Joy Division und New Order teilen mehr als einen Stammbaum. Sie sind zwei Seiten einer einzigen, folgenreichen Geschichte, die im Manchester der späten 1970er Jahre beginnt und bis heute nachwirkt. Auch wenn die Besetzung weitgehend identisch ist, unterscheiden sich beide Bands doch elementar.
Die Gründungslegende beginnt, wie so viele in dieser Ära, mit den Sex Pistols: Am 4. Juni 1976 spielen sie im Lesser Free Trade Hall in Manchester, vor einem Publikum, das später in die Musikgeschichte eingehen wird. Bernard Sumner und Peter Hook sitzen im Saal, kaufen danach Gitarre und Bass und beschließen, selbst eine Band zu gründen. Ian Curtis stößt kurz darauf dazu, Stephen Morris wird Schlagzeuger.
Zunächst nennen sie sich Warsaw, dann 1978 benennen sie sich in Joy Division um. Der Name stammt aus dem Roman „House of Dolls” und bezieht sich auf Zwangsprostitution in NS-Lagern, ein Fakt, der damals für Aufregung sorgt und bis heute polarisiert. Produzent Martin Hannett nimmt die Band unter Vertrag beim Manchesterlabel Factory Records, gegründet von Tony Wilson, der in dieser Geschichte eine zentrale Rolle spielen wird.
Joy Division – „Unknown Pleasures” (1979)
Das Debütalbum erscheint im Juni 1979 und klingt wie nichts, was davor da war. Hannetts Produktion schichtet Raum um Raum um Ian Curtis’ Stimme, die mal flüstert, mal predigt, immer irgendwo zwischen Kontrollverlust und Kontrolle schwebt. Songs wie „Disorder” oder „She’s Lost Control” tragen die Handschrift eines Sängers, der seine Epilepsie und seine Depression in Verse presst, ohne je sentimental zu werden.
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Das Cover, ein Radiogramm des Pulsars CP 1919, gestaltet von Peter Saville, wird zu einem der bekanntesten Plattencover überhaupt. Die Musik darunter ist atmosphärisch, hypnotisch, kalt und trotzdem körperlich. Joy Division erfinden damit eine Klangsprache, die den Postpunk neu definiert.
Joy Division – „Closer” (1980)
Das zweite Album entsteht während sich Ian Curtis’ Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Die Epilepsie-Anfälle häufen sich, die Ehe zerbricht, eine Liebesbeziehung in Belgien verkompliziert alles weiter. Hannett produziert noch kälter, noch weiträumiger. Songs wie „Isolation” oder „The Eternal” klingen wie düstere Abschiedsbriefe, die man erst im Nachhinein als solche liest.
Am 18. Mai 1980, einen Tag vor der geplanten US-Tournee, nimmt Ian Curtis sich das Leben. Er ist 23 Jahre alt. „Closer” erscheint posthum im Juli 1980, zusammen mit der Single „Love Will Tear Us Apart”, die zur meistgespielten Joy-Division-Aufnahme aller Zeiten wird.
New Order – „Movement” (1981): Der schwere Neustart
Die drei verbliebenen Bandmitglieder stehen vor einer Entscheidung: wie weitermachen ohne ihren prägenden Frontmann? Ein radikaler Neustart musste her. Sumner übernimmt den Gesang, braucht für seine Stimme aber aber mehr Unterstützung. Die Band holt sich Gillian Gilbert als Keyboarderin dazu und startet neu als New Order. Der Name ist eine Leerstelle, die gefüllt werden muss.
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„Movement” klingt noch stark nach Joy Division, was kaum verwundert: Die Wunden sind frisch, Sumner singt, als wäre ihm die Rolle des Sängers aufgezwungen worden, was sie im Grunde auch ist. Die Produktion übernimmt erneut Martin Hannett. Das Album ist rauer, unsicherer, suchender als alles, was danach kommt. Wer verstehen will, wie sich eine Band nach einem Trauma neu erfindet, hört hier rein.
„Power, Corruption & Lies” (1983): Der Sprung ins Licht
Nach der Neuerfindung passiert etwas Entscheidendes. New Order entdecken die Chicagoer House-Musik und die New Yorker Clubkultur, sie kaufen Synthesizer und Drummachines und beginnen, zwei Welten zusammenzudenken, die bisher nichts miteinander zu tun hatten: britischer Postpunk und amerikanische Tanzmusik.
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„Power, Corruption & Lies” ist das Album, auf dem diese Synthese erstmals gelingt. „Age of Consent” treibt mit einem Bass vorwärts, der in der Postpunk-Tradition steht, während die Synthesizer-Flächen in eine andere Richtung deuten. Das Cover zeigt ein Gemälde von Henri Fantin-Latour, wieder gestaltet von Peter Saville, wieder ikonisch.
Kurz vor dem Album erscheint die Single „Blue Monday”, die zum meistverkauften 12-Inch-Single der Geschichte wird. Das Artwork kostet mehr als der Verkaufspreis einbringt, eine Factory-Records-Legende, die Tony Wilson mit sichtbarem Stolz erzählt. Ein völlig neuer Sound ist geboren, der so gar nichts mehr mit den düsteren Post-Punk-Anfängen zu tun hatte.
„Low-life” (1985) und „Brotherhood” (1986): Zwei Seiten einer Band
Mit „Low-life” findet New Order ihre Mitte. Das Album balanciert die elektronischen Experimente mit Gitarrenmomenten, die an Joy Division erinnern, ohne sie zu imitieren. „The Perfect Kiss” dehnt sich über acht Minuten, ein Track, der im Club funktioniert und im Kopfhörer gleichermaßen.
„Brotherhood” ein Jahr später ist das Gegenstück: rauer, gitarrenlastiger, als würde die Band kurz zurückschauen. Beide Alben zusammen zeigen, wie New Order zwischen ihren Einflüssen pendeln, ohne sich festzulegen. Das ist ihre Stärke und manchmal auch ihre Unschärfe.
1987 veröffentlicht die Band ihr erstes Best Of “Substance” und darauf enthalten ist eine unsterbliche Single, die wieder weltweit die Charts erobert.
„Technique” (1989): Ibiza und die Acid-House-Welle
New Order fahren nach Ibiza, mitten in die aufkommende Acid-House-Bewegung, und nehmen „Technique” auf. Das Ergebnis ist ihr vielleicht sonnigster, direktester Moment: Songs wie „Fine Time” oder „Run” klingen, als hätte die Band zum ersten Mal wirklich Spaß am Tanzen. Das Album erreicht Platz 1 der britischen Charts.
Die Ironie: Ausgerechnet die Band, die aus dem dunkelsten Kapitel der Manchesterer Musikgeschichte hervorging, liefert hier einen der ausgelassensten Sounds der späten 1980er Jahre.
„Republic” (1993) und die erste Auflösung
Factory Records geht 1992 pleite, New Order wechseln zu London Records und veröffentlichen „Republic”, ein Album, das unter dem Druck der Plattenfirma entsteht und das man der Musik anhört. Es gibt starke Momente, „Regret” ist einer der schönsten New-Order-Songs überhaupt, aber die Mitglieder der Band streben zunehmend in unterschiedliche Richtungen und zerstreiten sich. Kreative Differenzen heißt das wohl. 1993 löst sich die Band auf, vorerst.
„Get Ready” (2001): Die gefeierte Rückkehr
Nach acht Jahren kommen New Order zurück, ohne Gillian Gilbert, die sich um ihre kranke Familie kümmert. „Get Ready” klingt überraschend lebendig: rohe Gitarren, weniger Elektronik, Gastauftritte von Billy Corgan und Bobby Gillespie. Die Band beweist, dass sie mehr ist als ihre Synthesizer.
„Waiting for the Sirens’ Call” (2005)
Das letzte Album vor der nächsten Pause ist das umstrittenste im Katalog. Produziert von Stuart Price, dem Produzenten von Madonna und der Killers, klingt es glatter und zugänglicher, aber auch weniger eigen. Peter Hook verlässt die Band 2007 nach internen Konflikten, die sich über Jahre aufgebaut haben, und gründet Peter Hook & The Light, mit denen er Joy-Division- und New-Order-Material live spielt.
„Music Complete” (2015): Neustart ohne Hook
New Order machen ohne Peter Hook weiter, holen Tom Chapman als Bassisten und veröffentlichen „Music Complete”. Das Album überrascht: Es ist das clubbigste, aufgeräumteste Werk seit „Technique”, mit Gastbeiträgen von Iggy Pop und La Roux. Nach dem Hören stellt sich die Frage, ob New Order ohne Hook noch New Order sind, weniger dringend als erwartet.
„Be a Rebel” (2020) und danach
Zwei weitere Releases folgen: „Los Angeles”, ein Live-Album, und die Single „Be a Rebel”, die 2020 erscheint und zeigt, dass die Band ihren elektronischen Kern nicht verloren hat. New Order veröffentlichten die remasterte Compilation „Substance 1987″ am 10. November 2023 über Warner Music.
Was bleibt, ist eine der bemerkenswertesten Transformationsgeschichten der Popmusik. Joy Division und New Order bilden eine Kontinuität, die durch Verlust und Neuerfindung führt. Der Bogen von „Unknown Pleasures” bis „Music Complete” zeigt, wie eine Band aus dem Dunkelsten herausfindet, ohne das Dunkle zu vergessen.
Wer tiefer einsteigen will: Der Dokumentarfilm „Joy Division” von Grant Gee (2007) und Michael Winterbottoms Spielfilm „24 Hour Party People” (2002) über Tony Wilson und Factory Records sind zwei unverzichtbare Einstiege in dieses Universum.
2026 veröffentlichen New Order “The Best & The Rest of New Order”, die Band wird in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen und Bernard Sumner kündigt als einzig verbliebene Mitglied eine Tour an, während Gillian Gilbert und Schlagzeuger Stephen Morris aus gesundheitlichen Gründen pausieren. Bisher stehen zwei Termine in Südamerika auf dem Programm.
Diskografie
Warsaw (als Warsaw, 1977, Demo) — Die fünf „Warsaw”-Demoaufnahmen von Juli 1977 wurden erstmals offiziell 1994 auf der kommerziell veröffentlichten Compilation „Warsaw” veröffentlicht. (AllMusic)
Unknown Pleasures (Joy Division, 1979)
Closer (Joy Division, 1980)
Still (Joy Division, 1981, Livealbum/Kompilation)
Movement (New Order, 1981)
Power, Corruption & Lies (New Order, 1983)
Low-life (New Order, 1985)
Brotherhood (New Order, 1986)
Technique (New Order, 1989)
Republic (New Order, 1993)
Get Ready (New Order, 2001)
Waiting for the Sirens’ Call (New Order, 2005)
Music Complete (New Order, 2015)
Be a Rebel (New Order, Single, 2020)
