Auf seinem vierten Album setzt der in Berlin lebende Ire auf einen offeneren, bandgeprägten Entstehungsprozess und verbindet persönliche Unsicherheit mit weiten, atmosphärischen Arrangements.
Der irische Songwriter A.S. Fanning, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, bewegt sich musikalisch zwischen introspektivem Folk und den weiteren Klangräumen von Rock, Wave und psychedelischem Pop. Seine Songs kreisen um Vergänglichkeit, die Fragilität unserer Realität und ein latentes Unbehagen gegenüber der Gegenwart. Getragen werden diese Themen von seinem markanten Bariton und einer Band, die dichte, detailreiche Arrangements schafft, ohne dabei die Intimität der Stücke zu überdecken.
Mit seinem letzten Album „Mushroom Cloud“ (2023) erhielt Fanning europaweit Aufmerksamkeit und baute seinen Ruf als eigenständige Stimme im zeitgenössischen Songwriting weiter aus. Medien würdigten insbesondere die Konsequenz seines Schreibens; vereinzelt wurden Vergleiche mit Leonard Cohen oder Scott Walker gezogen. Auszeichnungen wie „Songwriter of the Year“ und „Best Lyrics of 2023“ beim Far Out Magazine folgten, ebenso Auftritte bei Formaten wie WDR Rockpalast und Deutschlandfunk „On Stage“. Umfangreiche Tourneen durch Deutschland, Großbritannien, Skandinavien, die Niederlande und Frankreich schlossen sich an.
Für sein viertes Soloalbum „Take Me Back To Nowhere“ arbeitete Fanning erneut mit Produzent und Tontechniker Robbie Moore zusammen. Aufgenommen wurde im Studio Idea Farm, einem abgelegenen, umgebauten Bauernhof in Südschweden, an dessen Entwicklung Fanning selbst beteiligt war. Die Umgebung spiegelt sich hörbar in der Musik wider: Viele Stücke wirken offen, reduziert und zugleich räumlich.
Der Entstehungsprozess unterschied sich deutlich von früheren Produktionen. Statt weitgehend allein zu schreiben, entwickelte Fanning die neuen Songs gemeinsam mit seiner internationalen Liveband — Bernardo Sousa (E-Gitarre), Dave Adams (Orgel, Synthesizer, Klavier), Fred Sunesen (Schlagzeug) und Felix Buchner (Bass). Die Klangkünstlerin Marta Zapparoli steuerte zusätzliche Texturen bei.
Aus zunächst live eingespielten Tracks entstanden durch Dekonstruktion und Neuordnung Stücke, in denen Ambient-Elemente und karge Klangflächen stärker in den Vordergrund treten. Ein gebrochenes Handgelenk zwang Fanning außerdem dazu, seine gewohnte Arbeit an der Gitarre zu unterbrechen und stattdessen mit Keyboard und Drum-Machine zu komponieren. Dieser Perspektivwechsel beeinflusste auch die Dramaturgie der Songs: Dynamik und Text gewannen an Gewicht gegenüber klassischen Songstrukturen. Erst in den Proben mit der Band verdichteten sich die Fragmente zu vielschichtigen Kompositionen.
Im Vergleich zum deutlich düsteren Vorgänger lassen sich auf „Take Me Back To Nowhere“ stellenweise vorsichtige Gegenbewegungen erkennen. Wenn es in „Stay Alive“ heißt „You make me wanna stay alive“, wirkt das im Kontext von Fannings Werk beinahe wie ein Moment der Zuversicht — auch wenn der Song zuvor noch mit Gedanken an Selbstaufgabe spielt. „Now I’m in Love“ nähert sich dem Thema Liebe mit Irritation statt Pathos: Die Erkenntnis wird mit dem Gefühl verglichen, an eine Autobatterie angeschlossen zu sein. „Today Is For Forgetting“ beginnt beinahe leichtfüßig und entwickelt sich dann zu einem assoziativen Strom aus psychologischen, gesellschaftlichen und schließlich kosmischen Beobachtungen, der immer wieder zum Individuum zurückkehrt und dessen Versuch, handlungsfähig zu bleiben.
„Spinning at the centre of this cosmic cluster bomb, trying, trying, trying to seem normal.“
Doch selbst dort, wo die Musik heller erscheint, bleibt eine gewisse Skepsis. In einem Begleittext fragt Fanning, welchen Sinn es habe, gegen eine überwältigende Welle aus Chaos und Sinnverlust anzukämpfen — eine Welt, in der die Konstruktion von Realität brüchig wird und die Idee von Zivilisation zunehmend wie eine Fassade wirkt.
Inspiriert von Science-Fiction-Autor:innen wie Ursula K. Le Guin und J.G. Ballard untersucht Fanning die Wechselwirkung zwischen Vorstellungskraft und Wirklichkeit. Angst verwandelt die Welt in surreale, isolierende Landschaften; globale Konflikte, der permanente Lärm sozialer Medien und das Gefühl eines erodierenden moralischen Zentrums verstärken diese Wahrnehmung. Krieg erscheint als Spektakel, reduziert auf verwertbaren Inhalt — ein weiterer Baustein jener Unwirklichkeit, die sich durch das Album zieht.
So lässt sich „Take Me Back To Nowhere“ als poetische Auseinandersetzung mit Auflösung und Orientierungslosigkeit lesen. Bereits der Titel deutet diese Ambivalenz an: Er steht gleichermaßen für Flucht und Sehnsucht — für die Rückkehr an einen Ort jenseits der Vernunft, vielleicht sogar jenseits der Existenz.
Live:
16.03. Langenberg – KGB
28.03. Altenkirchen – KulturSalon Stadthalle
21.04. Hamburg – Knust
23.04. Dresden – Ostpol
25.04. Oberhausen – Gdanska
26.04. Offenbach – Hafen 2
29.04. A-Wien – Rhiz
30.04. A-Salzburg – Rockhouse
02.05. Berlin – Neue Zukunft