Schaut man auf die aktuellen Charts, fällt ein deutliches Muster auf: Bands sind dort zur absoluten Ausnahme geworden. Die oberen Plätze der Single- wie auch Albumrankings werden dominiert von Solokünstlern, Producer-Acts und Rappern. Namen wie Apache 207, Nina Chuba, Ayliva oder RIN stehen exemplarisch für die Gegenwart des Pop in Deutschland.
Die Vorstellung, dass sich mehrere Menschen zu einer festen musikalischen Einheit zusammenschließen, gemeinsam Songs schreiben und als Kollektiv eine Karriere aufbauen, ist heute eher die Ausnahme als die Regel. In den Singlecharts ist aktuell keine einzige aktuelle Band zu finden.
Wer trotzdem noch eine Karriere als Band macht, sticht fast schon als Ausnahmeerscheinung heraus und hat sich oft über Jahre eine eigene Fanbase erspielt. Giant Rooks aus Hamm mischen internationalen Indie-Pop mit melodischer Eleganz und touren inzwischen nicht nur durch Deutschland, sondern auch durch die USA. Auch Jeremias aus Hannover konnten sich mit ihrem tanzbaren, souligen Pop eine Nische erobern, die zumindest ansatzweise an frühere Bandkarrieren erinnert.
So sichtbar diese Acts auf Streamingplattformen oder in Clubkonzerten auch sind, auf breiter Ebene haben sie nicht den gleichen Einfluss wie vergleichbare Bands früherer Jahrzehnte. Während in den 2000ern Gruppen wie Wir sind Helden, Juli oder Silbermond regelmäßig die Charts anführten und ihre Alben millionenfach verkauften, findet Bandmusik heute fast ausschließlich in alternativen Clubs und vor kleinem Publikum statt.
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Von dieser Beobachtung ausgehend lässt sich das größere Bild skizzieren: Die klassische Band ist vom Aussterben betroht. Und das hat strukturelle Gründe.
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Lange Zeit war die Band das zentrale Modell popmusikalischer Identifikation. Die Beatles, The Rolling Stones, Nirvana oder Radiohead standen nicht nur für bestimmte Sounds, sondern auch für Haltungen, Lebensgefühle, kollektive Erfahrungen. Wer in den 80er oder 90er Jahren mit Musik aufgewachsen ist, wurde geprägt von der Idee, dass eine Band mehr war als die Summe ihrer Mitglieder. Sie war Projektionsfläche, Lebensmodell, Stilvorbild. Diese Zeit ist vorbei.
Ein Blick auf die Headliner großer Festivals genügt: Die meisten Namen kennt man seit Jahrzehnten. Foo Fighters, The Cure, Pearl Jam, Red Hot Chili Peppers, Metallica, Coldplay: sie alle feiern bald ihr 30-, manche sogar ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Diese Acts füllen Stadien, verkaufen weltweit Alben und Streamingzahlen in Millionenhöhe. Doch auffällig ist, dass sie keine jüngere Konkurrenz im klassischen Bandformat mehr haben. Die Rock- und Popbands, die heute noch globale Strahlkraft besitzen, stammen fast ausnahmslos aus der analogen Zeit. Selbst Arcade Fire oder The Killers, die in den 2000ern zu Größen wurden, gehören mittlerweile zu den Veteranen. Und stammen aus einer Zeit, bevor Musik nur als endlose Playliste auf Streamingdiensten konsumiert wurde.
Ein Modell verliert an Strahlkraft
Natürlich gibt es auch heute noch Bands, die Alben veröffentlichen, auf Tour gehen und mit klassischem Line-up auftreten. Gruppen wie Fontaines D.C., IDLES oder Wet Leg konnten in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit gewinnen, vor allem in Großbritannien, wo es traditonell viele gute Bands gab. Aber ihnen gelingt das eher im alternativen Segment und sie erreichen auch eher ältere Hörer, die mit Bands aufgewachsen sind. Sie repräsentieren keine breite Jugendbewegung mehr, keine Generation, die sich mit Musik gegen den Status Quo auflehnt. Warum eigentlich nicht?
Was ist also passiert? Warum entstehen heute kaum noch neue Bands mit Langzeitpotenzial als Gegenentwurf zum Streaming-Einheitsbrei?
Individuelle Algorithmen statt kollektiver Musiksozialisation
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Ein wesentlicher Grund liegt im Wandel des Publikums. Wo früher Radio, Musikfernsehen und Printmagazine die musikalische Sozialisation prägten und neue Musik zu entdecken echte Leidenschaft und viel Zeit erforderte, sind heute Algorithmen am Werk. Streamingplattformen personalisieren das Hörerlebnis, jeder hört, was ihm individuell angeboten wird. Es reichen ein paar Songs, den Rest erledigt der Algo. Diese Entwicklung ist bequem, aber sie führt auch dazu, dass sich keine kollektive Geschmäcker kaum noch herausbilden und fast niemand mehr die Künstler hinter der Musik so richtig kennenlernt.
Wer früher in der Schule ein T-Shirt von Nirvana oder Oasis trug, zeigte damit Zugehörigkeit. Heute laufen Millionen Playlisten parallel nebeneinander her. Musik ist jederzeit verfügbar, aber selten verbindend und bleibt flüchtig. Es wird viel mehr unterschiedliche Musik gehört als früher, aber es bleibt viel weniger hängen, weder bei den Hörern, noch bei den Musikern.
Auch das Musikverständnis hat sich verschoben. Es geht weniger um Zugehörigkeit und Abgrenzung, sondern um ständige Verfügbarkeit. Musik wird konsumiert, nicht mehr entdeckt. Das Gefühl, in einem Schallplattenladen eine neue Band – egal wie nischig sie auch sein mochte – für sich zu entdecken und ihre gesamte Diskografie durchzuhören ist verloren gegangen.
Vom Proberaum ins Schlafzimmerstudio
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Auch die Produktionsbedingungen haben sich grundlegend verändert. Während in früheren Jahrzehnten ein gemeinsamer Proberaum die Basis fast jeder Bandkarriere war, entstehen heute viele Projekte am Laptop im Schlafzimmer. Eine Produzentin reicht, oft reicht sogar ein einzelner Song, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein Instrument braucht man dafür heute nicht mehr zu lernen. TikTok, Instagram und YouTube funktionieren viel besser für Influencer als für Bands.
Der kreative Prozess ist individualisierter geworden. Während Bands früher durch Reibung, Diskussionen und den Austausch im Raum ihre Songs entwickelten, arbeiten viele heute mit Software, Plug-ins und Cloud-Projekten. Der Klang mag ähnlich bleiben, aber der Entstehungsprozess hat sich radikal verändert. Musik ist zunehmend ein Soloakt, auch wenn sie am Ende kollektiv klingen mag. Das KI-Zeitalter wird diesen Prozess weiter beschleunigen.
Touren ist teuer und riskant
Dadurch, dass Musiker heute über Streaming so gut wie keine Einnahmen mehr einspielen können, wird die Tour zur wichtigten Einnahmequelle. Mit einer Band zu reisen ist teuer. Tourneen müssen geplant, Instrumente transportiert, Hotels gebucht werden, alles multipliziert sich mit der Anzahl der Mitglieder. Nur noch wenige etablierte Künstler leisten sich große Bands. In Zeiten schrumpfender Einnahmen durch Streaming und explodierender Kosten für Liveproduktionen wird das Bandmodell für Newcomer völlig unattraktiv. Solo unterwegs zu sein ist einfacher, flexibler und günstiger. Manche Produzenten reisen nur noch mit USB-Stick im Gepäck um die Welt.
Auch aus der Perspektive der Musikindustrie ist eine Band eher lästig. Management, Booking, Marketing, all das lässt sich bei Einzelpersonen einfacher steuern. Selbst Acts, die ursprünglich als Band starteten, enden heute oft als Soloprojekte mit wechselnden Musikern im Hintergrund.
Die Medienlandschaft bietet keine Bühne mehr
Es gibt kaum noch Musikmedien, die neue Bands vorstellen. Viele Musikzeitschriften fokussieren sich nur noch auf die bekannten Nostalgie-Acts, weil die nach wie vor Reichweite bringen und das Musikfernsehen ist mit dem Ende von MTV endgültig Geschichte. Plattformen wie TikTok funktionieren über kurze Clips, visuelle Effekte und Persönlichkeiten. Es fehlen die Bühnen, auf denen sich Bands als Kollektive inszenieren und einen Namen könnten. Wo sollen sie stattfinden, wenn es keine Diskurse mehr über Musik im klassischen Sinne gibt? Wenn es niemanden gibt, der über längere Zeit über sie berichtet und ihnen eine Plattform gibt?
Früher waren Newcomer-Bands regelmäßig in Magazinen, in Talkshows, in Dokumentationen präsent. Heute sind diese Kanäle entweder verschwunden oder nicht mehr relevant für ein junges Publikum. Wer sich als Band sichtbar machen will, muss sich dem neuen Rhythmus der Medienlogik anpassen. Und der verlangt nach schnellen, wiedererkennbaren Gesichtern, nicht nach komplexen Gruppenprozessen.
Die Dinosaurier dominieren weiterhin die Bühnen
Dass der Generationswechsel ausbleibt, zeigt sich nicht nur in den Medien, sondern auch auf der Bühne. Die größten Bands der Gegenwart sind oft dieselben wie vor 20 oder 30 Jahren. U2, Depeche Mode, Oasis, Green Day oder The Cure, sie alle stammen aus einer Zeit, in der Musik noch kollektiv gedacht und gelebt wurde. Ihre Konzerte werden zunehmend zu Nostalgie-Veranstaltungen, in der ältere Hörer sich in ihre wilde Jugend zurückversetzen können und werden auch für junge Menschen immer interessanter, weil sich keine jüngeren Bands mehr mit ähnlicher Strahlkraft etablieren können. Wer die Radiohead-Konzerte sehen konnte, sah viele junge Menschen aus der Gen-Z, die alle Texte mitsingen konnten. Konzerte von Bands geben nach wie vor vielen Menschen ein besonderes Gemeinschaftsgefühl, doch das geht mehr und mehr verloren.
Bands als Sehnsuchtsort einer vergangenen Ära
Ob 80s-Wave, Shoegaze oder Garage-Rock – vieles kommt in Zyklen zurück, aber selten im Format der Band. Die nostalgische Referenz reicht aus, um Stimmungen zu erzeugen. Eine gemeinsame musikalische Identität braucht es dafür nicht mehr. Neue Indie-Künstler sind häufiger solo oder als Duo unterwegs denn als Band.
Was also bleibt von der Band? Vermutlich schaffen die meisten es nie aus dem Proberaum heraus, weil es einfach kaum noch Möglichkeiten gibt, als Band bekannt zu werden. Wer heute mit einer Band beginnt, tut das meist aus anderen Gründen als früher: aus Leidenschaft, aus Tradition, aus persönlicher Vorliebe. Nicht mehr, um ein kollektives Lebensgefühl zu verkörpern und Rockstar zu werden. Dieser Traum ist geplatzt und endet für viele spätestens bei The Voice of Germany oder ähnlichen Formaten, die suggerieren, dass man es mit Talent und Leidenschaft für Musik schon irgendwie schaffen kann. Wer klug ist, lässt sich nicht durch diese Lüge blenden und meidet solche TV-Spektakel.
Das mag melancholisch stimmen, vor allem für jene, die mit Bands groß geworden sind. Für die Generation, deren Jugend zwischen Plattenladen, Bravo und Spex verlief, bleibt die Band ein Sehnsuchtsort. Doch für die, die heute 16 sind, spielt sie oft keine Rolle mehr. Vielleicht entdecken sie sie eines Tages neu, nicht als Mainstream, sondern als Alternative. Als etwas, das man sich selbst wieder aneignen kann. Die Band als Gegenentwurf zur Vereinzelung. Als Ort, an dem man nicht allein sein muss.
Vielleicht gibt es nach dem ganzen KI-Hype irgendwann wieder eine Zeit, wo Bands das Maß aller Dinge sind und sich das Leben vor allem in kleinen verranzten Clubs abspielt, wo Bands wieder die großen Stars sind, weil sie etwas können, das sonst niemand mehr kann: live und ohne irgendwelche digitalen Tricksereien Musik machen.
Foto: Arcade Fire (Danny Clinch)