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Katharina Franck (Rainbirds): Der Soundtrack meines Lebens (Interview und Playlist)

40 Jahre Rainbirds: Zur Feier ihres sagenhaften Debüts mit dem Superhit “Blueprint” haben wir Sängerin und Songwriterin Katharina Franck nach ihren wichtigsten Einflüssen befragt und eine Playlist daraus gebaut. Hier könnt ihr lesen und hören, was sie geprägt hat.

Der Soundtrack meines Lebens von Katharina Franck (Playlist)

Zum Jubiläum kommen die Rainbirds noch einmal in der erweiterten Originalbesetzung inklusive Rod Gonzalez und Beckmann zusammen auf die Bühne.

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TONSPION: Mit welchem Song verbindest du deine frühe Kindheit und welche Erinnerung hängt daran?

Katharina Franck: Meine Familie ist Ende der 60ziger Jahre nach Portugal ausgewandert. Und als ich (noch) 10 Jahre alt war, stürzte das Militär die faschistische Regierung.  Zuerst kaperten sie das Radio. Zwei Songs waren damals als Signale für die Einheiten festgelegt worden, die sich von den Militärstützpunkten im Land auf die Hauptstadt hinbewegen sollten. Am Vorabend spielten sie „Depois do Adeus“ (Nach dem Abschied) von Paulo de Carvalho. Und um 00:30h am 25.04.1974 spielten sie „Grândola Vila Morena“ von José (Zéca) Afonso Lied, was verboten war. So wussten die Portugiesen, dass was im Gange war.

Welche Musik lief bei euch zu Hause, bevor du begonnen hast, selbst zu entscheiden, was du hören willst?

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Meine Eltern haben viel Jazz gehört. Bessie Smith, Charlie Parker, Benny Goodman, Ella Fitzgerald, Miles Davis, Dizzy Gillespie, Stan Getz… ich erinnere mich, dass ich versucht habe „A Fine Romance“ wie die späte Billie Holiday zu singen. Von Janis Joplin gab es das Album „Pearl“, von Jimi Hendrix gab es „The Cry Of Love“ und vom Mahavishnu Orchestra die LP „Inner Mounting Flame“. Mein Vater liebte Django Reinhardt. Aber es lief auch Amália Rodrigues. „Havemos De Ir À Viana“ singe ich heute noch manchmal.

Was war das erste Album, das du dir selbst gekauft hast? Warum gerade dieses?

Ganz genau weiß ich das nicht mehr, aber eines der ersten Alben, die ich mir selbst gekauft habe, war  „Who’s Next“ von The Who. Ich war ein sehr großer Keith Moon-Fan. Ich habe auch „Tommy“ und „Quadrophenia“ besessen und Tina Turner als „The Acid Queen“ war natürlich der Hammer. Eine Frau, so wild wie Keith Moon. Ich würde „Won`t Get Fooled Again“ nehmen.

Gab es einen Song, bei dem dir klar wurde, dass du selbst auch Musik machen willst?

Ich habe in Brasilien angefangen Gitarre zu spielen und zu singen. Ich war 11 oder 12 Jahre alt. Es gab einen Song von Carlos Lyra, „Maria Ninguém“, der mir beigebracht wurde. Und als ich einmal zuhause meine Mutter damit zu Tränen rührte, hatte ich wohl den Eindruck, dass da was passiert, wenn ich singe.

Mit welchem Song oder Album verbindest du deine Jugendzeit?

Die Top Tracks der Woche von TONSPION – jetzt auch auf Qobuz hören. Jeden Freitag neu!

Ich war an der Deutschen Schule Lissabon ziemlich alleine mit meiner großen Liebe zu Patti Smith. “Horses” war definitiv das Album meiner Jugend. Als ich 15 wurde, habe ich mit meinem Vater zu „Land Of A Thousand Dances / La Mer (de)“ getanzt. Heute halte ich “Radio Ethiopia” für eines der unterschätztesten Alben der Patti Smith Group.

Welchen Song wünschtest du geschrieben zu haben, weil er dir textlich oder musikalisch ganz besonders nah ist?

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Da gibt es sehr viele. Sehr unterschiedliche. Frank Oceans „Bad Religion“, Gillian Welch & David Rawlings „Everything Is Free“, Christiane Rösingers „Verloren“, Samphas „(No one Knows Me) Like The Piano“, aber ganz unmittelbar heute denke ich an Niels Freverts Song „Ich suchte nach Worten für etwas das nicht an der Strasse der Worte lag“.

Welcher Song hat deinen musikalischen Horizont am meisten erweitert?

Ich denke, die Begegnung mit Ulrike Haage und unsere Zusammenarbeit an „Two Faces“. Der Song basiert auf einem ihrer Instrumentalstücke aus der Zeit. Da das Original nicht veröffentlicht ist, hier  „March Of The Three Quarks“ von Vladimir Estragon.

Welche Platte kannst du über Jahrzehnte immer wieder hören, ohne dass sie an Wirkung verliert?

Dazu gehört definitiv das Album “Construção” von Chico Buarque. Der Titeltrack steht noch auf meiner „to cover“ – Liste. Alben von Moondog und Paris 1919 von John Cale, Ancoats 2 Zambia von den Baby Namboos war sehr wichtig für mich als ich mit den Gesprochenen Popsongs anfing.

Welche musikalischen Einflüsse haben deinen eigenen Sound und Stil am stärksten geprägt?

Auf jeden Fall mehr das Aufgewühlte vom portugiesischen Fado, das Wilde und Unperfekte der amerikanischen Garage- und Punkbands, als der eher gedämpfte Bossa Nova oder der elaboriertere Jazz, den meine Eltern gehört haben. Doch was ich singen will und wie, hängt auch sehr stark von den Texten ab, die ich schreibe. Rhythmisch geben die viel vor, auch was meine melodischen Bögen betrifft. Hier würde ich The Seeds – „Pushin‘ Too Hard“ nehmen, oder – bezüglich der Text-/Musik-Verbindung, Joni Mitchell „Coyote“.

Welche Künstlerinnen oder Künstler inspirieren dich aktuell am meisten?

boygenius, „Not Strong Enough“, ist ein Hammersong! Allen boys voran, Lucy Dacus. „Best Guess“ ist für mich der perfekte Popsong.  Die Monika Roscher Bigband, habe ich erst kürzlich entdeckt. Mit ihr und allen würde ich gerne „Construção“ aufnehmen, doch der Verlag von Chico Buarque ist leider nicht zu erreichen. Anika (Henderson) ist auch neu in „meinem Radio“.

Welche drei deiner Songs sind für dich persönlich am wichtigsten, und warum?

Ich bleibe jetzt mal bei den Songs, die ich für Rainbirds geschrieben habe. „Sea Of Time“ ist einer meiner persönlichsten Songs und doch so offen für Projektionen. „Like Someone Who Was Never Here Before“ ist einer der letzten Songs die ich für Rainbirds geschrieben habe. Er ist mindestens so autobiografisch wie „Blueprint“, nur dass ich damit unwissentlich die Straße gepflastert habe, auf der ich unterwegs war, während ich mit „Like Someone…“ an einem Ort angekommen bin, von dem ich neu aufbrechen kann.