Nach langen Corona-Verzögerungen dampfte dieses Luxusschiff von Film 2022 in die Kinos; jetzt legt es mit all seinen Star-Passagieren auch bei Netflix an. Die prächtig inszenierte Adaption eines der meistgefeierten Kriminalromane aus der Feder von „Queen of Crime“ Agatha Christie, „Tod auf dem Nil“, bietet sommerliche Urlaubsunterhaltung.
Es ist 1937. Während andere zu den Klängen von Blues-Bands tanzen, darf Poirot (Kenneth Branagh) aufpassen, dass die reiche Erbin Linnet Ridgeway-Doyle (Gal Gadot) und ihr Ehemann Simon Doyle (Armie Hammer) auf ihrer Hochzeitsschiffsreise durch Ägypten nicht von Simons eifersüchtiger Ex-Verlobter Jackie de Bellefort (Emma Mackey) ermordet werden.
Unverschämterweise erschießt dann doch jemand Linnet direkt vor Poirots Schnurrbart und unverschämterweise hat die Hauptverdächtige ein nilwasserfestes Alibi. Doch die Mörderin oder der Mörder kann sich in diesem klassichen „closed circle mystery“ nur auf dem Schiff befinden. Also muss der Meisterdetektiv seine berühmten „kleinen grauen Zellen“ zu Hochleistungen antreiben, um ein Rätsel zu lösen, das sich mit jeder Minute als verwickelter erweist. Und das möglichst, bevor die Opferzahl weiter steigt.
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Drehbuchautor Michael Green („Blade Runner 2049“) und Regisseur/Hauptdarsteller Kenneth Branagh („Kommissar Wallander“) bauen das teuflisch clevere Rätsel als schwelgerische Art-Déco-Fassade auf, deren Juwelenfunkeln auf tiefer und tiefer werdenden Wassern voll Neid, Gier und allgemeiner Verdorbenheit schwimmt.
In dieser zunehmend beklemmenden Atmosphäre voll messerscharfer Kontraste scheint niemand frei von Motiven für Missetaten. Doch der Meisterdetektiv, der Fremde wie Bekannte lesen kann, verkörpert schließlich seit seiner Erfindung im 19. Jahrhundert diese große Fantasie der Moderne, dass man nur intelligent, aufmerksam und hartnäckig genug sein müsse, um der chaotischer Komplexität dieser Welt mit Kontrolle zu begegnen.
Mit einer seiner interessantesten Ideen wartet der Film gleich zu Beginn auf. Bevor uns die flirrende Sonne Ägyptens blendet, öffnet der Film mit der ominösen Jahreszahl „1914“ und Schwarzweißbildern von Baumskeletten, schlammigen Gräben und einem schockierend schnurrbartlosen (und verlobten) Poirot in Militärgewandung. (In den Büchern war er nie Soldat, sondern alleinstehender Polizist und Kriegsflüchtling.) In ihrem Spiel mit Markenzeichen der ikonischen seriellen Figur erzählt diese hinzugedichtete Sequenz nicht nur, wie Poirot zu seiner topgepflegten Gesichtsbehaarung kam, sondern verleiht breiteren Thematiken, welche die Handlung nach und nach entfaltet, zusätzlich emotionales Gewicht.
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Natürlich braucht es ein wenig mehr als den Schnurrbart, um Christies legendären Belgier (nicht Franzosen) einmal mehr zum Leinwandleben zu erwecken. Wenn man Branagh einmal verziehen hat, dass er nicht David Suchet (Star der Kultserie „Agatha Christie’s Poirot“) ist, macht seine Darstellung auch viel Spaß.
Sein gelassener Tonfall etwa, als Sidekick Bouc (Tom Bateman) beschwichtigend erklärt, es sei ein normaler Teil von Monsieurs Verhörmethode, alle und jeden des Mordes zu bezichtigen – „Es ist ein Problem, gebe ich zu“ –, trifft voll ins Schwarze.
Die Liebe zur literarischen Vorlage scheint gerade in kleinsten Details wie Poirots Hingabe zu makelloser Kürbiszüchtung durch. Wie er einen Kellner bittet, einen von sieben Desserttellerchen um der Symmetrie willen zurückzunehmen, nur um dann am Rande der Verzweiflung herumzuflattern, als der Ahnungslose sich das falsche schnappt – „Nein, nicht mein kleiner Freund, bitte, danke!“ –, oder wie er die Füße einer Leiche ordentlich geraderückt, das hätte Christies Augen mit fünfzig Meilen pro Stunde zum Rollen gebracht.
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Ausnahmsweise ist dies hier als Lob aufzufassen. Als „Tod auf dem Nil“ 1937 erschien, fand die Autorin ihre erfolgreichste Schöpfung mit all seinen pingeligen Angewohnheiten und seiner pompösen Art bereits „unerträglich“, wenn sie auch einsah, dass ihr Publikum genau daran Freude fand (und das, ohne Poirot zuerst einen Wasserfall hinunterzuwerfen, wie Arthur Conan Doyle es vergeblich mit Sherlock Holmes versucht hatte).
Tatsächlich meint man mehrfach, Christie sprechen zu hören, wenn andere Charaktere den Detektiv tadeln. Dabei webt der Film Kritik an Poirots Selbstbezogenheit mit seiner neuen Hintergrundgeschichte in den Topos des einsamen Intellekts mit einer schwierigen Beziehung zu Romantik, was zu einigen berührenden Momenten führt.
Weniger berührend, doch umso spannender sind die Abgründe, in die Menschen aus (Hass)liebe sinken. Düstere Geheimnisse und Pistolenkugeln bringen Unordnung in die Hochglanzfassade und verspritzen Blut über die Champagner- und Bernstein-Farbpalette des Films.
Ebenso tief sinken Menschen natürlich wie eh und je für Geld. Sicherheit garantieren auf der an Nilkrokodilen vorbeidampfenden S. S. Karnak nicht einmal schwindelerregende Mengen davon. In Zeiten, wo sich Superreiche aufführen, als könne und solle ihr Reichtum ihnen jegliche Art von Schutz und Immunität kaufen, gerade auch vor Problemen, die sie selbst maßgeblich befeuern, trifft das einen grimmigen Nerv.
Es ist übrigens nicht nötig, den Vorgängerfilm „Mord im Orient Express“ (2017, nicht auf Netflix, sondern auf Disney+, Apple und Amazon Prime verfügbar) gesehen zu haben, um „Tod auf dem Nil“ zu genießen. Zwischen flimmernder Hitze und eiskalten Morden entfaltet der Fall seine Stärken eigenständig, während das Luxusschiff mit trügerischer Gelassenheit den Fluss hinabgleitet, der Soundtrack unheilschwanger anschwillt und sich die Rädchen in Poirots Kopf immer rasanter drehen.
Dem liebenswerten Genie mag keine Urlaubsentspannung vergönnt sein, seinen Fans bietet er jedenfalls eine erfreuliche Möglichkeit, dem Alltag für zwei Stunden zu entfliehen.
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