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Gorillaz – “The Mountain”: Stimmen aus der Vergangenheit

25 Jahre nach ihrem Debüt sind Gorillaz längst mehr als ein cleveres Nebenprojekt aus der Britpop-Ära. Das neue Album “The Mountain” enthält einige neue Aufnahmen von Künstlern, die leider schon von uns gegangen sind, behält aber trotzdem eine beschwingte Leichtigkeit.

Was 2001 als virtuelle Band von Damon Albarn und Zeichner Jamie Hewlett begann, wirkt im Rückblick erstaunlich vorausschauend. In der schönen neuen KI-Welt erscheint das Konzept einer Cartoonband kaum noch als ironischer Kommentar auf das Musikgeschäft, sondern als früher Vorgriff auf eine Gegenwart, in der Identitäten zunehmend fluide werden.

Mit The Mountain legen Gorillaz ihr neuntes Studioalbum vor. Es ist ein Werk, das gleich mehrere Ebenen zusammenführt: eine intensive Auseinandersetzung mit Indien, wohin Albarn gereist ist, sowie die persönliche Erfahrung von Verlust, denn sowohl er als auch Hewlett haben in den vergangenen Jahren ihre Väter verloren. Aus diesen beiden Impulsen entsteht ein Album, das Tod und Weiterleben, Erinnerung und Gegenwart miteinander verschränkt.

Albarn greift auf ältere Aufnahmen zurück, die er mit mittlerweile verstorbenen Künstlern gemacht hat. Zu hören sind Dennis Hopper, Bobby Womack, Mark E Smith, Tony Allen sowie die Rapper Proof von D12 und Trugoy the Dove von De La Soul. Ihre Stimmen erscheinen nicht als sentimentale Reminiszenz, sondern als selbstverständlicher Teil des Albums.

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Wenn Proof auf „The Manifesto“ mit einer energischen Strophe einsetzt, wirkt das weder geisterhaft noch museal. Seine Stimme besitzt Präsenz und Dringlichkeit. Ähnlich verhält es sich mit Mark E Smith, der auf „Delirium“ mit seinem charakteristischen, zwischen Knurren und Bellen changierenden Vortrag den wuchtigen Refrain konterkariert. Das Thema Tod wird hier nicht in düsteren Farben ausgemalt, sondern als Fortwirken verstanden. Musik wird zum Ort, an dem Biografien weiterklingen.

Auch die Inspiration durch Indien bleibt auf The Mountain nicht bloßes Dekor. Sie prägt das Album substanziell. Eine Reihe indischer Musikerinnen und Musiker ist beteiligt, darunter die legendäre Playback-Sängerin Asha Bhosle, die experimentierfreudige Asha Puthli und die Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar. Hinzu kommen traditionelle Instrumentalisten, deren Beiträge das Klangbild deutlich erweitern.

Schon der eröffnende Titeltrack setzt ein Zeichen: Die Melodie wird von einer Bansuri gespielt, jener nordindischen Bambusflöte, deren warmer, atmender Ton eine ruhige, fast meditative Atmosphäre schafft. Immer wieder erklingen Sitar und Tambura, die nicht als exotisches Zitat eingesetzt werden, sondern integraler Bestandteil der Arrangements sind.

Auf „The Plastic Guru“ trifft die Sitar im Dialog auf die markante, helle Gitarre von Johnny Marr. Hier entsteht kein Weltmusik-Klischee, sondern ein dichtes Geflecht aus britischer Poptradition und südasiatischer Klangästhetik.

Diese Offenheit gehört seit jeher zum Selbstverständnis von Gorillaz. Kaum ein Projekt der vergangenen Jahrzehnte hat so selbstverständlich Carly Simon und Shaun Ryder, Skepta und Lou Reed, Bad Bunny und Mark E Smith auf einer diskografischen Linie versammelt. Doch wo frühere Alben bisweilen wie kuratierte Playlists wirkten, erhält The Mountain durch seinen thematischen Kern eine deutlich stärkere Geschlossenheit.

Trotz der persönlichen Verluste wirkt The Mountain keineswegs schwer oder depressiv. Im Gegenteil: Viele Stücke strahlen eine fast beschwingte Energie aus. „The Moon Cave“ verbindet post-discoide Grooves mit opulenten Streichern und entwickelt eine cineastische Weite. „The Shadowy Light“ lebt von Asha Bhosles Stimme, die sich mühelos über ein Geflecht aus eher spröden Synthesizern erhebt. „Damascus“ wiederum greift Elemente von Acid House auf und verbindet sie mit nahöstlichen Skalen.

Diese Mischung aus Trauerarbeit und Lebensbejahung ist nicht immer vollkommen ausgewogen. „Orange County“ kombiniert Albarns ernüchterte Zeile „the hardest thing is to say goodbye to someone you love“ mit einer auffallend heiteren, fast pfeifbaren Melodie.

Auf „The God of Lying“ trifft der düstere Vortrag von Joe Talbot, Sänger der Band Idles, auf ein beinahe ausgelassenes, leicht chaotisches Reggae-Arrangement. Die Spannung zwischen Bedrohung und Leichtigkeit erzeugt eine eigene Dynamik. „The Happy Dictator“ thematisiert die Versuchung, sich von schlechten Nachrichten abschirmen zu lassen. Der Song deutet an, dass jene, die Schutz versprechen, oft eigene Interessen verfolgen. Musikalisch bleibt das Stück zugänglich, fast eingängig, und unterstreicht so die Ambivalenz seiner Aussage.

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Ein wiederkehrendes Motiv auf dem Album lautet sinngemäß: „Living is the ending of the beginning.“ Leben erscheint hier als fortwährender Übergang. Diese Perspektive durchzieht die Texte in unterschiedlichen Formulierungen und sogar in verschiedenen Sprachen.

Tracklist von The Mountain

  1. The Mountain (feat. Dennis Hopper, Ajay Prasanna, Anoushka Shankar, Amaan Ali Bangash & Ayaan Ali Bangash)
  2. The Moon Cave (feat. Asha Puthli, Bobby Womack, Dave Jolicoeur, Jalen Ngonda & Black Thought)
  3. The Happy Dictator (feat. Sparks)
  4. The Hardest Thing (feat. Tony Allen)
  5. Orange County (feat. Bizarrap, Kara Jackson & Anoushka Shankar)
  6. The God Of Lying (feat. IDLES)
  7. The Empty Dream Machine (feat. Black Thought, Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  8. The Manifesto (feat. Trueno & Proof)
  9. The Plastic Guru (feat. Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  10. Delirium (feat. Mark E. Smith)
  11. Damascus (feat. Omar Souleyman & Yasiin Bey)
  12. The Shadowy Light (feat. Asha Bhosle, Gruff Rhys, Ajay Prasanna, Amaan Ali Bangash & Ayaan Ali Bangash)
  13. Casablanca (feat. Paul Simonon & Johnny Marr)
  14. The Sweet Prince (feat. Ajay Prasanna, Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  15. The Sad God (feat. Black Thought, Ajay Prasanna & Anoushka Shankar)

Biografie Gorillaz: Die virtuelle Band, die Pop neu erfand

Die Gorillaz gehören zu den innovativsten und eigenwilligsten Projekten der Popgeschichte. Als fiktive Band konzipiert, als multimediales Kunstprojekt umgesetzt und musikalisch irgendwo zwischen Hip-Hop, Dub, Electronica und Britpop angesiedelt, sprengte das Kollektiv um Damon Albarn und Jamie Hewlett von Beginn an die Grenzen des Machbaren. Was 1998 als medienkritischer Gag begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer globalen Marke.

„Gorillaz“ (2001)

Als das selbstbetitelte Debütalbum im Jahr 2001 erscheint, weiß zunächst niemand so recht, was von dieser „virtuellen Band“ zu halten ist. Die vier animierten Mitglieder – der melancholische Sänger 2-D, der aggressive Bassist Murdoc Niccals, der hyperaktive Drummer Russel Hobbs und das japanische Wunderkind Noodle an der Gitarre – sind nicht mehr als Avatare. Doch hinter der Cartoon-Fassade steckt echte musikalische Substanz: Damon Albarn (Blur) trifft auf Produzent Dan the Automator und DJ Kid Koala, ergänzt um den Rapper Del the Funky Homosapien.

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Mit Tracks wie „Clint Eastwood“, „Tomorrow Comes Today“ oder „19-2000“ gelingt ein überraschender Spagat aus Trip-Hop, Dub, Rap und Pop, der vor allem außerhalb Großbritanniens für Aufsehen sorgt. Die Gorillaz werden zum Popphänomen – nicht zuletzt durch ihre aufwendig animierten Videos, die von Jamie Hewlett stammen, dem Co-Schöpfer des Kult-Comics Tank Girl.

„Demon Days“ (2005)

Vier Jahre später erscheint mit Demon Days ein deutlich düsteres, konzeptueller angelegtes Album. Produziert von Danger Mouse, entwickelt sich die Platte zu einem weltweiten Erfolg. Songs wie „Feel Good Inc.“, „DARE“ oder „Dirty Harry“ prägen die 2000er-Jahre maßgeblich mit und zeigen ein musikalisch gewachsenes Projekt, das sich gesellschaftskritischer und politischer gibt. Themen wie Konsum, Krieg, Klimawandel und Isolation ziehen sich durch das gesamte Album, allerdings subtil verpackt in tanzbare Arrangements und eingängige Refrains.

Besonders markant ist die Auswahl an Gästen: De La Soul, MF DOOM, Shaun Ryder, Roots Manuva und Dennis Hopper geben dem Album eine internationale, vielstimmige Tiefe. Mit Demon Days gelingt den Gorillaz endgültig der Sprung von einer cleveren Idee zu einer ernstzunehmenden Stimme im Popdiskurs.

„Plastic Beach“ (2010)

Plastic Beach ist das ambitionierteste Album der Gorillaz und zugleich ihr visuelles und erzählerisches Zentrum. Die fiktive „Plastic Beach“, eine schwimmende Müllinsel im Ozean, dient als Metapher für die Entfremdung des Menschen von der Natur und seiner Umwelt. Die Liste der Gäste ist so lang wie beeindruckend: Lou Reed, Snoop Dogg, Bobby Womack, Mos Def, De La Soul, Little Dragon, Mark E. Smith und viele weitere wirken mit.

Musikalisch bewegt sich das Album zwischen orchestralen Stücken, Funk, Synthpop und orientalisch geprägten Klanglandschaften. Der rote Faden bleibt: Die Gorillaz erzählen ihre Geschichte nicht linear, sondern über Stimmungen, Klangfarben und visuelle Konzepte. In den begleitenden Musikvideos und der Lore um die Bandmitglieder wird die narrative Welt weiter ausgebaut.

„The Fall“ (2011)

Weniger als ein Jahr nach Plastic Beach erscheint The Fall, ein experimentelles, introspektives Album, das während der Nordamerika-Tour aufgenommen wurde. Damon Albarn produziert die gesamte Platte auf einem iPad, die Tracks wirken skizzenhaft und roh. Im Vergleich zu den orchestralen Arrangements des Vorgängers ist The Fall minimalistisch, fast lo-fi.

Obwohl es unter Fans eher als Nebenprojekt gilt, liefert The Fall dennoch interessante Einblicke in den kreativen Prozess der Band und markiert eine Art Klammer für die erste große Gorillaz-Phase, die danach für einige Jahre auf Eis gelegt wird.

„Humanz“ (2017)

Nach sechs Jahren Funkstille kehren die Gorillaz mit Humanz zurück – einem Album, das sich mit der gesellschaftlichen Fragmentierung im Zeitalter von Trump, Brexit und digitaler Überflutung auseinandersetzt. Das Album ist vollgestopft mit Features: Grace Jones, Vince Staples, Pusha T, Kali Uchis, Danny Brown, Popcaan, Kelela, D.R.A.M., Benjamin Clementine und viele andere prägen das Bild einer hypervernetzten, postfaktischen Welt.

Musikalisch dominieren elektronische Beats, schnelle Schnitte und ein fast überfordernder Ideenreichtum. Humanz ist kein einfaches Album, sondern eher eine Soundcollage.

„The Now Now“ (2018)

Bereits ein Jahr später erscheint mit The Now Now ein deutlich reduzierteres Album, das fast vollständig von Damon Albarn allein eingesungen wurde. Die Zahl der Gäste ist minimal, der Sound entspannter und fokussierter. Songs wie „Tranz“, „Lake Zurich“ oder „Humility“ (feat. George Benson) erinnern an funkigen 80s-Pop, gepaart mit melancholischer Albarn-Melodik.

The Now Now wirkt wie ein bewusster Gegenentwurf zum überfrachteten Humanz – ein Moment der Ruhe inmitten der medialen Dauerbeschallung.

„Song Machine, Season One: Strange Timez“ (2020)

Mit Song Machine erfinden sich die Gorillaz erneut neu, diesmal als Web-Serie. Über das Jahr 2020 hinweg veröffentlichen sie in monatlichem Rhythmus neue Tracks mit jeweils wechselnden Gästen. Das Konzept erinnert an eine digitale Jukebox und bringt dabei Songs mit Künstler*innen wie Robert Smith (The Cure), St. Vincent, Elton John, Slowthai, EarthGang, Beck und Octavian hervor.

Song Machine ist kein klassisches Album, sondern eher ein musikalisches Staffelmodell. Die Tracks sind lose miteinander verbunden, aber jeder für sich ein kleiner Kosmos. Auch hier zeigt sich wieder der experimentelle Geist des Projekts – offen für Formate, Plattformen und Kollaborationen.

„Cracker Island“ (2023)

Mit Cracker Island schlagen die Gorillaz ein neues Kapitel auf, das sich wieder stärker an klassischen Songstrukturen orientiert. Produziert mit Greg Kurstin und unter anderem mit Features von Thundercat, Stevie Nicks, Bad Bunny, Beck und Tame Impala ist das Album musikalisch zugänglicher als viele Vorgänger – mit funkigen Basslines, Disco-Elementen und dystopischen Lyrics über Desinformation und digitale Isolation.

Die fiktive Geschichte der Band dreht sich diesmal um eine Sekte, die sich auf einer geheimen Insel verschanzt, eine klare Allegorie auf Verschwörungstheorien, Internetblasen und die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten. Das visuelle Storytelling bleibt dabei weiterhin fester Bestandteil der Gorillaz-Welt.

„The Mountain“ (2026)

Mit dem angekündigten Album The Mountain (erscheint im März 2026) erreicht das Projekt eine neue Stufe der globalen Vernetzung. Noch nie war die Gästeliste so international und vielfältig: von Black Thought über Sparks und IDLES bis hin zu klassischen indischen Musiker*innen wie Anoushka Shankar oder der Bollywood-Ikone Asha Bhosle.

Was die Gorillaz seit über zwei Jahrzehnten auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, sich ständig neu zu erfinden, ohne den Kern des Projekts zu verlieren. Die Verbindung von Musik, Animation, Narration und globaler Kollaboration bleibt einzigartig im Pop. In einer Zeit, in der viele Bands sich auf nostalgische Reproduktionen verlassen, setzen Gorillaz auf Fortschritt – manchmal überladen, manchmal kryptisch, aber immer neugierig, verspielt und eigenständig.