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Miserable Monday: Playlist von Brimheim

  • Rubrik: Musik

Die Playlist zum Start in die neue Woche. Heute mit Musik von Dry Cleaning, Yeah Yeah Yeahs und Portishead.

Credit: Hey Jack

“can’t hate myself into a different shape” – was für eine Line. Ich finde es absolut bemerkenswert, wenn Menschen mit nur wenigen Worten auf den Punkt genau formulieren können, wofür ich mehrere Sätze bräuchte. 

In diesem Fall geht es um etwas, was viele Menschen meiner Generation kennen: Das Gefühl, niemals gut genug und der Wunsch, jemand anders zu sein, bei gleichzeitigem Wissen, dass, egal wie sehr man sich mit dem Selbsthass anstrengt, dieser einfach alles noch schlimmer macht. Diese Erkenntnis ist dann beides: niederschmetternd und hoffnungsvoll. Ambivalenz auf ganzer Linie. Gut ist, dass wir drüber reden.


Die dänisch-färöische Künstlerin Helena Heinesen Rebensdorf macht genau das auf ihrem Debübt-Album. Brimheim, wie sie ihr musikalisches Alterego mit Bezug auf ihre färöischen Wurzeln nennt (Heimat der brechenden Wellen), öffnet auf „can’t hate myself into a different shape“ (VÖ: 28.01.) die Tür zu ihrem Innersten. Im Mittelpunkt stehen Depressionen, Verletzlichkeit, Ängste und Beziehungen, aber auch die Hoffnung auf einen Ausweg. Die elf Songs wanken zwischen düsteren PJ Harvey-esken Kompositionen und „fist in the air“ Highschool-Indie-Rock. Resignation und Hoffnung. Brimheim nimmt uns mit auf den Weg durch eine (ihre) depressive Phase.

„Singing my songs is a very pleasurable experience for me. It’s a release. Even when I sing about agonizing things. Through the music I’m able to be present and enjoy embodying every bit of what it means to be human – even the pain of it. That’s what makes music so special to me and that’s what I’ve attempted to channel on this record.”

Das Album ist ein emotionales und klangliches Erlebnis voller ehrlicher Beobachtungen, Mantras und Affirmationen, was Hörer:innen, die ähnliche Situationen durchleben, zweifellos Trost spenden wird. 

Brimheim - poison fizzing on a tongue

DIE PLAYLIST

Yeah Yeah Yeah’s – Gold Lion

Ich fand die Energie von Karen O schon immer so rein, ausdrucksstark und aufstrebend. Ich habe Yeah Yeah Yeah’s schon bevor „Show Your Bones“ herauskam geliebt, aber danach war ich absolut besessen. Das erste Mal hab ich diesen Song in einem CD-Laden in einem Kopenhagener Vorort auf einer dieser Hörstationen gehört, die es damals gab. Der Opener des Albums ließ mich erschaudern und ich kaufte die Platte sofort, nachdem ich nur diesen einen Song gehört hatte.

Toth – Picture Of You

Toths Solodebüt „practice magic and seek professional when necessary“ (genialer Titel) war mein Lieblingsalbum des Jahres 2019 und Songs daraus sind seitdem auf den vorderen Plätzen meiner Spotify Wrapped aufgetaucht. Die ganze Platte ist so voller Hoffnung und strotzt nur so vor Textur und Kreativität. Er singt über Nüchternheit, Spiritualität, das Ende einer 10-jährigen Beziehung und wie er seine eigene Heilung angegangen ist. Und er ist auch auf subtile Weise witzig. Es ist unmöglich, sich für einen Favoriten zu entscheiden, aber im Moment gefällt mir dieser Song sehr gut. Ich mag besonders den Kontrast zwischen Strophe und Refrain und das abstrakte Outro. Meiner Meinung nach ist Toth ein sträflich unterschätzter Songwriter und verdient ein viel größeres Publikum als er derzeit hat.

PJ Harvey – Down By The Water

Es ist wahrscheinlich für niemanden eine Überraschung, dass ich ein großer PJ Harvey-Fan bin. Dieser Song fasst alles zusammen, was ich an ihr liebe. Ihre Theatralik, ihre starke und doch verletzliche Persönlichkeit und die Rohheit ihres Sounds. Auch der Call and Response in diesem Song ist so frech.

Now, Now – SGL

Dieser Song ist die perfekte Pop-Rock-Melodie. Die Melodie macht süchtig, die Instrumentierung ist straff und gut platziert und die Akustikgitarre und der Bass geben ihm das gewisse Etwas.

Susanne Sundfør – White Foxes

Susanne Sundfør ist eine erstaunliche norwegische Künstlerin mit einer chilligen Stimme und deutlichen Gothic-Untertönen in vielen ihrer Werke. Dieses Lied war das erste, das ich von ihrem Album „The Silicone Veil“ hörte, nachdem ich von ihrem 2010er Album „The Brothel“ völlig fasziniert war. Ich war sehr inspiriert davon, wie Synthesizer-lastig der Song im Vergleich war und wie sie es schaffte, ihn sowohl menschlich als auch fantastisch wirken zu lassen. Dieser Song ist ein brilliantes Beispiel dafür.

Mitski – Heat Lightning 

Meine Lieblingskünstlerin von heute ist wahrscheinlich Mitski. Heat lightning“ klingt anfangs fast wie ein Psych-Rock-Song, entwickelt sich dann aber zu einem sehr zarten und intimen Lied über Hingabe. Die kleinen Orgelstiche und die Drum-Machine-Einleitung in der zweiten Strophe bilden einen tollen Kontrast zu den atmosphärischen Elementen.

Ada Lea – Damn

Ada Lea ist eine Sängerin und Songwriterin aus Montreal. Ihr neuestes Album „one hand on the steering wheel, the other sewing a garden“ ist ebenso herzzerreißend wie nachvollziehbar. Das Outro dieses Songs, in dem sie wiederholt alles „verdammt“, von „der Party“ bis „dem Planeten, der zusieht“, und immer verzweifelter wird, während sie diesen Fluch wiederholt, bis der Song abrupt endet, ist so gekonnt gemacht.

Dry Cleaning – Scratchcard Lanyard

Dry Cleaning ist eine wirklich interessante Band. Sowohl die pseudo-abstrakten Texte als auch der schnoddrige Sprechgesang sind nicht unbedingt Dinge, die mich normalerweise ansprechen würden, aber diese Musik hat einfach etwas, das mich trotzdem packt. Sie spricht meine eigenen Gefühle der Desillusionierung und der resignierten Akzeptanz der Absurdität des Lebens an, ist aber gleichzeitig auch urkomisch und bewusstseinserweiternd.

Portishead – The Rip

Eines meiner Lieblingsalben aller Zeiten ist „Third“ von Portishead. Die Trackliste ist perfekt. Von der naiven Ukulele bis zu den zackigen, aggressiven Snare-Hits wird man regelrecht mitgerissen. Es ist ein komplettes Erlebnis – immer mit Beth Gibbons süßer, melancholischer Stimme, die einen durch den Song führt. „The Rip“ hat mit dem Arpeggio-Synthesizer und dem langsamen Aufbau eine so schöne Textur. Auch das Musikvideo ist erstaunlich.

Donna Missal – Sex Is Good (But Have You Tried)

Eine meiner Lieblingsentdeckungen des letzten Jahres war dieser Song von Donna Missal. Sie hat eine so präsente Stimme, die so klingt, als würde man ihr ein besonderes Geheimnis anvertrauen, einen tiefen und intimen Moment mit jemandem teilen, in den man sich gerade verliebt.

Martin Hommel

Martin ist 33, lebt in Leipzig und ist Radiomacher und Musikliebhaber. Für den Tonspion schreibt er die wöchentliche Kolumne "Miserable Monday".