Universal Music kooperiert mit ElevenLabs, Warner, BMG und Believe stellen Suno lizenzierte Musik für neue KI-Modelle zur Verfügung. Damit beginnt eine neue Phase im Umgang der Musikindustrie mit generativer KI in der die Kreativen das Nachsehen haben werden.
Die Universal Music Group hat am 10. September 2026 eine mehrjährige Partnerschaft mit dem KI-Unternehmen ElevenLabs angekündigt. Gemeinsam wollen die Unternehmen eine Plattform entwickeln, auf der Fans mit lizenzierter Musik teilnehmender Künstler Remixe, Mashups und neue Versionen bestehender Tracks erzeugen können. Auch personalisierte Anwendungen mit Stimmen sind vorgesehen.
Fast gleichzeitig hat Suno seine neue Modellgeneration v6 vorgestellt. Die Modelle wurden in Zusammenarbeit mit Warner Music Group, BMG und Believe entwickelt und sollen unter anderem mit legal lizenzierter Musik trainiert worden sein. Warner hatte Suno zuvor noch wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzungen verklagt, die Klage nach einer Lizenzvereinbarung jedoch zurückgezogen.
Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden
Damit verschiebt sich der Konflikt. Aus Gegnern werden zunehmend Geschäftspartner, aus urheberrechtlich geschützter Musik wird Trainingsmaterial für Systeme, die selbst Musik produzieren können.
Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden
Nach vielen Klagen und Urheberrechtsstreitigkeiten werden nun also eifrig Geschäftsmodelle entwickelt, die sowohl für Rechteinhaber als auch für Tech-Unternehmen lukrativ sein könnten. Für Musiker, Songwriter und Produzenten sieht die Rechnung weniger eindeutig aus, sofern man nicht bereits ganz oben an der Spitze der Nahrungskette steht.
Labels verdienen künftig auch an KI-Musik
Die Lizenzierung von Trainingsmaterial ist zunächst ein Fortschritt gegenüber Modellen, die ohne Zustimmung mit geschützten Werken trainiert werden. Sie löst jedoch nur einen Teil des Problems. Entscheidend ist am Ende, wer an diesen neuen Geschäftsmodellen verdient und welche Folgen sie für Menschen haben, die bislang mit Komposition, Produktion und Musikaufnahmen ihren Lebensunterhalt verdienen.
___STEADY_PAYWALL___
Bei Suno sollen Labels und Verlage an den Einnahmen beteiligt werden und diese anschließend an Künstler und Songwriter verteilen. Konkrete Vergütungssätze wurden bislang nicht veröffentlicht. Auch bei der Kooperation von Universal und ElevenLabs ist von einer fairen Beteiligung der Künstler die Rede, Details dazu gibt es bisher nicht.
Für große Rechteinhaber eröffnet sich damit eine neue Möglichkeit, ihre Kataloge zu verwerten. Musik kann gestreamt, synchronisiert, neu veröffentlicht und künftig zusätzlich als Grundlage generativer Produkte lizenziert werden. Ein bestehender Katalog erhält dadurch einen weiteren wirtschaftlichen Wert. Wer über viele Rechte verfügt, kann auch viel verdienen. Für einzelne Künstler bleiben meistens nur Peanuts, genauso wie beim Streaming ihrer Musik. Im KI-Geschäft dürfte sich diese Entwicklung noch einmal verstärken, da am Ende nicht einmal mehr die Musik der Künstler verbreitet wird, sondern nur „ähnliche“ Musik, die damit generiert wurde von einem Algorithmus, der keine Beteiligung am Kuchen verlangt.
Für Musiker und Produzenten entsteht also ein ganz neues ein Problem: Ihre Arbeit dient als Grundlage für Systeme, die Teile dieser Arbeit automatisieren sollen. Sobald ein Werk erfolgreich ist, kann eine KI damit trainiert werden und endlose Variationen davon erstellen.
KI ersetzt zunehmend Menschen
Suno v6 kann nach Angaben des Unternehmens einzelne Bereiche eines Songs per Spracheingabe verändern, Mashups erstellen und Musik auf Grundlage von Audio, Bildern oder Videos generieren. ElevenLabs bietet mit ElevenMusic bereits ein System an, das Gesang, Instrumentierung, Stil und Arrangement generieren und bearbeiten kann.
Die wirtschaftliche Bedeutung solcher Technologien liegt weniger beim Fan, der zum Spaß einen Song generiert. Relevant werden sie, wo bislang Musik in Auftrag gegeben und bezahlt wurde: Werbung, Social Media, Podcasts, Unternehmensfilme, Games, Produktionsmusik oder einfache Soundtracks. Also genau die Felder, in denen Musiker im Spotify-Zeitalter noch ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.
Wir sind Helden leben auch noch 20 Jahre nach Erscheinen von ihrer Single „Ein Wort“, weil sie fast täglich im Fernsehen als Eröffnungsmelodie der Talkshow Markus Lanz zu hören ist und dadurch Tantiemen generiert. Mit solchen Einnahmequellen wird es für Musiker künftig vorbei sein, denn warum sollte man noch Künstler bezahlen, wenn man „ähnliche“ Intros auch einfach generieren lassen kann und am Ende viel weniger dafür zahlen muss?
Kreativität ist dann nicht mehr gefordert. Für viele Auftraggeber genügt ein brauchbares Ergebnis, wenn es schnell und günstig verfügbar ist. Damit geraten vor allem jene Bereiche unter Druck, mit denen Musiker und Produzenten abseits von Konzerten, Plattenverkäufen und Streaming Geld verdienen.
Genau deshalb greift die häufig verwendete Beschreibung von „KI als Werkzeug“ viel zu kurz. Software, die einem Produzenten bei der Bearbeitung einer Aufnahme hilft, erfüllt eine andere Funktion als eine Plattform, die Komposition, Arrangement, Instrumentierung und Gesang selbst erzeugt. KI ist ein Service, der erst mit der Kreativität von Menschen möglich wird, die dann aber von den Einnahmen ausgeschlossen oder mit Krümeln abgespeist werden.
Alle Anzeigen dauerhaft ausblenden
Sunos gefährliches Verständnis vom kreativen Schaffen
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine ältere Aussage von Suno-Mitgründer und CEO Mikey Shulman. Im Podcast The Twenty Minute VC sagte er:
„It’s not really enjoyable to make music now. It takes a lot of time. It takes a lot of practice.“
Shulman erklärte weiter, man müsse ein Instrument oder eine Produktionssoftware beherrschen und die Mehrheit der Menschen habe an einem großen Teil dieser Arbeit keinen Spaß.
Darin zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis darüber, was Musikmachen und kreatives Arbeiten für viele Menschen bedeutet: Leben. Das Erlernen eines Instruments, die Beschäftigung mit Produktion, gemeinsames Spielen und die Entwicklung eines eigenen Sounds sind keine technischen Hindernisse auf dem Weg zur fertigen Audiodatei. Sie sind wesentliche Teile musikalischer Arbeit und Kultur.
Natürlich können generative Systeme Menschen einen leichteren Zugang zum Musikmachen ermöglichen. Daraus folgt jedoch nicht, dass das Erlernen musikalischer Fähigkeiten überflüssig wird oder werden sollte. Mit KI entsteht kein Lebensgefühl, sondern nur noch ein billiger Abklatsch davon.
Universal macht den Katalog zum KI-Produkt
Bei Universal und ElevenLabs kommt eine weitere Ebene hinzu. Fans sollen künftig bestehende Musik verändern und neue Versionen daraus erzeugen können. Universal spricht von teilnehmenden Künstlern und neuen Einnahmemöglichkeiten. Wie die Zustimmung organisiert wird, welche Rechte eingeräumt werden und wie hoch die Beteiligung ausfällt, ist bislang offen.
Gerade bei Stimmen und klar erkennbaren künstlerischen Merkmalen werden diese Fragen wichtig. Ein Künstler kann theoretisch an Tausenden generierten Versionen beteiligt sein, ohne an einer einzigen davon selbst mitgewirkt oder sie jemals gehört zu haben.
Für Labels ist dieses Modell attraktiv, weil vorhandene Rechte neue Produkte ermöglichen. Chartsmusik funktioniert schon lange so, dass immer mehr vom bereits erfolgreichen auf den Markt geworfen wird. Diese Masche lässt sich jetzt fast vollständig automatisieren. Der Katalog wird damit zunehmend zur Grundlage weitgehend automatisierter Musikproduktion. Das kann zusätzliche Einnahmen schaffen, ohne dass dafür neue Aufnahmen entstehen müssen.
Die Interessen von Rechteinhabern und Musikschaffenden sind an diesem Punkt nicht zwangsläufig identisch. Ein Konzern kann wirtschaftlich von einem KI-Lizenzmodell profitieren, auch wenn gleichzeitig weniger Produzenten, Studiomusiker oder Komponisten beschäftigt werden.
Wer bestimmt die Regeln für KI-Musik?
Die entscheidenden Fragen sind mit den neuen Lizenzvereinbarungen noch lange nicht beantwortet. Musiker und Songwriter müssen wissen, ob und wie ihre Werke für KI-Systeme verwendet werden, wie Einnahmen verteilt werden und welche Rechte sie an Stimme, Aufnahmen und musikalischer Identität behalten. Dazu gehört auch die Möglichkeit, einer Nutzung nicht zuzustimmen oder eine Zustimmung später zurückzunehmen.
Vor allem die Vergütung muss transparent geregelt sein. Wenn Labels ihre Kataloge für generative Systeme lizenzieren und damit zusätzliche Einnahmen erzielen, muss nachvollziehbar sein, welcher Anteil bei den Künstlern und Songwritern ankommt. Allgemeine Versprechen einer „fairen Beteiligung“ reichen dafür nicht aus. Gleiches gilt für KI-generierte Remixe und Versionen bestehender Songs, bei denen Künstler zwar als Grundlage dienen, an der eigentlichen Produktion aber nicht mehr beteiligt sind.
Für Musiker und Produzenten ist wichtig, dass die Bedingungen dieser Entwicklung nicht allein von Labels und Technologieunternehmen ausgehandelt werden und sie ihre kreative Arbeit vor der Auswertung in KI-Modellen schützen. Schließlich basiert der wirtschaftliche Wert dieser Systeme auf Musik, die Menschen geschrieben, gespielt und produziert haben. Wenn aus dieser Arbeit neue KI-Produkte entstehen, müssen diejenigen, die sie geschaffen haben, über Nutzung, Vergütung und Rechte mitentscheiden können.
Besonders Produzenten von elektronischer Musik oder Rap müssen sich warm anziehen, da sich diese Art von Musik vergleichsweise einfach mit KI reproduzieren und nachahmen lässt, während handgemachter Indie-Rock, der vor allem von der Energie beim Live-Konzert lebt kaum in Gefahr sein dürfte, durch KI-ersetzt zu werden.
Die aktuelle Entwicklung gibt allerdings Anlass zur Sorge, denn für Technologieunternehmen ist Musik ein Markt, der sich mit generativen Systemen skalieren lässt, für große Rechteinhaber eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten zur Verwertung ihrer Kataloge. Dieses Modell funktioniert nur über Masse.
Musiker und Produzenten tragen dagegen das Risiko, dass ausgerechnet ihre Arbeit zur Grundlage von Technologien wird, die künftig einen wichtigen Teil ihrer verbliebenen Einnahmequellen übernehmen sollen. Es wird sich deshalb immer mehr die Frage stellen: Wer kontrolliert die Systeme, wer bekommt das Geld und wovon sollen Musiker und Kreative künftig eigentlich leben?

