Zum Inhalt springen

The Third Web: Warum NFTs nicht die Rettung der Kunst sind

Einige Künstler bieten ihre Musik in neuen Formaten, so genannten NFTs („Non-Fungible Token“) an. Im Grunde handelt es sich dabei um eine kopiergeschützte Datei, die so was wie ein Original darstellen soll. Dabei handelt es sich aber um ein großes Missverständnis.

Der Rapper Cro versteigerte eine digitale Version, also ein Bild seiner Maske als NFT für einen fünfstelligen Betrag. Kool Savas den Text seines Songs „King of Rap“ und die Kings of Leon einige Konzertickets auf Lebenszeit. Ein scheinbar neues Geschäftsmodell erobert die Musikwelt, schließlich verdienen Künstler heute kaum noch etwas mit den Streamingplattformen.

Bitcoin (Quelle: Unsplash)
Krypto-Währungen versprechen viel, vor allem für Abzocker (Bild: Unsplash)

Eine gute Idee könnte man also meinen und so hoffen vor allem Künstler, die nicht von ihrer Kunst leben können auf neue Einnahmequellen.

Doch was hat man als Käufer eigentlich davon, ein Bildchen zu besitzen, außer es weiterzuverkaufen? Was passiert, wenn auf den Konzerten von Kings Of Leon der Türsteher ungläubig auf dein NFT schaut und dir den Vogel zeigt? Oder sich die Band auflöst? Und was kannst du mit einem „exklusiven“ Text von Kool Savas machen, der überall umsonst im Internet zu finden ist?

Als angeblicher Vorteil von NFT wird genannt, dass sie dezentral seien. Niemand reguliert sie. Das heißt im Umkehrschluss: man kann seine Rechte nirgendwo einklagen. Und wenn man Rechte nicht einklagen kann, hat man keine.

Wenn man nicht auf das Konzert von Kings Of Leon kommt mit seinem Lebenszeit-Ticket, weil die Türsteher es nicht kennen, weil man es verloren hat, weil es gestohlen oder gelöscht wurde, dann hat man Pech. Und viel Geld verloren. Niemand interessiert sich dafür. Währenddessen sitzt Cro in seiner Luxusvilla auf Bali und denkt sich aus, wie er weiter seine Fans verarschen kann.

Wenn selbst das Geschäftsmodell von Apple iTunes, Musik für 1 Euro pro Song kopiergeschützt zu verkaufen, nicht funktioniert hat, warum sollte eigentlich irgendwer eigentlich Kunst von unbekannten Künstlern als NFT kaufen? NFT sind vor allem für reiche Künstler ein Weg, noch reicher zu werden, weil sie von jedem Weiterverkauf profitieren. Weil es immer einen Dummen gibt, der auf diese Art der künstlichen Verknappung reinfällt.

Cro (Pressefoto 2021 Sol Vianini)
Cro (Pressefoto 2021 Sol Vianini)

Der Informatiker Jürgen Geuter hat in einem aufsehenerregenden Essay die grundlegenden Probleme der gehypten Krypto-Technologie dargelegt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das so genannte Web 3.0, das auf der Blockchain-Technologie basiert, nicht nur umwelttechnisch eine Katastrophe, sondern auch schlicht und ergreifend Abzocke ist.

Er vergleicht sie mit den Versuchen der Musikindustrie Anfang der 00er Jahre, CDs mit einem Kopierschutz zu versehen, um das Kopieren von Musik künstlich einzuschränken.

Hier einige seiner Thesen aus dem englischsprachigen Artikel (übersetzt von uns, eine deutsche Version des Textes ist in Arbeit und wird dann hier verlinkt):

1. Blockchains funktionieren weder, noch skalieren sie

Ethereum – die Blockchain, die viele dieser Dinge verwenden – hat die Rechenleistung einer alten Apple II-Box. Es verbraucht dafür so viel Strom wie Belgien, aber von der reinen Rechnenleistung ist das Ding langsam. Bitcoin kann derzeit etwa 4,5 Transaktionen pro Sekunde durchführen. FÜR ALLE BITCOIN. Ethereum ist etwas besser und kann etwa 30 Transaktionen pro Sekunde durchführen. Das ist lächerlich niedrig. Das VISA-Netzwerk zur Verarbeitung von Kreditkarten kann bis zu 24.000 Transaktionen pro Sekunde durchführen (derzeit sind es etwa 1.740 pro Sekunde). Probieren Sie diese Nummer für die Größe an. Derzeit könnten die vorhandenen Web3-Dienste funktionieren, da sie hauptsächlich von ein paar Nerds verwendet werden. Sie sind architektonisch nicht geeignet, um irgendetwas in großem Maßstab auszuführen.

--

2. Web3 ist eine Sicherheitskatastrophe

Kreditkartendaten werden gestohlen und wenn es deine sind, ist das sehr ärgerlich. Du musst eine neue Karte besorgen und dem Kreditkartenunternehmen mitteilen, dass eine Reihe von Transaktionen betrügerisch waren. Es ist mühsam. Aber es gibt Systeme, die dich schützen. Sie sind nicht perfekt, aber sie funktionieren ziemlich gut. Bei einem Blockchain-basierten System fallen all diese Schutzmaßnahmen weg, da es kein „Rückgängigmachen“ gibt. Wenn du deine Lebensersparnisse in Bitcoin hast und jemand Zugang zu deinem Schlüssel erhält, sind diese Münzen weg und du hast Pech gehabt. Wenn wir alle doch wissen, wie einfach es ist, versehentlich auf eine falsche Taste zu klicken, Menschen auf eine Phishing-Mail klicken zu lassen oder einfach Menschen ihren Computer mit einem Virus infizieren zu lassen, ist dieses Risiko völlig unvertretbar. Wenn ein Virus alle deine Vermögenswerte auslöschen kann, ohne dass dieser Fehler korrigiert werden kann, ist das keine Welt, die wir uns jemals wünschen sollten. Wir brauchen mehr Schutz für die Menschen, nicht weniger.

--

3. Web3 ist nur ein Versuch, einen Anwendungsfall für Blockchain zu finden

Wenn sich ein Ingenieur mit einem Problem befasst, sammelt er zunächst die Anforderungen. Was muss das zu bauende System leisten und wie und für wen etc. Danach schauen sie sich bestehende Technologien an und sehen, welche Technologie und Plattform am besten zu den Anforderungen passt. Bei Web3 ist es umgekehrt. Die Leute hatten eine Blockchain, die wirklich nur nützlich war, um unregulierten Wertpapierhandel zu betreiben, ohne Steuern zu zahlen („Bitcoin“), aber sie wollten sie wirklich irgendwo verwenden. Da sich in den 10 Jahren, in denen Blockchains existieren, kein wirklicher Anwendungsfall herauskristallisiert hat, haben sie einfach ein Problem grundlegend umgestaltet (das Web ist zentralisiert und von einigen wenigen Unternehmen kontrolliert), Blockchain hineingezwängt und behauptet, eine Lösung zu haben. Sie tun es nicht und dies ist ein weiteres Jahr, in dem Blockchain abgesehen von Steuerbetrug keinen Anwendungsfall gefunden hat.

--

4. NFTs tun nicht das, was sie vorgeben zu tun

Web3 möchte sogar reale Dinge oder zumindest Dinge außerhalb der Blockchain durch Token, insbesondere NFTs, modellieren. Aber nur weil ich eine NFT erstellt habe, die behauptet, ich besitze die Mona Lisa (was natürlich jemand getan hat), besitze ich nicht die Mona Lisa. Unabhängig davon, was der Token sagt. NFTs haben auch keinerlei Rechtsanspruch auf irgendetwas. Du besitzt vielleicht ein NFT, das einen Link hat, der auf ein beschissenes Kunstwerk eines Affen verweist, aber du hast nicht automatisch eine Lizenz für das Kunstwerk oder bist der tatsächliche Eigentümer. Du besitzt eine Sache, die besagt, dass du die andere Sache besitzt. Hast aber keine Autorität darüber. Es gibt eine ganze Reihe konkurrierender Blockchains und NFT-Verträge, die alle das Eigentum an demselben Objekt beanspruchen. Ich kann einfach eine NFT erstellen, die auf „deinen“ Affen verweist, und behaupten, sie zu besitzen. Warum sollte dein NFT besser sein als meines? NFTs sind nicht einmal für irgendetwas notwendig. Wenn es wirklich darum ginge, digitale Kunst zu verkaufen, machen wir das schon seit Ewigkeiten. Fortnite und alle Arten von Free-to-Play-Spielen verkaufen Ihnen kosmetische Gegenstände für echtes Geld. Seit einiger Zeit verkaufen die Leute auch digitale Kunst. Das Spiel Diablo hatte sogar einen Marktplatz, um die digitalen Objekte an andere Spieler zu verkaufen. NFTs sind keine Revolution, sondern eine umständliche Neuimplementierung von Dingen, die wir bereits getan haben oder bereits besser und effizienter tun.

--

5. Es basiert auf Pyramidensystemen

Kryptowährungen sind ein sogenanntes Nullsummenspiel: Das bedeutet alles Geld, das jemand bekommt muss jemand anderes zahlen. Die Gewinne einer Person sind die Verluste einer anderen Person. Das ist einer der Gründe, warum NFTs so groß gemacht wurden: Sie brachte mehr Leute in das System, die Ether (das Ethereum-Token) kaufen mussten, um es zu erstellen oder kaufen ihre NFTs. Und das ist Geld, das die Leute, die die Coins halten, zur Auszahlung verwenden können. Wenn man das weiß, ist es moralisch falsch, mehr Menschen in diese Räume zu bringen. Der Zweck eines Systems ist das, was es tut, und wenn das, was ein System tut, Betrug und Schneeballsysteme sind dann ist das sein Zweck. Und das ist ein System, das sterben muss.“

Geuter nennt noch viele weitere Argumente, die gegen die Blockchain Technologie sprechen und kommt zu folgendem Schluss:

„Das Versprechen des Internets, den Menschen Zugang zu Informationen und möglicherweise die Macht der Veröffentlichung zu geben, soll durch ein unreguliertes Casino ersetzt werden, das unseren Planeten buchstäblich niederbrennt. Ich kann mir kaum etwas Verwerflicheres vorstellen.

Niemand ist eine Insel, aber die Web3-Crowd will uns weiter individualisieren, alles über unser digitales und idealerweise analoges Selbst in Spekulationsobjekte verwandeln, wobei der halbautomatische Handel mit Vermögenswerten die Politik ersetzt. Die vollständige Finanzialisierung und Entpolitisierung des Lebens ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgen.“

Der Artikel kann hier in voller Länge und englischer Sprache gelesen werden.

Wer es ganz genau wissen will, kann sich hier in zwei Stunden nochmal alle Argumente anhören, die gegen NFT sprechen.

Line Goes Up – The Problem With NFTs

Tonspion Redaktion

Tonspion berichtet seit 1999 über Musik und Digitales und war damit der erste Musikblog weltweit.

Schlagwörter: