Am 5. Juni 2026 erscheint „Spatial, No Problem.“, das letzte offizielle Album der Dub-Legende Lee „Scratch“ Perry, der 2021 im Alter von 85 Jahren verstarb.
Entstanden ist das Album in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Elektronik-Duo Mouse on Mars und basiert auf Studiosessions, die im Dezember 2019 in Berlin stattfanden.
Es sind Aufnahmen aus einer Phase, in der Perry längst zur Ikone geworden war und dennoch weiterhin suchte, ausprobierte, reagierte.
Elektronische Flächen, verschobene Beats und kleine klangliche Irritationen bilden das Fundament des Albums. Perrys Stimme bewegt sich darin frei, mal als Gesang, mal als Sprechgesang, mal als Kommentar. Worte werden wiederholt, gedehnt, zerlegt. Sprache ist hier weniger Botschaft denn als Instrument.
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Reggae bildet dabei keinen stilistischen Rahmen mehr, sondern eher einen Hintergrund, der mitschwingt. Wer Perrys frühe Produktionen kennt, etwa seine Arbeit mit Bob Marley & The Wailers, Max Romeo oder seine eigenen Veröffentlichungen als The Upsetter, erkennt Spuren. Doch es geht nicht um Rückblick oder Zitat. Perry hatte im hohen Alter kein Interesse an einem weiteren klassischen Reggae-Album. Ihn reizte die Begegnung mit einer völlig anderen Klangwelt.
Jan Werner und Andi Toma von Mouse on Mars näherten sich dieser experimentellen Zusammenarbeit ohne festes Konzept. Es gab keine klaren Vorgaben, keinen vorab definierten Sound. Stattdessen begann man mit Skizzen, Loops und offenen Strukturen. Perry reagierte unmittelbar darauf. Er schrieb Schlagworte an Wände, improvisierte Texte, verschob Bedeutungen. Musik entstand im Austausch, nicht nach Plan. Diese Offenheit prägt das gesamte Album.
Das Video zu „To The Rescue“, umgesetzt von Studio Sparks, greift diesen Ansatz auf. Zu sehen sind Studiobilder, digitale Animationen und fragmentierte 3D-Elemente. Perry erscheint als Künstler, der sich nie vollständig festlegen ließ. War er Produzent, Performer, Provokateur oder spiritueller Suchender? Wahrscheinlich alles zugleich.
Biografie Lee „Scratch“ Perry
Lee „Scratch“ Perry wurde 1936 als Rainford Hugh Perry in Kendal auf Jamaika geboren. Aufgewachsen auf dem Land, zog er Ende der 1950er Jahre nach Kingston. Dort entwickelte sich gerade eine eigenständige jamaikanische Musikszene. Perry fand Arbeit im Umfeld von Coxsone Dodd und dem Studio One, wo er als Assistent, Talentscout und Produzent tätig war. In dieser Zeit half er mit, den Sound von Ska und Rocksteady maßgeblich zu formen.
In den 1960er Jahren machte er sich selbstständig und gründete das Label Upsetter. Mit Produktionen wie „People Funny Boy“ setzte er auf einen raueren, bassbetonten Klang. Perry experimentierte mit Studioeffekten, nutzte Hall- und Echoeinheiten intensiv und verstand die Technik nicht als bloßes Hilfsmittel, sondern als kreatives Werkzeug. Schon hier zeigte sich sein Gespür für Atmosphäre und Rhythmus.
Seinen nachhaltigsten Einfluss hatte er in den 1970er Jahren mit dem Black Ark Studio in Kingston. Trotz einfacher Ausstattung entstanden dort einige der prägendsten Reggae- und Dub-Aufnahmen der Musikgeschichte.
Perry produzierte Künstler wie Max Romeo, Junior Murvin und The Heptones. Auch Bob Marley & The Wailers arbeiteten in einer frühen Phase mit ihm zusammen. Gleichzeitig entwickelte Perry den Dub weiter, indem er Gesangsspuren ausblendete, Instrumente isolierte und mit Echo- und Halleffekten neue Klangräume schuf. Das legte die Grundlagen für den Remix. Das Studio wurde bei ihm zum Instrument.
1979 brannte das Black Ark Studio nieder, ein massiver Einschnitt in Perrys Leben. In den folgenden Jahrzehnten lebte und arbeitete er unter anderem in den USA und Europa. Er kooperierte mit Musikern aus unterschiedlichen Genres, darunter Punk, Post-Punk und Elektronik. Seine Stimme und seine Produktionsweise blieben gefragt, gerade weil sie sich nie vollständig einordnen ließen.
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Lee „Scratch“ Perry starb 2021 im Alter von 85 Jahren. Sein Einfluss reicht weit über Reggae hinaus. Dub-Techniken prägen bis heute Hip-Hop, elektronische Musik und experimentellen Pop. „Spatial, No Problem.“ dokumentiert eine seiner letzten künstlerischen Begegnungen und zeigt einen Musiker, der auch im hohen Alter bereit war, sich auf neue Konstellationen einzulassen.
