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Arca kehrt mit „XXXXX“ zum kontrollierten Chaos zurück

Fünf Jahre nach der experimentierfreudigen Kick-Pentalogie veröffentlicht Arca mit XXXXX ein Album, das deutlich an die kompromisslose Klangsprache ihrer frühen Werke Xen (2014) und Mutant (2015) anknüpft.

Die venezolanische Produzentin und Musikerin verabschiedet sich weitgehend von den popnäheren Ansätzen der vergangenen Jahre und setzt stattdessen auf radikale Kontraste, harsche Elektronik und eine Klangarchitektur, die gleichermaßen verstörend wie faszinierend wirkt.

Ursprünglich als Mixtape konzipiert, hat sich „XXXXX“ eine gewisse Skizzenhaftigkeit bewahrt. Die Songs springen abrupt zwischen Ambient, Noise und industriellen Rhythmen, oft ohne klassische Dramaturgie oder erkennbare Entwicklung. Gerade diese Offenheit gehört zu Arcas Ästhetik. Gleichzeitig hinterlässt das Album stellenweise den Eindruck einer Ideensammlung. Manche Tracks wirken eher wie grob ausgearbeitete Entwürfe als vollständig entwickelte Kompositionen.

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Bereits der Opener „No End“ macht deutlich, wohin die Reise geht. Aus sparsamen Drones und schwebenden Klängen entwickeln sich plötzlich massive Wände aus Lärm, die den Hörer immer wieder aus der Ruhe reißen. Diese plötzlichen Brüche gehören zu den prägenden Stilmitteln des Albums. Nicht jede Wendung überzeugt dabei gleichermaßen. „Heart“ unterbricht mit aggressiven 808-Drums und schrillen digitalen Sounds den Spannungsaufbau der vorherigen Stücke etwas abrupt.

Seine größte Wucht entfaltet XXXXX in der Albummitte. „Syncope“ bündelt Arcas härteste Klangideen zu einem intensiven Höhepunkt. Metallische Percussion, druckvolle Basswellen und stetig anwachsende Spannung münden in ein Finale, das die Energie der vorherigen Tracks konsequent entlädt. Die folgenden Stücke „Enraptured“ und „Raver“ halten dieses Niveau. Verzerrungen verdichten sich zu bedrohlichen Klangmassen, während abrupte Pausen und Noise-Eruptionen die Dynamik zusätzlich verstärken.

Mit „Fxck“ und „Taconeando“ gewinnen die zersplitterten elektronischen Strukturen etwas mehr Vorwärtsdrang. Die Rhythmen wirken direkter, ohne dass Arca ihre experimentelle Handschrift aufgibt. Gleichzeitig beweist das Album in seinen ruhigeren Momenten Gespür für Atmosphäre. „Throb“ und „Grip“ arbeiten mit offenen Arrangements, in denen einzelne Klangfragmente und Arcas verfremdete Stimme viel Raum erhalten. Gerade diese Reduktion sorgt für eine spürbare Spannung.

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Den Abschluss bildet „Sueño“, ein Stück, das die zuvor aufgebaute Weite noch einmal intensiviert. Zwischen beinahe lautlosen Passagen durchschneiden plötzlich rohe Gesangsausbrüche den Mix und verleihen dem Finale eine emotionale Wucht.

XXXXX ist eines der experimentellsten Alben in Arcas Diskografie der vergangenen Jahre. Wer ihre kompromisslose Klangsprache schätzt, wird in den fragmentarischen Strukturen und den permanenten Brüchen viele spannende Ideen entdecken.

Biografie Arca

Arca, bürgerlich Alejandra Ghersi, wurde 1989 in Caracas, Venezuela, geboren und gehört zu den prägendsten Künstlerinnen der zeitgenössischen elektronischen Musik. Als Produzentin, Komponistin, Sängerin und Performerin hat sie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten eine eigene Klangsprache entwickelt, die sich konsequent gängigen Genregrenzen entzieht. Industrial, IDM, Reggaetón, Ambient, Klassik, Noise und experimenteller Pop fließen in ihrer Musik ebenso selbstverständlich zusammen wie digitale Klangmanipulation und organische Stimmen. Ihr Werk ist geprägt von Brüchen, extremen Dynamiken und einer ständigen Suche nach neuen Ausdrucksformen.

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Kindheit und Jugend in den USA

Aufgewachsen in Venezuela, verbrachte Ghersi einen Teil ihrer Jugend in den USA, bevor sie nach New York zog. Dort studierte sie am Clive Davis Institute of Recorded Music der New York University und begann, ihre ersten Produktionen unter dem Namen Arca zu veröffentlichen. Bereits die frühen EPs Baron Libre (2012), Stretch 1 und Stretch 2 (beide 2012) machten deutlich, dass hier eine Produzentin arbeitete, die weniger an klassischen Clubtracks als an einer Dekonstruktion elektronischer Musik interessiert war. Harte Beats, zerstückelte Rhythmen und ständig wechselnde Strukturen wurden schnell zu ihrem Markenzeichen.

Durchbruch mit Kanye West und FKA twigs

Der internationale Durchbruch gelang zunächst hinter den Kulissen. 2013 war Arca an Kanye Wests Album Yeezus beteiligt, das mit seinem rohen, industriellen Sound neue Maßstäbe im Hip-Hop setzte. Kurz darauf folgten Produktionen für FKA twigs‘ Debütalbum LP1 sowie eine enge Zusammenarbeit mit Björk. Besonders auf den Alben Vulnicura (2015) und Utopia (2017) prägte Arca den elektronischen Teil des Sounds entscheidend mit. Auch Künstlerinnen wie Kelela und Rosalía arbeiteten mit ihr zusammen.

Die Solokünstlerin

Mit ihrem Debütalbum Xen (2014) trat Arca endgültig als Solokünstlerin ins Rampenlicht. Das Album kreist um die fiktive Figur Xen, die als Ausdruck einer fluiden Identität verstanden werden kann. Musikalisch verbindet es aggressive Percussion mit atmosphärischen Flächen und komplexen Arrangements, die sich klassischen Songstrukturen weitgehend verweigern. Bereits ein Jahr später erschien mit Mutant ein noch radikaleres Werk. Das Album gilt bis heute als eines der kompromisslosesten Veröffentlichungen der experimentellen Elektronik und verzichtet fast vollständig auf eingängige Melodien zugunsten einer dichten, oft verstörenden Klangwelt.

Mit dem selbstbetitelten Album Arca aus dem Jahr 2017 vollzog sie eine überraschende Wendung. Erstmals rückte ihre eigene Stimme ins Zentrum der Musik. Die Songs waren persönlicher, emotionaler und teilweise deutlich reduzierter instrumentiert. Spanische Texte, fragile Balladen und eine größere Offenheit verliehen dem Album eine neue Intimität, ohne die experimentellen Wurzeln aufzugeben.

Einen weiteren Meilenstein markierte 2021 die Veröffentlichung der Kick-Reihe. Innerhalb weniger Monate erschienen mit Kick i, KICK ii, KicK iii, kick iiii und kiCK iiiii gleich fünf Alben, die unterschiedliche Facetten ihres Schaffens beleuchteten. Während Kick i mit Gästen wie Rosalía, SOPHIE, Björk oder Shygirl vergleichsweise zugänglich ausfiel und Elemente aus Pop, Reggaetón und Clubmusik aufgriff, bewegten sich die späteren Teile zunehmend in experimentellere Richtungen. Die Reihe machte deutlich, dass Arca sich nicht auf einen Stil festlegen lässt, sondern jede Veröffentlichung als eigenständiges Kapitel versteht.

Neben ihrer Musik ist Arca für ihre außergewöhnliche visuelle Ästhetik bekannt. Musikvideos, Performances und Live-Shows sind oft ebenso wichtig wie die Musik selbst. Digitale Avatare, futuristische Körperbilder und aufwendige Modekonzepte gehören seit Jahren zu ihrem künstlerischen Ausdruck. Dabei arbeitet sie regelmäßig mit Designerinnen, Künstlern und Kreativen aus den Bereichen Mode, Gaming und digitaler Kunst zusammen.

Ein zentrales Thema ihres Werks ist die Auseinandersetzung mit Identität, Körperlichkeit und Transformation. Arca lebt offen als trans Frau und verarbeitet persönliche Erfahrungen immer wieder in ihrer Musik und ihren Performances. Diese Themen stehen jedoch selten isoliert im Mittelpunkt. Vielmehr versteht sie Identität als etwas Wandelbares, das sich ebenso wenig festschreiben lässt wie ihre Musik. Diese Offenheit hat sie zu einer wichtigen Stimme innerhalb der queeren Kunst- und Musikszene gemacht.

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