In der Musikindustrie markiert das Jahr 2026 einen Wendepunkt im Umgang mit generativer künstlicher Intelligenz.
Während die schiere Masse an täglich hochgeladenen Titeln die Kapazitäten menschlicher Kuration längst zu sprengen droht, geht der Streaming-Anbieter Qobuz nun einen proaktiven Schritt: Die Plattform hat eine umfassende „KI-Charta“ veröffentlicht, die klare rote Linien für den Einsatz von Algorithmen und die Integration von KI-Inhalten zieht.
Die Entscheidung von Qobuz fällt in eine Zeit, in der die Musikbranche mit einem beispiellosen Strukturwandel kämpft. Ein aktueller Bericht der CISAC (Internationaler Dachverband der Verwertungsgesellschaften) prognostiziert, dass KI-generierte Inhalte bis 2028 rund 20 % des gesamten Streaming-Marktes einnehmen könnten. Dies entspricht einem potenziellen Verteilungsvolumen von etwa 4 Milliarden Euro, das nicht mehr an Musiker, sondern an Software-Entwickler oder Inhaber von KI-Lizenzen fließen würde. Sprich: eine weitere Umverteilung von unten nach oben.
Zusätzlich verschärft das sogenannte „Streaming-Fraud“-Problem die Lage: Laut Studien von Branchenteilnehmern wie Deezer weisen bis zu 70 % der Streams von KI-Musik unrechtmäßige Muster auf, oft generiert durch Bot-Netzwerke, um Tantiemen aus dem gemeinsamen Pool abzugreifen.
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Der Qobuz-Ansatz: Kuration als Schutzwall
Qobuz positioniert sich in dieser Gemengelage als technologischer Skeptiker im Sinne der Kunst. Die Leitlinien des Unternehmens stützen sich auf eine strikte Trennung zwischen technischer Unterstützung und kreativer Entscheidung:
- Ausschluss von KI aus der Kern-Kuration: Während viele Mitbewerber verstärkt auf algorithmische „Black Boxes“ setzen, bleibt die redaktionelle Auswahl bei Qobuz (Playlists, Alben der Woche) zu 100 % in menschlicher Hand. Damit soll verhindert werden, dass KI-generierte Musik organisch in die Sichtbarkeit rutscht.
- Identifizierung und Filterung: Das Unternehmen investiert in Erkennungs-Tools, um KI-generierte Titel bereits beim Upload oder in den Katalogen zu identifizieren. Ziel ist es, diese Inhalte von der Monetarisierung auszuschließen oder gegebenenfalls ganz zu entfernen.
- Datenschutz der Urheber: Ein zentraler Punkt der Charta ist das Verbot des „Scrapings“. Qobuz untersagt die Nutzung der auf der Plattform gehosteten Musikdaten zum Training externer KI-Modelle.
Dieser Schritt folgt einer Strategie, die Qobuz bereits 2025 einschlug, als das Unternehmen als erster großer Dienst seine effektiven Auszahlungsraten pro Stream offenlegte.
Georges Fornay, stellvertretender CEO, betont, dass die Leitlinien kein starres Regelwerk seien, sondern ein „lebendiges Dokument“, das alle sechs Monate an die rasante technologische Entwicklung angepasst werden soll.
Für die Branche bedeutet dieser Vorstoß einen interessanten Präzedenzfall. Während Plattformen wie Spotify oder YouTube KI-Musik zulassen, wählt Qobuz den Weg der Restriktion. Es ist eine Wette darauf, dass ein signifikanter Teil der Hörer den Wert „menschlicher Leidenschaft“ gegenüber der kalten Effizienz von Algorithmen bevorzugt.