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Die KI frisst ihre Kinder: Wie Universitäten die Zukunft ihrer Absolventen zerstören

Während Studierende an Musikhochschulen noch Harmonielehre pauken und sich auf ein Leben als Komponist, Produzentin oder Performer vorbereiten, programmieren ein paar Gebäude weiter Informatiker mit Unterstützung der gleichen Hochschulen die Systeme, die sie bald ersetzen sollen. Offenbar stört sich derzeit kaum jemand an dieser Doppelmoral.

Öffentliche Forschung als Wegbereiter für Musik ohne Musiker

Wer die aktuellen Förderlinien von BMBF, DFG oder EU-Programmen wie Horizon Europe durchforstet, stößt auf eine Vielzahl von Projekten, die maschinelles Komponieren, algorithmisches Arrangieren oder KI-gestützte Musikproduktion erforschen. Offiziell geht es nur um „Assistenzsysteme“ für Künstlerinnen oder „neue kreative Werkzeuge“. In Wirklichkeit geht es längst um industrielle Automatisierung musikalischer Prozesse, um Musiker obsolet zu machen.

Beispiel: Das Projekt MusiCo der Hochschule für Musik Karlsruhe entwickelt Modelle für „computational creativity“, also Systeme, die Musik auf Basis statistischer Muster erzeugen. An der TU Berlin wird mit Deep Learning experimentiert, um emotionale Zustände in Musik zu erkennen und um sie algorithmisch nachzubilden.

Auch die UdK Berlin oder die Musikhochschule Detmold forschen aktiv an KI-Systemen, die harmonische, rhythmische und stilistische Strukturen „erlernen“ und selbstständig neue Werke generieren können.

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Wer fördert solche Projekte? Neben klassischen Wissenschaftsfonds zunehmend auch die Tech-Industrie, oft indirekt über Kooperationen mit Amazon Web Services, Google Research oder Meta AI. Die Musik wird zur Spielwiese der Plattformökonomie, gefördert von den Institutionen, die einst zum Schutz der Künste gegründet wurden.

Selbst in Schulen gibt es inzwischen reihenweise Workshops, wie man mit Hilfe von KI, geklauten Vorlagen und ein paar Prompts neue Tracks bauen kann ohne die eigentlichen Urheber zu entlohnen. Und das ist ein Skandal.

Die neue Funktion der Universität: Ausbildungsstätte für ihre eigenen Totengräber

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Früher bildeten Hochschulen Musiker aus. Heute bauen sie die Systeme, die Musik automatisieren. In diesem Widerspruch steckt kein tragischer Fehler, sondern ein Systemversagen. Denn dieselben Einrichtungen, die kulturelle Bildung ermöglichen sollen, werden zur Infrastruktur für ihre technologische Aushöhlung.

An der Berklee School of Music in Boston etwa gibt es mittlerweile eigene KI-Abteilungen, die an der Generierung von Musik arbeiten. Gleichzeitig gehen jedes Jahr hunderte junge Musiker:innen dort ab, mit Abschlüssen in Komposition, Producing oder Filmmusik, alles Bereiche, die zunehmend durch generative KI ersetzt werden.

Was wird diesen Absolvent:innen in fünf Jahren noch bleiben, wenn das Soundlogo, der Trailer-Score oder der Spotify-Algorithmus-Track von einem neuronalen Netzwerk erzeugt wird, das von einem ihrer ehemaligen Kommilitonen gebaut wurde? Ein System, das mit ihren eigenen Kompositionen trainiert wurde, ohne Einwilligung, ohne Vergütung, ohne Namensnennung?

Die bittere Pointe: Die Universitäten feiern das als „Innovation“. Aber wer bestimmt eigentlich, für wen?

Musik als Datenmüll: Die Verwertung des kulturellen Archivs

Dass KI-Systeme Musik erzeugen können, ist technisch faszinierend. Aber was sie erzeugen, basiert auf Millionen bestehender Werke, meist ungefragt eingespeist, zerteilt, verwertet. Von Miles Davis bis Max Richter, von Björk bis Berio – was im Netz verfügbar ist, landet im Datentrog der Konzerne und Forschungsprojekte und wird zum “Trainingsmaterial” reduziert. Kommerzielle KI-Systeme wie Aiva, Soundraw oder Amper Music behaupten, „eigene“ Musik zu erzeugen. In Wahrheit sind ihre Outputs ein Mosaik aus fremden Ideen. Ideen, die ursprünglich von Musikern stammen, in deren Ausbildung viel Geld, Zeit und Herzblut geflossen ist.

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Anders als in der medizinischen Forschung gibt es hier keine Ethikkommission, keine Zustimmungspflicht, keine Prüfung. Die Daten sind da, also werden sie genutzt. Das Urheberrecht ist außer Kraft gesetzt und moralische Verantwortung scheint hier niemand zu kennen.

Die Institutionen, die sich in anderen Bereichen stolz auf ihre hohen ethischen Standards berufen, handeln hier wie Industriezulieferer: Sie liefern die Technologie, das Training, die Köpfe und überlassen die Verantwortung den Plattformen, die die Ergebnisse der Forschung dann auf die Menschheit loslassen, um im Rennen um die Dominanz auf dem KI-Markt die Nase vorn zu haben.

Wenn der kreative Mensch nur noch stört

Die Mär vom „kollaborativen Werkzeug“ hält sich hartnäckig. KI werde den Musiker nicht ersetzen, sondern inspirieren. Es sei lediglich ein Werkzeug oder ein Instrument wie jedes andere. In der Realität erleben wir längst das Gegenteil: Wer einen Game-Soundtrack, einen YouTube-Jingle oder eine Ambient-Schleife für die Meditation braucht, wird heute kaum noch einen echten Musiker beauftragen. Die KI produziert auf Knopfdruck, billig und ohne Ego. Damit gehen die letzten lukrativen Jobs für Musiker endgültig verloren, das Berufsbild verschwindet und wird zum teuren Hobby.

In dieser neuen Welt wird der Mensch nicht mehr als kreativer Motor gebraucht, sondern nur noch als Kurator, der auswählt, was von der Maschine kommt. Oder als Vorlagengeber, dessen Werk in Trainingsdaten zerlegt wird. Die romantische Idee des Musikers als Ausdruck einer individuellen Perspektive hat in diesem System keinen Platz mehr.

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Was bleibt, ist ein industriell erzeugter Klangstrom, ein Nachhall der Musik der Menschheit, der sich perfekt in die Aufmerksamkeitsökonomie einfügt. Musik als Serviceleistung. Sound als Oberfläche.

Wo bleibt der kulturpolitische Aufschrei?

Dass dieser Wandel von Hochschulen mitgestaltet und unter dem Deckmantel der Forschung gefördert wird, ist keine Randnotiz, es ist der Kern des Problems. Denn diese Institutionen stehen nicht nur für Bildung, sondern auch für gesellschaftliche Verantwortung. Wenn sie sich kritiklos in den Dienst einer Industrie stellen, die kulturelle Ausdrucksformen durch maschinelle Massenproduktion ersetzt, versagen sie in ihrer Grundfunktion.

Wo bleiben die Fachbereiche für Ethik, Kulturwissenschaft, Urheberrecht? Wo ist die kulturpolitische Diskussion über die Rolle von Musik in der Gesellschaft? Wer spricht für die Komponist:innen, Produzent:innen, Songwriter:innen, deren Werke zur namenlosen Trainingsmasse geworden sind?

Zeit für ein Moratorium

Es braucht dringend eine grundsätzliche Debatte über den Einsatz generativer KI in der Musik. Nicht im Sinne von Innovationsverboten, sondern als Frage gesellschaftlicher Prioritäten. Wer soll künftig Musik machen: Menschen oder Maschinen? Und wer entscheidet darüber? Warum sollten Menschen überhaupt noch Instrumente lernen und sich die Grundlagen der Musik aneignen, wenn ihr Werk am Ende nur als kostenloses Trainingsmaterial für die KI-Systeme ausgeschlachtet wird?

Forderungen an die Politik und Forschungseinrichtungen wären klar:

  • Keine KI-Trainings auf urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Zustimmung der Rechteinhaber. Ein Opt-out ist nicht gut genug.
  • Einführung ethischer Prüfverfahren für Forschungsprojekte im Bereich generativer Musik.
  • Klare Transparenzpflichten für KI-Systeme, die Musik erzeugen.
  • Fördergelder nur für Projekte, die die Interessen von Künstler:innen mitdenken und nicht gegen sie arbeiten.

Bis dahin wäre ein Moratorium angebracht: ein Stopp der öffentlichen Förderung generativer Musiksysteme, bis rechtliche und ethische Fragen geklärt sind. Alles andere wäre grob fahrlässig und ein Verrat an dem, was Musik im Kern ausmacht: menschliche Emotion und Erfahrung.

Die Zukunft der Musik ist kein technisches Problem

Wenn eine Gesellschaft zulässt, dass Musik als kulturelle Praxis durch automatisierte Produktion ersetzt wird, wenn Musik nur noch in unendlichen Variationen kopiert wird, ist das nicht das Versagen eines Algorithmus, sondern einer Kulturpolitik.

Solange Hochschulen, Förderinstitutionen und Politik dieser Frage ausweichen, steuern wir auf eine Zukunft zu, in der Musik nicht mehr geschaffen, sondern erzeugt wird. Und in der Menschen, die Musik aus Leidenschaft machen, sich fragen müssen, warum sie überhaupt noch gebraucht werden.

Die Antwort darauf darf nicht dem Markt überlassen bleiben. Sie ist eine Frage der Haltung. Und die fehlt derzeit fast überall.

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