Miserable Monday: Playlist von Joy Bogat

Die Playlist für den Start in die Woche. Heute mit Musik von Solange, Die Höchste Eisenbahn und Lianne La Havas.

Credit: Leon Schweer

Die in Hannover lebende, afrodeutsche Musikerin Joy Bogat hat Anfang November ihre aktuelle EP „It’s Different Now“ veröffentlicht.

Fast mühelos verbindet sie darauf groovige Beats, RnB, HipHop, Indie und ihre außergewöhnlich souligen Vocals, die schon ihre Debüt-EP „With Time“ aus 2020 zum Leuchten gebracht haben, zu einem unverwechselbaren Sounderlebnis. Different ist dabei vor allem die Herangehensweise:

“Im Großen und Ganzen spiegelt die EP wider, wie sich mein Mindset, meine Persönlichkeit und die Art, wie ich meine Musik schreibe, in den letzten zwei Jahren verändert hat – verschiedenste Aspekte meines Wachstums“, sagt Joy Bogat über den Titel ihrer zweiten EP. „Der Satz kann tatsächlich auf jeden einzelnen Song der Platte übertragen werden.“

Thematisch spannen Bogats Texte den Bogen zwischen Achtsamkeit und Entschleunigung, female intuition, Empowerment und Sehnsucht nach familiärer Verbindung in einer globalisierten Welt: Ein Teil der Familie der Musikerin lebt auf der anderen Seite des Globus.

Erschienen ist die EP auf dem Berliner Label listenrecords, was dieses Jahr schon mit Releases von u.a. Maria Basel, Onemillionsteps oder Pink Lint den heimischen Musikmarkt bereichert hat. Joy Bogat ergänzt den Label-Roster ganz wunderbar mit ihrer EP, die sicherlich nicht ihre letzte ist.

Sometimes (Live Session) - Joy Bogat

DIE PLAYLIST

Die Höchste Eisenbahn – Die Nacht übertreibt

Die Höchste Eisenbahn schafft für mich immer die besondere Mischung aus eigener Weirdness und Traurigkeit, da kann ich mich immer reinfallen lassen. Die Nacht übertreibt hat mich über Jahre hinweg bei nächtlichen Autofahrten begleitet, besonders in der Zeit nach der Schule, zu der sich alles ziemlich intensiv angefühlt hat, weil wir alle wussten, dass alle und alles auseinandergeht, da wars okay, völlig übertriebene Nächte zu erleben und zu fühlen. 

Lianne La Havas – Everything Everything

Traurige Augen, darum gehts (unter anderem) in Everything Everything  – und ich erinner mich, als ich mit 17 dieses Lied zum ersten Mal gehört habe, hat sich da ganz viel in mir bewegt. Wie die Melodie im Chorus in die Höhe hebt, ganz leicht aber irgendwie dringlich – das kriegt mich bis heute jedes Mal. Und traurige Augen sind oft einfach schrecklich schön. 

Supreme Jubilees – It’ll all be over

Stell dir vor, es ist 5 Uhr morgens. Du wurdest mit einer Person, die du an dem Abend erst kennengelernt hast und sofort faszinierend fandest, aus Versehen in der Kneipe eingeschlossen, in der die Person arbeitet. Ihr schnackt, gebt euch dieser absurden Situation hin und beendet den Abend damit, dass ihr zu diesem Song auf Dauerschleife tanzt, Arm und Arm – ohne Worte und in dem Wissen, dass diese Situation so nie wieder passieren wird. That it’ll all be over at some point. 

Solange – Cranes in the Sky

Puh. Ich liebe es, wenn Musik ohne viel Schnickschnack auskommt und Cranes in the Sky schafft es einfach musikalisch, genug Platz zu lassen für all die Melancholie, von der Solange singt. Ich hab den Song damals so gefühlt, weil ich einfach sofort wusste, wovon sie singt, auch wenn sie es nicht konkret ausspricht. Für mich steckt da ganz viel Schmerz und Last drin, die ich als Schwarze Frau auch schon oft genug gespürt hab. 

Ólafur Arnalds & Nanna Bryndis Hilmarsdóttir – Particles
Isländische Musik schafft so so besondere Stimmungen, da fühl ich immer sehr, was für eine unvergleichbare Landschaft und was für ein Leben das da oben sein muss. Als ich den Song vor bestimmt 6 Jahren das erste Mal nachts gehört hab, als ich an der Rummelsburger Bucht spazieren war, war ich plötzlich nicht mehr in Berlin, sondern da oben im Norden. 

The Notwist – Gone, Gone, Gone

Vor Jahren hab ich Gone, Gone, Gone mal gesungen in einem großen, wunderschön hallenden Raum mit Menschen, die ich schon seit Ewigkeiten kenne – wie der Klang da in den Raum verschwunden ist noch während wir die Musik gespielt haben.. irgendwie fasst dieses Lied es für mich perfekt zusammen, wie Dinge gleichzeitig losgelassen werden können und ganz fest gehalten oder verinnerlicht werden können.

India.Arie – Healing

Seit ich 13 bin höre ich India.Arie und neulich erst ist mir aufgefallen, wie sehr sie mich in Hinsicht auf Texte geprägt hat, weil sie aller Traurigkeit und aller Schwere immer etwas Helles abgewinnen kann. Healing ist nur eine knappe Minute Musik, aber für mich tatsächlich pure Mediation. Da kann ich noch so kaputt sein, der Song kriegt mich immer und erinnert mich an meinen Grundoptimismus, wenns mal ein bisschen auf der Strecke geblieben ist.

Wir sind Helden – Kaputt 

Definitiv ein Lied, dessen Traurigkeit nur rauskommt, wenn auf den Text geachtet wird. Wir Sind Helden begleitet mich schon seit meiner Kindheit und ist eine von wenigen deutschsprachigen Bands, die ich bis heute noch regelmäßig höre, weil ich es einfach so bewundere, wie fein und fühlend die Texte die banalsten Dinge verpacken. Wir alle kennen genug kaputte Menschen, haben bestimmt auch genug kaputte Teile in und an uns – und für mich ist dieses Lied einfach immer wieder ein guter Reminder, dass es okay ist, nicht ganz heil zu sein und dass ich gehen kann, wenn andere(s) mich kaputt zu machen droht. 

SZA – 20 Something

2018 auf dem Afropunk Festival in Paris. Ich bin alleine mit dem Zug hin, hab dort vor Ort so starke, mich empowernde Frauen kennengelernt –   als SZA dann abends auf der Bühne stand und diese Zeilen „hoping my 20 somethings won’t end, hoping to keep the rest of my friends, praying the 20 somethings don’t kill me“ gesungen hat, hat sie uns allen so aus der Seele gesprochen. Alle noch auf der Suche, alle schon irgendwo angekommen, alle mittendrin von Allem und Nichts zugleich.

Skofi, Romc – Back and Forth

Ich glaube kein Lied habe ich dieses Jahr so viel gehört wie dieses. Am Kanal, auf dem Fahrrad, im Auto, beim Spazierengehen, überall und immer dann, wenn ich ein bisschen Melancholie im Sommer gebraucht habe zwischen all der Intensität. Je nach Stimmung ist Back and Forth für mich der schönste und traurigste Song überhaupt. 

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Martin Hommel

Martin ist 33, lebt in Leipzig und ist Radiomacher und Musikliebhaber. Für den Tonspion schreibt er die wöchentliche Kolumne "Miserable Monday".