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NFT und Blockchain: Was steckt hinter dem Hype? (Interview)

Überall begegnen uns neue Begriffe wie NFT und Blockchain mit einem großen Zukunftsversprechen. Doch was ist dran am Hype? Wir lassen es uns vom Informatiker und Krypto-Kritiker Jürgen Geuter erklären.

Jürgen Geuter (alias tante), Jahrgang 1979, hat an der Universität Oldenburg Informatik und Philosophie studiert. Er ist als unabhängiger Wissenschaftler tätig und beschäftigt sich vor allem mit dem Digitalen als Lebensrealität, der Ethik des Digitalen und Algorithmenregulierung. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen (z.B. Spiegel, Zeit, Süddeutsche) zu Fragen rund um die sozialen und politischen Fragen von Technologie. 2018 war er Experte für den Ausschuss „Digtale Agenda“ des deutschen Bundestags zum Thema Blockchain. 

Jürgen Geuter (Informatiker und Philosoph)

In seinem lesenswerten Artikel „The Third Web“ dekonstruiert er den Hype um Kryptowährung und NFT. Ein Grund für uns, ihn als Experten zu befragen, was NFT eigentlich für die Musik- und Kunstwelt bedeuten.

Tonspion: Alle sprechen von NFT und Blockchain-Technologie. Aber was ist das eigentlich?

Geuter: Ein „NFT“ ist ein sogenanntes „Token“ auf einer Blockchain. Blockchains sind verteilte Datenbanken. Bei diesen gibt es keinen zentralen Server, der entscheidet, was reinkommt, sondern es wird durch recht aufwändige Prozesse im Netzwerk ausgehandelt, welche Einträge gemacht werden können. Außerdem kann man in Blockchains nichts löschen, sondern immer nur neue Daten hinzufügen.

Blockchains verwalten vor allem Transaktionen (also quasi Überweisungen) von einem Konto zu einem anderen. Die „Token“ auf Blockchains sind Objekte, die hin und her geschickt werden. Man kann sich das in etwa vorstellen wie einen 5 Euro Schein: Das ist auch ein Token, welches man hin und her geben kann.

NFTs sind besondere Token, weil sie einzigartig sind. Man nennt das in diesem Kontext „non-fungible“. Um im vorigen Beispiel zu bleiben: 5 Euro Scheine sind „fungible“, denn sie sind alle identisch. Es ist egal, welchen 5er ich habe. Würde nun ein Künstler auf dem 5 Euro Schein unterschreiben, würde er „non-fungible“, weil nun dieser individuelle Schein eine besondere Qualität oder Bedeutung hat.

NFTs sind etwas besonders, weil Objekte im Digitalen typischerweise beliebig kopierbar sind: Jede Kopie eines MP3 Files ist identisch zu allen anderen und diese Kopierfunktion ist, wie das Internet auf unterster Technischer Ebene funktioniert. Daher haben NFTs als eine Variante digitale Objekte „einzigartig“ zu machen, eine gewisse Sonderrolle und Faszination für einige.

Wie erstelle ich ein NFT von meiner Musik oder einem Kunstwerk?

Man nennt den Vorgang der Erzeugung eines NFTs „minten“. Beim Erzeugen eines NFTs wird grob gesagt einfach ein neues Token auf einer Blockchain erzeugt. Dieses wird quasi „aus dem Nichts“ auf das Konto der Person überwiesen, die das NFT „minted“. Das NFT selbst enthält dabei üblicherweise das Objekt auf das es sich bezieht (ein Bild, ein Sound File, etc) nicht selbst, weil Blockchains keine größeren Datenmengen sinnvoll verarbeiten können, sondern einen Link auf das Objekt.

Beim „minten“ eines NFTs entsteht also vereinfacht gesagt ein Datensatz, in der ein Link auf ein Objekt steht. Wie ein Post-It auf das jemand „die Mona Lisa“ geschrieben hat.

Wichtig ist dabei zu verstehen, dass jemand anderes ohne Probleme ein weiteres NFT mit demselben Link erzeugen kann. Das NFT selbst ist einzigartig, aber die Inhalte müssen das keineswegs sein!

Beim Erzeugen eines NFTs entstehen – je nach verwendeter Blockchain – Gebühren, die manchmal auch „Gas“ genannt werden. Diese Gebühren haben mit der verteilten Natur der Blockchain, in der das ganze gespeichert werden soll, zu tun.

Viele Künstler und Musiker hoffen auf NFT, um endlich den verdienten Lohn für ihre Arbeit zu bekommen, den z.B. die Streamingdienste nicht zahlen. Öffnen NFT nicht völlig neue Geschäftsmodelle für Musik, Kunst oder Games?

Nunja. Das Verkaufen von einzigartigen Objekten ist nun auch für Künstler*innen nichts neues: Es ist auch heute üblich, dass z.B. nummerierte Drucke oder unterschriebene LPs oder Masterbänder von Aufnahmen verkauft werden. Neu ist natürlich, dass man das ganz nun völlig digital machen kann. Einzigartigkeit entstand bisher meist aus einem physischen Objekt, das man natürlich über das Internet verkaufen konnte. Nun wird es möglich, die digitalen Technologien, die das Erzeugen von beliebig vielen Objekten quasi ohne Kosten erlauben, zu nutzen, um solche Objekte dann zu verkaufen. Hier ist es eher eine Übersetzung von etablierten Mechanismen ins digitale.

Einige Künstler*innen experimentieren damit, NFTs nicht als ein Objekt wie einen Song oder ein Bild zu sehen, sondern quasi als VIP Ticket für einen besonderen FanClub, der z.B. nur immer maximal 100 Mitglieder hat. Aber auch solche Konstruktionen haben diverse Künstlerinnen schon vor NFTs ausprobiert und teils mit Erfolg eingesetzt.

Was hier wirklich neu ist, ist nicht unbedingt, was die Künstler*innen machen, sondern die Fans: NFTs sind üblicherweise beliebig weiterhandelbar. D.h. ich kaufe jetzt ein NFT, um Superfan zu sein für 100 Euro in der Hoffnung, es in 3 Monaten für mehr Geld an andere Fans verkaufen zu können. In gewisser Weise sehen wir hier eine Dynamik, die wir beim Weiterverkauf von gesuchten Konzerttickets schon kennen fortgesetzt in diverse weitere Aspekte der sozialen Beziehung von Künstlerinnen und Fans.

Man kann NFTs also durchaus nutzen, um neue Wege der Monetarisierung oft sehr günstig herstellbarer digitaler Objekte zu schaffen. Ich würde das aber nicht wirklich als neue Geschäftsmodelle beschreiben, eher als Update alter Praktiken.

Wie verdienen Künstler*innen mit NFTs Geld?

Erst mal gar nicht. Man handelt NFTs nämlich nicht mit Euro oder US Dollar oder Britischen Pfund sondern mit sogenannten Cryptocurrencies. Das sind ebenfalls auf Blockchains verwaltete rein digitale „Währungen“, ein bisschen wie „Gold“ in einem Videospiel. Cryptocurrencies wie Bitcoin oder Ether zeichnen sich durch eine extreme Volatilität aus, ihr Kurs verändert sich innerhalb von Stunden oft radikal (nach oben oder unten). Daher ist der Begriff der Währung auch falsch. Cryptocurrencies sind unregulierte Wertpapiere.

Um ein NFT zu minten braucht man oft auch die Cryptowährung. Diese kauft man sich auf einem Marktplatz wie Coinbase ein. Dabei fallen natürlich auch Gebühren an. Interessenten kaufen das NFT dann ebenfalls mit Cryptowährung. Diese muss man dann wieder in echtes Geld zurücktauschen (denn mit Bitcoin oder Ether kann man natürlich im Supermarkt nicht einkaufen). Jeder Tausch ist mit Gebühren verbunden und unterliegt immer dem Risiko extremer Schwankungen: Ich habe mein NFT für der Wert von „1000 Euro“ verkauft, aber wenn ich entsprechende Cryptowährung in Euro zurücktauschen will, ist sie zufällig nur noch 700 Euro wert. Vielleicht auch 1200.

Man kann natürlich in dieser Lotterie spielen und hoffen, immer größere Beträge für seine Cryptowährung zu bekommen, aber sobald man von den Einnahmen abhängig ist, und echtes Geld zu einem Zeitpunkt braucht, wird die Spekulation sehr schnell existenzbedrohend: Ein Tweet von Elon Musk kann dazu führen, dass eine Cryptowährung innerhalb von Stunden 30% ihres Werts verliert. Damit sind natürlich seriöse Planungen nicht möglich.

Kimberly Parker hat sich mal angeschaut, wer eigentlich mit NFTs Geld verdient: Dabei stellte sie fest, dass es zwar ein paar sehr wenige extrem hochbewertete Verkäufe gibt, dass aber der absolut überwiegende Teil der Verkäufe von NFTs nicht mal die Kosten, die für das „minten“ angefallen sind wieder einspielen. Und dabei sind die Tauschgebühren in Cryptowährung und zurück noch nicht mal eingerechnet.

Abb. Die meisten NFT werden nur einmal verkauft (gelb). Die meisten NFT sind damit völlig wertlos. (Quelle: Medium)

NFT Verkäufe sind wie Lottospielen: Es gewinnt jede Woche jemand ne Million. Aber hunderttausende gewinnen gar nichts und haben nur Kosten fürs Los. Darauf zu wetten, dass man beim Lotto gewinnt, ist keine sehr nachhaltige Strategie.

Und lohnt es sich für Musikfans exklusive NFT ihrer Lieblingskünstler zu kaufen?

Was bekommt man eigentlich, wenn man ein NFT kauft? Nehmen wir als Beispiel ein Bild. ich habe das NFT zum Bild von der/der Künstler*in selbst. Das heißt ja nicht, dass ich als einziger das Bild sehen kann, alle anderen können das auch im Browser öffnen. Ich kaufe also keinen wirklichen „exklusiven Besitz“, wenn das also mein Plan war, ergibt es keinen Sinn.

Wenn ich spekulieren will und hoffe, das andere Musikfans dasselbe digitale Objekt noch viel lieber wollen als ich, und ich damit Geld verdienen kann, kann das ökonomisch Sinn ergeben, aber ob das den Künstler*innen und der Kunst selbst gerecht wird, ist eine andere Frage.

Die Frage ist immer, was man erreichen will? Geht es um wirklichen Besitz im Sinne von exklusivem Zugang? Geht es darum Künstler*innen zu unterstützen mit Geld? Im ersten Falle lohnen sich NFTs nicht, im zweiten Falle wäre eine Überweisung per PayPal oder eine eine dauerhafte Unterstützung durch Werkzeuge wie Patreon schneller und meist günstiger.

Ich will nicht sagen, dass es sich niemals „lohnen“ kann ein NFT eines Künstlers zu kaufen: Die Bewertung parasozialer Beziehungen und ihres Ausdrucks ist komplex und individuell, jede*r bewerte sie unterschiedlich. Aber aus rein rationalen Gründen sind die meisten NFTs, die wir heute sehen, vollständiger Humbug für die Fans. Sie bekommen quasi nichts.

Wovon hängt der Kurs meiner NFTs ab?

Zufall. Marktmanipulation. Glück. Es gibt hier keine seriöse Möglichkeit die Kurse abzuschätzen oder vorherzusagen, noch weit weniger als am Aktienmarkt.

Konten auf Blockchains sind pseudonym. Daher ist es extrem schwer direkt zu sehen, ob eine Transaktion ein echter Verkauf war, oder ob jemand einfach ein NFT für „viel Geld“ von einem Konto auf ein anderes geschoben hat, um einen hohen Wert vorzutäuschen und damit dann weitere Käufer auszutricksen („Oh, das NFT war erst 100 und ist nun 10000 Euro wert? Das kaufe ich, vielleicht kann ich es danach für 15000 Euro verkaufen“ obwohl sowohl der Kauf für 100 als auch der für 10000 dieselbe Person war). Man nennt sowas „wash trading“ und es ist ein extremer Faktor bei der Bildung der Preise für NFTs auf den großen Plattformen.

Was sieht du sonst noch für Probleme bei der Blockchain-Technologie?

Es gibt viele Kritikpunkte, daher möchte ich hier nur ein paar anreißen:

  1. der Energieverbrauch vieler Blockchains ist grotesk. Ethereum z.B. auf der viele NFTs gemintet werden braucht so viel Strom wie die Niederlande und hat einen CO2 Fußabdruck wie Schweden. Eine Transaktion (z.B. das Minten eines NFTs oder ein Verkauf) verbraucht in etwa so viel Strom wie ein US Haushalt in 8,7 Tagen oder 273.209 VISA Transaktionen. Es gibt andere Blockchains, die weniger verbrauchen als Ethereum, aber aufgrund ihrer verteilten Struktur sind sie im Vergleich zu anderen Datenbanktechnologien immer ineffizient, erzeugen damit sehr viel CO2 und haben andere massiv umweltschädigende Konsequenzen (Erzeugung von Elektroschrott z.B.)
  2. Die Finanzialisierung der Welt wird vorangetrieben. NFTs (und die sie umgebene Szene aus Tech-Firmen) haben zum Ziel, alle Dinge im Leben zu Spekulationsobjekten zu machen. Alles wird in ein Vehikel für Profitmaximierung verwandelt, selbst Dinge wie „Fan sein“ (denn bist du wirklich Fan, wenn du kein Fan NFT hast?).
  3. Der ganze Blockchain-Space ist dominiert von Betrug. Die Seite Web3 is going just great sammelt Betrugsfälle und hat jeden Tag diverse neue Einträge: Es werden Funktionen versprochen, die NFTs überhaupt nicht haben, die Preise werden künstlich aufgepumpt, um dann ahnungslose Käufer*innen über den Tisch zu ziehen. Es ist wichtig zu verstehen, dass auf Blockchains alles ein „Nullsummenspiel“ ist, d.h. alles, was irgendjemand als Gewinn macht, muss jemand anderes als Verlust machen. Es entsteht in den Blockchainsystemen kein Geld, es gibt nur das Geld, welches andere Menschen eingezahlt haben (z.B. weil sie Cryptowährung kaufen mussten, um ein NFT zu kaufen). Einige Wenige sitzen auf großen Mengen dieser Cryptowährungen und brauchen neues echtes Geld im System, um ihre „Profite“ zu realisieren. NFTs sind auch ein Weg Künstler*innen und ihre besonderen Beziehungen zu ihren Fans zu nutzen, um mehr Geld ins System zu spülen, welches dann irgendwelche Tech-Investoren abzapfen.
  4. Die Technologie ist extrem unsicher und es gibt kein „Rückgängig“. Eine Blockchain-Überweisung kann nicht rückabgewickelt werden wie z.B. Buchungen auf Bankkonten oder Kreditkarten. Wenn man auf einen Betrug hereinfällt oder auf einen falschen Link klickt, dann sind alle NFTs, die man hat, und all die Cryptowährung weg. Ich übertreibe hier nicht. Ein Klick auf einen falschen Link kann zu viel sein. Es gibt sogar NFTs, die man ungefragt in den Account überwiesen bekommt, die – sobald man mit ihnen interagiert – den eigenen Account leer räumen. Man kann Menschen wirklich nur abraten, relevante Werte in dieser Infrastruktur und Umgebung zu pflegen. Denn die Dezentralität der zugrunde liegenden Technologie sorgt dafür, dass es keine Hilfe gibt, wenn man Opfer eines Betruges geworden ist.

Das klingt alles so, als hättest du also gar keine Hoffnung, dass es sich lohnt, sich mit dem Thema NFT zu beschäftigen und dass es sich doch in bestimmten Fällen lohnen könnte?

Ich sehe wenig sinnvolles Potenzial in NFTs. Die Gefahren für die Anbietenden wie die Kaufenden sind massiv, die Wertschwankungen machen eine seriöse Planung unmöglich.

Ich will nicht ausschließen, dass jemand einen Sonderfall findet, in dem NFTs ein sinnvolles Werkzeug sind, aber gerade fällt mir nichts ein, was man nicht sicherer, robuster und mit weniger Umweltbelastung durch bestehende Technologien und Infrastrukturen umsetzen kann. Und den Weg gehen ja auch viele Künstler*innen, mit z.B. Patreons oder anderen Formen dauerhafter Unterstützung ihrer größten Fans, mit geschlossenen Chaträumen für diese, die eine gewisse Exklusivität und besonderen Zugang gewähren.

Alles was NFTs erlauben ist, einen nachgelagerten Handel zu ermöglichen und genauso wie Künstler*innen nicht von Ticket-Scalpern profitieren, würden sie auch nicht nennenswert von NFTs profitieren.


Wer sich tiefer mit NFT und den grundlegenden Problemen der Blockchain-Szene beschäftigen möchte, dem empfehlen wir dieses über 2 Stunden lange Video mit allen schmutzigen Details.

Line Goes Up – The Problem With NFTs

Udo Raaf

Udo Raaf gründete Tonspion im Jahr 1999 als ersten MP3 Blog weltweit. Heute betreibt er die Online Marketing Agentur ContentConsultants und berät Unternehmen und Organisationen.