleinen Teil des Publikums.

Apple erklärte, allein 2025 Tantiemen aus rund zwei Milliarden manipulierten Streams neu verteilt und die entsprechenden Gelder in den allgemeinen Auszahlungspool für Künstler und Labels zurückgeführt zu haben. Vollständig KI-generierte Titel können aus dem Katalog entfernt werden, wenn ihre Abrufe auf Streaming-Manipulation beruhen.

Künstler nutzen KI längst selbst

Die Debatte reicht inzwischen weit über anonyme KI-Tracks hinaus. Musiker wie Kate Bush und Queen-Gitarrist Brian May haben sich öffentlich gegen die nicht lizenzierte Verwendung kreativer Werke zum Training generativer KI ausgesprochen. Gleichzeitig integrieren etablierte Künstler die Technologie bereits in ihre Arbeit.

Empire-Of-The-Sun-Musiker Luke Steele erklärte beispielsweise, KI für Musik einzusetzen. Boy George nutzte KI nach eigenen Angaben beim Schreiben seines Songs „We Will Dance Again“. Rapper Tyga bezeichnete KI im Zusammenhang mit seinem Album „$tarface“ als Werkzeug und verglich ihren Einsatz mit der Einführung von Auto-Tune. Für Teile des Albums ließ er unter anderem Retro-Synthesizer mit KI erzeugen.

Auch Produzent Timbaland geht mit seinem Projekt Stage Zero in diese Richtung. Mit TaTa präsentierte er einen als KI-Künstler konzipierten Pop-Act, den er selbst als „living, learning, autonomous music artist built with AI“ beschreibt. Und Diplo investiert aktiv in KI-Unternehmen und machte sich öffentlich über Produzenten lustig, die sich noch selbst die Arbeit machen, schließlich ginge es doch in seinem Job hauptsächlich um seinen Geschmack und nicht um das Handwerk.

Wo beginnt KI-Musik?

Die SubmitHub-Untersuchung macht zugleich deutlich, dass der Begriff KI-Musik sehr unterschiedliche Produktionsweisen umfasst. Ein vollständig generierter Song ist etwas anderes als eine menschliche Produktion, bei der KI einzelne Sounds erzeugt, Stimmen bearbeitet oder bei anderen Produktionsschritten eingesetzt wird. Die Zahl von 38,5 Prozent umfasst beide Kategorien, davon wurden 23,2 Prozent als vollständig KI-generiert eingestuft.

Für Hörer ist diese Unterscheidung derzeit auf den meisten Plattformen kaum nachvollziehbar. Bei einem veröffentlichten Song lässt sich häufig nicht erkennen, ob Musiker ihn eingespielt und produziert haben, ob generative Werkzeuge punktuell beteiligt waren oder ob das komplette Stück auf Grundlage weniger Prompts entstanden ist. Genau hier setzen die neuen Kennzeichnungssysteme von Apple und Spotify an.

Mit der wachsenden Menge an KI-Musik bekommt diese fehlende Transparenz auch eine wirtschaftliche Dimension. Vollautomatisch erzeugte Tracks konkurrieren auf Streamingplattformen um dieselbe Aufmerksamkeit und letztlich auch um Einnahmen wie Musik von Bands, Produzenten und Songwritern. Gleichzeitig lassen sich KI-Tracks in einer Geschwindigkeit und Menge herstellen, die mit klassischer Musikproduktion kaum vergleichbar ist.

Diplo empfiehlt allen, die auf KI verzichten, Uber Fahrer zu werden bis Waymo auch das überflüssig gemacht habe, räumt aber immerhin ein, dass Musik ganz ohne menschliches Zutun nicht entstehen könne, schließlich habe eine KI keine bipolare Störung und Autismus wie er und könne dementsprechend auch nicht kreativ sein.

Schlagwörter: