Miserable Monday: Playlist von Pink Lint

Die Playlist für den Start in die Woche. Heute mit Musik von Big Thief, Broken Social Scene und Jim James.

Pink Lint, Credit: Neven Allgeier

Nicht aufgeben, immer weiter machen: DAS Mantra vieler Independent Künstler:innen. Dass es nicht einfach wird mit der Musik, das weiß man von Anfang an. Dass es dann richtig schwer sein kann, lernt man schneller, als man möchte. Wie soll ich mich absetzen von der vielen Musik, die es gibt? Wie kommt man auf die eine Playlist, oder ins Radio? Warum wächst der Insta-Kanal nicht? Hört eigentlich irgendjemand meine Musik? Und natürlich: Wie zur Hölle kann ich das alles zu Geld machen?

Aber es nützt ja alles nichts. Man ist Künstler:in und das aufgesaugte Leben, muss ja auch irgendwie raus. Also weiter machen!

Der Berliner Musiker Oliver Burghardt alias Pink Lint kennt sich aus mit dem Weitermachen. Nach der untergegangenen Veröffentlichung seines ersten Albums (noch als Band) bei einem bekannten Hamburger Label, einem wenig gehörten zweiten Langspieler, diversen abgelehnten Förderanträgen und zähem Instagram-Wachstum ist er mit seinem dritten Album „Ü“ (VÖ: 01.10.21) nun bei sich selbst angekommen. Gemeinsam mit dem Berliner Label Listenrecords wurde alles auf DIY und Low Budget gedreht und kaum etwas passte besser zur plötzlich aufkommenden Corona-Pandemie. Musikvideos und Artworks stammen nun fast ausschließlich aus der Feder von Burghardt selbst, Facebook und Instagram warten vergeblich auf Werbeeinnahmen durch Pink Lint und eine Vinyl-Variante des Albums gibt es erst nach erfolgreichem Crowdfunding. 

Dabei ist „Ü“ ein wirklich besonderes Werk. Zusammen mit seinem Produzenten David Hoffmann kombiniert Burghardt Synthesizer und Akustikgitarre mit zerpflückten Orchesteraufnahmen und garniert alles mit Field-Recordings. Unzählige Sounds tummeln sich in den zehn Songs. Etwas chaotisch und hektisch wirkt das vielleicht erstmal – man stellt sich Burghardt unweigerlich als onemanband mit riesiger Bass Drum auf dem Rücken vor. Dabei verliert er aber nie den Faden. Alles ist im Fluss und wird von seinen Vocals, die vom Wiedererlangen verlorenen Freiheiten erzählen, zusammengehalten. Am Ende erinnern die Songs an die Experimentierfreude von Musikern wie Damon Albern. Nur dass diese eben nicht im traditionsreichen Studio 13 in London, sondern in Burghardts Neuköllner Wohnung entstanden sind. Wunderschön unprätentiös, genau wie die Tatsache, dass kleine Fehlerchen, die während des Produktionsprozesses passiert sind, nicht etwa rausgeschnitten wurden. Das Zulassen von Imperfektion und die dazugehörige Transparenz stehen im Vordergrund. 

„Ü“ ist Art-Pop vom Feinsten. Mutig und voller Experimente. Schräg, nah und anders. Und damit leider sicherlich keine Platte, bei der die Verkaufszahlen durch die Decke gehen werden. Das liegt weniger an der Musik selbst, als an der Offenheit vieler Hörer:innen ungewohntem und anderem gegenüber. Einen festen Platz in der Nische der Liebhaber:innen hat sich Pink Link damit aber auf jeden Fall erspielt. Hoffen wir, dass er weitermacht!

Pink Lint – Happy Meals

DIE PLAYLIST

Nina Simone – The Other Woman

Ein wunderschöner Song (geschrieben von Jessie Mae Robinson) über die Zerrissenheit, die entsteht, wenn man zwischen zwei Rollen gefangen ist. Von dem Lied gibt es eine Vielzahl an Versionen, aber bei niemandem läuft mir jedes Wort so eiskalt den Rücken herunter, wie bei Nina Simone. Ich bin irgendwann nachts mal auf Youtube über einen Konzertmitschnitt von 1984 gestolpert … and i wept without shame.

Tom Waits – Green Grass

Bei Tom Waits habe ich oft das Gefühl, mit im Raum zu sein. In diesem Fall ist der Raum ein Kleiderschrank und das Lied, das gespielt wird ist der kollektive Geist von allen, die nicht mehr im Kleiderschrank leben. Eine wunderschöne Trauerhymne aus Sicht der Verstorbenen – “Don’t say goodbye to me, describe the sky to me”.

Anna von Hausswolff – Track of Time

Dieses Lied habe ich zum ersten Mal im Kino gehört, das ging mir durch Mark und Bein. Nach dem Film musste ich direkt herausfinden, wer das spielt und singt. Besonders die Art und Weise wie sie singt hat so eine Urgewalt, dass der Song einen fast absorbiert.

Destroyer – Girl in a Sling

Ich weiß bei seinen Texten nie genau, um was es eigentlich geht, aber gerade das gefällt mir daran. Szenen werden angerissen und mit anderen Bildern gemischt. Was dabei herauskommt, bzw. was ich davon für mich entpacken kann, ergreift mich meistens mehr, als etwas konkretes. Dan Bejar von Destroyer ist eine*r meiner zeitgenössischen Lieblingstexter*innen. 

Joni Mitchell – Both Sides Now

Die Strophen sind vom Aufbau her immer gleich und die Inhalte stapeln sich aufeinander, bis man einen Kloß im Hals hat. Joni Mitchell hat diesen Song zweimal veröffentlicht, ursprünglich 1969 und dann in orchestrierter Version im Jahr 2000. Die Neuaufnahme killt mich jedes mal, so unfassbar bewegend … und die Tatsache, dass der Song von ihrem 30 Jahre jüngerem Selbst geschrieben wurde … Joni Mitchell ist die beste.

Jim James  – Too Good To Be True

Es rauscht und knistert, Jim James singt zu Beginn so leise und lacht zwischendrin scheinbar über seine eigene Performance, dass man den Eindruck bekommt, er würde das Lied beiläufig zu Demozwecken in seinen Kassettenrecorder singen. Ich mag das.

Big Thief – Mary

Wunderschöner, verschnörkelter Text, wunderbare Stimme, sympathischste Band ever. 

Nick Cave – People Aint No Good

Nick Cave ist ein guter Begleiter für die gepflegte Herbstdepression – “It ain’t that in their hearts they’re bad – They’ll stick by you if they could – Ah, but that’s just bullshit, baby – People just ain’t no good”. Alles ist doof.

Broken Social Scene – Lovers Spit

Der perfekte Song, um frisch nach einer Trennung, mit einem heftigen Kater durch die Stadt zu schlendern. Mein Early-Twenties-Soundtrack.

Bonnie Prince Billy – Missing One

Es gibt so viele Dinge an dem Album, die mir rein theoretisch nicht so zusagen dürften, trotzdem liebe ich diese Platte und besonders dieses Lied. Zugegebenermaßen lief das Album vor einer Ewigkeit mal durch Zufall auf meiner Anlage, als ich mich in einem halb komatösen Zustand nicht mehr in der Lage war, etwas anderes anzumachen. Ich weiß nicht, ob das die beste Art ist, neue Musik kennenzulernen, aber hier hat’s funktioniert.

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Martin Hommel

Martin ist 33, lebt in Leipzig und ist Radiomacher und Musikliebhaber. Für den Tonspion schreibt er die wöchentliche Kolumne "Miserable Monday".