Sieben Jahre mussten wir auf ein neues Buch des US-Autoren und Popkulturkenners Joey Goebel warten und nun bekommen wir mit „Sunset Flip“ einen raffinierten und rasend gut geschriebenen Roman über Fiktion und Wirklichkeit sowie Schein und Sein. Im Mittelpunkt des Ganzen steht der Wrestler Auggie Schnuck.

Joey Goebel: Sunset Flip
Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner
348 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro
Der amerikanische Traum ist 2026 angesichts eines US-Präsidenten, der erschreckend dem selbstherrlichen Bösewicht Biff aus „Zurück in die Zukunft, Teil 2“ ähnelt und der diesen sogar inspirierte, zur Farce geworden. Und so wie sich mit Trump in der Traumwelt Hollywood hier Fiktion und Realität auf skurrile Weise vermischen, so rückt auch Joey Goebel in „Sunset Flip“ nicht nur dem pervertierten „American Dream“ mit falschem Ehrgeiz auf den Leib, sondern auch dem Konzept Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit.
Die Handlung entspricht in etwa dem titelgebenden Wrestling-Begriff “Sunset Flip”, einem Überraschungsangriff, bei dem sich die Kontrahenten erst gegenüber stehen und dann nach einem Sprung über den anderen kaum mehr auf der Matte voneinander zu unterscheiden sind.
Worum geht’s? Multitalent Goebel, der nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch Musiker und Drehbuchautor, erzählt filmreif von dem Wrestler Auggie Schmuck, der in seinem Metier fast alles erreicht hat und privat mit Nadine die Liebe seines Lebens gefunden hat. Doch er will mehr und er will zum Film – und nach und nach wird er immer mehr zu seiner Kunstfigur „The Aug“.
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Ein Trip, der nicht nur die Leserinnen und Leser an den Rand von Fantasie und Realität führt, sondern auch den Protagonisten in seinem Wrestling-Zirkus – eine Welt, die Trump auch gefällt, weil er diese übertriebene Männlichkeit vielleicht für echt hält. Goebel selbst liebt diese Welt seit er neun Jahre alt ist ebenfalls, aber weil sie, wie er in seiner Danksagung schreibt, ihm ermöglicht hat, der Realität zu entfliehen.
Die Geschichte beginnt am 4. Juli 1989 in San Rafael, Kalifornien – in diesem Jahr kam übrigens der Kinofilm „Geboren am 4. Juli“ über den amerikanischen Unabhängigkeitstags heraus, der US-Traumata und US-(Alb-)Träume verhandelt – als Auggie und seine schwangere Frau im Toys’R’Us nach Spielzeug suchen. Zielgerichtet steuert der werdende Papa – der von sich selbst bereits als The Aug spricht – auf die Wrestling-Figuren zu.
Er zieht eine zwölf Zentimeter große Plastik-Variante von sich aus dem Regal, mit perfekten Muskelbergen bepackt, perfekter als seine eigenen – die er, stets besorgt zu scheitern und gleichzeitig seinem Glück misstrauend, mit einer höheren Dosis an Dopingmitteln aufzupolstern versucht und die ihn psychisch belasten. Als Nadine ihn fragt, woraus eigentlich Gedanken bestehen, antwortet er: „Ich schätze, ich kann dir nicht sagen, woraus Gedanken bestehen. Aber ich weiß, woraus meine bestehen. Aus Scheiße. Aus nichts als Scheiße, Nadine“.
Mit trockenem Humor, präzisen Beschreibungen von Alltagsmomenten und Achterbahnfahrten sowie dem immer noch liebevollen Blick für die Außenseiter, die stets seine Bücher bevölkerten, gelingt Goebel ein Roman, den man bis zur letzten Seite verschlingt. Zu sehr will man wissen, wie diese Liebesgeschichte und Leidensgeschichte endet, die in verschiedenen Zeitebenen von den Siebzigerjahren bis ins Jetzt spielt.
Ein Buch, das dort trifft, wo es am meisten schmerzt – in der Liebe und im Leben.
Ein Buch, das einen herumschleudert wie im Wrestling-Ring und wie in diesem Show-Sport die Grenze zwischen Sein und Schein verschwimmen lässt.
Ein Buch, das in Anlehnung an den deutschen Begriff “Catchen” für Wrestling und in Anspielung auf den Musikkenner Goebel absolute “catchy” ist.
Mit seinem neuen Roman „Sunset Flip“ kommt Joey Goebel für fünf Lesungen nach Deutschland:
26. 5. Berlin, Literaturhaus Berlin im Zirkuszelt CABUWAZI
28. 5. Frankfurt, Literaturhaus Frankfurt
31. 5. Hamburg, Centralkomitee
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1. 6. Bonn, Buchhandlung Jost
2. 6. Paderborn, Theater Paderborn
Biografie Joey Goebel
Joey Goebel, 1980 als Adam Joseph Goebel III in Henderson, Kentucky, geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker – ein weltweit gefeiertes Multitalent. Seine Romane „Vincent“, „Freaks“ und „Heartland“ wurden in 14 Sprachen übersetzt. Er was Frontmann, Gitarrist und Songwriter der Punkband The Mullets und musiziert heute unter dem Namen Unsureway.
Joey Goebel hat einen Sohn und lebt in Henderson, wo er englische Literatur unterrichtet. Über seine Werke kann man sich eigentlich nur diesem Zitat anschließen: „Joey Goebel ist einer der besten und lesenswertesten Autoren der Gegenwart. Wie sehr beneide ich alle, die seine Bücher noch nicht kennen und zum ersten Mal lesen dürfen.“ (Benedict Wells)
Bibliografie Joey Goebel
- Freaks
Übersetzt von Hans M. Herzog
Diogenes, Zürich 2006 (The Anomalies, 2003) - Vincent
Übersetzt von Hans M. Herzog und Matthias Jendis
Diogenes, Zürich 2005 (Torture the Artist, 2004) - Heartland
Übersetzt von Hans M. Herzog
Diogenes, Zürich 2009 (Commonwealth, 2008) - Ich gegen Osborne
Übersetzt von Hans M. Herzog
Diogenes, Zürich 2013 (I Against Osborne, im Original noch nicht veröffentlicht) - Irgendwann wird es gut
Übersetzt von Hans M. Herzog
Diogenes, Zürich 2019 (I know It’s Going to Happen For You Someday) - Sunset Flip
Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner
Diogenes, Zürich 2026 (Sunset Flip, im Original noch nicht veröffentlicht)
