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Kaleida veröffentlichen mit „In Arms“ ihr neues Album – voller ambivalenter Gefühle und zeitloser Nostalgie

Kaleida, bestehend aus der britischen Komponistin und Produzentin Cicely Goulder sowie der deutsch-amerikanischen Songwriterin und Sängerin Christina Wood,  beschreiben ihre Musik selbst seit langem als „feminin“. Damit bejahen die beiden ausdrücklich ihre Perspektive als Mütter und als weibliches Duo

Damit bejahen die beiden ausdrücklich ihre Perspektive als Mütter und als weibliches Duo, das sich in einer von Männern dominierten Musikindustrie behauptet, sowie als Frauen über dreißig, die im Niemandsland zwischen dem Feminismus der 1970er Jahre und der progressiven Popkultur von heute aufgewachsen sind. 

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© Benjamin Hampson

Auf ihrem neuen Album ‚In Arms‘, das am 22. März erschien, wird diese Haltung deutlicher denn je: Durch den Albumtitel wird sowohl das Bild vom Wiegen eines Kindes als auch vom Sich-für-den-Kampf-wappnen heraufbeschworen. Diese doppelte Metapher passt bestens zur aktuellen Situation von Kaleida: Die Band kehrt mit gestärktem Selbstbewusstsein zur Musik zurück, nachdem sie das Projekt aufgrund von persönlichen und globalen Herausforderungen beinahe gänzlich aufgegeben hätte. 

In diesem Spannungsfeld bewegen sich die 10 Songs auf  ‘In Arms’, zwischen ambivalenten, in Melodien und Gesang verwandelten Empfindungen – zu Inhalten wie Familie und Eltern-, vor allem Mutterschaft, Weltschmerz und Isolationsgefühlen, Wehmut und Nostalgie, Vergänglichkeit und Älterwerden, sowie der universellen Heilkraft von Musik. Trotz der eher ernsten Themen konzentriert sich das neue Album jedoch nicht ausschließlich auf die düsteren Nuancen: “Sogar in der Büchse der Pandora steckte Hoffnung”, sagt Wood. Und diese schimmert textlich und musikalisch auch auf ‘In Arms’ immer wieder durch.

„Wir sind sehr glücklich darüber, dass unser neues Album ‚In Arms‘ am 22. März 2024 beim Label Embassy One erscheinen wird. Es ist die Krönung von drei Jahren Ausdauer und harter Arbeit – und bis dato unser bestes Werk. Musik besitzt eine große Heilkraft; wir hoffen, dass dieses Album unseren Zuhörer*innen auf jede noch so kleine Weise helfen wird.“ 

Kaleida über die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Label

‚In Arms‘ lädt (neue und alte) Kaleida-Fans außerdem dazu ein, auch mal zurückzublicken und Bilanz zu ziehen, wie weit die beiden in ihrem musikalischen Schaffen im Jahre 2024 trotz aller Herausforderungen bereits gekommen sind. 2022 feierte Kaleida mit ‚Think (Anniversary Edition)‘ das siebenjährige Jubiläum ihrer Debüt-EP mit drei neuen Remixen der Single: Eine Version von der mit dem Polaris-Preis ausgezeichneten Sängerin Lido Pimienta, eine vom amerikanischen Hip-Hop-Produzenten Boom Bip sowie eine weitere von der Wegbereiterin der abstrakten elektronischen Musik Actress.

Familie und Elternschaft

Der Album-Opener Hollow, der auch die erste Singleauskopplung des Albums war, beschreibt zunächst einen Zustand tiefer Wehmut und Erschöpfung. “Beim Refrain dachte ich an die Zeit nach der Geburt, an dieses Gefühl, durch den Schlafmangel, die Hormone und das Stillen irgendwie benommen zu sein.”, erzählt Wood. Nicht nur im Text dringt dieses ambivalente Gefühl durch, inmitten der Traurigkeit Frieden, inmitten der Fremdbestimmtheit Erfüllung zu finden. Der Song entwickelt sich vom eher reduzierten Beginn, hin zu seiner endgültigen Form mit üppigen Produktionstexturen und dem nostalgischen, beinah Disco-artigen Piano-House-Riff, das zugleich Freude und Traurigkeit andeutet. 

‘Hey Little Precious’, der Fokus-Track des Albums, ist für Wood eine Art “Gespräch” mit ihrer Tochter und der nachkommenden Generation, in dem sie darauf hofft und dafür betet, dass diese sich in ihrem Leben frei fühlen, ihren Träumen folgen und ihr Potenzial erreichen kann, ohne das Gefühl zu haben, dass sie sich anpassen müsse. 

Mit ‘Generation’, dem Goulder durch die Baseline einen funkig-nostalgischen Groove verpasst, kreierte Wood textlich – in Gegenrichtung zu ‘Hey Little Precious’ – einen Tribut-Song für ihren Vater. Es geht darin um die heutige Welt, in der gefühlt alles per Knopfdruck erledigt werden kann, alles verfügbar ist und ein Fragment unserer Realität nur auf unseren Smartphones “existiert”.

“Ich ärgere mich wirklich über dieses Gerät und die ständige Unterbrechung durch einen Blick darauf und die Sucht danach.“, gesteht Wood. Denn was in der heutigen Zeit zunehmend weniger wird, ist die Fähigkeit zu echter Präsenz, voll und ganz in der Gegenwart zu sein. “Mein Vater hat mir vor ein paar Jahren einen Meditationskurs geschenkt, den er gemacht hatte.”, berichtet Wood. “Dann haben wir angefangen, jeden Tag gemeinsam zu meditieren; und das haben wir während meiner ersten Schwangerschaft gemacht – immer dann, wenn es gerade schwierig war. Er ist einfach ein erstaunlicher Vater.”

Mystik und musikalische Transzendenz

Wie beim Vorgänger-Album ‘Odyssey’, wurden Kaleida auch bei ‘In Arms’ von Transzendenz, Spiritualität, Mystik und Mythologie inspiriert. Die heldenhafte Figur der Jeanne d’Arc spielte für die beiden während des Schreibprozesses eine wichtige Rolle, da sie sich aller Hindernisse zum Trotz durch ihre einzigartige Hingabe nicht von ihrem höheren Ziel abbringen ließ. Der Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit, bekannt aus der präraffaelitischen Kunst, manifestiert sich auch in Kaleidas subtiler Ästhetik – am deutlichsten im Artwork des Albums, für das sie erneut mit der Kreativdirektorin Noa Zarfati zusammenarbeiteten. 

Eine Veränderung auf ‚In Arms‘ ist Kaleidas Abkehr von ihrer gewohnten isolierten Arbeitsweise. Während sie früher die Produktion weitestgehend allein in die Hand nahmen, haben sie dieses Mal andere Musiker hinzugezogen, vor allem den Produzenten Johan Hugo (Self Esteem, M.I.A, Skepta). „Sein Sound ist sehr räumlich, hell und nach vorne gerichtet, während ich dazu neige, es ein wenig sanfter anzugehen. Es ist wirklich schön, diese beiden Komponenten zu verbinden“, erklärt Goulder.

Nostalgie, Älterwerden und Vergänglichkeit

Die Grundstruktur von ‘Kilda’, benannt nach der schottischen Inselgruppe St. Kilda – laut Wood ein faszinierender Ort, von dem sie lange Zeit besessen war – entstand an einem Tag zusammen mit Johan Hugo in Margate, England. “In dem Song geht es um den Tod und das Vergehen der Zeit, erläutert Wood. “Und er hat für mich eine neue Bedeutung bekommen, weil meine Schwester in den letzten anderthalb Jahren eine sehr schwere Krebserkrankung hatte und wir dieses Lied für sie singen möchten.”

Kaleida zufolge war die grobe musikalische Vision etwas in Richtung: Enya trifft auf Trip-Hop, Enya trifft Massive Attack oder Portishead; und da der Track für sie definitiv einen keltischen Vibe hat, gaben sie ihm den Demo-Namen ‘Kilda’. – Fun Fact: Das war übrigens auch der Name, den Wood ursprünglich als Bandnamen vorschlug: “Dann hat Cicely mich irgendwie falsch verstanden und gesagt: ‚Was, Kaleida?‘.”Vergänglichkeit und Nostalgie finden sich auch in ‘Endless Youth’, wenngleich auf ganz andere Weise: “Der Track beschreibt eine Sehnsucht nach der eigenen Jugend, als man sich vielleicht noch ein bisschen sinnlicher in seinem Körper fühlte. Diese frühen Beziehungen, junge Liebe.”

Stranger, die dritte Single-Veröffentlichung, ist eine Art Gebet ans Selbst. Eine Reise von der Verurteilung und einem mangelnden Mitgefühl für sich selbst, über das Empfinden, vom Leben isoliert zu sein, hin zum Finden des eigenen Wegs. Gesanglich inspiriert wurde ‘Stranger’ vom Stück ‘sommaren är min och jag kommer tillbaka‘ von  ionnalee und iamamiwhoami, dessen Refrain im Grunde aus einer oder zwei Noten besteht, wie eine einzige lange Aussage. Die musikalische Magie von ‘Stranger’ entfaltet sich mit einem einprägsamen Metronom, das wie ein steter Tropfen, die warmen Orgelflächen durchbricht, die sich an Woods tiefgreifende Stimme anschmiegen.

Wehmut und Selbstheilung

Bei ‘Choices’ arbeiteten Kaleida mit Robot Koch zusammen, der ihnen die Basis des Tracks, bestehend aus den Klavierakkorden, aber mit einem Trap-Rhythmus darüber, schickte. “Ich habe darauf den Refrain und die Strophen eingesungen und Cicely passte anschließend die Perkussion an und fügte dem ganzen ihre Produzentinnen-Magie hinzu.“, erzählt Wood. “Es ist sehr atmosphärisch und sehr Kaleida, finde ich.” Der Track ist nicht nur das ‚F**k you!‘ an einen Narzissten, es geht auch um die Freiheit, im Leben falsche Entscheidungen zu treffen.

Auch in ‘Hansaplast’ geht es um Selbstheilung; darum verletzlich und verwundet zu sein, aber auch um den Versuch, sich trotzdem immer wieder neu zu öffnen und zu lernen, wie man spielerisch damit umgehen und etwas zurückgeben kann.

Die zweite Single vom Album, ‘Seagull Nun’, war tatsächlich das erste Schlafzimmer-Demo, das Wood vor zehn Jahren aus Indonesien an Goulder schickte. “Es war ein Trennungslied”, erzählt Wood. “Aber es wurde auch von einem Essay eines Musikhistorikers aus Kentucky über die Musikerin Geeshie Wiley und ihre Partnerin inspiriert. Sie lebten in den Südstaaten der 1920er Jahren und nahmen nur ein paar Songs auf, aber das war damals zur Geburtsstunde des Blues.” Die düstere Bildwelt der Südstaaten-Gotik aus Wileys Song ‚Last Kind Words‘ inspirierte Wood zu ihrem Text für ‚Seagull Nun‘, ebenso wie biblische Bezüge, die sie in die Lyrics einbaute.

Der als vierte und letzte Single-Auskopplung veröffentlichte Track Don’t Turn Me Out’ feat. Other Lives, der das Album als letzter Song abrundet, ist ebenfalls ein Stück, dessen Basis schon ein paar Jahre alt ist. Es begann sehr akustisch, mit ein paar Piano-Akkordfolgen. Um diesem Ursprung treu zu bleiben, hielt Kaleida es, verglichen mit anderen Tracks des Albums, simpel. “Wir waren begeistert, als Jesse Tabish von Other Lives sich bereit erklärte, auf dem Stück zu singen, das die gleichen amerikanischen Folk-Wurzeln hat, die wir an seiner Stimme, seiner Musik und seinem Geist so lieben.”, so das Duo. 

Inhaltlich geht es, wie der Titel andeutet, um Ablehnung. Gemeint ist jedoch eine tiefere Ablehnung, die über die Trennung eines Beziehungspartners hinausgeht: “Eine Projektion dieses tieferen Gefühls, vielleicht ein Gefühl aus der Kindheit, nicht wirklich Teil des Lebens zu sein, das Leben nur zu beobachten und sich von allem abgekoppelt zu fühlen.”, erläutert Wood. “Der Song ist ein Abschlussplädoyer dafür, in eine Art universelle, bedingungslose Liebe aufgenommen zu werden, anstatt von ihr ausgeschlossen zu sein.” Nicht nur auf musikalischer Ebene findet das Album am Ende somit zur Ruhe, sondern auch textlich nochmal einen versöhnlichen und hoffnungsvollen Abschluss.

Selbst in der kurzen Zeit, seit der Erfolgssingle ‘Think’, die Musikfans weltweit in seinen Bann zog, haben Kaleida schon mehrmals schwere Zeiten überstanden. Das, was sie immer wieder zusammenbringt, ist ihre einzigartige kreative Verbindung, die sich im digitalen Raum hin und her bewegt. „Es ist ein ständiger Dialog zwischen Musik und Gefühl“, beschreibt Goulder diesen Prozess. Kaleida erschaffen so Stück für Stück ihren ganz eigenen zeitlos-modernen Kosmos. Und diese außergewöhnliche Verbindung halten Kaleida fest, während sie sich auf das nächste Kapitel vorbereiten.

Über Kaleida

Über zwei Kontinente und einen Ozean hinweg haben die beiden es geschafft, eine langfristige musikalische Partnerschaft aufzubauen, die sich den wandelnden Lebensumständen jederzeit mühelos anpasst. Die beiden fanden 2013 zusammen, als ein Freund sie per E-Mail miteinander bekannt machte. Christina Wood arbeitete damals als Umweltberaterin im indonesischen Regenwald, während sie nachts in ihrem Schlafzimmer unermüdlich Demos aufnahm. Cicely Goulder komponierte Musik für Filmproduktionen in London. Trotz der vielen Kilometer, die zwischen ihnen lagen, waren die beiden musikalisch direkt auf einer Wellenlänge.

Kaleida erlangten 2014 erstmals internationale Bekanntheit, als ihre Single ‘Think‘ über Nacht viral ging und im Original-Soundtrack des Keanu Reeves-Kultfilms ‚John Wick‘ zu hören war. Nach der Veröffentlichung der Think EP‘ im Jahr 2015 sorgten Europatourneen mit Alt-J und Roisin Murphy für viel Begeisterung und die ersten Skizzen für ein Debütalbum nahmen zunehmend Gestalt an.

Ihr erstes Album ‘Tear The Roots’ erschien 2017 und brachte die stimmungsvolle Pop-Ästhetik des Duos zum Vorschein, die Woods elfenhaften Gesang mit Goulders Neo-Noir-Elektronika verbindet. Teilweise inspiriert von Woods Arbeit in der Umweltberatung, spielten die Texte auf die Verbindung der Menschheit mit der Klimakrise an, ohne sich jedoch auf eine endgültige Botschaft festzulegen. Wie Goulder es ausdrückt, sind die Songs für Kaleida „hauptsächlich ein Ausdruck des Unterbewusstseins“. Dieses Album brachte dem Duo die zweite Beteiligung in einem Filmsoundtrack ein, diesmal für ‚Atomic Blonde‘ (mit Charlize Theron in der Hauptrolle) wofür sie eine feinfühlige Version von Nenas Anti-Krieg-Song 99 Luftballons’ beisteuerten.

Nach gemeinsamen Aufnahmen und Auftritten in London wurden Kaleida zur räumlichen Trennung gezwungen, als die deutsch-amerikanische Frontsängerin zurück in die USA zog. Obwohl die räumliche Distanz neben neuer Mutterschaft und Zweitjobs nicht die einzige Herausforderung war, tauschten die beiden über das Internet weiterhin Ideen aus. Ihr zweites Album, Odyssey, erschien 2020, praktisch in die Pandemie hinein. So wie für viele andere, läutete dies auch für Kaleida die bis dahin längste (räumlich) voneinander getrennte Phase ein. Erst anderthalb Jahre später, im Jahr 2021, konnten sie endlich wieder im gleichen Raum auftreten, im Londoner Chats Palace.

Anfang 2022 stand Kaleida dann kurz vor dem Aus. Der Stress der Kindererziehung, die Tatsache, nicht auf Tournee gehen zu können, und die Pandemie führten dazu, dass Wood und Goulder beinahe endgültig aufgegeben hätten. Doch manchmal muss man erst einen Blick in den Abgrund werfen, bevor man erkennt, was einem wirklich wichtig ist. Nach einer längeren Auszeit haben die beiden in ihrem virtuellen Studio wieder zusammengefunden und sind – mit neuem Elan – zu ihrer musikalischen Vision zurückgekehrt.

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