Ein paar Tage sind vergangen seit Bad Bunny beim Super Bowl die Halbzeitshow gestaltet hat. Was bleibt, ist ein Auftritt, der sich nicht nur als musikalisches Großereignis lesen lässt, sondern als pophistorischer Moment auf der größten Bühne der Welt.
Wer diese Halbzeitshow nur als Entertainment verbucht hat, hat sie nicht ganz gesehen. Wer sie ausschließlich als Protest bewertet, ebenfalls nicht. Bad Bunny gelang etwas, das in diesem Format selten geworden ist: Er verband Pop und politische Selbstverortung so selbstverständlich, dass beides untrennbar wirkte. Und er risikierte dafür viel: sein Leben.
Schon die Bilder zu Beginn machten klar, wohin die Reise geht. Zuckerrohrfelder, jíbaros mit Strohhüten, ältere Männer beim Dominospiel, ein Piragua-Stand. Keine folkloristische Dekoration, sondern eine bewusste Verortung. Puerto Rico stand im Zentrum einer Show, die weltweit hunderte Millionen Menschen verfolgten.
Bad Bunny, bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio, trat nicht als global glattgebügelter Popstar auf, sondern als Künstler, der seine Herkunft in den Vordergrund rückt. Er sang vollständig auf Spanisch, was unter MAGA-Anhängern für Empörung sorgte, schließlich sei englisch ja die offizielle Sprache der USA. Das allerdings hatte Trump erst 2025 per Dekret verfügt.
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Die einzige englische Stimme des Abends gehörte Lady Gaga, die als Gast bei einer inszenierten, aber tatsächlich rechtsgültigen Hochzeit auftrat. Dass ein reales Paar während der Halbzeit getraut wurde, war mehr als ein Effekt. Es war ein Bild für Gemeinschaft inmitten eines hochkommerzialisierten Spektakels.
Musikalisch setzte Bad Bunny auf eine Mischung aus eigenen Hits wie „Tití Me Preguntó“ oder „Yo Perreo Sola“, Referenzen an die Geschichte des Reggaetón mit einem kurzen Zitat von Daddy Yankees „Gasolina“ sowie auf Stücke seines aktuellen Albums „Debí Tirar Más Fotos“. Dieses Album hatte wenige Tage zuvor als erstes überwiegend spanischsprachiges Werk den Grammy für das Album des Jahres gewonnen. In der Show wurde es zur Folie für eine Erzählung über Identität, Kolonialgeschichte und Widerstand.
Ricky Martin interpretierte als Gast „Lo Que Le Pasó a Hawaii“, ein Song über kulturelle Vereinnahmung und ökonomische Verdrängung. Bei „El Apagón“ kletterten Performer an Strommasten empor, die symbolisch explodierten. Ein Verweis auf die marode Energieinfrastruktur Puerto Ricos und die bis heute spürbaren Folgen von Hurrikan Maria. Bad Bunny schwenkte dabei eine hellblaue Version der puerto-ricanischen Flagge, die für die Unabhängigkeitsbewegung steht.
Das alles geschah nicht etwa in einem Nischenformat, sondern im Zentrum des US-amerikanischen Selbstverständnisses. Der Super Bowl ist Sportereignis, Werbeplattform und nationaler Mythos in einem. Wer hier auftritt, akzeptiert die Regeln des Systems. Und doch hat Bad Bunny diese Bühne genutzt, um ein anderes Narrativ zu setzen.
Ein politischer Moment in unpolitischen Zeiten
In einem Klima, in dem sich kaum noch große Medienhäuser offen gegen das autoritäre Gebaren Donald Trumps positionieren, wirkte Bad Bunnys Präsenz wie ein Kontrapunkt. Viele der einflussreichen Medien sind im Besitz von Milliardären, deren wirtschaftliche Interessen eng mit jenem Broligarchentum verflochten sind, das Trump verkörpert. Kritik wird vorsichtig formuliert oder in Kommentarspalten ausgelagert.
Der Super Bowl selbst ist Teil dieses Geflechts aus Konzerninteressen, Sponsoring und politischer Symbolik. Gerade deshalb hatte Bad Bunnys Auftritt so eine Bedeutung. Er hatte Trump in der Vergangenheit offen kritisiert. Bei den Grammys sagte er „ICE out“ und verwies auf die rassistische Praxis von Einwanderungsbehörden. Seine jüngste Tournee ließ er bewusst das US-Festland aus, auch aus Sorge um die Sicherheit seiner Fans angesichts verstärkter Razzien.
In der Halbzeitshow verzichtete er auf direkte Parolen gegen den Präsidenten. Stattdessen formulierte er seine Botschaft indirekt, aber unmissverständlich. „The only thing more powerful than hate is love“ stand auf der Leinwand. Am Ende rief er „God bless America“ und zählte anschließend Länder Nord-, Mittel- und Südamerikas auf, darunter Chile, Argentinien, Brasilien, die USA und Kanada. Ein Hinweis darauf, dass „America“ mehr ist als das, was MAGA-Rassisten glauben.
Auf dem Football, den er zum Abschluss auf den Boden schleuderte, stand: „Together, we are America“. Das war keine naive Versöhnungsbotschaft, sondern eine Neuinterpretation des Begriffs. Amerika als Kontinent, als Vielheit, nicht als Kolonie weißer Milliardäre.
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Pop unter Schutz
Bad Bunny trug während der gesamten Show einen kugelsicheren Anzug. Auch die Kulisse, die Casita, die Strommasten, die Blockparty-Szenerie und die Büsche, waren so konstruiert, dass sie Schutz boten. Sicherheitsarchitektur als Bühnenbild.
Ob diese Maßnahmen rein vorsorglich oder Ausdruck konkreter Bedrohungslagen waren, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Politische Polarisierung, bewaffnete Einzeltäter, eine aufgeheizte Stimmung durch die brutalen Attacken der Einwanderungsbehörde ICE auf die Zivilbevölkerung mahnen zur Vorsicht. Wer auf der größten Bühne des Landes eine Botschaft sendet, exponiert sich.
Dass ein Künstler bei einem Unterhaltungsereignis dieser Größenordnung offenkundig unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen agieren muss, ist ein Symptom dieser gefährlichen Entwicklung, bei der sich die US-Regierung immer weiter von Recht und Ordnung entfernt und stattdessen nach Art einer Diktatur regiert. Die Vorstellung, dass Musik verbindet, wirkt unter diesen Umständen beinahe naiv.
Und doch war genau das eine der stärksten Ebenen des Abends. Die Berichte aus dem Stadion beschreiben ein Publikum, das tanzte, unabhängig von Sprachkenntnissen. Ein Journalist schrieb offen, dass Bad Bunny nicht Teil seiner üblichen Playlist sei, er aber 13 Minuten lang nicht stillstehen konnte. Musik überwand hier tatsächlich Sprachgrenzen. Die Begeisterung für die stimmungsvolle Show schwappte auch nach Europa über, wo der Auftritt medial frenetisch gefeiert wurde.
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Kritiker hatten im Vorfeld gefragt, ob ein Auftritt auf dieser symbolträchtigen Bühne nicht zwangsläufig eine Einbindung in das System bedeutet, das man vielleicht kritisieren möchte. Bad Bunny hat diese Frage nicht theoretisch beantwortet, sondern performativ. Er nutzte die Bühne, ohne seine ästhetische und politische Handschrift aufzugeben.
Gerade diese Verbindung aus Unterhaltung und Haltung macht den popkulturellen Wert des Auftritts aus. Er zeigte, dass politische Positionierung nicht zwangsläufig in Pathos oder Predigt münden muss. Sie kann auch in Rhythmus, in Gemeinschaft, in Bildern stattfinden.
Der Super Bowl wird im nächsten Jahr andere Schlagzeilen produzieren und sich möglicherweise dem politischen Druck beugen müssen. Doch dieser Auftritt markiert einen Moment, in dem Popkultur und Politik auf ungewöhnlich klare Weise ineinandergriffen und die Musik am Ende mit einem Homerun gewann.
Bad Bunny Tour 2026
20.06.2026 – 20:00 Uhr Merkur Spiel-Arena – Düsseldorf TICKETS