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Rick Rubin, KI und der Kult der kreativen Erleuchtung

Rick Rubin ist einer der einflussreichsten Musikproduzenten der vergangenen vier Jahrzehnte. Sein aktueller Ausflug in die Welt der KI, gemeinsam mit Anthropic und dem Projekt The Way of Code, wirft Fragen auf.

Rick Rubin gehört zu den einflussreichsten Musikproduzenten der vergangenen vierzig Jahre. Anfang der 1980er gründete er gemeinsam mit Russell Simmons Def Jam Recordings und prägte Hip-Hop in einer Zeit, als das Genre noch als Randerscheinung galt. Später produzierte er Alben für Slayer, Red Hot Chili Peppers, Johnny Cash, System Of A Down, Metallica, Adele oder Kanye West.

Rubin gilt als Produzent, obwohl er selbst immer wieder betont, weder Musiker noch Tontechniker zu sein. Seine Stärke sei sein Gespür für Songs, Atmosphäre und das Wesentliche. Gerade deshalb genoss er über Jahrzehnte den Ruf eines kreativen Außenseiters, der Künstlern half, ihre eigene Stimme zu finden.

In den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild jedoch verändert. Spätestens seit seinem Bestseller The Creative Act tritt Rubin weniger als Produzent denn als eine Art Kreativguru auf. Seine Bücher und Podcastauftritte verbinden Zen-Buddhismus, Taoismus, Selbstoptimierung und Silicon-Valley-Ideologie zu einer leicht konsumierbaren Lebensphilosophie. Nun folgt mit The Way of Code, entstanden gemeinsam mit dem KI-Unternehmen Anthropic, der nächste Schritt.

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Rubin beschreibt “Vibe Coding” darin als das “Punk Rock of Coding”. Jeder könne seine Ideen direkt umsetzen, ohne jahrelang programmieren zu lernen. Das klingt zunächst sympathisch. Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Werkzeuge kreativer werden und mehr Menschen Zugang zu ihnen erhalten. Genau das hätten Sequencer, Sampler oder DAWs in der Musik längst geleistet.

Doch Rubin belässt es nicht dabei. Er verpackt in seinem KI-generierten Buch alte taoistische Weisheiten neu und fantasiert davon, dass das Universum ihn auf diesen Weg geführt habe. Aus einem Chatbot wird eine spirituelle Erfahrung, aus Prompting eine kreative Praxis, aus einem Produkt ein Lebensgefühl. Genau hier beginnt die Schwurbelei.

“The code that can be named is not the eternal code” oder “Do by not doing” sind keine neuen philosophischen Gedanken über KI, sondern taoistische Lehren, die in eine Werbebroschüre für Claude übersetzt wurden. Die spirituelle Autorität eines über zweitausend Jahre alten Textes wird auf ein Produkt von Anthropic übertragen.

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Dass Ideen wichtiger sein können als technische Perfektion, ist weder neu noch revolutionär. Punk hat das nicht erfunden und KI erst recht nicht. Die Behauptung, “Vibe Coding” sei der Punk des Programmierens, ignoriert den historischen Kern der Punkbewegung vollständig. Punk war eine Gegenkultur. Er richtete sich gegen etablierte Industrien, gegen Kommerzialisierung und gegen die Konzentration kultureller Macht in der Hand von Superreichen.

Generative KI stammt dagegen aus dem Zentrum des Silicon Valley. Sie wird von milliardenschweren Konzernen entwickelt, kontrolliert und monetarisiert. Anthropic, OpenAI oder Google verkaufen keine Befreiung von Hierarchien, sondern Cloud-Dienste mit monatlichem Abo.

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Rubin tritt dabei keineswegs als unabhängiger Beobachter auf. Er sucht gezielt die Nähe zur Ideologie des Silicon Valley und tritt in Podcasts mit Investoren wie Marc Andreessen und Ben Horowitz auf, die seit Jahren für einen weitgehend unregulierten KI-Ausbau werben. Auch Figuren wie Peter Thiel, der mit seinen neoreaktionären Positionen erheblichen Einfluss auf die Tech-Szene ausübt, gehören zu diesem Umfeld.

Hinzu kommen höchst problematische Gesprächspartner aus evangelikalen und spirituellen Kreisen, wie sie auch Donald Trump gerne um sich schart. Es entsteht ein Weltbild, in dem Technologie, Unternehmertum und Erlösungsversprechen miteinander verschmelzen. KI erscheint darin nicht mehr als Werkzeug, sondern als kulturelles Schicksal, der neue Gott, dem wir uns unterwerfen müssen, wenn wir nicht bestraft werden wollen.

Noch problematischer wird Rubins Erzählung, wenn sie den Ursprung dieser Systeme komplett ausblendet und sie stattdessen in pseudoreligiöses Licht taucht. KI erschafft ihre Ergebnisse nicht aus einem mystischen kreativen Feld. Sie basiert auf gigantischen Datensätzen, die aus Büchern, Musik, Bildern und Texten zusammengesetzt wurden, häufig ohne ausdrückliche Zustimmung der Urheber. Genau deshalb laufen weltweit zahlreiche Klagen gegen KI-Unternehmen. Die kreative Leistung anderer Menschen bildet den Rohstoff dieser Modelle.

Wenn Rubin davon spricht, KI habe keinen eigenen Standpunkt und sei lediglich ein Werkzeug, unterschlägt er genau diesen entscheidenden Punkt. Werkzeuge entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie tragen die Arbeit unzähliger Künstler, Autoren, Musiker und Programmierer in sich.

Aber ist es wirklich ein kreativer Durchbruch, wenn Maschinen Milliarden menschlicher Arbeiten statistisch verdichten und daraus neue Varianten erzeugen? Oder handelt es sich um eine hochentwickelte Form kulturellen Recyclings?

Ausgerechnet Rubin müsste diese Frage eigentlich stellen. Schließlich galt er immer als Produzent, der nach Authentizität suchte. Er sprach über Persönlichkeit, Intuition und das Einzigartige eines Künstlers. Nun bewirbt er eine Technologie, deren Stärke gerade darin besteht, menschliche Kreativität und musikalischen Ausdruck auszuschlachten und zu ersetzen.

Besonders irritierend ist dabei die religiöse Aufladung seiner Aussagen. “Das Universum zieht mich dorthin.” “Nicht-Handeln.” “Zeitlose Weisheit.” Das sind Formulierungen, die Kritik entwaffnen sollen, weil sie rationale Argumente durch spirituelle Begriffe ersetzen. Wer widerspricht, wirkt schnell wie ein Technikfeind oder Kulturpessimist. Tatsächlich lohnt sich gerade hier ein nüchterner Blick.

KI kann ein nützliches Werkzeug sein, wenn man sie richtig einsetzt. Sie kann beim Programmieren unterstützen, Ideen visualisieren oder Routinearbeiten beschleunigen. Sie verändert kreative Prozesse bereits heute. All das lässt sich diskutieren, ohne sie deshalb zum Zen-Meister des digitalen Zeitalters zu verklären.

Vielleicht erklärt genau das Rubins enorme Popularität im Silicon Valley. Seine Botschaft passt perfekt zu einer Branche, die ihre Produkte gerne als gesellschaftliche Erlösung verkauft. Aus Software wird Philosophie, aus Unternehmensstrategie wird Spiritualität. Die Technik erscheint dadurch nicht mehr als wirtschaftliches Produkt, sondern als natürlicher nächster Schritt der Menschheitsgeschichte.

Rick Rubin hat einmal gegen Konventionen gearbeitet und Künstler dazu gebracht, ihre eigene Stimme zu finden. Heute liefert er den Soundtrack für eine Industrie, die Milliarden fremder Stimmen in Wahrscheinlichkeiten verwandelt und daraus neue Inhalte erzeugt. Das als Punk zu verkaufen, ist weniger Rebellion als geschicktes Branding. Und die spirituelle Verpackung macht den eigentlichen Vorgang nicht edler. Sie verschleiert nur, dass auch diese Form von Kreativität auf der unbezahlten Vorarbeit zahlloser anderer Menschen beruht. Das ist keine Erleuchtung, sondern geistiger Rohstoffabbau im großen Stil.

Dass Rubin dabei ausgerechnet den Tao Te Ching remixt, wirkt fast zynisch. Ein 2500 Jahre alter philosophischer Text dient als Verpackung für ein kommerzielles KI-Produkt. Die spirituelle Aura verschleiert, dass hinter dem Projekt ein Unternehmen steht, das mit jedem neuen Nutzer Geld verdient. Die Rede von Intuition, Universum und kreativem Fluss ersetzt eine Diskussion darüber, wem diese Technologie eigentlich gehört, wie sie trainiert wurde und wer an ihrer Verbreitung verdient.

Und das ist genau der Zweck dieser PR-Aktivitäten der großen KI-Giganten: Sie möchten die Gesetzgeber dahingehend beeinflussen, dass die Technologie unausweichlich ist und deshalb keineswegs reguliert werden darf. Zu dieser Erzählung leisten die neuen KI-Prediger wie Rick Rubin oder Diplo nun ihren Beitrag.