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Miserable Monday: Playlist von Wallis Bird

  • Rubrik: News

Die Playlist zum Start in die neue Woche. Heute mit Musik von Björk, Tori Amos und Villagers.

Foto: Tobias Ortmann

Diesen Freitag erscheint das siebte Studioalbum der irischen Musikerin und Wahlberlinerin Wallis Bird. „Hands“ heißt die Platte, die eine persönliche Geschichte erzählt. 

Wallis Bird verlor als Kind bei einem Unfall mit einem Rasenmäher alle Finger ihrer linken Hand. Vier konnten glücklicherweise wieder angenäht werden. Dennoch beeinflusste dieser dramatische Vorfall ihr Leben und ihre Kunst. Das Gitarrenspielen musste sie sich völlig neu und auf eigene Weise drauf schaffen. Ein Satz, dessen Bedeutung man wahrhaftig sehen kann: Zum Beispiel wenn man Wallis auf der Bühne sieht, wie sie ihre Rechtshänder-Gitarre quasi verkehrtherum spielt und damit auch musikalische eine sehr eigene Note in ihre leidenschaftliches Spiel bringt. Eine Geschichte, die dann wiederum direkt zum Titel der Platte führt.

„‘Hands‘ ist schon als Wort unfassbar stark. Weil Hände Sicherheit vermitteln, aber auch Gewalt zufügen können. Hände ermöglichen Sinneswahrnehmungen, die mit zu den schönsten gehören, die man erleben kann, zum Beispiel, wenn man einem geliebten Menschen durch die Haare streicht. Zum ersten Mal Dinge bei der Produktion aus der Hand gegeben zu haben – das ist eine weitere Bedeutungsebene, die erst Wochen später zu mir kam.“

„Hands“ ist weniger Folk und Soul, als die Vorgänger „Home“ (2016) und „WOMAN“ (2019). Die Songs vermitteln eine riesige Experimentierfreude. Synthies, Beats und Klicks klingen mal nach düsterem 80er Pop, mal nach Hot Chips Disco-Bangern. Mit dem Album geht Wallis Bird den nächsten Schritt auf der Suche nach ihrem ganz eigenen Sound und öffnet dabei wieder die Tür zu ihrem Innersten. Wie gut, dass wir daran teilhaben können. 

Wallis Bird - Go (Music Video)

Wallis Bird verrät uns heute ihre traurigsten Lieblingssongs.  

DIE PLAYLIST

Ani Difranco – Dilate

Die erste Trennung ist unglaublich schmerzhaft, weil man diesen Schmerz noch nie erlebt hat. Bei mir waren die Gefühle so verwirrend, vor allem, weil meine Liebe im Verborgenen war und ich mich völlig allein fühlte. 

Das war ein Lied über Anis queere Beziehung, und ich fühlte mich endlich verstanden. Ich benutzte dieses Lied, um mich durch den rotzigen, in Tränen ausbrechenden, monatelangen Herzschmerz-Nebel zu kämpfen! Armes 18-jähriges Ich! Wenn ich es mir jetzt anhöre, werde ich ganz still, denn dieses Lied höre ich nur, wenn ich mich stabil genug fühle, um es zu schätzen!

George Michael – I can’t make you love me

Gott, noch ein Trennungslied! Diesmal hat es mich getroffen, weil die Trennung erwachsen war und die Gefühle komplexer waren. Dieser Song ist mit einem traurigen, traurigen erwachsenen Herzen gefüllt. Die Klarheit und Weisheit von Georges Stimme gibt Hoffnung, indem sie einem erlaubt, sich auf raffinierte Weise beschissen zu fühlen.

Sandy Denny – Who knows where the time goes by 

Mein bester Kumpel Aidan Floatinghome macht eine wunderschöne Version davon, die den Raum einfach zum Kochen bringt. In der Musik wird uns so selten Zeit gegeben. Dieser Song regt zum Nachdenken an und das ist nicht immer etwas Gutes!

Sam Vance-Law – Too Soon

Ich will nie, dass dieser Song endet. Die Coolness dieses Tracks mit seiner warmen Jazz-Instrumentierung und Sams Text über Apathie in einer Beziehungsscheiße ist gesammeltes und konzentriertes Schwelgen. Die Produktion weiß genau, was sie tut, sie nimmt dich an der Hand in einen Raum und lässt dich dort allein, um endlich zu grölen. Ich schätze, dass alle meine Herzschmerz-Songs mit Schönheit zu tun haben, denn dort wohnt die „echte“ Person. Die Verletzlichkeit entzieht sich der Kontrolle und ist ein seltenes Fenster in die wahre Seele, und das finde ich schön.

Richard Thompson – Beeswing

In den top 5 der besten Songs, die je geschrieben wurden. Verdammt tragisch und so privat. Eine wunderbare Geschichte über einen arbeitenden Mann, der sich in eine atemberaubende Roma verliebt, die ihn warnt, dass sie ihn liebt, sich aber nicht unterkriegen lassen will. Ihre Partnerschaft entwickelt sich – er stellt ihr eine Zukunft in Aussicht: Land und eine Familie, aber das belastet ihre angeborene Freiheit. Jahre später sieht er sie aus der Ferne – ein verheirateter und sesshafter Schatten ihres früheren wilden und schönen Glanzes, fuck me, wenn er darüber singt, wie zeitlos und besonders sie war, ist sie unsterblich.

Villagers – The Meaning Of The Ritual

Der Text „My love is selfish… and I bet that yours is too“ ist eigentlich alles, was man über diesen Song wissen muss. Er ist zart und gleichzeitig so laut. Er baut sich zu einem fragilen Nichts auf und lässt dich schlimmer zurück, weil du dich jetzt mit der Tatsache auseinandersetzen musst, dass das Leben verdammt noch mal überhaupt keinen Sinn machen könnte. Danke Conor!

Sophie Jameson – Exit

Ein wirklich sehr trauriger Song über die Songwriterin, die ihren Ex auf einem Konzert gemeinsamer Freunde trifft. Sie betrinkt sich und er bringt sie sicher nach Hause. Aber es ist nur ein Rest Fürsorgepflicht, keine Freundschaft. Es ist so schmerzhaft, sich vorzustellen, dass sie hier ein heilloses Durcheinander in den Armen von jemandem ist, der einfach weitergezogen ist.

Elbow – My Very Best By 

In diesem Lied geht es darum, sich gnädig zu verabschieden und für die Erinnerungen an eine Beziehung dankbar zu sein, die er versaut hat. Nur ein wirklich guter Mensch kann ein Lied wie dieses schreiben. Ich finde, es ist ein großartiger Lehrmeister für einen Song, speziell für Männer. Er hat es versaut und er weiß, dass er sein Ego ins Rampenlicht stellen muss. Ein Lied für die Ewigkeit, so geschickt orchestral und verzehrend und doch befreiend.

Björk – Stone Milker

Eine Trennung in Echtzeit in einem Lied zu dokumentieren, ist etwas, das ich noch nie zuvor gehört habe, und genau deshalb ist Björk ein zeitgenössisches Genie.

Tori Amos – Baker Baker

Es ist einfach ein trauriges und sanftes und wunderschönes und verdammt privates Abschiedslied. Geschichten und Phrasen, die nur die beiden Protagonisten kennen, aber so zärtlich geschrieben und vorgetragen, dass man weiß, dass zwischen ihnen ein tiefer Respekt herrschte, der nun für die Nachwelt festgehalten ist. Das Ende ist auch so schnoddrig, dass man sich fragt, ob sie heute noch Freunde sind oder ob sie einfach weitergemacht haben. Ein wunderbarer Cliffhanger!

Martin Hommel

Martin ist 33, lebt in Leipzig und ist Radiomacher und Musikliebhaber. Für den Tonspion schreibt er die wöchentliche Kolumne "Miserable Monday".