Zum Inhalt springen

Thom Yorke rechnet hart mit der Musikindustrie ab: „Ohne uns seid ihr nichts“

Thom Yorke hat den britischen Ivor Novello Award als höchste Auszeichnung für britische Songwriter erhalten. Statt einer Dankesrede hielt er eine Grundsatzrede darüber, wie sich die Musikindustrie selbst abschafft. Hier könnt ihr die gesamte Rede im Wortlaut lesen.

„Für mich hat jede Generation das gottgegebene Recht, gegen das Business zu rebellieren und ihm die Nase zu zeigen“, sagte Yorke gleich zu Beginn. Junge Künstler sollten „allen beweisen, dass sie falsch liegen“ und „stilistisch dahin gehen, wo zum Teufel sie wollen, weil sie es können“. Genau das sei „das pochende Herz der Musik“ und der Grund, warum sie relevant bleibe.

Yorke machte jedoch klar, dass diese Freiheit nicht im luftleeren Raum existiere. Künstler seien oft verletzlich, „meistens irgendwie kaputt, so wie ich“, und bräuchten Unterstützung. „Die Branche muss die Weisheit haben, ihnen zu erlauben, sich zu entwickeln, Risiken mit ihnen einzugehen und Fehler mit ihnen zu machen. Das ist buchstäblich ihr Job.“

Er erinnerte an die eigenen Anfänge mit Radiohead. „Ich bin mir sehr bewusst, wie viel Glück wir in unseren prägenden Jahren hatten“, sagte Yorke. Manager und selbst das damalige Label EMI hätten der Band Freiraum gelassen. „Sie haben hart für uns gekämpft.“ Diese Geduld habe sich ausgezahlt. Andere Künstler hätten dieses Glück nicht gehabt. „Wir haben viele gesehen, die zerkaut und ausgespuckt wurden.“ Es brauche Zeit, bis Musiker ihre Stimme fänden. „Genau dann passiert der gute Scheiß.“

Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden

Seine eigentliche Kritik richtete sich gegen die aktuelle Struktur des Geschäfts. „Ich mache mir Sorgen, dass unser Business so risikoscheu geworden ist und nicht mehr helfen kann. Das ergibt für mich null Sinn.“ Statt langfristiger Künstlerentwicklung dominierten Börsenmeldungen und milliardenschwere Katalogdeals.

„Ich habe die Financial Times aufgeschlagen und über die aufregenden Aktienkurse von Streamingdiensten gelesen und über den irrsinnigen Wert, der den Katalogen einiger weniger Künstler der vorherigen Generation beigemessen wird.“

Yorke kommentierte trocken: „Schön für sie. Aber das ist nicht, wie sie es nennen möchten, eine Investition in den Musiksektor. Ganz im Gegenteil. Ich frage mich, warum niemand diesen irrsinnigen Geldfluss nach oben hinterfragt, der für neue Künstler nichts als Staub übrig lässt.“

___STEADY_PAYWALL___

Seine Warnung fiel deutlich aus: „Die Köpfe unserer Industrie fragen nicht, was mit der nächsten Generation passiert, wenn der musikalische Brunnen austrocknet. Und das wird er, Leute.“ Statt echter Förderung gebe es symbolische Gesten. „Es wird viel Lippenbekenntnis zu neuer Musik abgelegt, mit selbstgefälligen Playlists und der Idee einer vitalen Musikszene.“ Gleichzeitig verweigere man „auch nur den Anschein einer nachhaltigen Einnahmequelle für die Mehrheit der Musiker“.

Yorke sprach zudem von „üblen, verdammt intransparenten Abrechnungstricks“, die an Praktiken der neunziger Jahre erinnerten. Die Kritik richtete sich ausdrücklich auch an Streamingplattformen.

Die Top Tracks der Woche von TONSPION – jetzt auch auf Qobuz hören. Jeden Freitag neu!

Zum Schluss wandte er sich direkt an die Führungsetagen. „Ich möchte die Spitze der Industrie und die Streamingdienste kurz daran erinnern: Kommt endlich in die Gänge. Wo wollt ihr eure nächsten saftigen Backkataloge herbekommen, ey?“ Wer heute nur alte Rechte hortete und junge Künstler kleinhalte, säge am eigenen Ast.

„Diese Industrie wird sterben, und die Arschlöcher mit ihr, wenn ihr alles tut, um die nächste Generation von Künstlern und ihre Fans abzuwerten. Denkt daran: Ohne uns seid ihr nichts.“

Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden

Radiohead hatten bereits in den 2000er-Jahren mit alternativen Veröffentlichungsmodellen experimentiert und damit eine Debatte über Wertschöpfung und künstlerische Autonomie angestoßen. Seit vielen Jahren arbeiten sie weitgehend unabhängig, weil sie es sich als etablierte Künstler erlauben können. Junge Künstler ohne entsprechende Ressourcen können das nicht. Die Rede bei den Ivors knüpft daran an und verschärft den Ton angesichts einer Branche, die sich zunehmend über Katalogwerte und Aktienkurse und nicht mehr über herausragende Musik definiert.

Auch wenn die Musikindustrie schon immer ein Haifischbecken war, bei der häufig Musiker um ihre Rechte und ihr Geld betrogen wurden, ging es früher immerhin noch um Musik. Heute geht es nur noch um Algorithmen und wie man das meiste Geld aus den Fans herausquetschen kann. Und das geht mit bekanntem Backkatalog viel einfacher als damit, neue Künstler aufzubauen.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte Yorke an diesem Abend auch musikalisch. Er stellte einen neuen Song mit dem Titel „Space Walk“ vor. Zudem hatte Ed O’Brien zuletzt angedeutet, dass Yorke an einem weiteren Soloalbum arbeite. Konkrete Details stehen noch aus.

Außerdem äußerte er sich in einem Interview mit BBC zur Radiohead-Tour im vergangenen Jahr. Diese sei extrem harte Arbeit gewesen, habe sich aber ausbezahlt, insbesondere die beiden ersten Abende in Madrid und Berlin werden ihm immer im Gedächtnis bleiben, da sie sich eins mit den Fans gefühlt haben. Er habe sich das vorher nicht vorstellen können.

Die komplette Rede von Thom Yorke bei den Ivor Novello Awards am 22.5.2026

„Für mich hat jede Generation das gottgegebene Recht, gegen das Business zu rebellieren und ihm die Nase zu zeigen und allen zu beweisen, dass sie falsch liegen.

Mit Musik und Songs die Geschichte dessen zu erzählen, was es wirklich bedeutet, auf ihre eigene Weise erwachsen zu werden, und stilistisch dahin zu gehen, wo zum Teufel sie wollen, weil sie es können. Das ist das pochende Herz der Musik. So bleibt Musik relevant.

Damit das passieren kann, muss die Industrie selbst Vertrauen in diese Leute haben. Sie sind verletzlich, meistens irgendwie kaputt, so wie ich, und sie brauchen Unterstützung. Und die Branche muss die Weisheit haben, ihnen zu erlauben, sich zu entwickeln, Risiken mit ihnen einzugehen und Fehler mit ihnen zu machen. Das ist buchstäblich ihr Job, meiner Meinung nach.

Ich bin mir sehr bewusst, und meine Band auch, wie viel Glück wir in unseren prägenden Jahren hatten, dank unserer Manager Brian, Chris, Bryce und Jules. Sie haben wirklich hart für uns gekämpft. Und seltsamerweise hat uns auch unsere alte Plattenfirma, das alte EMI, damals viel Spielraum gelassen. Am Ende hat sich das ausgezahlt.

Wir haben viele andere Künstler gesehen, die nicht so viel Glück hatten, die zerkaut und ausgespuckt wurden. Es braucht Zeit für Künstler, ihre Stimme zu finden, ihr Handwerk zu lernen und herauszufinden, wohin es sie führen wird. Genau dann passiert der gute Scheiß.

Ich mache mir Sorgen, dass unser Business risikoscheu wird und nicht mehr helfen kann. Für mich ergibt das überhaupt keinen Sinn. Das Gleiche gilt für viele kreative Branchen: Kunst, Film, Theater. Sie alle durchlaufen diese seltsame, kurzsichtige Selbstzerstörung.

Stattdessen habe ich die Financial Times aufgeschlagen und über die aufregenden Aktienkurse von Streamingdiensten gelesen und über den irrsinnigen Wert, der den Katalogen einiger weniger Künstler der vorherigen Generation beigemessen wird, und über den finanziellen Rausch, der sie umgibt.

Das ist schön für sie. Aber das ist nicht, wie sie es nennen möchten, eine Investition in den Musiksektor. Ganz im Gegenteil.

Ich frage mich, ob diese Leute wertschätzen, was in die Entstehung dieser Platten geflossen ist. Vielleicht solltet ihr ein paar Biografien über die Musik lesen, die ihr kauft und hortet, und etwas über die Geschichte dahinter.

Ich frage mich, warum niemand diesen irrsinnigen Geldfluss nach oben hinterfragt, der für neue Künstler nichts als Staub übrig lässt.

Die Köpfe unserer Industrie fragen nicht, was mit der nächsten Generation passiert, wenn der musikalische Brunnen austrocknet. Und das wird er, Leute.

Stattdessen wird viel Lippenbekenntnis zu neuer Musik abgelegt, mit selbstgefälligen Playlists und der Idee einer vitalen Musikszene. Aber es gibt eine Weigerung, auch nur den Anschein einer nachhaltigen Einnahmequelle für die Mehrheit der Musiker zu bieten.

Und sie setzen diese üblen, verdammt intransparenten Abrechnungstricks fort, die große Labels schon in den Neunzigern angewendet haben.

Also möchte ich der Spitze der Industrie und den Streamingdiensten eine kurze Erinnerung geben: Kommt endlich in die Gänge. Wo wollt ihr eure nächsten saftigen Backkataloge herbekommen, hä?

Diese Industrie wird sterben, und die Arschlöcher mit ihr, wenn ihr alles tut, um die nächste Generation von Künstlern und ihre Fans abzuwerten. Denkt daran: Ohne uns seid ihr nichts.“