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Miserable Monday: Playlist von Kraków Loves Adana

  • Rubrik: Musik

Die Playlist zum Start in die neue Woche. Heute mit Musik von Radiohead, The Cure und Mogwai.

Credit: Kraków Loves Adana

Im heutigen Feature schauen wir noch einmal auf eine Platte aus dem letzten Jahr zurück. „Follow The Voice“ (erschienen am 12.11.21) ist das sechste Album des Hamburger Dream-Pop-Duos Kraków Loves Adana um Sängerin und Produzentin Deniz Çiçek, sowie ihrem Ehemann Robert Heitmann. Entstanden ist die Platte inmitten eines geplatzten Deals mit „Italians Do It Better“, dem Label von Chromatics-Produzenten Johnny Jewel. Was hätte der Einstieg in den US-Markt sein sollen, fiel ins Wasser und der damals schon veröffentlichte Song „Follow The Voice“ verschwand von den Streaming-Plattformen. 

Davon ließ sich das Duo aber nicht aufhalten. Vermutlich hat man in einer 16-jährigen Bandgeschichte schon genug gesehen, um sich trotz solcher Rückschläge auf das Wesentliche konzentrieren zu können: gute Songs schreiben nämlich. Aufstehen und Weitermachen also. Und obwohl sich Çiçek auch auf „Follow The Voice“ mit behutsam tiefen Vocals, Drumcomputer und ange-cure-ten Gitarren gewohnt stoisch kühl gibt, haben die Songs einen Hauch von Herzlichkeit, den ich so auf anderen KLA Alben noch nicht gehört habe. Eindringlicher New Wave/Synth-Pop, der es schafft, das Melancholische mit dem Positiven zu verbinden. 

Kraków Loves Adana - "Taint My Mind" (Visualizer)

DIE PLAYLIST

Peter Gabriel – Mercy Street 

Dies ist ein Lied, welches für mich wohl nie seine Magie verlieren wird.

Inspiriert von dem Leben und Werk von Anne Sexton, beschreibt der Song die Versöhnung mit sich selbst, die Sehnsucht nach einer inneren Vollkommenheit, Vergangenheitsbewältigung und die Reise ins Jenseits. Gepaart mit der sphärischen Instrumentierung hat dieses Stück fast schon eine urtümliche, ehrliche Essenz, und bleibt für mich eines der gelungensten Werke Gabriels.

John Lennon/Plastic Ono Band – Mother 

Es gibt Musik, die trifft einen direkt beim ersten Hören mitten ins Herz.

Der Opener John Lennons Debut Albums ist für mich eines dieser Stücke und hat mir auch in schweren Zeiten Hoffnung und Trost gespendet.  Es geht um Verlustängste, die durch eine schwierige Kindheit geprägt wurden, aber auch um eine damit einhergehende Versöhnung mit dem inneren Kind und der eigenen Familie.

Radiohead – Motion Picture Soundtrack

Ich habe gelesen, dass der Song am gleichen Tag wie „Creep“ geschrieben wurde. Mit Sicherheit einer der traurigsten und bittersüßesten Stücke, in dem Thom Yorke einer geliebten Person hinterher trauert und versucht wieder nahe zu kommen: „Red wine and sleeping pills / Help me get back to your arms / Cheap sex and sad films /Help me get where I belong“.

The Cure – Pictures of you 

Ein Song über eine vergangene Liebe und die Reue, nicht die richtigen Worte zu finden und seinen Moment irgendwie verpasst zu haben. Für mich ist dieses Stück eher eine Liebe auf den zweiten Blick, auch wenn Disintegration für mich mit das gelungenste Album von The Cure darstellt. Interessant auch die Entstehungsgeschichte: angeblich schrieb Robert Smith das Lied nachdem in seinem Haus ein Feuer ausbrach und er danach in den Trümmern Bilder seiner Frau Mary fand. Das Single Cover stellt eines dieser gefundenen Fotos dar.

Brian Eno – By This River

Zum erst mal im Film “Das Zimmer meines Sohnes” von Nanni Moretti gehört, eröffnet dieser Song mit dem ersten Ton einen unglaublichen Raum voller Wehmut um Vergänglichkeit, Erinnerungen und Verlust. Lässt mich immer wieder sofort in Gedanken versinken.

Nine Inch Nails – Hurt

Sechs Minuten voller Schmerz und dunkler Gedanken, die nahezu spürbar werden und dennoch zum Schluss einen Antrieb zum Durchhalten und Weitermachen finden. Trent Reznor sagte, dass er den Song aus einem sehr verzweifelten und isolierten Zustand heraus schrieb – dies ist mit jedem Wort hörbar und unglaublich ehrlich sowie pur. Besondere Empfehlung: Reznors Performance des Songs nur am Klavier beim ReAct Now: Music & Relief-Benefizkonzert aus dem Jahr 2005.

Mogwai – Tracy

Als Teenager hat Robert die Kid Loco-Version des Songs in seinem Lieblings-Skateboardvideo Emerica – This Is Skateboarding entdeckt. Einer dieser Songs, der sofort Klick macht und etwas sehr meditatives hat.

Radiohead – Videotape 

Ja, Radiohead kommt hier zweimal vor. Es gibt einfach wenige aktuelle Bands, die es für mich so gekonnt schaffen, die Tiefen der menschlichen Psyche so in Musik zu fassen wie Radiohead. Auf den ersten Blick wie eine einfach Piano Ballade mit elektronischen Elementen anmutend, handelt es sich um ein rhythmisch eher komplexes Stück, welches eindrücklich den letzten Abschied eines im Sterben liegenden Protagonisten beschreibt, der diesen filmisch festhält. Sowohl inhaltlich als auch musikalisch wird eine Klimax jedoch bis zum Schluss nicht ganz greifbar, was Videotape in seiner Gesamtheit umso faszinierender macht. 

Elliott Smith – King’s Crossing 

Das Stück wurde auf dem Album „From A Basement On The Hill“ veröffentlicht, welches Elliott selbst nie fertigstellen konnte – es wurde nach seinem Tod unter Auftrag seiner Familie von seinem vertrauten Produzenten Rob Schnapf fertig gestellt. Elliotts Songwriting hatte zu diesem Zeitpunkt einen komplexeren Charakter und er experimentierte viel mit mehrschichtigen Sounds. Als er zu Lebzeiten den Song live performte und die Zeile „Tell me one good reason not to do it“ sang, ruften seine Freunde vom Bühnenrand: „Because we love you!“

George Harrison – Isn’t It A Pity

Die Schwermut, die mit dem in die Brüche gehen zwischenmenschlicher Beziehungen einhergeht, wird hier reflektiert und fast schon wertungsfrei beschrieben. Für mich ist dies eines der bewegendsten Stücke Harrison’s, so wunderbar wehmütig und bitter zugleich. Umso bitterer, dass es sich um eine ältere Idee Harrisons handelte, die Jahre zuvor von den anderen Bandmitgliedern der Beatles abgelehnt und schlussendlich das zentrale Stück seines ersten Solo Albums wurde. Besonders deutlich wird hier auch der Einfluss Harrisons auf Elliott Smiths Songwriting – auf YouTube kursiert ein Live Mitschnitt eines Konzerts, wo Elliott Smith eben diesen Song covert und dabei fast schon so klingt wie George Harrison selbst.

Martin Hommel

Martin ist 33, lebt in Leipzig und ist Radiomacher und Musikliebhaber. Für den Tonspion schreibt er die wöchentliche Kolumne "Miserable Monday".