Musik hören heute Milliarden Menschen nicht mehr nur über Radio oder Plattensammlungen, sondern über Streamingdienste wie Spotify, Apple Music oder YouTube Music. Dort bestimmen Playlister, was wir zu hören bekommen. Ein Blick hinter die Kulissen.
Im Zentrum dieses digitalen Ökosystems stehen Playlists: kuratierte Listen von Songs, die scheinbar objektiv die „besten“ Tracks für jede Stimmung, jeden Moment und jede Zielgruppe liefern. Was für Hörer oft ganz selbstverständlich zum Alltag gehört, hat sich über die letzten Jahre zur zentralen Mechanik des Musikmarkts entwickelt. Und mit dieser Mechanik verändern sich nicht nur die Wege, wie Musik gehört wird, sondern auch, wie sie geschaffen, bezahlt und überhaupt sichtbar wird.
Was Playlisting heute ist
Der Begriff Playlisting umfasst die Zusammenstellung von Musikstücken zu Listen, die Nutzer auf Streamingdiensten abspielen können. In der Praxis unterscheidet man drei große Gruppen:
- Redaktionelle Playlists: von Mitarbeitern der Streamingplattform oder von Gatekeepern in der Musikindustrie kuratierte Listen.
- Algorithmische Playlists: automatisierte Empfehlungen wie Discover Weekly oder Release Radar, die aus Nutzerdaten, Hörverhalten und algorithmischen Modellen entstehen.
- Nutzergenerierte Playlists: Sammlungen, die Hörer selbst erstellen und teilen können.
Während Nutzergenerierte Playlists die ursprüngliche Idee digitaler Zusammenstellungen weitertragen, dominieren heute vor allem die ersten beiden Kategorien das Streaminggeschäft: Sie entscheiden darüber, welche Musik Millionen Hörerinnen und Hörer vorgeschlagen wird. Damit sind sie zu den wichtigsten Vermittlern zwischen Künstlern und Publikum geworden.
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Wer trifft die Entscheidungen?
Die Logik hinter Playlists ist ein hybrides System aus menschlicher Kuration und algorithmischer Automatisierung. Plattformen wie Spotify kombinieren redaktionelle Teams mit maschinellen Modellen, die auf Nutzerdaten, Kontextinformationen und Vorlieben basieren: ein Ansatz, den Spotify intern als Algotorial beschreibt, also eine Synthese aus Algorithmus und Redaktion.
Doch der Schein von „neutraler Empfehlung“ täuscht. Menschen – und nicht selten kommerzielle Interessen – bestimmen mit, welche Musik überhaupt in den Fokus rückt. Die kuratierten Playlists großer Dienste haben für viele Genres längst eine ähnliche Gatekeeper-Funktion wie früher Radiosender oder die A&R-Abteilungen großer Labels.
Auch Tonspion betreut viele redaktionell kuratierte Playlists, doch diese bleiben auf den Streamingdiensten weitgehend unsichtbar. Die einzigen, die unsere Playlists dort finden sind unsere Leser. Wir müssen uns jeden einzelnen Hörer selbst erarbeiten, während Spotify und Co. bestimmen können, welche Playlists sichtbar sind und damit auch besonders häufig angeklickt werden und das sind natürlich nur die, die man selbst bestückt.
Das Geschäftsmodell hinter der Playlist
Playlists sind für Streamingdienste ein ökonomisches Werkzeug: sie halten Nutzer länger in der App und generieren mehr Streams. Die Musik selbst, die dazu dient, ist dabei sekundär. Streaminganbieter zahlen ihren Inhabern keine festen Gebühren pro Stream, sondern verteilen die Abonnentenbeiträge anteilig an die Rechteinhaber, basierend darauf, wie oft ihre Tracks insgesamt gehört wurden. Kritikern zufolge führt dieses Modell zu einer extremen Konzentration der Einnahmen: Laut einer Umfrage erzielten 2023 nur 0,1 Prozent aller Künstlerinnen und Künstler 75 Prozent der Einnahmen aus Streaming.
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Hinzu kommt ein umstrittenes System namens Discovery Mode bei Spotify, mit dem Labels ihre Tracks algorithmisch stärker hervorheben können, wenn sie im Gegenzug auf einen Teil der royaltypflichtigen Einnahmen verzichten. Dieses Modell wurde von Kritikern als eine moderne Form von moderner Payola, also bezahlter Platzierung, bezeichnet mit der Folge, dass unabhängige Künstlerinnen und Künstler weiter benachteiligt werden, weil sie nicht die finanziellen Mittel von Major-Musikfirmen haben. Viele erschreckend schwache Major-Künstler haben durch diese Methoden in der Vergangenheit eine erstaunliche Bekanntheit erlangt.
Wie Algorithmen Musik formen
Algorithmen tendieren dazu, wiederholbare Muster zu belohnen: Songs mit eingängigen Hooks, kurzer Introzeit und nachweislich hoher „Hörbarkeit“ erhalten mehr Sichtbarkeit. Gleichzeitig wird Musik, die konventionelle Parameter verlässt – sei es durch experimentelle Strukturen, lange Eröffnungen oder ungewöhnliche Tempi – oft weniger berücksichtigt. Der Fokus auf hohe Abspielzahlen und geringe Abbruchraten prägt in der Konsequenz die ästhetische Logik, die viele Künstlerinnen und Künstler unbewusst zu erfüllen versuchen.
Das Resultat ist ein homogenisierter Pool von Musik, in dem Künstlerinnen und Künstler zunehmend gezwungen sind, nicht mehr primär für ein Publikum, sondern für eine Maschine zu komponieren.
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Spotify selbst beschreibt diesen Prozess als Zusammenspiel aus Erfahrung und Auswertung. Maik Pallasch, ehemaliger Leiter des Berliner Spotify-Teams für den deutschsprachigen Raum, formulierte es 2019 so:
„Anhand der Nutzungsdaten, die wir in Echtzeit einsehen können, bestimmen wir, welche Songs auf der Playlist bleiben, welche prominenter platziert und welche von der Liste genommen werden.“
Musik, die nicht adhoc funktioniert und Zeit braucht, wird aussortiert, unabhängig vom Kontext oder künstlerischem Anspruch.
Der Frust mit Streamingdiensten wächst in der Musikbranche
Große Acts wie Herbert Grönemeyer haben das zugrundeliegende System kritisiert: Würde er, als einer der populärsten Künstler in Deutschland, ausschließlich von Streaming leben müssen, könnte er nicht überleben, sagte er in einem Interview mit der Zeit und bezeichnet deren Vergütungsstruktur als absurd.
Parallel dazu äußerten zahlreiche Musiker aus Deutschland – darunter Balbina, Peter Maffay und Annett Louisan – die Forderung nach mehr Transparenz über Algorithmen und faire Beteiligung an den Einnahmen der Streamingdienste.
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Internationale Kritik an algorithmischen Musiksystemen kommt nicht nur von Künstlern, sondern auch von Fachleuten wie der Autorin Liz Pelly. In ihrem Buch Mood Machine beschreibt sie, wie Spotify und ähnliche Dienste Musik zunehmend nach den Erwartungen eines passiven Hörpublikums strukturieren, was zu einer Dominanz algorithmusfreundlicher, homogenisierter Musik führt.
Die wachsende Debatte um sogenannte Fake Artists – pseudonyme, teilweise KI-erzeugte Musiker, die in Playlists erscheinen und echte Künstler verdrängen – zeigt zudem eine eskalierende Problematik, die weit über rein ‚kuratorische‘ Fragen hinausgeht.
Pay to play: Unabhängige Playlists als Geschäftsmodell
Neben den offiziellen Playlists der Streamingdienste hat sich eine zweite Ebene des Playlistings etabliert. Unabhängige Kuratoren, die außerhalb von Spotify, Apple Music oder Amazon Music agieren, betreiben teils äußerst erfolgreiche Playlists direkt auf den Plattformen selbst. Sie sind keine Angestellten der Dienste, sondern Einzelpersonen oder kleine Teams, die über Jahre hinweg Reichweite aufgebaut haben.
In der Praxis funktionieren viele dieser Playlists wie kleine Musikmedien: Sie werden regelmäßig gepflegt, über soziale Netzwerke oder Newsletter kommuniziert und oft eng mit einer bestimmten Szene oder Genre verknüpft.
Mit wachsender Reichweite verschiebt sich jedoch die Rolle der Kuratoren. Labels, Vertriebe und PR-Agenturen beginnen, gezielt Musik einzureichen. Was als persönliche Sammlung begann, wird zur Schnittstelle zwischen Künstlern und Öffentlichkeit. Für manche Playlister entsteht daraus ein Geschäftsmodell. Einnahmen generieren sich über Beratungsleistungen, Promotion-Angebote oder kostenpflichtige Einreichungen. Offiziell bleiben die Listen unabhängig, faktisch bewegen sich viele Modelle in Grauzonen, da bezahlte Platzierungen von den Plattformen untersagt sind, aber kaum kontrolliert werden.
Diese Form des Playlistings verstärkt jedoch eine Entwicklung, die bereits von den großen Streamingdiensten vorgegeben wird: Musik wird immer enger kategorisiert. Um auffindbar zu bleiben, müssen Songs eindeutig zuordenbar sein. Playlists funktionieren über klare Begriffe, Genres, Stimmungen und Kontexte. Was sich nicht eindeutig beschreiben lässt, fällt durchs Raster oder wird künstlich vereinfacht.
Auch unabhängige Playlists reproduzieren diese Logik. Sie müssen Orientierung bieten, um zu wachsen, und Orientierung entsteht durch Vereinfachung. Der Unterschied zu den offiziellen Playlists liegt weniger im Ergebnis als in der Tonalität. Nähe ersetzt nicht die strukturellen Zwänge des Systems.
Für Künstler können solche Playlists dennoch wertvoll sein, vor allem im Independent-Bereich, weil man einfacher darin stattfinden kann, häufig kann man sich für wenige Euro einen Platz erkaufen.
So entsteht neben den offiziellen Gatekeepern eine parallele Struktur, die das bestehende System nicht aufbricht, sondern weiter verfeinert. Die Playlist wird zur Schublade, und je besser sie beschriftet ist, desto größer die Chance, gehört zu werden.
Die Verlierer des Playlistings
Die Schattenseite des Playlistings zeigt sich dort, wo Musik nicht reibungslos in die Logik der Plattformen passt. Denn Playlists versprechen zwar Reichweite, setzen aber zugleich enge Rahmenbedingungen. Musik, die Zeit braucht, fällt dabei schnell heraus. Lange Intros, langsame Entwicklungen oder Songs, die sich erst nach mehreren Durchläufen erschließen, funktionieren schlecht in einem Umfeld, das auf sofortige Wirkung setzt. Wer nicht innerhalb weniger Sekunden überzeugt, wird übersprungen und damit unsichtbar. Genau deshalb klingt fast alles, was in den Charts ist, nahezu identisch.
Besonders hart trifft das Künstlerinnen und Künstler, die im Albumformat denken. Konzeptuelle Veröffentlichungen, dramaturgisch aufgebaute Longplayer oder zusammenhängende Erzählungen verlieren an Bedeutung, wenn Musik vor allem als einzelner Track in thematischen Playlists zirkuliert oder gar nicht erst berücksichtigt wird. Das Album wird zur Randerscheinung, nicht weil es überholt wäre, sondern weil es im System kaum noch vorgesehen ist. Ein Album von Taylor Swift besteht im Grunde nur noch aus Singles, die sich dieser Logik anpassen.
Auch musikalische Vielfalt leidet unter dieser Logik. Genres, die sich nicht problemlos als Stimmung oder Hintergrund einordnen lassen, haben es schwer. Jazz, experimentelle Elektronik, Post-Rock oder sperrige Songwriter-Musik tauchen zwar im Katalog auf, werden aber selten aktiv empfohlen. Sichtbarkeit entsteht dort vor allem für Musik, die sich leicht konsumieren lässt und möglichst wenig Reibung erzeugt.
Wer nicht regelmäßig neue Singles veröffentlicht oder über direkte Zugänge zu Playlist-Redaktionen verfügt, fällt schnell wieder aus den Playlists heraus. Für viele bleibt Playlisting ein kurzfristiger Effekt ohne nachhaltige Bindung zum Publikum. Die Zahlen steigen kurz an und brechen ebenso schnell wieder ein.
Das alles bleibt nicht ohne Folgen für das Musikmachen selbst. Songs werden kürzer, Einstiege direkter, Veröffentlichungen taktischer geplant. Kreative Entscheidungen orientieren sich zunehmend daran, was gut ausgespielt wird, nicht daran, was künstlerisch sinnvoll erscheint. Wer sich diesem Druck entzieht, tut das bewusst und zahlt oft mit geringerer Reichweite.
So entsteht ein System, das nicht offen ausgrenzt, sondern still sortiert. Musik verschwindet nicht, sie wird lediglich seltener vorgeschlagen. Und in einem Markt, in dem Aufmerksamkeit die entscheidende Währung ist, bedeutet Unsichtbarkeit oft das gleiche wie Bedeutungslosigkeit.
Warum Playlisting selten nachhaltig ist
So mächtig Playlists im Moment der Platzierung wirken, so begrenzt ist ihr langfristiger Effekt. Für viele Künstlerinnen und Künstler erzeugt Playlisting vor allem eines: kurzfristige Aufmerksamkeit ohne bleibende Beziehung. Streams steigen, Zahlen sehen gut aus, doch sobald ein Song aus der Playlist verschwindet, bricht die Reichweite oft ebenso schnell wieder ein. Viele Hörer wissen nicht einmal, was sie da gehört haben, da Musik nur nebenbei oder im Hintergrund läuft.
Selbst hohe Abrufzahlen lassen sich deshalb nur schwer in langfristige Fans, Konzertbesucher oder Käufer übersetzen. Für Künstler bedeutet das eine paradoxe Situation: Sie erreichen ein großes Publikum, ohne wirklich sichtbar zu werden oder mehr Menschen auf ihren Konzerten zu sehen.
Playlisting kann daher ein Einstieg sein, ein Verstärker oder ein Nebeneffekt. Als Fundament einer künstlerischen Existenz taugt es selten. Nachhaltigkeit entsteht dort, wo Musik über den Moment hinaus Bedeutung gewinnt. Playlists liefern Reichweite, aber kaum Bindung. Und ohne Bindung bleibt Erfolg flüchtig.
Playlisting: Was bleibt, was verändert sich?
Playlists sind mehr als nur Sammlungen von Songs. Sie sind Knotenpunkte eines digitalen Musikmarktes, der heute die Entdeckung, Bewertung und Vergütung von Musik stark beeinflusst. In dieser Rolle wirken sie nicht nur als Vermittler zwischen Künstler und Hörer, sondern auch als formende Kraft für musikalische Ökonomien und Ästhetiken.
Für etablierte Acts mit großen Labels und Marketingetats bieten Playlists noch Chancen auf Reichweite und neue Hörer. Für Independent-Künstlerinnen und -Künstler hingegen bleiben sie ein unberechenbarer Filter, der über Erfolg oder Unsichtbarkeit entscheiden kann – nicht immer aufgrund von künstlerischer Qualität, sondern oft wegen algorithmischer Messgrößen und kommerzieller Interessen.