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Warum Dokumentationen heute nicht mehr das sind, was sie mal waren

Dokumentationen boomen: immer mehr Stars lassen scheinbar intime Einblicke hinter den Kulissen zu und veröffentlichen “offizielle” Dokumentationen. Doch dahinter steckt ein großes Missverständnis, was das Genre eigentlich bedeutet.

This documentary is being marketed as a Red Hot Chili Peppers documentary, but it is not.“ So beginnt ein Statement, das die Band kürzlich veröffentlichte. Hintergrund ist ein Film über den 1988 verstorbenen Gitarrist Hillel Slovak, der die Band mitgegründet hatte und für die die Band O-Töne beigesteuert hatte.

Red Hot Chili Peppers auf Instagram

Eine offizielle Dokumentation über die Red Hot Chili Peppers habe es bislang nicht gegeben. Das aktuelle Netflix-Special, so die Band, handele von Hillel Slovak, und genau so solle es auch verstanden werden. Diese paar Zeilen entfalten ein bemerkenswertes Missverständnis, was eine Dokumentation ist und was sie eigentlich nicht sein sollte.

Aus Sicht der Band scheint klar: Eine Dokumentation über die Red Hot Chili Peppers ist nur dann eine echte Dokumentation, wenn sie auch von der Band selbst autorisiert, begleitet oder gar mitgestaltet wurde. Eine Dokumentation ohne Mitspracherecht kann also nicht gut sein. Dabei ist genau das der ursprüngliche Sinn des Genres.

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Dokumentationen waren nie dazu gedacht, offizielle Selbstporträts zu sein, genauso wenig wie Musikkritiken vom Management einer Band abgesegnet werden müssen. Sie sind keine erweiterten Pressemitteilungen, keine autorisierten Lebensläufe mit Bewegtbild. Ihr Wert liegt gerade in der Distanz, im unabhängigen Blick, im Zweifel. Eine Dokumentation darf sich irren, scheitern, widersprechen. Sie muss niemandem gefallen, außer vielleicht der Wahrheit, so unerquicklich diese auch sein mag.

Dass auch eine Band wie die Red Hot Chili Peppers diese Trennlinie offenbar nicht mehr kennt ist keine Überraschung. Denn über Jahre hinweg hat sich das Bedeutungsfeld des Wortes Dokumentation verschoben. Schuld daran ist vor allem Netflix, Amazon und die Abhängigkeit von Klicks in der Streamingwelt.

Heute gilt es vielerorts als selbstverständlich, dass Stars ihre eigenen Geschichten erzählen. Oder genauer: erzählen lassen. Mit Kamerateams, die Zugang bekommen, solange sie wissen, wo die Grenzen verlaufen. Mit Produktionsfirmen, die Verträge unterschreiben, in denen geregelt ist, was gezeigt werden darf und was nicht. Mit Plattformen wie Netflix, die diese Filme als intime Einblicke verkaufen, als Nähe, als Wahrheit.

Die Stars werden in der Regel dafür bezahlt oder an den Einnahmen beteiligt und die Streamingplattform kann sich darauf verlassen, dass der Star die “Dokumentation” über seine eigenen Social Media Kanäle zum garantierten Hit machen. Mehr win-win geht nicht. Die Wahrheit bleibt in solchen gescripteten Hochglanz-Produktionen natürlich komplett auf der Strecke.

Die Liste dieser pseudodokumentarischen Marketing-Produkte ist lang. Filme über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, über den Tennisspieler Novak Djokovic, die Kaulitz-Brüder, Robbie Williams oder Taylor Swift folgen alle demselben Muster. Sie erzeugen den Eindruck von Offenheit, von Verletzlichkeit, von ungeschminkter Ehrlichkeit. Tatsächlich aber erfährt man ausschließlich das, was die Protagonisten bereit sind zu erzählen und was sich gut vermarkten lässt. Natürlich bleibt auch reichtlich Raum für eine Produktplatzierung durch Sponsoren, was den finanziellen Gewinn noch weiter erhöht. Kritische Nachfragen bleiben dabei aus, strukturelle Zusammenhänge werden bestenfalls angedeutet, Widersprüche geglättet.

Es sind Marketingprodukte, die sich der Sprache des Dokumentarfilms bedienen. Früher waren es Musikvideos, heute sind es abendfüllende Streamingformate. Der Unterschied liegt weniger im Inhalt als im Anspruch.

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Wie verkommen das Genre inzwischen ist, zeigt das Machwerk „Melania“ über die Frau von Donald Trump, das ebenfalls als Dokumentation gelabelt wird, ist nichts anderes als ein politisches PR-Produkt. Trump-Unterstützer Jeff Bezos zahlte für Amazon Berichten zufolge 40 Millionen Dollar, um die Rechte an dem Film zu sichern, mehr als je zuvor für einen Dokumentarfilm dieser Art und steckte zusätzlich weitere 35 Millionen Dollar in Marketing und Promotion, so dass die Gesamtsumme auf rund 75 Millionen Dollar anwächst. Damit liegt das Budget in einer völlig anderen Liga als die üblichen Budgets dieses Genres

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Dank des riesigen PR-Getöses berichten nun Medien in aller Welt über dieses Welt über das Filmchen und übertösen jede investigative Recherche wie die Epstein Files, obwohl ihre gesellschaftliche Relevanz ungleich größer wäre. Sowohl Melania als auch Donald Trump tauchen in diesen Files über systematischen Kindesmissbrauch mehrfach auf und es wird derzeit alles unternommen, um davon abzulenken. Und das mit großem Erfolg. Kaum eine investigative Recherche zeigt derzeit, in welche kriminellen Machenschaften der aktuelle US-Präsident wirklich verstrickt war und ist und stattdessen machen sich alle lustig über den Film über dessen völlig uninteressante Gattin. Genau das war das Ziel.

Die Aufmerksamkeit folgt heute nicht mehr der Bedeutung eines Themas, sondern der Durchschlagskraft seiner Vermarktung. Netflix und vergleichbare Plattformen fungieren dabei als Verstärker, nicht als Korrektiv. Der alte Kir-Royal Spruch “Ich scheiß dich zu mit meinem Geld” ist die altbekannte Masche, die die Broligarchen um Trump derzeit erfolgreich durchziehen. Alles wird gekauft, um jeden Widerspruch und Protest schon im Keim zu ersticken.

Der Film „Melania“ steht exemplarisch für eine neue Normalität und die Aushöhlung eines eigentlich so wichtigen Formats. Dokumentation ist hier kein journalistisches Genre mehr, sondern ein ästhetischer Rahmen für politische und persönliche Eigeninteressen. Dass ein solches Produkt dennoch als Dokumentation rezipiert wird, zeigt, wie erfolgreich die Umdeutung dieses Begriffs durch Netflix und Amazon bereits ist.

Umso wichtiger ist es, sich daran zu erinnern, dass das Genre Dokumentation nicht zwangsläufig so aussehen muss. Dass es einmal anders gemeint war und immer noch anders praktiziert werden kann. Filme wie Andreas Veiels „Riefenstahl“ oder Malik Bendjellouls „Searching for Sugar Man“ sind nicht deshalb relevant, weil ihre Protagonisten Zugang gewährten, Archive öffneten oder Interviews freigaben. Ihre Bedeutung liegt genau im Gegenteil: darin, dass sie sich nicht mit dem begnügten, was ihnen angeboten wurde und eigene Recherchen anstellten, um sich ihrem Gegenstand zu nähern.

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Veiels Film über Leni Riefenstahl ist das Ergebnis jahrelanger Recherche, akribischer Archivarbeit und eines beharrlichen Widerstands gegen die Selbstmythologisierung seiner Protagonistin. Riefenstahl hatte ihr Leben lang an ihrer eigenen Legende gearbeitet, an der Erzählung der naiven “unpolitischen” Künstlerin, die von den Verbrechen des Nationalsozialismus nichts gewusst habe. Veiel übernimmt diese Erzählung nicht, er konfrontiert sie. Er stellt Aussagen nebeneinander, legt Widersprüche offen, lässt Leerstellen stehen. Der Film entsteht nicht aus Nähe, sondern aus Reibung. Genau darin liegt seine Erkenntniskraft.

Auch „Searching for Sugar Man“ folgt keinem vorgegebenen Narrativ. Der Film beginnt mit einer Frage, nicht mit einer Botschaft. Wer war der Musiker Rodriguez, warum verschwand er, und weshalb wurde er ausgerechnet in Südafrika zur Legende. Bendjelloul wusste beim Dreh nicht, wohin diese Suche führen würde. Der Film ist das Protokoll eines Erkenntnisprozesses, kein Abspielen einer vorbereiteten Geschichte. Seine emotionale Wirkung ergibt sich nicht aus kalkulierter Intimität, sondern aus der Offenheit des Ausgangs.

Diese Filme setzen ein fundamentales Verständnis voraus: Dokumentationen sind kein Gefäß für Selbstbilder, sondern ein Werkzeug zur Überprüfung von Erzählungen, sie lassen uns die Welt mit neuen Augen sehen. Sie entstehen aus Unsicherheit, nicht aus Gewissheit. Aus der Bereitschaft, sich überraschen zu lassen und im Zweifel auch zu scheitern.

Genau dieses Prinzip steht im krassen Gegensatz zu den heutigen Star- und Plattformproduktionen, in denen alles von Anfang an feststeht. Der dramaturgische Bogen, die Konflikte, die Auflösung. Nichts wird gesucht, alles wird bestätigt. Die Kamera dient nicht der Erkenntnis, sondern nur noch der Illustration. Sie zeigt, was ohnehin erzählt werden soll.

Dass solche Filme heute dennoch als Dokumentationen gelten ist ein kulturelles Problem. Denn wenn Dokumentation nur noch bedeutet, jemandem lange genug zuzusehen, während er oder sie die eigene Geschichte erzählt, verliert das Genre seinen eigentlichen Sinn.

Es gibt heute noch viele Gegenbeispiele die zeigen, dass es auch unter heutigen Bedingungen möglich ist, anders zu arbeiten, auch wenn die Budgets für solche Filme viel geringer sind. Gute Dokumentationen sind nicht nostalgisch, nicht museal, sondern unbequem. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten. Vielleicht sind sie deshalb viel seltener geworden. Und vielleicht genau deshalb unverzichtbar.

In diesem Licht betrachtet, bekommt das Statement der Red Hot Chili Peppers eine zweite Ebene. Es ist nicht nur eine Klarstellung, sondern ein Zeitdokument. Es zeigt, wie sehr sich die Erwartungshaltung verschoben hat. Wie selbstverständlich selbst erfahrene Künstler inzwischen davon ausgehen, dass Dokumentationen Teil der eigenen Erzählhoheit sind. Ohne den Film gesehen zu haben: dass die Band zwar nach ihren Erinnerungen an ihren Gitarristen befragt wurden, aber keine Kontrolle über den Film haben, ist eigentlich gar kein Nachteil, sondern ein Qualitätsmerkmal.

Zehn herausragende Dokumentationen

Diese Auswahl versammelt Filme, die das Genre ernst nehmen. Sie eint, dass sie nicht von ihren Protagonisten kontrolliert wurden, sondern aus Recherche, Haltung und oft jahrelanger Arbeit entstanden sind.

1. „Shoah“ (Claude Lanzmann)
Auch wenn der Film älter ist, bleibt seine Wirkung bis in die Gegenwart maßgeblich. Lanzmanns kompromisslose Methode, Geschichte ausschließlich über Zeugenschaft zu rekonstruieren, markiert bis heute den ethischen Referenzpunkt des Genres.

2. „Bowling for Columbine“ (Michael Moore, 2002)
Polemisch, zugespitzt und wirkungsvoll. Moore zeigt, dass ein Dokumentarfilm Partei ergreifen kann, ohne zur PR zu verkommen, solange die eigene Perspektive transparent offengelegt wird.

3. „The Fog of War“ (Errol Morris, 2003)
Ein Lehrstück in kontrollierter Nähe. Morris gibt seinem Protagonisten Raum, entzieht ihm aber konsequent die Deutungshoheit. Der Film vertraut auf Analyse statt Emotion.

4. „Grizzly Man“ (Werner Herzog, 2005)
Herzog nutzt das Material eines Besessenen, um dessen Weltbild zu sezieren. Keine Romantisierung, keine Heldenreise, sondern eine präzise Studie über Projektion und Selbsttäuschung.

5. „Searching for Sugar Man“ (Malik Bendjelloul, 2012)
Eine klassische Recherchegeschichte, die offen beginnt und sich erst im Prozess formt. Der Film steht exemplarisch für eine dokumentarische Neugier, die nicht von vorgefertigten Narrativen ausgeht.

6. „Citizenfour“ (Laura Poitras, 2014)
Dokumentation in Echtzeit. Poitras ist dabei, als Geschichte entsteht, und verzichtet auf jede nachträgliche Glättung. Ein seltenes Beispiel für radikale Unmittelbarkeit und Unabhängigkeit.

7. „O.J.: Made in America“ (Ezra Edelman, 2016)
Der Film nutzt einen prominenten Kriminalfall, um die gesellschaftlichen und medialen Strukturen dahinter offenzulegen.

8. „Leaving Neverland“ (Dan Reed, 2019)
Eine umstrittene und kompromisslose Arbeit, die die Perspektive der Opfer von Michael Jackson ins Zentrum rückt: erwachsene Männer, die unabhängig voneinander über jahrelangen sexuellen Missbrauch berichten. Unabhängig produziert, ohne Einfluss des Jackson-Estate, und mit hohem persönlichem Risiko für den Filmemacher. Gerade dadurch ein Gegenmodell zu heutigen Star-Dokumentationen, in denen alle unangenehmen Nachfragen verboten sind.

9. „Riefenstahl“ (Andreas Veiel, 2023)
Veiels Film ist das Ergebnis jahrelanger Recherche und beharrlicher Dekonstruktion. Er zeigt, wie effektiv Dokumentationen sein können, wenn sie Geduld, Distanz und historische Verantwortung verbinden.

10. „All the Beauty and the Bloodshed“ (Laura Poitras, 2022)
Ein Film, der Kunst, Biografie und politische Analyse zusammenführt. Poitras erzählt nicht über Macht, sondern legt ihre Mechanismen offen, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

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