Interview: Die Ärzte über ihre Wiedervereinigung 1993 bis heute

Christoph Dallach im Gespräch mit Bela, Farin und Rod

Die Ärzte veröffentlichen ihr Gesamtwerk in einem umfangreichen Boxset. Die Musikjournalisten Anja Rützel und Christoph Dallach haben mit Farin, Bela und Rod über ihre einzigartige Karriere von den Anfängen bis heute gesprochen. Teil 2: Von der Wiedervereinigung 1993 bis heute.

Wie erging es euch in der Zeit ohne die Ärzte? Konntet ihr die Trennung genießen?

Bela: Wir hatten irgendwie nicht damit gerechnet, dass es so plötzlich vorbei sein würde und dass es die Ärzte nicht mehr gibt. Aber dann war es eben so, und Jan machte King Kong und ich Depp Jones.

Farin: Ich hatte mal wieder eine King-Kong-Tour hinter mir, und die Besucherzahlen waren drastisch rückgängig, was unvorstellbar frustrierend war. Denn in King Kong hatte ich nicht weniger Herzblut reingesteckt als vorher bei den Ärzten. Vielleicht sogar noch mehr, denn ich dachte, dass ich nun weiß, wie das geht. Aber nee, ich wusste es nicht. Irgendwann saß ich da, wir hatten ein riesiges Tour-Minus, und Alben haben wir auch nicht verkauft. Das war eine frustrierende Situation. Ich habe daraus gelernt, dass man nicht schlauer ist als sein Publikum. Wenn ich mir King Kong heute anhöre, frage ich mich schon, was ich dachte, wer ich da bin. Aber vielleicht versuche ich mich auch nur innerlich davon zu distanzieren, weil die Erinnerung daran so extrem negativ ist. Dass es nicht erfolgreich werden würde, ist eine Sache, aber dass es so brutal werden würde, hätte ich nicht erwartet. Erfolglos ist ein viel zu schwaches Wort dafür. Die Leute haben mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie King Kong scheiße finden. Das macht man als Musiker eine Weile mit, aber irgendwann reicht es dann auch. Dann möchte man bitte auch mal wieder in den Arm genommen wer­den. Diese traumatischen Jahre sitzen tief. Aber ich bin auch dankbar dafür, weil man durch Scheitern auch wieder Bescheidenheit und Dankbarkeit lernt.

Bela: Für mich war es ähnlich und doch anders. Ich weiß, welche Fehler ich gemacht habe, und habe das reflektiert. Ich wollte mit Depp Jones partout plötzlich das politisch megakorrekte Projekt, das die Ärzte nie waren. Die Ärzte hat es nie geschert, was andere über sie dachten. In gewisser Weise haben wir uns durch unsere neuen Bands von unserer Vergangenheit distanziert. Das muss den Leuten wie Verrat vorgekommen sein. Offensichtlich hatten wir gar nicht begriffen, wie groß das mit den Ärzten eigentlich schon war.

Farin: Das Absurde war ja, dass wir in diesen fünf Jahren, wo es uns nicht gab, deutlich mehr Ärzte-Platten verkauft haben als in den Jahren davor.

Bela: Zumindest vor unserer letzten Platte. Das Livealbum kam ja nach der Auflösung.

Farin: Ich kam also von diesen superfrustrierenden King-Kong-Touren nach Hause und hatte mehr Geld auf dem Konto als vorher. Ich will mich nicht beklagen, aber es war auch krank. Obendrein hatte ich mir bei King Kong noch den Rücken kaputt gemacht, denn was wir uns bei King Kong nicht leisten konnten, waren Roadies. Mein Super-Profi-Equipment hat mir deshalb den Rücken ruiniert. Daran leide ich bis heute. Es war ein bisschen wie bei den Leuten, die merken, dass ihre aktuelle Beziehung total scheiße ist, und denen dann ihre Ex einfällt, mit der es auch mal anders, nämlich besser war. Also habe ich mir darüber Gedanken gemacht: Wenn man das mit den Ärzten wieder starten würde, wie könnte man es machen? Denn sich einfach nur hinzustellen und noch mal die größten Hits zu spielen wäre natürlich keine Perspektive gewesen.

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Seitenhirsch - Das Gesamtwerk von Die Ärzte mit 33 CDs in einer aufwenig gestalteten Box kommt am 14. Dezember 2018 in den Handel.

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Wart ihr in der Zwischenzeit im Austausch, habt ihr euch gesehen?

Bela: Wir hatten damals wenig Kontakt zueinander. Zwischendurch habe ich Jan mal besucht, weil ein Auto­mechaniker aus Berlin zu ihm fahren wollte, und da bin ich einfach mitgekommen. Wir haben einen schönen Nachmittag verbracht, aber dann hatten wir wieder ein Jahr keinen Kontakt.

Farin: Keiner von uns ist sentimental, einfach nur die schöne Zeit von früher wieder aufleben zu lassen war keine Option. Wir gucken immer nach vorne.

Bela: In einer berauschenden Nacht, nach einem Kreator-Konzert in Wien, wo ich als Gast war, saß ich im Bandbus von Kreator, und ein Interviewer, Buffo heißt er, von Rock Hard saß dabei und stellte mir spontan einige Fragen. Er kam natürlich auch auf die Ärzte zu sprechen. Ich erwiderte: ›Jetzt pass mal auf, ich sage es dir ein für alle Mal: Die Ärzte wird es nie, nie, nie, nie wieder geben.‹ Davon gibt es eine Aufnahme, und die hat er mir später mit ein paar lustigen Zeilen zugeschickt. Leider weiß ich nicht mehr, wo die ist, ich wollte die immer noch mal samplen.

Farin: Wie gesagt, wir hatten nur noch wenig Kontakt, und anrufen wollte ich Bela nicht. Ich musste mir auch erst sicher werden, ob ich das überhaupt will: ›Die Geister, die ich rief …‹. Aber dann schrieb ich Bela einen ziemlich umfassenden Brief. Also nicht nur: ›Wolln wa nicht mal wieder? Viele Grüße, dein Farin.‹ Sondern einen zwei Seiten langen richtigen Brief. Ich habe ihn abgeschickt und harrte dann der Dinge. Tja, und dann rief Bela zwei Tage später an und fand die Idee doof. Er war sogar extrem dagegen und meinte, dass das nur peinlich werden könne. Ich erwiderte, wie es denn wäre, wenn wir sicherstellen, dass es nicht peinlich wird, wenn wir quasi eine neue Version der Ärzte sind. Das konnte er sich aber nicht so richtig vorstellen.

Bela, wie hast du den Brief in Erinnerung?

Bela: Als wir uns getrennt haben, hatte ich beschlossen, wenn Schluss ist, dann endgültig. Ich lebte in einer Eigentumswohnung und hatte keine teuren Hobbys. Ich konnte von den Rücklagen der Ärzte noch ein bisschen über die Runden kommen. Ich spielte Schlagzeug in zwei erfolglosen Bands und hatte überlegt, ob ich mir vielleicht einen Job beim Radio suche. Sorgen machte ich mir nicht. Und dann kam dieser zweiseitige Brief von Jan, den ich übrigens noch habe. Ich war jedenfalls überrascht. Der Inhalt des Briefes war: ›Mir geht es ganz gut, weil ich King Kong auf Eis gelegt habe, das war wirklich ein Kampf. Am Ende war man dankbar, dass überhaupt noch jemand kam. Ich denke, es wird dir ähnlich gegangen sein. Ich bin jetzt weggefahren und habe viel nachgedacht, und was mir einfach fehlt, ist, vor Leuten aufzutreten, die begeistert sind. Das hatte ich jetzt eine ganze Weile nicht. Leute, die sich freuen, wenn man überhaupt auftritt. Vielleicht ist das, was wir beide mal hatten, ja noch einmal möglich.‹ Die Erste, mit der ich über Jans Brief geredet habe, war Lyn, die Sängerin von Crashland, der australischen Band, in der ich grad spielte und die damals mit dem Keyboarder Ash bei mir wohnte. Mit der habe ich mich oft unterhalten, auch über die Ärzte. Und Lyn, die viel erlebt hatte, sagte dann, sie würde mir ansehen, dass ich die Idee doch ganz gut fände. Ich erwiderte, dass wir uns ja freiwillig aufgelöst hätten damals. Dann kam sie die ganze Woche beständig immer wieder auf das Thema Ärzte zu sprechen, sagte: ›You wanna do it! You wanna do it‹, und ich entgegnete, dass ich sogar vor Journalisten geschworen hätte, dass es vorbei sei mit den Ärzten. Aber sie sagte nur: ›Come on, give it a chance.‹ Ich rief dann Jan an und sagte ihm dennoch ab: ›Nein, ich will das nicht mehr, und ich will auch nicht wortbrüchig werden. Die Gefahr ist doch, dass wir alles zerstören, was wir mal aufgebaut haben. Dass wir das Denkmal von damals kaputt machen.‹ Jan war total betroffen und meinte: ›Komm doch einfach mal rum. Ich hab schon ein paar Lieder geschrieben.‹

Farin: Dann habe ich ihm relativ zeitnah einige Demos geschickt. Die gab es schon, denn in der Zeit, in der ich über einen Neustart der Ärzte nachgedacht habe, habe ich ausprobiert, ob ich überhaupt noch Ärzte-Demos machen kann. Denn auch ich konnte ja nicht so tun, als wäre in den fünf Jahren nichts passiert: Ich habe in der Zeit anders Gitarre gespielt und habe andere Musik gehört. Man muss auch wachsen können. Das enge Korsett, das wir uns in den Achtzigern selber auferlegt hatten, wollte ich sprengen. Ich schickte Bela Demos zu den Songs wie ›Wenn es Abend wird‹, was zeigte, dass ich ’ne Macke habe, aber auch, dass man sich weiterentwickeln kann. Also Songs, bei denen die Leute sagen: ›Das sind jetzt die Ärzte?‹ – Bela war immer noch sehr skeptisch, aber diese Idee gefiel ihm dann doch, weil er verstanden hatte, was ich mir vorstellte, also dass man die Ärzte ganz weit aufmachen kann.

Bela: Nach einer Woche habe ich mich doch ins Auto gesetzt und bin zu Jan gefahren. Da hat er mir dann was vorgespielt. Nicht viel, nur drei Lieder. Eins davon war ›Wenn es Abend wird‹ und dann noch ein Fragment von ›Schrei nach Liebe‹, wo er eine Gitarrenmelodie hatte und Textfragmente, die noch nicht passten. Ich nahm sie mit und hörte sie mir zu Hause noch mal an. Mein Vorschlag war, ein paar Lieder aufzunehmen und zu sehen, ob uns die gefallen. Jan sagte dann noch: Pass auf, für einen Bassisten habe ich auch eine Idee. Wen ich ja total geil finde, ist Rod. Meinst du, der spielt Bass? Ich erwiderte: Das kann ich mir nicht vorstellen, denn der ist ein unheimlich guter Gitarrist. Wollen wir ihn trotzdem fragen? Ja, frag!

Farin: Ich wollte einen guten Musiker, und Rod war der mit Abstand beste Musiker, den ich kannte. Bela war sich aber nicht sicher, ob Rod darauf Lust hat.

Bela: Jan hatte gleich am Anfang gesagt, dass er Hagen nicht mehr als Bassist möchte. Wir hatten uns beide musikalisch weiterentwickelt und machten mittlerweile andere Musik. Das hatte Hagen nicht. Ich wusste auch, dass er bei den Chainsaw Hollies Bass gespielt hatte und da nur sehr sporadisch zu den Proben erschienen war. Es wurde im Ruhrgebiet in Bochum geprobt, wo er auch seinen Bass und die Bassanlage stehen hatte. Er war keiner, der sich dann für Berlin einen Ersatzbass kauft. Ich wusste also, dass er seine Bassanlage vier Jahre kaum angeschaut hatte. Ich bekam aber auch mit, als er sich diese Anlage ganz plötzlich nach Berlin zurückholte. Wir hatten das Gefühl, dass wir ihn dringend anrufen müssen, weil Hagen ja glaubte, noch Teil dieser Band zu sein. Aber wir wollten auch nicht, dass die Bombe platzt. Wir mussten es geheim halten. Das hat dann verständlicherweise einen großen Schatten auf unsere Beziehung zu Hagen geworfen, der nie ganz verschwand. Dann habe ich mich jedenfalls mit Rod getroffen.

Wie dürfen wir uns dieses Casting- beziehungsweise Bewerbungsgespräch, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, vorstellen?

Rod: Bela und ich hatten bei Depp Jones zusammen gespielt, aber diese Band hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst. Wir waren uns aber einig, dass wir bei Gelegenheit mal wieder was zusammen machen wollten. Dass Bela sich mittlerweile wieder mit Jan getroffen hatte, habe ich überhaupt nicht mitbekommen, das war ja auch eine ganz geheime Geschichte. Eines Nachts hatten Bela und ich dann in einem Laden namens ›Im Eimer‹ bei einer Allstarband mitgemacht. Nach dem Konzert tranken wir hier noch ein Schnäpschen, da noch ein Bier. Irgendwann waren wir leicht blau. Auf dem Klo stand ich dann allein neben Bela, der wohl die ruhige Minute nutzen wollte, denn der Laden war ja voll mit Musikleuten aus der Szene, die wir kannten. Jedenfalls meinte er, dass er mit Jan wieder Musik macht und ob ich nicht Lust hätte, ein wenig mitzumachen. Das fand ich natürlich ein geiles Angebot, aber ich war so blau, dass ich erwiderte, dass ich mich zwar total geehrt fühle, aber ihm das nicht sofort zusagen könne. Er sagte aber auch: ›Du spielst nicht Gitarre!‹ Was ja logisch war, denn einen Gitarristen hatten die Ärzte ja bereits.

Farin: Wir wollten Rod in der Band haben, aber es war klar, dass er Bass spielen sollte, obwohl er der deutlich bessere Gitarrist ist. Dass wir dann ab und zu die Instrumente tauschen würden, war für mich völlig in Ordnung.

Bela: Rod hatte mir erzählt, dass er früher lange Bassist war. Das wusste ich gar nicht.

Farin: Dann bat Rod um eine Probezeit. Dabei war er mehr Arzt, als es die beiden Bassisten zuvor jemals waren. Er hat Sachen gemacht, die wir nie hätten bringen können, und er hat Ideen von uns total positiv verändert. Das gab es vorher nicht. Der Typ ist eine musikalische Enzyklopädie und hat ein ganz anderes Musikverständnis als wir. Er beherrschte Akkorde, die wir einfach nicht kannten. Da ging in meinem Kopf eine neue Welt auf. Ich war bis dahin der Akkord-Boss und Bela der Schlagzeug-Boss gewesen. Zusammen waren wir die Text-Bosse. Dass da einer kommt und von Musik mehr versteht als wir, das gab es nicht. Und dann kam Rod. Rod konnte sogar Klavier spielen, der konnte irgendwie alles. Das war wirklich geil.

Hattest du Zweifel daran, ob es für dich als Profimusiker ein Spaß sein würde, mit den Ärzten zu arbeiten?

Rod: Ich hatte 1984 in der Spex über die Ärzte gelesen. Da gab es so ein Ärzte-Suchspiel. Zuerst dachte man: Was ist das denn für ein Scheiß. Aber dann fand ich ihre Wir-wollen-Rockstars-werden-Haltung auch total lustig. Allein wie die schon aussahen war komisch. Zu der Zeit war ihre Musik noch undefinierbar. Sie hatten so Punkanleihen, aber waren nicht zu schnell, sie hatten Rockabilly-Anleihen, aber waren trotzdem Indie. Ich hatte vorher auch schon Bass und Schlagzeug gespielt. Bela hatte Bedenken, mich Bass spielen zu lassen, weil ich so ein guter Gitarrist sei. Mir war es ehrlich gesagt egal. Ich hätte auch Ja gesagt, wenn er mich gefragt hätte, ob ich bei den Ärzten Keyboard spielen will. Ich hatte ja Zeit. Bass zu spielen war nicht unter meiner Würde. Ich sagte Bela nur, dass ich über das Angebot nüchtern reflektieren müsse und ihm dann antworten würde. Ich hatte auch eher Bedenken, nur die alten Sachen zu spielen. Nach ihren Solo-Misserfolgen hätten sie ja auch einfach noch mal Kasse machen können. Dann fragte ich sie, ob sie mir mal was Neues vorspielen. Bei Depp Jones hatte ich mitkomponiert. Nur noch fremde Sachen zu reproduzieren fand ich nicht so spannend.

Bela: Ich sagte zu Rod, dass wir jetzt einfach mal zu Jan fahren. Dann gab es ein Meeting, bei dem Jan uns die Demos vorgespielt hat.

Konntet ihr Rod musikalisch überzeugen?

Farin: Musikalisch war es nicht schwer, bei uns rein­zukommen. Wir waren eher nicht gut genug für Rod und konnten ihn nur mit schlechtem Timing überraschen.

Rod: Bei unserem ersten Treffen zu dritt bin ich nach Hamburg zu Jan gefahren, um mir Demos anzuhören. Jan hatte einen Jägerzaun um sein Grundstück. An einer Stelle war der Zaun offen, ich sah das Haus und dachte: Ah, hier ist es. Es hat tierisch geregnet. Deswegen bin ich mit meinem Auto direkt ans Haus gefahren, auf seinen frisch angesäten Rasen. Ich hörte nur seinen Schrei: ›Halt!‹, aber es war zu spät. Sie hatten mich bereits durch das Fenster beobachtet. Meine Reifen haben sich in den frisch gesäten Rasen schön tief eingegraben. Als Jan vor einigen Jahren das Haus ver­kauft hat, waren die Spuren immer noch drin, auch wenn sie überwachsen waren. Ich wollte jedenfalls nicht nur die alten Sachen wie ›Claudia hat ’nen Schäferhund‹ nachspielen. Aber dann hörte ich bei Jan die neuen Sachen und war echt baff. Der erste Song, den sie mir vorspielten, war das Demo von ›Schrei nach Liebe‹. Und da Jans Demos immer ziem­lich sauber ausgearbeitet sind, im Gegensatz zu denen von Bela, bei denen man manchmal kaum die Tonart erkannte, ahnte man bereits, dass ›Schrei nach Liebe‹ ein guter Song ist. Das war nicht mehr das Geplänkel, mit dem ich die Ärzte von ihrer letzten Tournee in Erinnerung hatte. Jetzt war das ’ne richtige Rockband geworden. Geil.

Bela: Jan hatte sich diesen härteren Sound angeeignet. Als ich in den Achtzigern noch Metallica hörte, sagte Jan, dass er diese Scheißmusik nie gut finden wird. Später brachte er sich selber diese ganzen Riffs bei.

Wie entstanden die ersten neuen Songs?

Farin: Es gab diese Demosession bei mir, wo Bela und ich sozusagen die neuen Ärzte entwarfen. Wir haben beide unabhängig voneinander Songs geschrieben. Er im Wohnzimmer, ich im Schlafzimmer. Und uns dann gegenseitig vorgespielt. Wir haben auch Stücke zusammen geschrieben. Da haben wir die Basis für die neuen Ärzte gelegt. Dann kam Rod dazu und hat alles noch verfeinert. Die Freiheit, nachdem wir ›Wenn es Abend wird‹, ›Schrei nach Liebe‹ und ›Mach die Augen zu‹ fertig hatten, war schon spürbar. Da ging es nicht um Erfolg, es fühlte sich nur alles genauso an, wie wir es wollten. Als wir das Material dann Rod vorgespielt hatten, war uns klar, dass das jetzt richtig geil werden könnte. Nicht im Sinne von groß, das war nicht unser Gedanke, sondern von toll. Sodass wir uns hinstellen konnten und sagen: Das sind jetzt die Ärzte.

Bela: Eines Abends war ich mit Jan in Kreuzberg unter­wegs. In einem Hardcore-Punk-Stützpunkt, gegenüber vom SO 36, wo Freunde von mir arbeiteten, spielte die Ham­burger Band Rubbermaids ein Akustikset. Ich meinte zu Jan, dass ich da gerne noch hingehen würde. Jan kam
mit, und es war total geil. Wir kamen zusammen rein in die Kneipe, die Rubbermaids spielten, wir standen zu­sammen am Tresen, Apfelschorle und Bier, und wurden groß angestarrt. Ich weiß noch, das Gagu, der Sänger, uns sah und die ganze Zeit grinste. Der hat das sofort erkannt. Wir tranken aus, haben der Band zugewunken und sind wieder gegangen. Eigentlich wollten wir den Neustart ja geheim halten, aber diesen kleinen öffentlichen Auftritt haben wir zwar spontan, aber ganz bewusst durchgezogen. Wir beide kamen danach aus dem Grinsen nicht mehr raus und freuten uns schon darauf, wenn die Bombe hochgehen würde. Ich denke, so hat aber Hagen von der bevorstehenden Reunion erfahren.

Wie war dann die erste gemeinsame Studioproduk­tion? Wie lief das ab?

Rod: Dass wir zusammen ins Studio gehen würden, war mir erst gar nicht klar. Ich hatte es so verstanden, dass die beiden nur ein paar Gigs spielen wollen, vielleicht zehn Shows oder so. Ich dachte auch erst, dass das nicht so richtig meine Musik ist. Bei den Rainbirds bin ich ja auch so reingeraten, als die einen Gitarristen für sieben Auftritte in Kanada suchten. Aber als ich die neuen Songs hörte, dachte ich, dass das was Geiles werden könnte. Mich beeindruckte, dass die neuen Songs so abwechslungsreich waren. Nach so vielen Jahren beherrschten die zwei schon viele verschiedene Stile. Diese Vielfalt hat mich echt überrascht. Wir sind dann relativ schnell ins Studio gegangen. Hoffmann, der Produzent, hat ein Studio gebucht, vermutlich unter falschem Namen, für eine funky Band mit Bläsern und so. Es waren wirklich sehr wenige Leute eingeweiht. Das war eine Geheimoperation. Im Studio von Conny Plank bei Köln haben wir dann angefangen und in drei Wochen die Basics aufgenommen. Dann ging es zurück nach Berlin ins Preußen-Tonstudio. Die Zeit ging ruckzuck vorbei, weil wir unglaublich schnell waren. Wir hatten vorher kurz geprobt, und zwar sehr konzentriert. Die Stimmung danach war: Das wird total geil. Wir hatten alle Bock darauf.

Bela: Dann gab es ein Treffen mit unserem Noch-Nicht-Manager Axel, bei dem nur Jan und ich waren. Da haben wir unseren Vertrag auf eine Serviette geschrieben. Die­sen Serviettenvertrag gibt es noch, der hängt, glaube ich, im Büro bei Axel hinter Glas. Bei dem Meeting kam ich auch auf die Idee, die Anzeige ›Beste Band der Welt sucht Plattenfirma‹ zu schalten. Axel war davon sofort begeistert. Mein Wunsch war eigentlich, in dieser Anzeige nicht die Ärzte zu nennen, denn ich wollte wissen, wie die Leute auf die ›beste Band der Welt‹ reagieren, so hatten wir uns immerhin vor der Trennung bezeichnet. In der Anzeige stand aber ganz klein ›Die Ärzte‹. Schade. Das hat den Witz natürlich ein wenig geschmälert, aber damit, was dann über uns hereinbrach, hatte niemand von uns gerechnet. Danach waren wir nur noch am Reagieren. In dieser Phase ist so viel passiert. Rod war bei den Rainbirds raus, die ein spiegelglattes ruhiges Meer mit Sonnenuntergang zum Wohlfühlen waren. Danach ist er mit mir und Depp Jones durch alternative Jugendzentren getingelt. Und dann geriet er voll in diesen Irrsinn hinein, womit wir selbst ja auch nicht gerechnet hatten. Wir dachten uns, dass wir noch mal ein Album machen, vielleicht fünfzigtausend davon verkaufen, noch mal auf Tour gehen, und dann war es das. Stattdessen ging es so richtig ab.

Rod: Was bei den Ärzten anders ist als bei vielen anderen Bands, ist, dass Sachen so schnell gehen können. Bei anderen Bands müssen sich alle erst lange in endlosen Prozes­sen irgendwie einfühlen. Das gibt es bei den Ärzten alles nicht: Da macht man es einfach! Die Dinge laufen bei den Ärzten schnell!

Wer kommt am schnellsten vom Start weg? Wer ist der Hase?

Farin: Bela traut sich manchmal Sachen, wo ich denke, das geht nicht! Damals, bei der Anzeige ›Beste Band der Welt sucht Plattenfirma‹, dachte ich das auch, aber nur kurz. Als er die vorschlug, sagte ich dann auch, wie großartig ich das finde. Damit haben wir es wirklich geschafft, den Spieß bei Plattenverträgen komplett umzudrehen.

Rod: Wir sind von der Session im Conny-Plank-Studio in Neunkirchen getrennt nach Berlin gefahren. Jan hat damals in Lüneburg gewohnt, Bela in Hamburg und ich in Berlin. Wir hatten uns an der Autobahnraststätte Garbsen verabredet, bevor alle in verschiedene Richtungen davonfuhren. Da kam Jan auf mich zu und sagte: ›Folgender Vorschlag, wir wollen dich zum festen Band­mitglied machen.‹ – Da hatten wir noch nicht eine einzige Show gespielt. Ich dachte nur: ›Cool‹! – Ich war euphorisch, weil ich wusste, dass das eine geile Platte wird. Ob es erfolgreich wird, konnte man damals noch nicht sagen, aber es hat einfach Bock gemacht, das zu machen. Lange Verhandlungen, wie man den Rod in die Band einsortieren könnte, gab es nicht. Vermutlich haben die beiden sich auf der Fahrt dahin unterhalten, was sie nun mit mir machen.

Bela: Zu dem Zeitpunkt, als ich den Vorschlag mit der Anzeige machte, habe ich tatsächlich etwas größer gedacht. Ich habe eigentlich schon immer etwas größer als Jan gedacht: Bei unserem letzten Studioalbum in den Achtzigern rief mich Jan an und sagte ganz erstaunt, dass wir auf Platz fünf in den Charts sind. Ich erwiderte: Pass auf, wir gehen noch auf Platz eins! Jan meinte: Nö! Und ich sagte: Doch, und wenn wir auf Platz eins gehen, trinkst du einen Schluck Alkohol. Du darfst dir aussuchen, was. Ich behielt recht, und er entschied sich für einen Champagner, über den er mal gelesen hatte. Den Schluck hat er aber gleich wieder ausgespuckt.

Bei den Planungen zu unserem Comebackalbum ahnte ich ab einem gewissen Punkt, dass das das Zeug dazu hatte, total abzugehen. Das wir so einen großen Plattendeal abschließen würden, ahnte ich zwar nicht, aber ich wusste, dass da was geht. Es kamen dann nach der Anzeige ständig Angebote bei unserem Anwalt an: Bam! Bam! Bam! Bam! Bam! Axel und ich trafen uns schließlich mit Heinz Canibol. Der war damals Chef bei der Plattenfirma MCA. Den kannte ich noch von Sony und mochte ihn. Bei der Indizierung damals war er der Einzige gewesen, der mir aufrichtig gesagt hatte, dass er ›Geschwisterliebe‹ nicht hören kann, er habe zwei Töchter. Für ihn sei das ein Horror. Wir einigten uns jedenfalls auf einen Handschlagvertrag, bei einer Flasche Champagner: Alles klar, wir unterschreiben bei euch. Von Jan und Rod hatte ich die Autorität bekommen, für die Band zu sprechen. Eine Woche später kam die Plattenfirma Metronome und bot uns das Fünffache. Dann habe ich Heinz noch mal angerufen und gesagt, als Sprecher der Band weiß ich grad nicht, was wir tun sollen. Heinz war ganz cool und sagte: ›Wenn ich in deiner Band wäre, wüsste ich, wie ich entscheiden müsste. Deshalb ist mir auch klar, dass das Gespräch nicht gut für mich ausgeht. Wir werden uns jetzt ein, zwei Jahre aus dem Weg gehen, und dann werden wir irgendwann wieder ein Bier trinken gehen.‹ Und genauso ist es gekommen. Ein super Typ.

Farin: Wir haben keinen Druck verspürt wegen des vielen Geldes. Diesen ganz einfachen Rückschluss, dass die Erwartungen an uns enorm sein könnten, haben wir tatsächlich nie gezogen. Wir dachten nur, dass diese Idioten uns unfass­bar viel Geld geben. Aber immerhin sind wir die fucking Ärzte. Wenn jemand meint, dass er uns so viel Geld geben muss: Okay! Aber wir ändern uns nicht deswegen.

Bela: Wir haben die neue Dimension erst gar nicht be­griffen. Bei der ersten Tour nach der Reunion haben wir da weitergemacht, wo wir vor der Pause aufgehört hatten. In Hamburg hatte ein Angestellter in einem Plattenladen an der Reeperbahn einfach einen mit Edding handbeschriebenen Zettel hingehängt: ›Ärzte-Tickets hier!‹ Die meldeten sich nach zwanzig Minuten beim Booker, dass es ausverkauft sei. Das war schon so: Boah! Wir waren sehr aufgeregt und haben viel geprobt. Die erste Show war dann in Bielefeld im PC 69. Als Gag hatten wir als Support eine Ärzte-Coverband gebucht. Die gingen dann auf die Bühne, und wir haben uns totgelacht, weil das Publikum ziemlich irritiert war: 24 D-Mark für eine Coverband?!

Deutschland hatte sich in eurer ›Zwischenzeit‹ ziemlich verändert. Nicht nur die Ärzte hatten eine Wiedervereinigung.

Bela: Unsere Trennung war eine Zäsur. Als wir zurückkamen, hatte sich einiges verändert. Da gab es die Wiedervereinigung und zwei Jahre später die Ausschreitungen von Rechtsradikalen überall im Land und besonders in Rostock, wo sich normale Bürger daran beteiligten, ein Asylbewerberheim mit Molotowcocktails zu bewerfen. Da war uns klar, dass wir uns nicht mehr so unpolitisch geben können. Wir haben in den Achtzigern gerne provoziert. Englischer Humor unterhalb der Gürtellinie, was deutsche Vergangenheit angeht: ›Ab 5:45 wird zurückgeschossen‹ und so weiter. Das würden wir heute nicht mehr machen. Ganz am Anfang hatten wir den Song ›Eva Braun‹. In der Punkszene hat man damals noch nicht so genau hinge­guckt, aber da waren auch schon Nazis unterwegs und fanden Anklang bei der aufkommenden Skinheadszene. In manche Punkclubs kamen Leute und haben die ›National-Zeitung‹ verteilt. Wir gingen davon aus, dass alle, die das lesen, sich danach den Arsch damit abwischen und dass man trotzdem zusammen in einer Szene sein kann. Ich war mal mit englischen Soldaten unterwegs zu einem Siouxsie-and-the-Banshees-Konzert, und die haben aus dem Auto heraus ›Sieg Heil‹ geschrien. Natürlich als Provokation. Sid Vicious hat das mit einem Hakenkreuz gemacht. Das war damals so üblich. Bommi Baumann von der Bewegung ›2. Juni‹ war mal in London untergetaucht, rannte dort als Punk rum und trug einen SS-Totenkopfring, bis er von einer jüdischen Holocaust-Überlebenden angesprochen wurde, und reflek­tierte dann erst, dass das so nicht geht. Das war aber damals einfach so. Ich war so total gegen Hippies, gegen diese verlogene 68er-Scheiße, dass mir die Provokation wichtiger war als die verletzten Gefühle. Dabei hatten wir in Spandau die Wiking-Jugend und wussten, wie schlimm das war. Aber man hat nie groß darüber nachgedacht, denn mit diesen ätzenden Typen hatten wir nie was zu tun. Aber als wir mit den Ärzten anfangs ›Eva Braun‹ spielten, fingen Skinheads im Publikum an, den Hitlergruß zu machen. Das hat Jan und mich dann sehr schockiert. Und wir haben beschlossen, das nicht mehr zu spielen.

Rod: Das war eine Zeit, in der viele versucht haben, sich dem Thema Rechtsextremismus textlich zu nähern. Grad auch von dieser Deutschrockseite. Das lief aber meistens sehr ernst und voller Betroffenheit ab. Auf der Punkseite war Rechtsextremismus seit den Achtzigern ein großes Thema. Was in der Breite aber nie groß wahrgenommen wurde. Wenn man gegen Nazis singt vor einem Publikum, das gegen Nazis ist, sorgt das nicht weiter für Aufsehen. Die Ärzte wiederum standen dafür, auch ein großes Teenie­publikum zu erreichen. Ich dachte mir schon, dass so ein Song auf jeden Fall was in den Leuten bewegen würde, sie dazu bringen könnte, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sich Gedanken darüber zu machen, warum in Mölln Asylantenheime brennen. Wenn da jemand Stellung bezieht, dem dieses Publikum vertraut, ist das eine gute Sache. Wenn man also den Leuten klarmachen kann, dass diese extrem rechten Typen Arschlöcher sind. Daran glaubte ich. Wenn ›Schrei nach Liebe‹ allerdings kommerziell kein Hit geworden wäre, wäre das auch egal gewesen.

Farin: Bei unserem ersten Treffen nach der Pause erzählte ich Bela, dass ich an einem Song gegen Nazis sitze, aber mit dem Text nicht weiterkomme, und er antwortete: ›Mensch, so geht’s mir auch!‹ Tatsächlich passte ziemlich viel von dem Song, den ich angefangen hatte, zu seinem Text. Das haben wir dann später vermischt. Er hat meinen Teil gesungen, ich habe seinen Teil gesungen. Daraus ist dann ›Schrei nach Liebe‹ geworden.

Bela: Mit einem Anti-Nazi-Lied bewegst du dich auf ganz dünnem Eis. Denn es ist klar, dass nur der Zeigefinger nichts bringt. Ich schlug vor, dass uns deshalb jemand anderes den Text dafür schreibt, und dachte an Wiglaf Droste. Er war der ätzendste Schreiberling im Musik­journalismus, und wir hatten eine Single zusammen gemacht. Der lehnte aber dankend ab: ›Alter, das mache ich nicht, daran verbrenne ich mir nicht die Finger. Damit machst du dich als Linker nur lächerlich.‹ Dass es um einen Song für die Ärzte geht, habe ich ihm, glaube ich, gar nicht gesagt. Dann hab ich eben ein paar Sätze zu Jans Text dazuaddiert. Nur der Refrain war irgendwie noch nicht cool, und ich sagte: Was ist denn mit ›Arschloch‹? Das haben wir eingebaut. Die Aussage war uns total wichtig, und nebenbei haben wir ein ansonsten sehr lineares Lied rhythmisch noch ein bisschen interessanter gemacht. Wir wollten mit unserem ersten Auftritt nach den Achtzigerjahren klar­machen, dass diese Zeit vorbei ist. Nicht, dass wir uns lossagen von dem Quatsch der Vergangenheit. Aber wir wollten deutlich machen, dass wir uns verändert haben. ›Schrei nach Liebe‹ sollte auch dafür ein Statement sein. Es gab Nazis unter den Ärzte-Fans. Das ›Arschloch‹ in ›Schrei nach Liebe‹ funktioniert deshalb so gut, weil es im Gegensatz steht zu dem eigentlich ganz versöhnlichen Text nach dem Motto: Komm, Junge, wir verstehen dich!
– Aber dann eben auch: Du Arschloch! – Was den verständ­nisvollen Blick sofort wieder bricht. Ich glaube fast, das war der erste Fäkalausdruck, den wir jemals in einem Ärzte-Lied benutzt haben.

Haben die Fans darauf gewartet, dass ihr ihnen die Welt erklärt? War das massenkompatibel?

Farin: Dass der Song ein Hit werden würde, war überhaupt nicht klar. Die Radiosender haben ›Schrei nach Liebe‹ anfangs nicht mit der Zange angefasst. Dann kam Lidia Antonini vom Hessischen Rundfunk und hat einen Rundbrief an ihre Kollegen verfasst, warum ›Schrei nach Liebe‹ gespielt werden müsse. Und danach haben die tat­sächlich begonnen, den Song ins Programm zu nehmen.

Bela: Die Plattenfirma war anfangs nicht glücklich, hat uns aber machen lassen.

Farin: Mit ›Schrei nach Liebe‹ änderte sich zwar nicht die innere Ausrichtung der Band, aber die äußere. Da waren wir auch stolz auf uns. Es war uns einfach klar, dass wir deutlich Stellung beziehen mussten. Wir sind eine deutschsprachige Band, somit war auch klar, dass uns auch Nazis gehört haben. Das wollten wir nicht und mussten deshalb sehr, sehr deutlich werden. Da kamen dann später tatsächlich Briefe, damals gab es ja noch Briefe, von ent­täuschten Nazis: ›Hab mich so gefreut über das neue Lied von den Ärzten, und während ich dazu tanzte, hörte ich zu und merkte: Die singen ja über mich!‹

Bela: Dieses Statement musste sein. Das war eine Instinkthandlung und ist bis heute ein wichtiges Lied für uns. Eigentlich unser wichtigster Song. Definitiv.

Rod: Das hätte keine andere Band so hinbekommen.

Farin: Bis heute finde ich, dass das unser bester Song ist. Wir haben interessante Sachen gemacht, neue Sachen gemacht, aber ›Schrei nach Liebe‹ ist das Lied, an dem ich alles andere von uns messe. Besser waren wir nie.

Der Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1989, ›Die Ärzte – die beste Band der Welt …. (und zwar live!)‹, beginnt mit ›Ouvertüre zum besten Konzert der Welt‹. Wie hart sind diese Superlative erarbeitet?

Rod: Für die Konzerte musste ich mir das bestehende Repertoire der Ärzte für die Konzerte draufschaffen. Es gab von vielen Songs Variationen, es wurden Songs bei Konzerten nicht immer gleich gespielt, denn es wurde viel improvisiert. Da musste ich oft schnell umschalten, so wie beim Fußball. Ich musste mich extrem konzentrieren. Ich habe ja eigentlich nur Bass gespielt und gesungen. Als Bassspieler hätte ich auch einfach im Hintergrund bleiben können, aber ich musste ja auch singen. Das hat alles anstrengender gemacht. Außerdem musste ich mir noch die ganzen Texte merken. Das war relativ einfach, weil sich da ja immer alles reimt. Im Notfall habe ich dann vor mich hin genuschelt. Viel Zeit, eine eigene Bühnenshow zu entwickeln, blieb mir nicht. Ich war einfach froh, dass wir drei das alles vom ersten bis zum letzten Stück ganz gut hingekriegt haben. Zu Beginn bestand ja die Gefahr, dass wir uns da hinstellen, einen neuen Stiefel spielen, das Publikum aber eigentlich nur ›Buddy Hollys Brille‹, ›Teenager Liebe‹ und ›Paul (der Bademeister)‹ hören will. Damit haben wir zwar nicht wirklich gerechnet, aber es hätte dennoch passieren können. Beim ersten Gig im PC69 in Bielefeld waren wir deshalb auch richtig, richtig aufgeregt. Ich hätte mir fast in die Hosen gemacht. Der Laden war eher klein und knallvoll, und ich dachte, dass das alles auch nach hinten losgehen könnte. Den ganzen Tag lang stieg bei mir die Spannung. Die anderen beiden hatten auch Muffensausen. Aber nach dem ersten Stück war klar, dass es läuft. Da waren auch viele Leute, die die Ärzte noch nie gesehen hatten und happy waren, dass die Ärzte überhaupt da sind.

Farin: Was Rod sehr viel Kraft kostet, ist, wenn Bela und ich auf der Bühne Gas geben. Da klinkt er sich dann aus. Das ist einfach nicht seins. Bei den ersten gemeinsamen Touren hat er sich zum Schluss einer Show manchmal einfach irgendwo auf der Bühne hingesetzt und Bier getrun­ken. Er dachte sich: Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig gequatscht habt.

Rod: Die Lockerheit kam bei mir, nachdem ich die Dynamik auf der Bühne verstanden hatte. Wobei der Input vom Publikum völlig neu für mich war. Bei den Bands, in denen ich vorher gespielt hatte, ging das so: Band geht auf die Bühne und spielt ihr Set. Applaus! Applaus! Applaus! Zugabe. Applaus! Applaus! Applaus! Band geht von der Bühne. Fertig! Bei den Ärzten war es aber so: Der eine Mu-
siker beleidigt den anderen Musiker. Der Schlagzeuger kommt nach vorne und beleidigt das Publikum. Der Gitar­rist entleidigt es wieder. Und so weiter. Damit musste ich natürlich erst mal klarkommen. Richtig entspannt waren wir drei erst auf der zweiten Tour. Da war klar, dass es funktioniert, was wir da machen. Aber natürlich kamen ständig neue Ideen dazu: Was können wir noch machen? Oder Shoppingtouren in irgendwelchen Käffern: ›Ich glaube, ich kaufe jetzt einen Trucker-Schal und schmücke damit meinen Verstärker.‹ ›Ah, ich will auch so was haben.‹ Die Band war da schon die ganze Zeit in ihrem eigenen Kosmos. Da wurde viel Quatsch gesponnen, der dann bei Konzerten rausgelassen wurde. Wo andere Bands gesagt haben: Ja, geile Idee, aber nicht machbar, wurde das bei den Ärzten eben einfach gemacht!

Farin: Der große Teil der Bühnenshow ist unfassbar spontan, der geht so weit, dass Texte noch kurz vorm Singen komplett geändert werden, weil man irgendwie eine bessere Idee hat. Und das ist auch manchmal nicht unbedingt tiefsinnig. Wir steigern uns auf der Bühne in irgendwas total Absurdes rein. Von außen betrachtet ist das nicht lustig, aber in dem Moment ist es für uns urkomisch. Ob das für andere nachvollziehbar ist oder nicht, war uns immer egal.

Bela: Es gibt immer wieder diese Momente, wo wir das Publikum verlieren, weil wir zu abgedreht sind, aber dann holen wir es auch immer wieder zurück. Auch deswegen kommen ja die Leute immer wieder. Und wir wissen alle, dass am Ende ›Zu spät‹ kommt. Da wir meistens so um die drei Stunden spielen, kriegen wir eigentlich immer wieder die Kurve. Aber das Publikum hat seinen Job auch zu machen, dafür sind wir ja auch günstiger als andere. Eigentlich soll­ten wir deutlich mehr Geld nehmen für unsere Kon­zerte. Manchmal verfahren wir uns auch einfach mit unseren Scherzen. Es gibt auch bei Konzerten, wie bei Interviews, die Good-Cop-/Bad-Cop-Momente. Einer ist der Quatschkopf und einer der Ernste: Jan sagt dann zum Beispiel zum Abschluss eines Konzertes: ›Macht’s gut! Und esst jeden Tag einen Apfel.‹ Und ich gehe dann von der Bühne und sag: ›Und probiert mal Heroin, das hat ein sehr schlechtes Image, ist aber durchaus versuchenswert.‹ Da gibt’s ne Menge Gesprächsstoff auf dem Nachhauseweg.

Habt Ihr’s auch manchmal übertrieben?

Farin: Es gab mal ein Open-Air-Konzert in Uelzen, da haben wir den Anfang von ›Junge‹ in verschiedenen Ver­sionen gespielt. Wie würde Rammstein das machen? Oder Bushido? Da sagte ich: ›Ich glaube, ihr seht das alle falsch! Bushido ist eigentlich ein ganz ernster Künstler!‹, und sang: ›Fotze! Warum bist du nicht rasiert?‹ Das Pub­likum war wohl auch etwas geschockt: Das hat der jetzt nicht gesungen, oder? Und die beiden anderen nur: Wow! Aber das war danach selbst mir etwas zu hart. Da bin ich vielleicht etwas zu weit gegangen. So etwas passiert dann halt im Fieber. Trotzdem haben wir alle drei danach herz­lich gelacht. Und auch wenn ich mir manchmal denke, dass wir vielleicht zu weit gegangen sind, das gehört eben auch zu uns. Wir wollen unberechenbar bleiben und opfern alles dem Augenblick. Das muss schon so sein.

Rod: Wir sind auch gut in Antiwitzen, also wenn wir auf der Bühne die Erwartungshaltung des Publikums nicht erfüllen. Das machen wir manchmal auch nur, um das Publikum aufzuwecken und es zu irgendeiner Reaktion zu bringen. Das geht natürlich manchmal auch nach hin­ten los, wenn wir dann selber den Faden verlieren und das Thema völlig abdriftet. Auf einmal schaut man da in fragende Gesichter, obwohl die Stimmung kurz vorher noch großartig war. Das ist uns schon ein paarmal passiert. Und wenn dann gar nichts mehr geht und alle verwirrt sind, stampfen ich oder Jan eben mit dem Fuß auf und stimmen das klassische ›HeeeHeeeOhHeeYeah!‹ an, geht immer. Schon haben wir das Publikum zurück.

Bela: Bei ›Schrei nach Liebe‹ wird nix am Text gemacht bei Konzerten. Der Song ist dafür tabu, obwohl es ja nun auch nicht grade ein verkopfter Protestsong ist. Trotzdem ist die Aussage klar, das wird nicht noch weiter ironisiert.

Farin: Es gibt Songs, die sind für mich in Stein gemeißelt, so wie ›Rebell‹. Das ist ein Text, der nah an mir dran ist und etwas sehr Präzises ausdrückt. Bei Texten, bei denen es um, sagen wir mal, kleinere Themen geht, da ist alles erlaubt. Aber bei ›Schrei nach Liebe‹ wären Improvisationen auch einfach fehl am Platz.

Ein Journalist hat Jan mal gefragt: ›Ist Punk ohne Alkohol denkbar?‹ Jan als bekennender Antialkoholiker und Bela und Rod als begeisterte Draufmacher, passt das?

Rod: Wenn wir zu dritt aus waren und getrunken wurde, konnte Jan, ohne zu trinken, seinen Intellekt im Laufe des Abends einfach mit runterfahren. Er war dann zwar nicht blau, aber er hatte eben genug Erfahrung mit Leuten, die saufen. Da konnte man vor sich hin lallen, sich ständig wiederholen, guckt er eben über das Trinken der anderen hinweg.

Farin: Ich bin einfach ein großer Quatschkopf. Wenn die Leute, mit denen ich grad zusammen sein will, doof sind, dann bin ich eben auch doof. Wenn es aber nicht mehr lustig ist, bin ich weg. Ich habe ja die Freiheit, zu machen, was ich will.

Rod: Irgendwann wurde es ihm natürlich immer zu viel. Wenn alle nur noch lallen, wird es für ihn langweilig, dann geht er ins Bett. Aber darüber, dass er solche Sachen so lange mitmacht, habe ich wirklich gestaunt. Er kannte das ja schon von den Punks früher, die immer alle gesoffen haben. Da war er auch oft nüchtern dabei. Wenn er was will oder nicht will, dann macht er das auch.

Planet Punk

Wie kommt ihr auf die Namensideen zu euren Alben, wie einigt ihr euch auf die Titel und das Artwork? Habt ihr da so eine Art kreative Arbeitsteilung?

Farin: Manche Namen für Alben legten wir fest, indem einer was sagte, die anderen kurz nickten, und dann ging es sofort zum nächsten Tagespunkt über. Bei anderen wurde länger gekämpft.

Bela: Bei ›Planet Punk‹ ging es ewig.

Farin: Oh Gott!

Bela: Wir haben Cover gemalt und uns so viele Titel ausgedacht.

Rod: ›Planet Punk‹ ist wohl das schlechteste Cover.

Farin: Aber die Fans sehen das komischerweise anders.

Rod: Es ist das hässlichste T-Shirt, das wir je gemacht haben, aber es hat sich sensationell verkauft.

Bela: Ich fand den Titel auch blöd, weil wir uns damit so angreifbar gemacht haben: ›Wie? Die nennen das jetzt Planet Punk? Auf dem Planeten möchte ich nicht leben.‹ Hat Campino dann auch direkt gesagt. Und recht hatte er.

Farin: Es ist mir so egal, wenn sich die Leute darüber aufregen. Das ist doch keine dogmatische Debatte wert. Ist die Musik geil? Ja? Dann okay!

Rod: Der Titel ›Planet Punk‹ ist im Nachhinein natürlich etwas unglücklich gewählt, weil wir damit eine unnötige Front aufgemacht haben: ›Wie? Ihr seid doch gar keine Punks?‹ ›Ihr seid doch Bravo-Punks!‹ Dabei hatten wir grad für diese Platte so viele Titel zur Auswahl. Ich erinnere mich an diese großen DIN-A-3-Blöcke mit dem schönen Zei-
chenpapier. Die waren voll mit Ideen. Wenn wir viel Warte­zeit hatten, und im Studio ging es ja oft bis spätabends, schnappten wir uns so einen Block und malten Coverideen und schrieben mögliche Titel auf. Davon waren viele sehr absurd. Natürlich war ›Planet Punk‹ eher stumpf, aber wir fanden das geil und wollten das schnell raushauen. Das war die Zeit, wo Bands wie Rancid am Start waren und Punk wieder in aller Munde war.

Farin: Dass wir die Musik, die wir machen, dem Punk zu verdanken haben, kann niemand abstreiten, denn der Punk hat uns sozialisiert. Zwar unterschiedlich, Bela und mich in Berlin, Rod in Hamburg – trotzdem ist der Punk die Musik, die uns drei zum Musizieren gebracht hat. Ich habe vorher Gitarre gespielt, aber Musiker wurde ich durch Punk. Das kann einem auch keiner wegnehmen, der sagt: ›Du hast zu viel Geld! Deshalb kann es ja kein Punkrock sein.‹

Ist Kommerz das Gegenteil von Punk?

Rod: Wenn über eine halbe Millionen Platten verkauft sind, kann es nicht mehr Punk sein. Nicht wirklich. Wir hatten ja auch zu Recht nicht diese Punkthemen, die so wichtig waren, zu bieten: Saufen, Scheißstaat, Scheißbullen, Scheiß­nazis, Scheiß-Kohl und so weiter. Punk waren wir nur in unserer ›Wir machen, was wir wollen‹-Haltung. Wir hatten keine Grenzen. Mehr Punk gab es bei uns nicht. Gut, Jan fing dann auch an, sich die Haare zu färben. Und Bela dann ja auch. Alles von grün bis rot. Aber was war denn bitte daran Punk, wenn Green Day mit grünen Haaren bei MTV Awards spielen? Jedenfalls wollten wir nicht zur damaligen Punk-Retro-Welle gehören.

Farin: Punk ist Freiheit. Und diese Freiheit, behaupte ich mal, nutzen wir auch bei unseren Erfolgen mehr als die meisten anderen Bands. Deswegen sage ich immer noch: I feel like a punk. Natürlich bin ich jetzt viel zu alt, aber ich stelle mich auch nicht hin und sage: Ich möchte Teil einer Punkerbewegung sein. – Nein! Ich bin Teil einer Seniorenbewegung, wenn überhaupt.

unplugged:

Die ›Rock ’n’ Roll Realschule‹ ist eine sechsstündige Aufnahmesession für die MTV-Konzertserie ›Unplugged‹. War das ein kalkulierter Schritt auf der Erfolgsleiter?

Farin: Jede andere Band, die ein erfolgreiches Album hat, sagt sich zum nächsten Album, dass sie das jetzt einfach noch mal macht. Die Beatles sind unter anderem so un­fassbar groß, weil die sich nie ausgeruht haben und immer wieder etwas Neues ausprobiert haben. Ich will uns nicht mit den Beatles vergleichen, aber ausgeruht haben wir uns auch nie.

Bela: Ich will uns mit den Beatles auch nicht vergleichen! Als die Anfrage zu ›Unplugged‹ kam, haben wir darüber gesprochen. So richtig geil fanden wir es nicht. Wir wurden von MTV nie gut behandelt, deshalb gab es auch keinen Grund, denen einen Gefallen zu tun. Zu unserem ersten MTV-Auftritt wurden wir nach London eingeflogen und behandelt wie der letzte Dreck. Ray Cokes hat uns inter­viewt und war total angewidert. Seine Kollegin Davina war cool, die hat als Einzige geschnallt, dass wir ›Funny Germans‹ sind. Von den Redakteuren wurden wir eher belächelt. Aber irgendwann waren wir zu erfolgreich, um ignoriert zu werden. Aber wir hatten mal ’ne Pause nötig und beschlossen, es zu machen. Und uncool war ›Unplugged‹ damals noch nicht. Unterbewusst ging es wohl auch darum: Achtung, Leute, wir sind zwar die Kumpel­band, die man auf der Straße ansprechen kann, aber wir sind auch in der ›Unplugged‹-Liga.

Farin: Uns war besonders wichtig, dass uns ein richtig cooler Venue einfällt. Nur dann wollten wir es machen. Lange war ein Atomkraftwerk im Gespräch. Das wäre schön absurd geworden, und die Vorbereitungen waren weit gediehen, als die Crew sagte: Nein! Die Akustik sei doof, und für das Publikum sei ein Atomkraftwerk auch nicht ideal. Aber die Idee mit der Schule war geil.

Bela: Im Nachhinein war es ganz schön krass, was MTV versucht hat, uns da reinzureden. Es gab eine lange Liste an Verboten.

Farin: Man durfte nur sitzen! Das war das Wichtigste.

Rod: Und nichts Elektronisches wie ein Keyboard durfte auf der Bühne stehen.

Natürlich haben wir uns dann überlegt, wie man das alles umgehen kann.

Farin: Welche Songs wir da aufführen, haben wir nach Schnauze entschieden. Eine Mischung aus: ›Was bietet sich zum Arrangement mit Orchestern an‹ und ›Worauf haben wir Bock‹. Klar war nur, dass es kein Best-of sein sollte. Es sind ein paar Hits dabei, aber auch einige Songs, die die Leute nicht erwartet haben. Manche Songs haben von der Bearbeitung extrem profitiert.

Rod: Der Musiklehrer der Schule, Jochen Arp, wollte aus pädagogischen Gründen nicht das A-Orchester nehmen. Die Kinder, die dann stattdessen da waren, haben aber mit voller Inbrunst gespielt, und das sieht man ja auch.

Farin: Die waren toll. Haben aber auch ganz schnell den Respekt verloren. Ab dem zweiten Tag kamen die flapsigen Sprüche, was ja gut war. Das war dann so Kumpelbasis.

Bela: Ich habe ja nicht weit entfernt von der Schule gewohnt, was schon etwas genervt hat. Irgendwann haben die Schüler eben auch bei mir geklingelt, um für ihren Abi-Abschluss einen Film für ihren Lehrer mit mir zu machen.

Und die Schule hatte den nettesten Hausmeister aller Zeiten, der viel für uns getan hat. Und wir haben viele Hausmeister-Arschlöcher erlebt.

Farin: Moment, Moment! Du vergisst den aus der Halle in Unna. Der war der einzige Grund, weshalb alle unsere Konzerte in den frühen Achtzigerjahren in Unna begonnen haben. Der war auch legendär! Das hat vor allem die Crew mitgekriegt. Der Mann ist bis heute eine Legende.

Bela: Der Typ im Albert-Schweitzer-Gymnasium hatte dann später als einziger Hausmeister einer Schule weltweit eine Goldene Platte in seiner Hausmeisterloge hängen. Ich habe den später noch mal besucht – sah super aus.

Rod: Am Ende haben sie die Sendung fünfhundertmal in zwei Jahren gesendet. Was mich auch sehr gefreut hat, war, dass Hartmut Engler von Pur sehr wütend war, dass nicht er gefragt wurde, sondern die Scheiß-Ärzte.

Bela: Die Erstausstrahlung hatte dann mehr Zuschauer als die MTV Awards. Ätzend war aber, dass wir die gesamte Produktion, also Kameras, Licht, Mischung, Schnitt, was weiß ich, selber zahlen mussten, alle Kosten lagen bei uns und MTV war sogar noch mit 50 Prozent an den Ton­trägereinnahmen beteiligt. Das hat mich sehr genervt.

Hat ›Unplugged‹ euch zu ›richtigen‹ Musikern gemacht?

Farin: Der interessante Nebeneffekt war, aus marktstrategischer Sicht betrachtet, dass uns durch ›Unplugged‹ viele Leute entdeckt haben, denen wir
vorher zu wild und schrammelig waren. Also Leute, die dachten: ›Oh, die Ärzte können ja spielen.‹ Da waren
einige doch verdutzt.

Bela: Rückblickend hat uns das definitiv einen Schritt weitergebracht.

Eure ironisch-provokanten Texte führten dazu, dass ihr in den 1980ern nach eigener Aussage die meist­indizierte Band der Welt wart. Was ist das – der ­typische Ärzte-Humor?

Farin: Die Band als solche ist ein großer Witz! Trotzdem nehmen wir sie total ernst. Dieses Dilemma ist schwer zu vermitteln.

Bela: Witzig ist etwas nur nicht mehr, wenn die anderen beiden nicht lachen und das doof finden.

Rod: Auch der Ärzte-Humor hat Grenzen. Wir verletzen keine Leute, das ist indiskutabel. Allerdings geht auch sehr viel. So eine gewisse Stumpfheit ist auch wichtig: Ficken? Hö! Hö! Andererseits hat unser Witz nichts mit dem Humorverständnis von Leuten wie Mario Barth zu tun, eher Zucker, Abrahams & Zucker. Unser Humor kommt eher aus den absurden Ecken. Und zwar so absurd, dass die Leute sagen, das können nur Die Ärzte sein.

Bela: Rod und ich treffen uns, was den Humor angeht, auf einer Ebene der Geschmacklosigkeiten. Das ist eine Form von Humor, die Jan nicht besonders mag und auch eher ablehnt. Jan und ich laufen dafür mehr bei Absurditäten auf einer Ebene, was Rod wiederum manchmal nicht versteht: ›Ja, das mag ja absurd sein, aber ist das nicht ein bisschen um die Ecke gedacht?‹ – Wir finden das aber super, grade wenn es keiner versteht oder merkt. Ein Beispiel ist unser Album von 2002. Da waren wir bei unserem Produzenten in Spanien und saßen alle zusammen beim Essen an einer langen Tafel. Die Platte war fertig, und wir waren am Mischen. Das Management saß dabei und stellte fest, dass wir noch keinen Albumtitel hätten. Jan saß an einem Ende des langen Tisches und ich am anderen. Dann ging es darum, wer das Essen bezahlt, und Jan rief: ›Runter mit den Spendierhosen!‹ Und ich rief zurück, ob das nicht ein Albumtitel wäre. Jan fand das aber noch nicht gut, ihm fehlte noch etwas, irgendwas Mystisches. ›Frankenstein?‹, sagte ich. ›Nein‹, fand Jan. Dann ging es hin und her, die gesamte Monsterpalette rauf und runter, und am Ende haben wir uns auf ›Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer‹ geeinigt. Daraufhin haben wir beide Tränen gelacht. Nur wir beide, wohlgemerkt, an einem Tisch von fünfzehn Leuten. Wir konnten nicht mehr bei der Vorstellung, dass ein Album, das so heißt, in die Top Ten der Charts kommt. Mit der Platzierung hatten wir schon gerechnet. Wir haben bei der bloßen Vorstellung Tränen vergossen, dass da zwischen Scooter, Nena oder Howie eine Ärzte-Platte mit dem Namen ›Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer‹ steht. Dann ging das Album tatsächlich auf Nummer eins.

Farin: So ein Album wie ›Le Frisur‹ macht außer uns auch keiner. Du machst als Band nicht zwei Top-Ten-Alben und kommst danach mit einem Album wie
›Le Frisur‹. Wir haben ›Le Frisur‹ viel zu früh rausgebracht, marketingmäßig eine einzige Katastrophe, aber wir mussten es halt machen, weil wir es lustig fanden. Wir fordern unser Umfeld sehr: Man muss echt schnell sein bei uns.

Gibt es noch andere Zutaten außer Tempo?

Bela: Wichtig für unseren Humor ist, dass noch Melancholie und Tragik eine Rolle spielen. Tragik ist viel wirksamer, wenn sie mit Humor kombiniert wird und umgekehrt. So wie beim jüdischen Humor, der genau deshalb so gut ist. Es gilt, dass es nichts gibt, was man nicht weg- oder schönlachen kann. Gut, ein paarmal bin ich an Grenzen gestoßen, aber nicht zu oft. In den meisten unserer Songs gibt es bei ernsten Themen einen humorvollen Twist und bei lustigen Themen einen ernsten. Humor ist auch immer ein Vehikel, um den Kopf zu öffnen.

Bela: Wir haben mal die Village People als Support gebucht, weil wir es lustig fanden, aber auch aus Respekt vor der Institution Village People. Pur hätten wir nicht gebucht. Die Village People sind schon das Unwahrscheinlichste, was man sich als Support buchen kann. Als Gag hätte man natürlich auch diese Village-People-Coverband aus England buchen können, die hätte nur 5000 Pfund gekostet. Die echten Village People haben dagegen 35 000 Pfund pro Show gekostet, plus Hotel und 1.-Klasse-Flug. Aber das hat sich gelohnt, denn dadurch wurde es erst zu einer unwahrscheinlichen Geschichte. Unser Management, Booker und viele andere haben noch versucht, uns das auszureden: ›Tut es nicht! Ihr verschenkt einfach wahnsinnig viel Geld.‹ Aber das war von unserer Warte aus eben nicht verschenkt. Das letzte Mal, als wir dann drei Mal Waldbühne gespielt haben, sagten wir uns, dass wir das mit den Village People als Support nicht mehr toppen können. Da hatte Jan eine Idee und sagte: Doch, wir können es toppen, wir buchen Slayer! Wir hatten bereits Kontakt aufgenommen. Slayer waren teuer. Sie sollten dann immerhin bei einem der drei Gigs Support spielen, für 70 000 Euro. Aber dann kam plötzlich doch ihre Absage. Vermutlich haben die sich über uns informiert, Ärzte-Videos gesehen und abgelehnt. Fanden sie wohl nicht lustig. Ganz ehrlich? Ich bin Slayer-Fan, Jan und Rod auch – das wäre schon eine seltsame Geschichte gewesen. Wir waren etwas erleichtert. Stattdessen hätte ich dann gerne eine norwegische Black-Metal-Band genommen, aber bei dieser Art von Musik endet Jans Verständnis. Dabei sollen angeblich einige von denen auch Humor haben.

Farin: Bei dem Ankündigungsvideo für unseren Auftritt bei Rock am Ring stehen wir in einem Dixi-Klo. Welche andere Band würde das machen? Dafür liebe ich uns! Wir tun nicht nur so, als ob wir gewisse Dinge nicht ernst nehmen, sondern wir nehmen sie wirklich nicht ernst.
Uns selber auf ein Podest stellen? Nein! Wir sind die Beste Band der Welt, aber unterlaufen das ständig.

Wir geht ihr humormäßig miteinander um?

Bela: Zu seiner Einbürgerung haben wir Rod ein besonderes Geschenk gemacht. Wir haben ihm die Augen verbunden und ihn in einen Raum geführt.

Farin: Das war in einem Hotel, weil wir auf Tour waren.

Bela: Da stand dann ein kleines Orchester, so 15 Leute ungefähr.

Farin: Eine Blaskapelle.

Bela: Und die haben dem blinden Rod die deutsche Nationalhymne vorgespielt. Er konnte nicht mehr vor Lachen.

Farin: Und als er auf sein Hotelzimmer kam, war sein Bett mit der Nationalflagge bezogen. Schön in Schwarz-Rot-Gold. Das musste leider sein.

Bela: Ganz am Anfang der Ärzte, als wir anfingen, professionell auf Tour zu gehen, haben wir mal in Münster ein paar Tage geprobt und gespielt. Da spazierte ich dann abends mal mit Jan durch die Straßen, als wir eine Party hörten und beschlossen, da einfach reinzugehen. Die haben natürlich alle geguckt, weil wir schon durch die Bravo bekannt waren. Das habe ich später in den Neunzigern noch mal mit Heike Makatsch wiederholt. Die hatte ich in Hamburg getroffen, wir hatten eine Single für einen ihrer Filme zusammen gemacht. Jedenfalls wollte ich sie abends zum Taxistand bringen, und auf dem Weg dahin haben wir Lärm von einer Studentenparty gehört. Ich hab sie überredet, spontan reinzuschauen, und dann standen da Bela B und Heike Makatsch in der Tür, und die Leute haben es nicht begriffen. Wir sind einfach rein, haben uns Drinks aus der Küche geholt und sind auf den Balkon gegangen. Alle haben uns angestarrt, und es war zu lustig.

Farin: Wir sind ja für deutsche Verhältnisse irgendwann zu den Sternen abgehoben. Aber dann standen wir auf diesem Olymp und haben einfach nur gelacht. Es gibt ja erstaunlich viele Künstler, die eines Tages Respekt vor der eigenen Wichtigkeit bekommen. Um Himmels willen! Wenn es einen Gott gibt, bewahre er mich bitte davor. Ich bin ja diese Flitzpiepe, die nicht mal richtig Gitarre spielen kann. Das ist einfach geil. Ich möchte mich bis zu meinem Tod über mich selber lustig machen können.

Trash

Gibt es eine rote Linie, die ihr alle achtet?

Farin: Die Grenze, was zu viel des Guten ist, verläuft bei uns individuell sehr verschieden.

Rod: ›Scheißende Teenies‹ war wohl eine Grenze, wie wir im Tourbus mal erfahren haben.

Farin: So etwas findet in meiner Welt einfach nicht statt. Da wach ich so auf im Bus, und die beiden sitzen da, gucken so einen Film namens ›Scheißende Teenies‹. Nichts für mich.

Bela: Nee, die Geschichte ist anders. Mir hatte damals ein Freund aus Hamburg, der einen Laden namens House of Horror hatte und wusste, dass wir auf Tour gehen wollen, eine Art Care-Paket geschenkt. Da war das drin.

Farin: Kamen da auch die Seniorendinger her?

Bela: Nein, die habe ich extra gekauft.

Farin: Das war auch eklig.

Bela: Solche Sachen findet man in Pornoläden immer als Sonderangebot.

Rod: ›Opas Spritzparade‹, ›Po-King in Peking‹ etc.

Bela: Und eben ›Scheißende Teenies‹. Der ist aber legendär als erster deutscher Scheiße-Porno-Movie. Im Film ist dann so ein Typ, so ein Spargel mit Fusselbart. Dann kommen zwei so fünfzigjährige Frauen mit Perücken – ›Teenies‹ – und kacken auf den. So weit, so gut.

Rod: Wir haben ihn aber auch nicht ganz durchgeguckt.

Bela: Im Tourbus habe ich unseren Security-Leiter dazugeholt und den technischen Leiter. Der setzte sich hin, sagte ›Na, dann zeig mal!‹ und schaute zwanzig Minuten stumm zu. Für mich war das unerträglich. Plötzlich zeigt er auf den Fusselbart und sagt: ›Den kenne ich doch!‹ Das war der Hausmeister eines bekannten deutschen Clubs, in dem wir mit den Ärzten schon total oft gespielt haben. Später sagte der Security-Mann noch zu mir: Morgen treffe ich meine Freundin, und wenn ich da keinen hochkriege, komm ich auf dein Zimmer und hau dir eine rein.

In den Achtzigern auf unseren ersten Tourneen mit Hagen fing das alles an, da haben wir mal in Münster drei Tage für eine Tour geprobt. Aber außerhalb der Proben war uns teilweise wirklich langweilig. Deshalb sind wir in einen Sexshop gegangen, um einzukaufen. Da hatte ich die Idee, dass wir uns aufblasbare Puppen kaufen und beim Konzert zu den Zugaben mit den Puppen auf die Bühne gehen. Also haben wir uns drei aufblasbare Sexpuppen besorgt. Meine hieß Wonder Wanda, die hatte einen Superheldenanzug an. Bei zwei, drei Konzerten sind wir dann mit den Puppen auf die Bühne gekommen, bis Hagen eines Tages sagte: ›Bela, bitte, ich habe keinen Bock mehr auf die Sexpuppe.‹ Und Jan fand es auch nicht geil. Okay. Ich hab dann mit Wonder Wanda in jedem Hotel eingecheckt. Sie saß auch im Bus neben mir, und wenn ein Auto neben uns fuhr, hab ich sie rauswinken lassen. Je angewiderter Jan und Hagen waren, desto lieber hatte ich meine Wanda.

Ihr geht euch mit euren Witzen gegenseitig auf die Nerven?

Farin: Damit man die Entwicklung dieser Band verstehen kann, sollte man Folgendes wissen: Wir hatten in den Achtzigern bei Konzerten folgende Vorgehensweise: Das waren ja Venues mit nicht so schönen Backstage-Bereichen. Wir kamen dort also an, haben den Soundcheck gemacht. Sind zurück ins Hotel gefahren. Dann sind wir so zehn Minuten vor Beginn direkt mit dem Tourbus vom Hotel zum Venue gefahren und dann sofort auf die Bühne gegangen. Und auf dem Weg vom Hotel zum Venue haben wir immer Pornos geguckt. Pornos im Sinne von: Relativ gut aussehende Menschen machen halt irgendwas miteinander. Wir sind dann immer ganz leicht angegeilt auf die Bühne gegangen. Man konnte den leuchtenden Bildschirm durch die verdunkelten Bandbusscheiben drau­ßen sehen. Wenn wir an Fans vorbeigefahren sind, gab es schon einiges Erstaunen.

Bela: Meine Aufgabe war es, die Filme, die wir im Tourbus schauen, auszusuchen und für den Bus zu kopieren. Das waren fünfzig Prozent Action und Horror und fünfzig Prozent Porno. Im Studio haben wir früher viele Actionfilme angeschaut. Viel Schwarzenegger. Eigentlich überwiegend Schwarzenegger, Stallone war irgendwie nichts für uns. Den grandiosen Schwarzenegger-Film ›Phantom-Kommando‹ haben wir dann auch in ›Radio brennt‹ versampelt. Aus den Filmen, die wir damals so gesehen haben, haben wir auch viel rausgesampelt, also in den Computer kopiert.

Farin: In den Neunzigern wurden die Pornofilme immer widerwärtiger, ekliger und abstoßender. Und je widerwärtiger, ekliger und abstoßender die waren, desto besser gefielen sie den anderen beiden. Die haben dann zu zweit geguckt, und ich habe in der Zeit Nietzsche gelesen oder so und hörte immer wieder Sätze wie ›Boah, ist die hässlich‹, und manchmal habe ich neugierig doch mal schnell hingeschaut und sah dann zwei Leute mit Warzen, die irgendwo hingeschissen haben. Ich dachte immer nur: Ich will nicht mehr leben!

Bela: Bei ›Jazz ist anders‹ waren wir angehalten, Inhalte für die Online-Seite zu liefern. Zum Beispiel habe ich eine
Digi-Camera ans Becken gehängt und mich beim Schlag­zeugspielen gefilmt. Aber unser Webmaster wollte immer mehr ›Content‹. Ich war irgendwann total genervt von diesem ›Content‹. Dann habe ich auf einer brasilianischen Pornoseite ›Vomit Slaves‹, einen Film von zwei Frauen, die sich gehauen und gegenseitig in den Mund gekotzt haben, kopiert und ihm geschickt. Und er hat das unbesehen auf die Website gestellt. Das Ding war ungefähr eine halbe Stunde online, bis er seinen Fehler bemerkte. Fand er gar nicht lustig. Das ist eine Form von Humor, die Jan nicht versteht und auch nicht verstehen möchte. Aber das ist okay!

Wer findet bei euch welche Musik gut?

Rod: Als wir mitten in den Sessions zur ›Bestie in Men­schengestalt‹ mal gemeinsam im Auto saßen und nach Neuenkirchen gefahren sind, begann ich ›Felicità‹ zu singen, und die anderen zwei stimmten mit ein. Das war für uns drei eine Art Schlüsselmoment. Denn damals beschnupperten wir uns ja noch und mussten uns alle neu orientieren. Da haben sie wohl kapiert: Der Typ hat auch die Pfanne heiß, der ist so ein Spinner wie wir.

Farin: Ich wäre fast mal wegen meines Musikgeschmacks aus der Band geflogen. Da saßen wir in einem Taxi auf
dem Weg zum nächsten Promo-Termin, und im Radio lief ›No Scrubs‹ von TLC, und ich sang spontan mit. Die ande­ren beiden waren fassungslos. Ich sagte, dass das doch ein geiler Song sei. Und die sagten: Okay, wir schmeißen ihn raus.

Bela: Das erinnert Jan völlig falsch. Es stimmt nicht, dass ich TLC nicht mag. Das erste TLC-Album hatte ich auch. Und den Song ›Waterfalls‹ finde ich nach wie vor gut. Jan kokettiert ein bisschen mit seiner Opferrolle. Als ich dann allerdings mal in Graz backstage laut Black Metal hörte, was ich eine Zeit lang echt gut fand, fragte Jan mich, ob ich für den Rest meines Lebens nur Scheiße hören will.

Farin: Ich stehe zu allem, was ich höre. Gerade was Musikgeschmäcker angeht, kann man gar nicht breit genug aufgestellt sein. Der Mann, der am meisten Musik kennt, ist mit riesigem Abstand Bela. Der kennt Platten, die die Künstler, die sie aufgenommen haben, selber nicht kennen. Ich geh gerne in die Tiefe bei den Sachen, sowohl in der Musik als in der Literatur. Von den Künstlern, die ich mag, habe ich dann meist alles.

Bela: Wenn Jan etwas mag, steigt er voll ein. Bei Konzer­ten von Künstlern oder Bands, die er verehrt, steht er dann auch schon mal in der ersten Reihe und singt mit.

Farin: Und Rod ist so eine Mischung aus uns. Der hat auch sehr viel Ahnung, ist aber ein Eklektiker. Wenn er was gut findet, kennt er sich echt aus. Ich bin das Popschwein. Wenn was erfolgreich ist, mag ich es wahrscheinlich. Ich habe mir tatsächlich ›Gangnam Style‹ gekauft: Hey, ich finde den Song gut. Die anderen beiden waren geschockt: Alter! Bist du bescheuert?

Bela: Bei den Beatles bin ich ja in der Band – und fast überall sonst auch – Außenseiter, weil ich sie nicht mag. Auf die kann sich ja sonst fast jeder einigen. Rodrigo ist ein Riesen-Beatles-Fan. Jan hat mir zum Geburtstag sogar mal eine Holzbox mit allen Beatles-CDs geschenkt. Von der wische ich regelmäßig den Staub ab. Mir macht es allerdings auch Spaß, da eine Gegenposition zu haben. Als Heranwachsender, der sich für Glamrock von Sweet oder Slade interessierte, war es nervend, von älteren Leuten belächelt zu werden. Und immer die Beatles als Nonplusultra vorgehalten zu bekommen. Das ist so, als wenn einem Leute sagen: ›Das ist doch keine Musik, Junge, hör dir mal lieber Klassik an.‹ Die Beatles waren für mich ein Synonym für ›Alles andere ist doch Scheiße‹. Natürlich ist es Blödsinn, die Beatles abzulehnen, weil die nicht nur großartige Songwriter waren, sondern auch okaye Typen. Und John Lennon war ein härterer Rocker als die gesamten Rolling Stones zusammen. Aber es gibt Momente im Bandbus, wo Jan und Rodrigo anfangen, Beatles-Songs zu singen, und ich dann nach hinten in den Bus fliehe und mir Kopfhörer aufsetze.

Farin: Rod hat mal ein Interview mit dem Sänger einer Band gelesen und fand den total unsympathisch. Daraufhin hat er das Album der Band illegal runtergeladen und dann sofort gelöscht. Das ist Verachtung. Ich ignoriere Sachen, die ich nicht gut finde, einfach. Das ist die größte Strafe, die ich mir vorstellen kann.
 

ENGLISCHE PLATTE

Die englische Platte war bisher im Giftschrank. Wie kam es zu diesem ungeliebten Kind?

Rod: Eine Idee war, dass wir auch mal im Ausland spielen wollten. Wir hatten gesehen, dass die Hosen ein englisches Album gemacht hatten und in England oder Argentinien aufgetreten sind. Da waren wir ein bisschen neidisch. Was wir nicht wussten, war, wie defizitär diese Gigs waren. Wir wollten es trotzdem versuchen und fanden die Idee einfach cool. Wir meinten auch, dass wir genug geile Songs hatten, die wir mal auf Englisch rausbringen könnten, um über einen internationalen Release nachzudenken.

Bela: Wir sind alle drei der Meinung, dass unsere Band ein perfekt funktionierender Kosmos ist. Dazu gehört auch der Umgang mit der deutschen Sprache. Wir haben Vorbilder von Wilhelm Busch bis zu den Comedian Har­monists. Das funktioniert gut, daher gab es nie das drin­gende Bedürfnis, unbedingt Englisch zu singen. Wir wollen verstanden werden. Es ist ja schwierig genug, sich in Deutschland zu positionieren. Was wir machen, ist eher von angloamerikanischer Musik inspiriert. Rock & Roll, Pop, DooWop etc. Aber wir machen das alles eben auf Deutsch, und wir waren damit sehr erfolgreich. Die Touren wurden immer größer, und bei mir war irgendwann der Wunsch da, auch mal im Ausland zu spielen. Ich denke, das war mehr mein Traum als der von den anderen beiden. Für den ›Barb Wire‹-Soundtrack haben wir dann den ›Schunder-Song‹ in ›Love Hurts‹ eingeenglischt. Der wurde aber nicht genommen. Zu der Zeit habe ich dann noch einen von Social Distortion inspirierten Song geschrieben, der nur auf Englisch funktionierte. Irgendwann waren dann ein paar mehr englische Songs da. Und dann gab es das Angebot, dass wir in Deutschland unentgeltlich bei der Vans Warped Tour spielen könnten. Als Gegenleistung sollten wir auch in den USA mit auf Tour gehen. Darüber haben wir ernsthaft nachgedacht. Aber dafür mussten oder besser wollten wir auch ein englisches Album haben. Wir haben dann zu den Songs, die wir eh hatten, noch ein paar von ›Planet Punk‹ und ›Le Frisur‹ genommen und auf Englisch umgetextet. Am Ende hatten wir zehn englische Songs. Rods spanisches Lied wollten wir so belassen, und ›Schrei nach Liebe‹ sollte mit deutschem Text auf die Platte kommen.

Farin: Es war schon klar, dass wir nicht einfach Ärzte-Texte ins Englische übersetzen können. Das waren eigen­ständige englische Texte. Aber leider waren die nicht gut. Was uns von anderen deutschsprachigen Bands unterscheidet, ist eine gewisse Feinheit in den Texten. Ich behaupte mal, dass ich gut Englisch spreche, aber ich müsste viel basteln, um das hinzukriegen, was unsere Texte auf Deutsch ausmacht. Und deshalb lasse ich es lieber. Wir haben die Platte dann ja auch unter Verschluss gehal­ten. Denn Qualitätskontrolle ist wichtig. Wenn ich versuche, lustig zu sein, aber es nicht lustig ist, dann soll es auch nicht veröffentlicht werden.

Rod: Ein Amerikaner kontrollierte die übersetzten Texte. Wir probierten ein paar neue Songs und einige alte: ›Schrei nach Liebe‹ wurde zu ›Cry for Love‹, aber wir haben es dann Deutsch belassen, weil nach dem ersten Take schon nichts rüberkam. Von dem Album gab es sechs Kopien auf gebrannten CDs.

Bela: Dann war die englische Platte fertig, und wir haben sie zusammen angehört. Und ich meine mich zu erinnern, dass Rod zuerst sagte, dass das nicht die Ärzte sind. Dass alles, was die Ärzte ausmacht, da nicht vermittelt wird. Und Jan sagte sofort, als hätte er nur darauf gewartet,
dass er das genauso sieht. Damit war ich schon überstimmt. Aber bei Jan war das Interesse, im Ausland zu spielen, sowieso nie groß, weil er ohnehin immer in seiner Freizeit die Welt bereist.

Welche Konsequenz habt ihr gezogen?

Rod: Wir haben alle drei schnell gemerkt, dass das nichts wird. Dem Mann von der Plattenfirma hat es auch überhaupt nicht gefallen, wobei der vermutlich vor allem an die Kosten und die Rechtfertigungen vor den Kollegen im Ausland gedacht hat. Als ich das Resultat hörte, war ich jedenfalls entsetzt, wie flach das klang. Das Original war irgendwie geiler. Da fehlte komplett eine Ebene, die Raffinesse der Texte. Der Wortwitz war weg. Es war zwar alles grammatikalisch richtig und auch manchmal ganz witzig, aber auch das Absurde war raus. Es war also nicht das, wofür diese Band steht. Und nur als musikalisches Statement war mir das irgendwie zu wenig. Das kackte komplett ab gegenüber internationalen Bands. Im Vergleich zu internationalen Bands klangen wir nur noch wie Ober­schüler, die mal englische Texte machen. Wir haben das Projekt dann gemeinsam begraben. Vermutlich haben sie bei der Plattenfirma gedacht: Hurra, keine Toursupports blechen!

Meine CD von damals habe ich immer noch. Die wurde gehütet wie der Heilige Gral. Eigentlich hätte ich die in den Safe packen müssen.

Farin: Wir fanden das Resultat scheiße, und dann war es auch schon wieder vorbei mit der englischen Platte.

Bela: Ich sah das nicht so wie die beiden. Ich habe die CD tatsächlich öfter zu Hause gehört. Ich mochte unsere englische Platte total und hätte sie gerne rausgebracht.

PRIVATLEBEN

Fragen zum Privatleben beantwortet ihr nicht. Wann seid ihr euch darüber klargeworden, dass ihr euch gegen die Öffentlichkeit abgrenzen wollt?

Bela: Als wir anfingen, hieß es, dass wir eine Homestory für die Bravo machen müssen. Jan und ich haben damals zusammengewohnt und machten aus Unerfah­renheit mit. Auch Hans hat seine Wohnung gezeigt. Lustig daran war, dass ich zu dem Zeitpunkt noch nie bei Hans in der Wohnung gewesen war und erst in der Bravo gesehen habe, wie er privat wohnt. Wir haben uns halt immer nur im Proberaum getroffen und waren irgendwie nie wirklich befreundet. Als die Bravo dann wieder eine Homestory machen wollte, sagte ich, dass ich das nicht mehr will. Die anderen beiden hielten es aber für wichtig. Der Kompromiss war dann, dass ich irgendwelchen Mist erzähle. Wir haben ohnehin immer unglaublichen Quatsch in Interviews erzählt. Wir ha­ben uns zum Beispiel einen klassischen Komponisten ausgedacht, den wir immer wieder als unseren Lieblingskomponisten genannt haben. Oder wir haben einfach behauptet, im Proberaum der Band zu wohnen. Im End­effekt hatte das einen größeren Effekt als die richtigen Wohnungen der beiden anderen. Danach haben mir viele Leute ein Zimmer bei sich angeboten.

Farin: Es war gar nicht so schwierig, unser Privatleben abzuschirmen. Wenn Bela eine Homestory mit der Bravo gemacht hat, hat er eben irgendeinen Ort dafür genommen, den Übungsraum oder so. Da sagte er dann: ›Hier wohne ich!‹ Ich habe einmal tatsächlich mein Zimmer gezeigt. Danach habe ich verstanden, wie das funktioniert, und habe das nie wieder gemacht. Man lernt ja dazu. Dass die Branche ein einziges Haifischbecken ist, wusste ich damals noch nicht. Aber das haben wir dann schnell mitgekriegt, und ab dann haben wir nur ganz stumpf gelogen.

Rod: Aber wenn wieder so ein Bravo-Tag in München anstand, hatten die beiden schon lange vorab schlechte Laune. Und es kamen immer die gleichen Fragen: ›Bela, wie viele Tatoos hast du jetzt? Dürfen wir die fotografieren? Farin, welches Buch liest du gerade?‹ – Und dann natürlich immer ganz schlau, in einem Nebensatz versteckt: ›Und, habt ihr Freundinnen?‹ ›Rod ist nicht mehr solo!‹ Dazu kamen Fotos, die immer scheiße aussahen. Zuverlässig wählten sie immer das schlimmste aus. Damals sind wir nicht auf die Idee gekommen, zu sa­gen: Wir wollen die Bilder freigeben! Wir waren einfach zu naiv und nahmen an, dass wir das wohl ertragen müssen.

Bela: Ab dem zweiten Album hat auch Jan nichts Privates mehr rausgelassen. Irgendwann wurde das auch akzeptiert.

Rod: Die Entscheidungen darüber, was wir machen wollen und was nicht, sind immer einstimmig und ziemlich schnell getroffen worden. Bei den Rainbirds habe ich damals genau das Gegenteil erfahren. Da wurde promomäßig alles gemacht. Was dazu führte, dass innerhalb eines Jahres kein Mensch mehr diese Band sehen wollte. Bei den Ärzten war immer klar, dass wir die Leute nicht ermüden wollen: Wir machen unsere Musik, unsere Platten, haben unsere Statements und spielen unsere Shows. Und die sind einzig­artig. Uns haben viele Sachen auch einfach ganz schnell keinen Bock mehr gemacht. TV-Sendungen, die Bela und ich kannten und grauenhaft fanden, haben wir sofort abge­lehnt. Farin hat ja ohnehin kein Fernsehen gesehen. Es gab schon lange Gesichter bei Journalisten, wenn wir Fragen als zu privat abgelehnt haben. Das macht man eine Weile, dann hat man den Ruf, ›schwierig‹ zu sein, und dafür seine Ruhe. Es versucht dann irgendwann auch keiner mehr.

Farin: Es ist den Journalisten, die nach dem Privatleben fragen, auch völlig egal, ob du lügst. Die wollen nur ir­gendetwas zu schreiben haben. Die Journalisten waren aber auch nicht besonders listig, sondern meistens ziemlich stumpf. Das Lustige aber ist, dass man irgendwann
raus ist, wenn man diese Boulevardgeschichten nicht ständig anfüttert. Man ist dann einfach nicht mehr inte­ressant. Es gibt ja nichts, worauf aufgebaut werden könnte. Man ist kein Promi, wenn man im Boulevard nicht stattfindet. Dann wird es entspannt.

Bela: Ich bin sowieso kein Promi, ich bin Rockstar, das habe ich mir erarbeitet. Prominent kann jeder sein. Prominent ist jemand, der im Internet vom Klo fällt. Alles in allem sind wir eine Band, über die sehr wenig bekannt ist, und das war anfangs harte Arbeit. Das hat aber auch dazu geführt, dass Journalisten sich später gut auf uns vorbereitet haben. Schon lustig, dass wir jetzt im Interview ausführlich darüber reden, dass und warum wir eben nicht so viel preisgeben.

Farin: Wir haben kein Interesse daran, uns mystisch darzustellen. Unsere Geheimnisse sind andere. Eigentlich weiß man nichts über mich. Es weiß auch niemand, wie wir Songs schreiben. Du kennst das Endprodukt. Und vielleicht die Demos, von denen ich neulich ein paar rausgebracht habe. Aber niemand weiß, wie ich da hinkomme. Es wird bei uns nie eine Kamera im Studio geben. Damit niemand mitkriegt, wie wir arbeiten.

Wie seid ihr mit den Begehrlichkeiten der Industrie umgegangen? Der Showindustrie, aber auch den ­Wünschen, eure Bekannt- und Beliebtheit für Werbe­zwecke zu nutzen?

Farin: Eigentlich ignoriere ich Sachen einfach, die ich nicht gut finde. Das ist die größte Strafe, die ich mir vorstellen kann. Bei Kompromissen kommt es ganz aufs Thema an. Je weiter der Kompromiss von mir als Person weg ist, desto besser bin ich. Wenn man in einer Band spielt, hilft es, wenn man ein paar klare Regeln hat.

Bela: Wir haben zu ganz vielen Sachen Nein gesagt, die nichts mit Musik zu tun hatten. Warum sollten wir als Band in Talkshows sein? Warum sollten wir was zu den Steuerschulden von Boris Becker sagen? Das ist doch Blödsinn.

Farin: Die Leute von ›Wetten, dass..?‹ kannten nur, dass die Plattenfirmen anderer Künstler ›Juhu – endlich‹ schrien, wenn die sich meldeten. Aber wir wollten nicht: ›Bitte? Ich spreche schon mit der Plattenfirma der Ärzte, oder?‹ Die dachten immer, sie haben irgendeinen verrückten Idioten am Telefon. – Wir wollten einfach nicht bei ›Wetten, dass..?‹ sein. Wenn ich mich in einem Umfeld nicht wohlfühle, kann es auch nur scheiße werden. Wir sind nur gut, wenn es sich richtig anfühlt. Authentizität kann man nicht fälschen. Das schließt sich aus. Deshalb ist es auch schön, bei der eigenen Plattenfirma zu sein, denn da muss man nicht alle Entscheidungen begründen. Und wenn man damit anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, wie man noch höher hinaus kommen kann, dann ist man schon auf dem falschen Weg.

Bela: ›Wetten, dass..?‹ haben wir mindestens dreimal abgelehnt. Coca-Cola rief an und bot uns Geld, um unser Konterfei auf Cola-Dosen drucken zu dürfen, und wir haben Nein gesagt. Mit denen sprach Jan, als die anriefen. Erst ging es da noch gar nicht um Geld, sondern die sagten, dass alle anderen mitmachen bei der Cola-Rock-Edition: Fanta 4, Grönemeyer und so weiter. Und sie wollten aber alle in Deutschland haben, das war der Plan der Werbeagentur. Aber Jan sagte: ›Nein, das wollen wir nicht.‹ Der Cola-Mann meinte, dass das doch wohl nur eine Frage des Geldes sei, da solle man doch bitte mal ehrlich sein. Und Jan erwiderte, dass das eben keine Frage des Geldes sei. Wie wäre es mit einer Million, fragte der Cola-Mann dann. Und Jan sagte, auch nicht bei einer Million. Die von Coca-Cola haben dann nicht noch mal angerufen.

Farin: Es gibt genug Bands, die alles einfach mitmachen. Da braucht es auch ein paar Bands, die das anders sehen. Wir fallen ja auch gerne mal auf die Schnauze. Und übertreiben auch mal. Aber dahinter steckt auch immer der Versuch, die Leute aus ihrer Lethargie zu reißen und ihnen andere Lebensentwürfe zu zeigen. Das ist uns schon wichtig.

Spaß am Ende

Die Ärzte sind eine Hitmaschine. Ihr habt eine eigene Plattenfirma, bringt regelmäßig neue Alben raus, viele Leute hängen von eurer Kreativität ab.
Verursacht das Stress?

Farin: Druck spürte ich erst, als wir eine eigene Platten­firma hatten und mit mehr als siebzig Leuten in vielen Trucks und Bussen auf Tour waren. Da ging es eben nicht mehr nur um uns. Ich bin seit Jahren nach Kon­zerten nicht mehr aus gewesen, weil ich dann am nächsten Tag heiser bin, und dann gibt’s kein nächstes Konzert. Ich muss wirklich auf meine Stimme aufpassen. So viel Pro­fessio­nalität muss schon sein. Da passt das geile Rock & ­Roll-Leben nicht mehr. Ich bin ein Spießer, der sofort nach dem Kon­zert einen Pfefferminztee trinkt und sich dann schnell hinlegt und auch im Tourbus nicht viel redet. Da bin ich extrem diszipliniert. Ich muss das ja nicht machen, würde ich müssen, dann wäre ich angepisst. Aber ich habe das selbst so für mich beschlossen, weil Tourneen wichtig sind. Natürlich geht dadurch eine gewisse Leichtigkeit verloren.

Bela: Irgendwann hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen. Wir waren ein bisschen ausgebrannt. Bei den Auf­nahmen zu ›Geräusch‹ lief es mit uns als Gruppe zum ersten Mal nicht mehr so super. Da war diese Stimmung im Studio, die aus dem Weg geräumt werden musste. Jeder hat seine eigenen Songs selber mit dem Produzenten ge­mischt, was ich als nicht sehr glücklich empfand. Das war die erste Platte, bei der jeder nur seins gemacht hat. Ich bin dann auch vor Abschluss der Produktion in den Ur­laub gefahren, was sonst eigentlich Jan häufig gemacht hatte. Die Reihenfolge der Songs war dann auch nicht so in meinem Sinne. Die Promo­touren danach waren sehr nervig. Aber auf der anschließenden Tournee hatten wir uns wieder einigermaßen zusammengerauft. Der Druck kam von außen, wir haben uns aber gegenseitig dafür ver­antwortlich gemacht.

Rod: Wir hatten einen Rhythmus, den wir bis dahin gar nicht so schlimm fanden: Studio. Album. Promoten. Tour­nee. Tournee. Tournee. Studio. Album. Promoten. Tournee. Tournee. Tournee. Und das haben wir zum ›13‹-Album wirklich bis zum Exzess gemacht. Wir kamen von den sehr
erfolgreichen Tourneen zu ›Planet Punk‹ und ›Le Frisur‹, und dann ging es nach relativ kurzer Auszeit gleich wieder los. Was uns irgendwann nervte, war, dass ab einem gewissen Zeitpunkt schon immer die Deadlines für das nächste Album anstanden. Man hatte noch kein neues Stück ge­schrieben, aber wusste, bis wann alles abgegeben sein muss: Dann und dann ist Vertriebstagung, dann gehen die Tickets in den Vorverkauf. Und das, obwohl es unser eigenes Label war. Da begann es, sich wirklich wie Arbeit anzufühlen. Und weil es unsere Plattenfirma war, mussten wir ja auch ständig irgendetwas entscheiden. Auch wenn wir im Studio waren und uns eigentlich nur auf die Musik konzentrieren sollten. Und wenn die Musik dann fertig war, kam diese ewige Promorutsche. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem wir drei uns gegenseitig so richtig auf den Sack gegangen sind. Ich konnte die Statements der anderen zu irgendwelchen Songs, die sie bei irgendwelchen Provinzradiostationen immer wieder wiederholten, nicht mehr ertragen. Natürlich ging es den beiden mit mir genauso. Siebzig Prozent der Interviewer stellen aber auch die immer selben Fragen. Irgendwann schauten wir uns bei Interviews nur noch genervt an und dachten: Okay, wer sagt dieses Mal den Spruch auf? – Und das zog sich bei ›13‹ wirklich alles besonders lang hin. Das brachte einfach alles nicht mehr so viel Spaß. Die Tour dazu hörte gefühlt gar nicht mehr auf. Da sind wir an Grenzen gestoßen. Abend für Abend drei Stunden gemeinsam auf der Bühne und dann noch so um die vier Stunden im Tourbus. So entstehen dann eben auch Spannungen und Streit wegen absoluter Nichtigkeiten. Als alles vorbei war, fühlte sich das beinah wie ein Burn-out an. Jedenfalls hatten wir drei erst mal genug und sehnten uns nach Abstand voneinander.

Bela: Es gab nie die Option, dass wir drei getrennt in Limousinen fahren. Das machen sonst viele Bands unserer Größenordnung. Es gab auch nie die Option, dass wir einen Band-Boss haben, der alles alleine bestimmt: ›Geht mal weg, ich mach das schon.‹ Das Problem war, dass wir nun nur noch in großen Hallen gespielt haben und nicht mehr so tun konnten, als wären wir eine kleine Clubband. Aber wir haben uns selbst wahrgenommen wie eine kleine Cluband. Rod war von dem technischen Aspekt der großen Hallen besonders genervt. Der Mischer hatte irgendwann einen Assistenten, also wollte der Monitormischer auch einen Assistenten. Wir hatten auch immer mehr Security. Früher war das nur einer für die ganze Band und den Graben. Das war ein schleichender Prozess. Wir hatten Erfolg, über den wir uns zwar freuten, der aber auch einen höllischen Druck erzeugte.

Beim Album ›auch‹ hatten wir im Studio nur noch wenig miteinander zu tun. Wer nichts aufnehmen musste, kam nicht. Wir hatten jetzt drei Backstage-Räume, wo wir uns voneinander separiert haben. Früher hingen wir gemeinsam rum, gingen zusammen in Kneipen, Bars, Restaurants. Teilten unsere Eindrücke von der gemeinsamen Arbeit. Super!

Und wie war es jetzt?

Rod: Die Leute erwarteten von uns immer diese Drei-Stunden-Auftritte. Wenn wir ausnahmsweise nur zwei Stunden gespielt haben, waren die Fans sauer. Da kamen dann Tausende E-Mails: ›Ihr Schweine!‹ Das merkte ich erstmals nach der Unplugged-Tour, dass da eine etwas überzogene Erwartungshaltung entstanden ist. Gefühlt dauerten unsere Konzerte manchmal acht Stunden und wollten gar nicht mehr enden. Da haben wir auf der Bühne auch manchmal den Faden verloren. Über so eine lange Zeit durchgehend eine Spannung zu halten ist nicht einfach. Wir waren in einer Liga von Großbands angekommen, die nichts mehr mit dem zu tun hatten, wofür die Ärzte meiner Meinung nach stehen. So Konzerte wie ’ne Revue spielen, das war mir fremd. Alles Spontane und Anarchistische war weg. Man kann aber auch in Fünfzigtausender-Arenen nicht so spontan sein, denn ganz hinten sitzen immer Leute, die nicht alles mitkriegen. Da sind viele Leute, die nur die Singles kennen und eher irritiert sind von neuen improvisierten Songs oder den B-Seiten der Singles. 

Bela: Weil die Leute zunehmend lange Konzerte eingefordert haben, versuchten wir das langsam runterzuschrauben. Drei-Stunden-Konzerte sollten die Ausnahme sein. Zwei Stunden müssen reichen. Aber wir haben schon in den Achtzigern zugesehen, dass wir immer über zwei Stunden spielen. Und da hatten wir viel weniger Songs. Wir spielten so lange, weil wir auch Fans sind. Ich gehe immer noch regelmäßig auf Konzerte. Und habe immer wieder das Gefühl, dass die Bands zu kurz spielen. Wenn Green Day nur 50 Minuten spielen, spielen wir eben drei Stunden. Obwohl ich bei manchen Bands froh bin, dass sie nach einer Stunde aufhören. Aber als Gegenbewegung zu immer kürzeren Konzertzeiten war uns das wichtig. Wenn wir zum Beispiel auf Festivals nur 90 oder 120 Minuten Spielzeit haben, fällt es uns immer unglaublich schwer, Songs auszusieben. Es gab mal die Situation, da hatten wir ein Co-Headlining mit den Red Hot Chili Peppers. Wie bei US-Bands üblich, kamen ein paar Forderungen an uns. Das meiste war okay, aber als sie wollten, dass wir nur 70 Minuten spielen, haben wir die Show abgesagt. Daraufhin bekam der Veranstalter kalte Füße und sprach mit deren Management. Die Peppers, die für Amis wirklich sehr nett und entspannt sind, beugten sich und veränderten daraufhin ihr Set auf 90 Minuten.

Farin: Wir könnten ja auch einfach sagen, dass wir mal ein ganz normales Konzert spielen. Aber als wir ein einziges Mal nur neunzig Minuten gespielt haben, waren die Fans richtig sauer. Das war natürlich auch Teil eines Scherzes, aber den Fans eben ein Scherz zu viel. Die waren so richtig angepisst. Aber auch das war schon geil, denn es war eben total gegen die Erwartungen. Ich möchte nie in einer Band spielen, bei der jeder weiß, was als Nächstes passiert. Auch bei uns sollte nie klar sein, ob wir noch einen Song spielen oder nicht.

Wie habt ihr das Problem gelöst?

Bela: Zum Tour-Auftakt in Zwickau gab es dann den Mega-Fan-Clash, als wir nach eineinhalb Stunden aufgehört haben. Die waren richtig sauer. Die fingen sogar an, uns zu bewerfen. Die Saalordner, die versucht haben, die Fans rauszuschicken, weil der Raum für den Abbau frei sein musste, wurden als ›Nazis‹ beschimpft. Wir dachten uns: Eineinhalb Stunden sind für zwanzig Euro jetzt auch nicht grade wenig. Wir waren so fanorientiert, dass die Leute bestimmte Sachen als gegeben nahmen. Das war jedenfalls wirklich Kacke, und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollen. Es waren ja trotz allem unsere Fans, und die waren augenscheinlich enttäuscht. Wir haben versucht, die Wogen mit Humor zu glätten.

Die nächste Tour begann natürlich wieder in Zwickau: Wir sind auf die Bühne gegangen und haben gesagt: Hallo, Zwickau! Viel Spaß bei der nächsten Stunde. – Da mussten dann auch die Leute lachen. Die Fans sind total wichtig, aber wenn wir alles an den Erwartungshaltungen messen, sind wir bald nur noch Dienstleister und nicht mehr die Band, die die Leute mal cool fanden.

Wie läuft das, wenn man nach so vielen gemeinsamen Jahren wieder auf Tour ist?

Rod: Vor der letzten Tour hatte ich mir die Schulter verletzt, was total geschmerzt hat und mir dauerhaft Probleme bereitete. Hätte ich das operieren lassen, hätte ich in die Reha gemusst und hätte die komplette Tour vergessen können. Also habe ich die Zähne zu­sammengebissen, Physiotherapie gemacht und gehofft, dass es irgendwann besser wird. Körperlich unfit zu sein nervt auch mental, weil man nicht alles geben kann – was die anderen natürlich auch merken.

Farin: Ich habe einen gewissen Level an Fitness durch meine Reisen. Und auf meine Stimmbänder kann ich aufpassen. Ich habe gelernt, was ich machen muss, damit ich eine Vier-Monate-Tournee durchhalte. Zum Glück habe ich von Anfang an keine exaltierte Bühnenshow gemacht, an der ich mich jetzt messen lassen muss. Meine Show war: Ich gehe zum Mikro, bleibe da stehen, und am Ende des Konzertes sage ich Tschüs. Ich bin nie wild rumgesprungen oder habe große Armbewegungen gemacht. Dafür bin ich jetzt total dankbar, denn vermutlich würde ich bei so einer Show heute scheiße aussehen – und wehtun würde es wohl auch.

Rod: Nach dem letzten Konzert in der Schweiz war klar, dass wir länger pausieren würden. Jan wollte ohnehin eine ausgiebige Reise antreten. Das passte. Die Pause hielt lange an. Da war natürlich auch der Gedanke, ob wir das alles noch so durchziehen wollen. Wie ehrlich kann das dann noch sein, einen Song, den Jan mit fünfzehn oder sechzehn geschrieben hat, mit über fünfzig zu singen?

Bela: Bei der letzten Tour haben wir ›Teenager Liebe‹ absichtlich wieder ins Programm genommen, weil wir es wahnsinnig komisch fanden, dass Typen um die fünfzig das singen. Aber als wir nach der letzten Show auseinander­gingen, war das ehrlich gesagt kein gutes Gefühl. Das ging uns wohl allen so. Das Konzert in der Schweiz war wirklich beschissen und lustlos. Jan machte Witze, die ich von ihm bereits 1982 bei unserem ersten Konzert in der Schweiz gehört hatte. Ich war total genervt. Wir waren dann auch backstage separiert voneinander, jeder hatte Freunde zu Besuch. Nach Ende des Konzertes gab es in der Hotelbar einen Betriebsausflug unseres Büros, da saßen alle unsere Mitarbeiter. Rod und ich haben dann gesagt: Okay, einen Drink, und danach müssen wir hier raus. Es geht einfach nicht. Jan war von dieser Aktion richtig entsetzt. Aber ich konnte nicht mehr, sonst hätte ich da wohl geheult. Am nächsten Tag habe ich Jan dann zufällig am Flughafen getroffen, und das war wunderbar. Wir wollten beide in den Urlaub fliegen und saßen da einfach zusammen, hielten ein Pläuschchen und warteten. Das war wirklich wie früher, wir saßen da wie zwei Freunde, die sich zufällig treffen, und hingen gemeinsam eine Stunde am Flughafen ab. Über die Tour wurde kein Wort verloren.

Farin: Die Auszeit haben wir alle gebraucht. Wir waren davor wie gefangen. Machten ein supererfolgreiches Album, dann drei Touren, dann noch ein supererfolgreiches Album, dann noch drei Touren. Letztlich war es mindestens eine Tour zu viel und eine Pause zu wenig. Ich bin ja sogar ein großer Verfechter von ganz langen Pausen. Wäre besser gewesen. Aber gut: hätte, wäre, wollte.

Bela: Es gab auf der letzten Tour viel Streit und viele Missverständnisse. Jans Hilflosigkeit hat sich dann mir gegenüber entladen, wahrscheinlich, weil wir uns so lange kennen. Jan behauptet, dass es eine kommunikative Unfähigkeit zwischen Rod und mir gab. Es gab aber auch eine Unfähigkeit zwischen Rod und Jan.

Rod: Wir hätten einfach auch mehr miteinander reden müssen. Ab einem gewissen Punkt hätten wir uns zusammensetzen müssen, um zu besprechen, ob es gut ist, was wir da gemeinsam machen. Wollen wir daran etwas verändern? Oder machen wir weiter wie gehabt? Aber dazu kam es nicht. Die Termine standen fest: Die Maschine lief einfach weiter und weiter. Der Spaßfaktor war für mich gegen Ende der Tour leider flöten gegangen, mit Ausnahme vom wirklich groß­artigen Gig in Losheim.

Bela: Wir tun uns aber auch unrecht, wenn wir immer nur das Schlechte der letzten Zeit sehen. Ich hatte bis zuletzt bei vielen Konzerten einen Heidenspaß. Unsere zwei Hamburg-Shows auf der letzten Tour waren legendär und sind in meiner persönlichen Showliste ganz oben. Oder die Shows mit The Damned und NOFX, wo wir zusammen seitlich auf der Bühne als Fans total abgegangen sind.

EPILOG

›So was Großes wird nie zu Ende gehen.‹ Was überwiegt? Die Dankbarkeit, sich nicht mehr sehen zu müssen, oder das Wissen, dass es ohneeinander nicht geht?

Bela: Der Kontakt war danach nur noch sporadisch.
Ich habe dann 2014 vorgeschlagen, dass wir drei uns mal wieder treffen. Das haben wir gemacht und saßen eines Mittags bei einem Italiener und haben versucht, uns auszusprechen. Es hat zwar keiner wirklich zugegeben, dass er Scheiße gebaut hat, aber als wir auseinandergingen war bei mir ein euphorisches Gefühl. Und wenn Jan nach fast einem Jahr totalem Stillschweigen vier SMS an einem Tag schickt, war das bei ihm wohl auch so. Danach hatten wir wieder mehr Kontakt: Woll’n wir mal wieder was machen? Im Moment noch nicht! Jeder von uns tobte sich in seinen Soloprojekten aus. Dann hatte ich zugesagt, in Jamel auf dem ›Rock den Förster‹-Festival zu spielen. Jamel ist ein kleines Dorf, in dem fast nur Nazis wohnen, bis auf das Ehepaar Lohmeyer, die seit 10 Jahren in ihrem Garten dieses Festival veranstalten. Da ich sowieso da sein würde, hatte ich die Idee, die anderen beiden zu fragen, ob sie für einen Song auf die Bühne kommen würden.

Rod sagte: Bela, wenn du fragst, bin ich immer dabei. Jan war erst ein bisschen so: ›Ich habe keine Gitarre!‹ Der hatte zu dem Zeitpunkt wohl mit allem abgeschlossen. Er hatte die meisten seiner Gitarren verkauft und den Erlös Ärzte ohne Grenzen vermacht. Aber ich hatte eine große Semiakustik-Gitarre aus den Sechzigern, ähnlich der, wie er sie spielt. Da konnte er sich nicht mehr rausreden. Wir hielten den Gastauftritt total geheim und gingen dann bei der Band Madsen auf die Bühne. Der Auftritt war wie eine Explosion. Ich glaube, das war wahnsinnig gut und wichtig für uns drei, wenn wir auch ohne Probe und Soundcheck nicht besonders gut zusammenspielten. Aber bei uns ist damit eine neue Leichtigkeit eingetreten.

Farin: Wenn Leute mich fragen: Was vermisst du an den Ärzten? Diesen Humor vermisse ich! Mit den beiden anderen Sachen zu machen, wo jeder sonst sagt: Das kann doch nicht sein!

Rod: Mir fehlte das auch. Eine Band, mit der ich Quatsch machen kann. Ich habe ja auch ein paar andere Projekte. Aber eine Band, die sich nicht ernst nimmt, wie die Ärzte, die gibt es sonst nicht. Das vermisse ich total. Jedes andere Publikum würde es einer Band wohl nicht verzeihen, die so Dinger raushaut wie wir mit den Ärzten. Bei den Ärzten konnten wir so viel machen. Und die Leute finden das ja auch trotzdem geil. Die Freiheit, die ich da hatte, vermisse ich total. Ich würde auch sofort wieder in irgendwelchen Pensionen für vierzig Euro die Nacht schlafen, wenn wir mal wieder auf Tour gehen würden. Das Gefühl, mit den anderen beiden auf einer Bühne zu stehen, ist dann doch unbezahlbar.

Farin: Den Spaß an allem haben wir zwar zwischendurch ein bisschen aus den Augen verloren, aber deshalb hat uns auch die zweite längere Pause gutgetan, um wieder mit so einer unschuldigen Freude weiterzumachen. Eine Weile nichts zu machen, bis man wieder Bock hat, ist schon gut. Wir machen die Sachen jetzt einfach so, dass sie sehr entspannt sind. Mehr Probezeiten und weniger Stress. Jetzt können wir uns wieder frisch verlieben. Und ich glaube, dass uns über die Jahre schon viele auf unserem Weg gefolgt sind. Das ist auf den letzten Touren sehr schön gewesen: Vorne stehen die Neuen, die sind ja noch fit und teilweise unfassbar jung – als ich sechzehn war, wollte ich keinen Fünfzigjährigen auf der Bühne sehen – und hinten stehen die Leute in unserem Alter.

Eigentlich verweigere ich es, einen Grund für unseren Erfolg zu suchen. Denn wenn man auf der Suche nach For­meln ist, fängt man auch an, formelhaft Musik zu machen, aber ich glaube, dieses Drauf-Scheißen hat uns ganz viele Fans gebracht. Man muss sich uns auch erarbeiten.

Es gibt ein paar Einsteigersongs, die Radiohits, die hörst du und verstehst sie sofort. Aber wenn du dir ein Album anhörst, fragt man sich schon, was wir da so über manche Dinge singen. Die Lieder, die man mit fort­geschrittenem Alter nicht mehr so gut bringen kann, haben wir zum Glück fast alle rausgefiltert. Aber wenn man die Menge an Liedern betrachtet, ist mir erstaunlich wenig peinlich. Das Schöne ist, dass wir so viele Lieder haben. Wir könnten wahrscheinlich vier Dreieinhalb-Stunden-Konzerte spielen, ohne uns ein einziges Mal zu wiederholen. Und trotzdem würde jedes Publikum nach Hause gehen und sagen: Geile Songs! Vielleicht wären dann ›Westerland‹ und ›Zu spät‹ nicht dabei, aber auch ohne unsere Superhits können wir echt aus dem Vollen schöpfen. Es gibt viel zu entdecken bei uns: Dadurch, dass da so viel ist, haben die Leute auch immer Bock drauf gehabt. Und die wunderbaren Sachen passieren eben, weil wir Bock haben. Diese Neugier möchte ich mir immer bewahren. Ich werde auch nicht müde, das Folgende zu wiederholen, weil das wirklich so absurd ist. Stellt euch zwei People vor, die wirklich und wahrhaftig in ihrem Kinderzimmer mit dem Tennisschläger vor dem Spiegel stehen. Der Begriff Rockstar schien so dermaßen illusorisch, eher wäre ich ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest gestiegen, das wäre ähnlich realistisch gewesen. Aber dann sind wir das wirklich geworden, Rockstars.

Bela: Als wir damals in meinem Kinderzimmer ›Lustiger Astronaut‹ auf dem Kassettenrekorder eingespielt haben, hätten wir uns das, was dann kam, wohl nicht vorstellen können. Ich habe lange nicht zusammengebracht, dass die Ärzte mein Leben sein würden.

Interview: Christoph Dallach

Interview Teil 1: Die Ärzte über ihre Anfänge bis zur Auflösung 1988

Mit freundlicher Genehmigung © ...and more bears

Die Ärzte - Abschied und Rückkehr

Die Ärzte

Die Ärzte aus Berlin sind ein Phänomen. Seit 1982 Jahren haben sie sich von einer kleinen Berliner Szene-Band zu einer gesamtdeutschen Institution hochgearbeitet. Es gibt wohl kaum einen, der nicht schon mal etwas von BelaFarinRod gehört hat und nicht mindestens einen ihrer Songs kennt.

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