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Boykotte und Verbote von Kultur: Das Ende der Freiheit

Täglich sind neue Boykottaufrufe und Verbotsforderungen gegen Musik zu hören. Doch das ist nie die Lösung, sondern ein Problem.

Kultur ist der Kitt unserer Gesellschaft. Musik, Kunst und Literatur spiegeln unsere Geschichte, unsere Werte und unsere Emotionen wider. Jedes Wochenende feiern Millionen Menschen in Deutschland zu Musik aller Art. Die allermeisten schaffen es dabei, keine Nazi-Parolen zu grölen.

Nun wurde eine kleine Gruppe Yuppies auf Sylt dabei gefilmt, wie sie ausländerfeindliche Parolen zu einem Lied von Gigi D’Agostino gegrölt hat. Die Konsequenz vieler Party-Veranstalter lautet nun: Verbot von „L’amour toujours“. Geht’s noch?

Die jüngste Debatte zeigt, wie schnell Kultur zur Zielscheibe werden kann und welche Gefahren für unsere Freiheit damit verbunden sind.

Der Skandal um „L’amour toujours“

Schon länger wird das Lied mit seiner prägnanten Melodie aus dem Jahr 2001 von Nazis und Rassisten missbraucht. Der Trend ist nicht neu und wurde durch Social Media massiv verstärkt. Infolge der Ereignisse auf Sylt beschlossen nun viele Veranstalter in Deutschland, darunter das Oktoberfest und das Cannstatter Volksfest, das Lied präventiv zu verbieten. Ziel sei es, zu verhindern, dass der Song weiter für rechtsextreme Parolen missbraucht werden könne.

Befürworter eines Verbots argumentieren, dass es notwendig sei, um rechtsextremen Missbrauch zu verhindern und die Sicherheit der Veranstaltungen zu gewährleisten. Das Verbot solle außerdem ein klares Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung setzen. In der Realität ist es jedoch feige und lässt jedes Vertrauen in unsere Zivilgesellschaft und die überwiegend demokratisch gesinnte Mehrheit im Land vermissen.

Verbote lösen das Problem nicht

Ein Verbot wird das Problem nicht lösen, da Rechtsextreme einfach andere Lieder finden und umtexten werden. Es wäre der größte Erfolg einer kleinen Gruppe Rechtsradikaler, wenn wir ihnen das Lied überlassen. Einige dürften sich vermutlich sogar angestachelt fühlen und es dann erst recht singen. Ein Verbot von Musik ist völlig ungeeignet, weil diese Menschen sich nicht um Verbote und Moral scheren.

Es ist außerdem ein Angriff gegen die Künstler. Gigi D’Agostino hat mit diesem Missbrauch seines Lieds überhaupt nichts zu tun und ließ mitteilen, dass das Lied für Liebe stehe, wie es ja auch im Titel heißt.

Mit der Unterstützung von Künstlicher Intelligenz werden wir in Zukunft erleben, dass sich neue, umgetextete Versionen von Musik oder neu synchronisierte Videos noch schneller verbreiten. Die Grenzen werden immer mehr verschwimmen, und wir müssen uns auch damit öffentlich auseinandersetzen. Ein Verbot eines einzelnen Liedes ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein und kann sogar das genaue Gegenteil bewirken. Was kommt dann als nächstes? Wollen wir wirklich alles verbieten, was von Rechten missbraucht werden könnte? Sind wir wirklich so schwach?

Auch Boykottaufrufe unterlaufen die Freiheit

Nicht nur Verbote, auch Boykottaufrufe gegen Musik aus Ländern mit schlechten Regierungen sind falsch und zutiefst undemokratisch. Künstler können nichts für die Handlungen ihrer Regierungen, solange sie nicht im Auftrag der Staatspropaganda unterwegs sind, was man im Fall des Eurovision Song Contest etwa Russland – im Gegensatz zur Demokratie Israel – unterstellen muss.

Entsprechende Boykottforderungen schwedischer und britischer Künstler, angestachelt von der anti-israelischen Gruppe BDS, gegen die Teilnahme der jungen israelischen Sängerin Eden Golan am Eurovision Song Contest sind kaum zu fassen. Ausgerechnet Künstler sollten verstehen, dass sie sich damit auf dünnes Eis begeben. Schließlich sind auch ihre eigenen Regierungen an so mancher Sauerei beteiligt.

So einfach ist das nicht mit der Politik. Jeder hat irgendwo Dreck am Stecken, und wenn wir anfangen, gegeneinander aufzuwiegen, was unsere Regierungen in den letzten Jahrzehnten verbrochen haben, dürfte es bald weder einen Song Contest noch Tourneen von Künstlern in andere Länder geben. Und das wäre das Ende von Frieden und Freiheit und die Gegner der Demokratie hätten ihr Ziel erreicht.

Die Zivilgesellschaft ist stark

In Demokratien sollten wir in der Lage sein, Probleme anders als mit Verboten und Boykotten zu lösen und auch Meinungen auszuhalten, die uns unangenehm oder in unseren Augen sogar völlig inakzeptabel sind. Unsere Gesetze sind stark genug, um Straftaten zu ahnden, und Veranstalter haben jederzeit das Hausrecht, um bei Verstößen schnell einzugreifen und solche Szenen wie auf Sylt konsequent zu unterbinden.

Die Menschen im Sylter Video würden es sich nächstes Mal sicher genauer überlegen, ob sie sich noch einmal öffentlich als widerliche Rassisten zu erkennen geben würden. Nur so funktioniert es. Wer sich derart exponiert, muss mit den Konsequenzen leben.

Brandbeschleuniger Social Media

Extreme Meinungen ohne jegliches Hintergrundwissen haben durch soziale Medien Hochkonjunktur. Diverse Kräfte aus dem In- und Ausland nutzen die Dynamik auf den Plattformen für die Verbreitung von Propaganda und Desinformation und werden dabei immer geschickter. Ein Beispiel dafür ist Russland, das über seine Social Media Propaganda sogar Wahlen in demokratischen Ländern entschieden hat – bis heute ohne jegliche Konsequenzen.

Auch die AfD hat in den letzten Jahren maßgeblich von russischer Propaganda profitiert und über die wie ein Krebsgeschwür gewachsenen Filterblasen extrem viel Zulauf bekommen. Immer mehr dieser Verflechtungen der russischen und chinesischen Propaganda mit der rechtsextremen AfD werden derzeit sichtbar. Auch sie nutzt Social Media aktiv und erfolgreich als Brandbeschleuniger im öffentlichen Diskurs.

Social Media ist voller Hasskommentare, viele davon stammen von Bots, die nur darauf abzielen, uns gegeneinander aufzuhetzen und Wahlen zu beeinflussen. Wir dürfen uns davon nicht mitreißen lassen. Es bringt nichts, gegen diese Bots zu argumentieren, ganz im Gegenteil: Damit machen wir sie nur groß und bringen ihnen noch mehr Reichweite. Das Beste, was wir tun können, ist die Kommentarspalten unter allen großen Medien konsequent zu ignorieren und uns nicht mehr an dem andauernden Geschrei im Netz zu beteiligen. Es bringt nichts und nützt nur denjenigen, die die Welt brennen sehen wollen.

Wir dürfen unsere Musik nicht den Extremisten überlassen

Musik ist grundsätzlich frei und darf nicht verboten werden, solange keine Gesetze gebrochen werden. Ein prophylaktisches Verbot gefährdet unsere Freiheit und Demokratie. Wer nur Angst vor einem Imageverlust hat, sollte lieber dafür sorgen, dass bei entsprechenden Vorkommnissen schnell und konsequent reagiert wird.

Anstatt harmlose, völlig unpolitische Lieder zu verbieten, sollten wir uns darauf konzentrieren, rassistische und diskriminierende Äußerungen konsequent zu ahnden und letztlich auch selbst eingreifen, wenn wir so etwas mitbekommen, und notfalls Unterstützung holen.

Die Antwort auf rechtsextreme Parolen kann auch eine kreative sein. Im Internet kursieren zahlreiche neubetextete Versionen von „L’amour toujours“ mit Texten gegen Nazis. Warum sollte das nicht auch auf den Volksfesten funktionieren? Wir dürfen unsere Musik nicht einfach den Extremisten überlassen.

Kulturverbote und Boykotte sind der Anfang vom Ende unserer kulturellen Freiheit. Sie spielen den Extremisten in die Hände und gefährden unsere demokratischen Werte. Wenn wir erst damit anfangen, alles zu verbieten und boykottieren zu wollen, was uns nicht passt, werden wir nicht mehr damit aufhören. Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte und Verbote gegen „entartete“ Kunst standen auch am Anfang des Holocaust.

Wir müssen stark und stoisch genug sein, andere Meinungen auszuhalten, egal wie daneben sie auch sein mögen und gleichzeitig standhaft gegen Hass und Hetze bleiben. Unsere Kultur und sogar Musik, die wir nicht mögen, ist ein kostbares Gut, das wir jederzeit leidenschaftlich und gemeinsam verteidigen müssen.

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