Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser treffen sich 2002 an der Wesleyan University in Connecticut und beginnen, in ihrem Dormitory-Zimmer Musik zu machen. Nur ein Laptop, ein paar Synthesizer und die Überzeugung, dass Popmusik auch anders klingen kann.
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Was dabei entstand, sollte wenige Jahre später Indie-Dancefloors von Berlin bis Brooklyn in Bewegung versetzen und eine ganze Generation von Musikhörern prägen, die sich zwischen Psychedelia, Synthpop und Gegenkultur nicht entscheiden wollten.
Die Anfänge: Wesleyan, Wohnzimmer und ein Demo-Tape
VanWyngarden und Goldwasser gründeten MGMT zunächst unter dem Namen The Management. Die frühen Aufnahmen, die sie an der Wesleyan University produzierten, kursierten als Demo und zeigten bereits die Handschrift, die ihre Karriere definieren würde: psychedelische Texturen, Synthesizer-Flächen und eine Vorliebe für Melodien, die sich ins Gedächtnis brennen, ohne sich darum zu bemühen.
Das Demo gelangte zu einer Plattenfirma, die die Band unter Vertrag nahmen. Produzent Dave Fridmann, bekannt für seine Arbeit mit den Flaming Lips und Mercury Rev, übernahm die Produktion. Die Zusammenarbeit war entscheidend: Fridmann verstand, wie man psychedelischen Ambitionen eine Klangdichte verleiht, die im Radio funktioniert, ohne sie dabei zu glätten.
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„Oracular Spectacular” (2007): Der Unfall, der alles veränderte
Wenn man über MGMT spricht, kommt man an ihrem Debüt nicht vorbei. „Oracular Spectacular” erschien 2007 und enthielt mit „Time to Pretend”, „Kids” und „Electric Feel” drei Tracks, die zu den meistgespielten Indie-Songs der späten Nullerjahre wurden. Die Ironie dabei: VanWyngarden und Goldwasser hatten die Songs ursprünglich als Satire auf den Rockstar-Lifestyle geschrieben, als bewusste Übertreibung. Das Publikum nahm sie als Hymnen.
„Time to Pretend” eröffnet das Album mit einem Synthesizer-Riff, das klingt, als würde jemand Moroder und T. Rex gleichzeitig spielen. „Kids” wurde zu einem der meistlizenzierten Songs der Ära. „Electric Feel” mit seiner Funk-Bassline und dem traumverlorenen Gesang wirkt bis heute wie eine Transmission aus einer Parallelwelt, in der Disco nie aufgehört hat.
Das Album brachte MGMT schlagartig auf die großen Festivalstühlen. Der Justice-Remix von „Electric Feel” gewann 2009 bei den 51. Annual GRAMMY Awards die Kategorie „Best Remixed Recording, Non-Classical”. Glastonbury, Coachella, Primavera Sound: Die Bühnen wurden größer, die Erwartungen auch.
„Congratulations” (2010): Die bewusste Gegenbewegung
Wer nach „Oracular Spectacular” einen zweiten Satz Hits erwartet hatte, wurde 2010 mit „Congratulations” konfrontiert. Das zweite Album enthielt keine einzige offensichtliche Single. Stattdessen: ausgedehnte Psych-Rock-Tracks und eine Produktion, die absichtlich sperrig blieb, darunter ein Song mit dem schlichten Titel „Brian Eno”.
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Das Titelstück „Congratulations” ist ein Abschied an einen nicht namentlich genannten Freund aus der Musikindustrie, der sich dem Mainstream verschrieben hat. Die Botschaft war unmissverständlich: MGMT wollten nicht das tun, was man von ihnen erwartete. Das Album polarisierte, wurde von manchen Kritikern als mutig gefeiert, von anderen als selbstgefällig abgetan. Heute gilt es vielen als das eigentlich interessantere Werk der Band.
Ob „Congratulations” eine Flucht oder eine Befreiung war, lässt sich kaum trennen. Wahrscheinlich war es beides.
„MGMT” (2013): Psychedelia ohne Landkarte
Das dritte Album, schlicht „MGMT” betitelt, ging noch weiter in die Abstraktion. Die Produktionsästhetik wurde experimenteller, die Strukturen offener, die Referenzen obscurer. Tracks wie „Alien Days” und „Your Life Is a Lie” zeigen eine Band, die sich bewusst aus dem Indie-Mainstream herausschreibt.
Das Album wurde von einem Teil der Presse zerrissen, von einem anderen Teil als ehrliches Kunstprojekt verteidigt. Kommerzielle Erwartungen erfüllte es nicht. Aber MGMT hatten zu diesem Zeitpunkt längst klargemacht, dass sie diese Erwartungen nicht als ihren Kompass akzeptieren.
„Little Dark Age” (2018): Rückkehr mit Synthwave-Kälte
Fünf Jahre Pause. Dann kam „Little Dark Age” und mit ihm eine der überraschendsten Reinkarnationen des Jahrzehnts. Das Album klingt, als hätten VanWyngarden und Goldwasser die gesamte Ästhetik der 80er-Jahre durch einen Kältekompressor gejagt: Synthwave, New Wave, Post-Punk-Referenzen, alles mit einer leicht dystopischen Oberfläche.
Der Titeltrack „Little Dark Age” wurde zum viralen Phänomen. Auf Plattformen wie TikTok und YouTube diente er als Soundtrack für eine Generation, die mit politischer Desillusionierung aufgewachsen ist. Das Ergebnis: MGMT erreichten eine Hörerschaft, die bei „Oracular Spectacular” noch nicht geboren war.
„Me and Michael” ist der wärmste Moment des Albums, ein fast straightes Liebeslied, das zeigt, dass VanWyngarden auch ohne experimentellen Schutzwall schreiben kann. „Little Dark Age” war der Beweis, dass die Band nicht in der Vergangenheit feststeckt, ohne die Vergangenheit zu verleugnen.
„Loss of Life” (2024): Reife ohne Nostalgie
Mit „Loss of Life” legten MGMT 2024 ihr bislang ruhigstes Album vor. Die Texte kreisen um Vergänglichkeit, Freundschaft und die Frage, was bleibt. Christine and the Queens ist als Gastsängerin im Duett „Dancing in Babylon” zu hören und gibt dem Album eine zusätzliche emotionale Dimension.
Der Sound ist weniger auf Effekte angewiesen als alles, was MGMT zuvor gemacht haben. Wo frühere Alben Synthesizer-Schichten als Schutzwall einsetzten, klingt „Loss of Life” an manchen Stellen fast akustisch verletzlich. Das ist keine Schwäche, sondern Entwicklung: zwei Musiker, die nach über zwanzig Jahren gemeinsamen Schaffens keine Angst mehr vor Stille haben.
Wer die Band seit „Oracular Spectacular” verfolgt, hört hier, wie weit VanWyngarden und Goldwasser von ihrem Ausgangspunkt entfernt sind, ohne sich selbst dabei verloren zu haben. Das ist selten genug, um es zu benennen.
MGMT haben nie den einfachsten Weg genommen. Das macht ihre Biografie zu einer der interessanteren im Indie-Pop der letzten zwanzig Jahre.
Diskografie
„Oracular Spectacular” (2007)
„Congratulations” (2010)
„MGMT” (2013)
„Little Dark Age” (2018)
„Loss of Life” (2024)
