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Wem gehören die Festivals? Europas Live-Branche in der Hand weniger Konzerne

Der Festivalsommer wirkt auf den ersten Blick so bunt wie eh und je. Doch eine neue europäische Studie zeigt: Hinter der gefühlten Vielfalt konzentriert sich immer mehr Macht bei wenigen global operierenden Konzernen. Und das ist ein Problem.

Das European Mapping Project on Ownership Concentration in Live Music hat zwei Karten veröffentlicht, die sichtbar machen, wer in Europa welche Festivals und großen Spielstätten besitzt oder kontrolliert. Das Ergebnis ist deutlich. Mehr als 150 der größten Festivals in der EU, mit Großbritannien über 200, sind mit nur vier Unternehmensgruppen verbunden: Live Nation, AEG, CTS Eventim und Superstruct.

Quelle: Mapping Ownership Concentration in the European Live Music Sector

Für viele im Publikum ist das neu. Für Musikerinnen, Booker und Labelleute bestätigt es eine dramatische Entwicklung, die sie seit Jahren beobachten, zumal diese Konzerne eng mit Investmentgesellschaften verbunden sind, denen es nur ums Geld geht. Und das ist bereits an den extrem gestiegenen Ticketpreisen zu spüren.

Die großen Vier und ihre Netzwerke

Live Nation ist als globaler Branchenriese bekannt. Das Unternehmen betreibt in Europa rund 120 Tochtergesellschaften und setzte 2022 weltweit 16,7 Milliarden US-Dollar um. Zum Konzern gehört auch Ticketmaster, einer der größten Ticketanbieter der Welt.

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AEG Presents ist nicht nur als Promoter aktiv, sondern besitzt zentrale Arenen wie die O2 Arena in London oder die Uber Arena oder die Uber Eats Music Hall in Berlin.

CTS Eventim betreibt Ticketportale wie eventim.de oder ticketone.it und ist an großen Spielstätten wie der Lanxess Arena beteiligt.

Superstruct wiederum vereint über 80 Festivals in Europa und Australien unter seinem Dach, darunter Wacken Open Air, Sónar oder Zwarte Cross. 2024 wurde Superstruct von der Investmentgesellschaft KKR mit CVC als Co-Investor übernommen. Das Unternehmen verwaltet inzwischen Hunderte Milliarden Dollar an Vermögenswerten.

Besonders auffällig ist das Tempo der Expansion. Zwischen 2022 und 2025 wuchs die Zahl der Festivals bei Superstruct von 34 auf 63, bei AEG von 5 auf 10. Live Nation und CTS Eventim legten ebenfalls zu. Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Festivals Konzernware sind. Aber im Bereich der großen, international sichtbaren Großevents verschiebt sich das Gewicht spürbar.

Für Musikfans stellt sich damit eine einfache Frage: Wenn man ein Ticket für ein Festival kauft, unterstützt man dann eine lokale Kulturinitiative oder einen internationalen Konzern mit Beteiligungen in Dutzenden Ländern?

Warum das für Künstler relevant ist

Für Bands und Solokünstler ist die Lage ambivalent. Große Konzerne bieten enorme Reichweite, professionelle Strukturen und internationale Tourmöglichkeiten. Wer es in das Line-up eines großen Festivals schafft oder als Support auf einer Arena-Tour landet, kann seine Karriere deutlich beschleunigen, insofern sind auch viele bekannte Künstler aus der Indieszene dort unter Vertrag.

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Gleichzeitig berichten viele aus der Branche von enger werdenden Spielräumen. Wenn Festival, Arena und Ticketing-Plattform wirtschaftlich miteinander verflochten sind, entstehen geschlossene Systeme. Booking-Entscheidungen, Routing von Tourneen und Marketing laufen dann über dieselben Netzwerke. Wer keinen Zugang zu diesen Strukturen hat, steht schnell am Rand.

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Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Kleine Clubs und mittlere Spielstätten gelten seit jeher als Orte, an denen Karrieren beginnen. Laut Studie erzielten 2.280 Venues im Netzwerk von Live DMA 2019 zusammen 1,7 Milliarden Euro Umsatz, im Schnitt etwa 750.000 Euro pro Haus. Das klingt zunächst viel, relativiert sich aber angesichts steigender Mieten, Energiepreise und Personalkosten. Viele dieser Orte arbeiten mit minimalen Rücklagen.

Wenn eine Band später Arenen füllt oder als Headliner auftritt, fließt der Großteil der zusätzlichen Einnahmen nicht zurück an jene Clubs, die am Anfang das Risiko getragen haben. Ein verbindlicher Mechanismus, der die Basis stärkt, existiert in den meisten Ländern nicht. Die Studie bringt deshalb Modelle wie Ticketabgaben oder Solidaritätsfonds ins Gespräch.

Für Musikerinnen und Musiker ist das keine abstrakte Debatte. Es geht um die Frage, ob es in zehn oder zwanzig Jahren noch genügend unabhängige Bühnen gibt, auf denen sich Neues entwickeln kann.

Quelle: Mapping Ownership Concentration in the European Live Music Sector

Ticketpreise, Daten und Kontrolle

Ein weiteres Problem, dass diese Marktkonzentration mit sich bringt sind rasant steigende Ticketpreise. Wenn ein Konzern nicht nur Festivals veranstaltet, sondern auch die Plattform betreibt, über die Tickets verkauft werden, entsteht ein Machtzentrum. Live-Nation-CEO Michael Rapino hat im September 2025 für Schlagzeilen gesorgt, als er behauptete, Konzertkarten seien im Vergleich zu anderen Live-Erlebnissen wie Sportveranstaltungen seit langem zu billig. Er möchte Konzerte zum Luxusevent machen, das sich nur noch Menschen mit dickem Bankkonto leisten können.

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Ticketanbieter sind längst mehr als technische Dienstleister. Sie verfügen über Kundendaten, steuern Vorverkäufe, setzen dynamische Preise durch und entscheiden, welche Events prominent platziert werden.

Für Fans ist oft schwer nachvollziehbar, wie sich Ticketpreise zusammensetzen. Für kleinere Veranstalter kann es problematisch werden, wenn dominante Plattformen den Zugang zum Publikum kontrollieren.

Natürlich sind auch große Konzerne wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt. Inflation, Sicherheitsauflagen und verändertes Freizeitverhalten betreffen alle. Der Unterschied liegt im Spielraum. Wer hunderte Festivals und Arenen betreibt, kann Ausfälle leichter kompensieren als ein einzelner Club in einer mittelgroßen Stadt.

Private Equity auf der Bühne

Mit dem Einstieg von Finanzinvestoren wie KKR bei Superstruct rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus. Private-Equity-Gesellschaften investieren mit klaren Renditeerwartungen. Festivals werden damit Teil internationaler Investmentstrategien. Das muss nicht automatisch zu inhaltlichen Eingriffen führen. Doch es verändert den Rahmen.

Wenn ein Festival nicht mehr nur ein kulturelles Projekt, sondern auch ein Baustein im Portfolio eines globalen Investors ist, verschieben sich Prioritäten. Wachstum, Skalierung und Verwertbarkeit rücken stärker in den Vordergrund. Für Szenen, die von Experiment und Risiko leben, ist das nicht unbedingt ein ideales Umfeld.

Vielfalt ist mehr als ein Line-up

Auf dem Papier wirkt die europäische Festivallandschaft weiterhin vielfältig. Unterschiedliche Genres, regionale Profile, kuratierte Programme. Die Studie bestreitet das nicht. Sie zeigt jedoch, dass viele dieser Marken wirtschaftlich unter denselben Dächern stehen.

Das muss nicht bedeuten, dass überall dieselbe Musik läuft. Aber Eigentum schafft Abhängigkeiten. Wer Budgets genehmigt, entscheidet indirekt mit, wie viel Risiko ein Programm eingehen darf. Wie viel Platz bleibt für Newcomer, für sperrige Acts, für lokale Szenen, wenn internationale Headliner die Kalkulation tragen müssen?

Für Labelmitarbeiter stellt sich zudem die Frage nach Verhandlungsmacht. Wenn wenige Konzerne einen großen Teil der lukrativen Slots kontrollieren, verschiebt sich das Kräfteverhältnis. Konditionen, Slots und Marketingpakete werden in einem engeren Kreis verhandelt.

Transparenz als erster Schritt

Die Studie versteht sich als Einladung zur Debatte. Sie liefert keine schnellen Lösungen, aber sie schafft Transparenz. Wer sich für Musik interessiert, sollte wissen, welche Strukturen hinter den Bühnen stehen.

Es geht nicht darum, große Konzerne pauschal zu verteufeln. Ohne ihre Infrastruktur wären viele internationale Tourneen oder große Festivals logistisch kaum realisierbar. Die Frage ist vielmehr, wie viel Konzentration eine lebendige Musiklandschaft verträgt. Und wie sich verhindern lässt, dass die Basis, Clubs, kleine Festivals, unabhängige Veranstalter, weiter unter Druck gerät, während an der Spitze Rekordumsätze erzielt werden.

Für Musikfans, Musiker und Labels ist das keine Randnotiz. Es betrifft die Wege, auf denen Musik entsteht, wächst und ihr Publikum findet. Wer heute ein Ticket kauft, entscheidet nicht nur über einen Abend Unterhaltung, sondern unterstützt ein bestimmtes Modell von Live-Kultur.

Unabhängige Festivals in Deutschland 2026

FestivalVeranstalter (Träger/GmbH)Profil
Appletree GardenAppletree Garden e.V.Hoher kuratorischer Indie-Anspruch; vereinsgeführt (Diepholz).
Fusion FestivalKulturkosmos Müritz e.V.Gemeinnützig, werbefrei, Kollektiv-Struktur (Lärz).
Golden LeavesBedroomdiscoFokus auf Songwriter/Indie; Kollektiv-Struktur (Darmstadt).
Haldern PopHaldern Pop GmbHInternationales Entdecker-Festival; inhabergeführt (Rees).
Happiness FestivalHappiness Festival GmbHInhabergeführt (Benjamin Derne) in Straubenhardt.
Immergut Festivalimmergutrocken e.V.Pionier der Indie-Festivals; rein ehrenamtlich (Neustrelitz).
Maifeld DerbyKarsten Schölermann & TeamInhabergeführtes Liebhaber-Festival (Mannheim).
Moers FestivalMoers Kultur GmbHStädtisch/öffentlich gefördert; Jazz & Avantgarde.
MS DockvilleKopf & Steine GmbHRelevantes Kunst- & Musikfestival; unabhängig (Hamburg).
ObstwiesenfestivalOWF e.V.„Umsonst & Draußen“-Kultfestival; vereinsgeführt (Ulm).
Open FlairArbeitskreis Open Flair e.V.Vereinsgeführtes Traditionsfestival (Eschwege).
Orange Blossom SpecialGlitterhouse Records„Bestes kleines Festival“; Label-Showcase, inhabergeführt (Beverungen).
Prophecy FestProphecy ProductionsNischenfestival (Dark Metal/Folk) in einer Höhle (Balve).
Reeperbahn FestivalRBX Reeperbahn Festival GmbHShowcase-Festival; eigenständige GmbH-Struktur (Hamburg).
Rocken am BrockenMosh-Prinzip UGRegional verwurzelt; unabhängige Organisation (Elend).
Sound of the ForestSound of the Forest e.V.Gemeinnütziger Verein; Fokus Nachhaltigkeit (Odenwald).
SummerjamContour Music Promotion GmbHUnabhängiger Spezialveranstalter (Köln).
Taubertal-FestivalKARO Konzert-Agentur GmbHUnabhängiger bayerischer Veranstalter (Rothenburg).
Way Back WhenWay Back When GmbHUrbanes Indie-Festival; eigenständige GmbH (Dortmund).

Hinweis: Der Großteil der regionalen Festivals in Deutschland wird von kleinen Vereinen organisiert. Wenn du ein überregional relevantes und renommiertes Festival mit herausragendem Line-up kennst, das in dieser Liste noch fehlt, bitte schreibe uns einfach.

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