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Nelly Furtado begeistert bei den Off Days in Berlin

Gestern Abend brachte Nelly Furtado ganz großen Pop in die Zitadelle Spandau. Im Rahmen des zweitägigen Mini-Festivals Off Days zeigte die kanadische Sängerin eindrucksvoll, wie viele Facetten ihre Karriere geprägt haben und wie zeitlos ihre vielen Hits über all die Jahre geblieben sind.

Schon mit den ersten Tönen von „Eat Your Man“, ihrem jüngsten Electro-Club-Hit mit Dom Dolla, machte Furtado klar, dass dieser Abend mehr sein würde als ein reines Nostalgieprogramm. Doch natürlich fehlten auch die Songs nicht, die sie seit ihrem Durchbruch Anfang der 2000er-Jahre weltweit bekannt gemacht haben: „I’m Like a Bird“ und „Turn Off the Light“ sorgten für euphorische Mitsingmomente, während Balladen wie „Try“ oder „All Good Things (Come to an End)“ eine fast intime Stimmung auf das Open-Air-Gelände in der gewaltigen Spandauer Festung aus dem 16. Jahrhundert zauberten.

Die Setlist war geprägt von abrupten, aber faszinierenden Wechseln zwischen Genres. Mal dominierte der wuchtige Electropop aus ihrer Zusammenarbeit mit Timbaland („Promiscuous“, „Maneater“, „Say It Right“), dann wieder lateinamerikanische Klänge wie in „Manos al aire“ oder die EM-Hymne 2004 „Força“, die sie zum Glück nur kurz anspielte. Sie weiß wohl selbst, dass sie nicht zu ihren stärksten Songs gehört. Mit Coverversionen von Missy Elliott („Get Ur Freak On“), James Morrison („Broken Strings“) und YellowStraps („blue (yes, I love you)“) unterstrich Furtado ihre Vielseitigkeit.

Bei bestem Spätsommerwetter feierten die Fans aus allen Altersklassen ausgelassen. Spätestens als die ersten Takte von „Say It Right“ und „Powerless“ erklangen, verwandelte sich das Gelände in eine riesige Tanzfläche und es gab kein Halten mehr.

Die Sängerin fesselte das Publikum nicht nur mit ihrer charakteristischen Stimme, sondern auch mit ihrer Ausstrahlung. Trotz der vielen stilistischen Brüche wirkte der Auftritt nie zerfahren, alles wurde durch ihre Präsenz und ihre markante Stimme zusammengehalten. Dabei verzichtete sie auf Special Effects und Bühnengimmicks, die in dieser Kategorie Pop inzwischen standardmäßig dazu gehören. Das haben ihre Songs auch gar nicht nötig, sie alleine tragen die gesamten 75 Minuten des Auftritts.

Zum Schluss ihres Sets spielte sie ihren größten Hit „Maneater“ und entließ die Fans glücklich beschwingt in die laue Berliner Sommernacht.

Setlist Nelly Furtado Off Days Berlin 29.8.2025 – Zitadelle Spandau

  1. Eat Your Man (Dom Dolla & Nelly Furtado)
  2. Give It to Me (Timbaland Cover)
  3. Do It (Shortened)
  4. Say It Right
  5. Get Ur Freak On (Missy Elliott Cover)
  6. Powerless (Say What You Want)
  7. Floodgate
  8. Try
  9. All Good Things (Come to an End)
  10. Broken Strings (James Morrison Cover)
  11. Turn Off the Light
  12. Hot n‘ Fun / Morning After Dark
  13. I’m Like a Bird
  14. Explode
  15. blue (yes, I love you) (YellowStraps Cover)
  16. Manos al aire
  17. Força (Shortened)
  18. Sexy movimiento (Wisin & Yandel Cover)
  19. Love Bites
  20. Promiscuous
  21. Maneater

Biografie Nelly Furtado

Nelly Furtado wird 1978 in Victoria, British Columbia geboren, einer kleinen Stadt an der Westküste Kanadas. Ihre Eltern sind portugiesische Einwanderer von den Azoren, die Tochter wächst zweisprachig auf und singt bereits im Kindesalter in portugiesischen Kirchenchören. Die Mutter arbeitet als Zimmermädchen, der Vater auf dem Bau. Musik spielt im Alltag der Familie eine große Rolle – traditionelle Fado-Songs, aber auch Madonna oder britischer Pop laufen im Hause Furtado. Bereits mit neun Jahren beginnt sie, ihre ersten Songs zu schreiben.

Nach der Schule zieht es sie nach Toronto, wo sie in der lokalen Hip-Hop- und Trip-Hop-Szene Anschluss findet. Erste Kollaborationen entstehen, unter anderem mit dem Produzenten Gerald Eaton von der Band The Philosopher Kings. Aus einem lockeren Projekt entwickelt sich ernsthafter Ehrgeiz: Furtado will Musikerin werden, nicht als gecasteter Popstar, sondern als Songwriterin mit eigener Stimme.

Whoa, Nelly! (2000)

Ihr Debütalbum erscheint im Jahr 2000 und überrascht mit einer frischen Mischung aus Pop, Folk, R&B und Hip-Hop. Produziert von Eaton und Brian West, kombiniert Whoa, Nelly! eingängige Melodien mit introspektiven Texten. Die Single I’m Like a Bird entwickelt sich rasch zum internationalen Hit und wird mit einem Grammy ausgezeichnet. Auch Songs wie Turn Off the Light oder …On the Radio (Remember the Days) zeigen eine junge Musikerin, die sich nicht in ein Genre einordnen lässt.

Furtado positioniert sich bewusst abseits der damaligen Teenie-Popwelle à la Britney Spears oder Christina Aguilera. Sie inszeniert sich als eigenständige Künstlerin, mit kultureller Tiefe und offenem Blick auf musikalische Vielfalt. Ihre Stimme – nasal, aber unverwechselbar – trägt dabei maßgeblich zur Wiedererkennbarkeit bei. Kritiker:innen loben vor allem ihre unkonventionellen Arrangements und ihre Fähigkeit, Singer-Songwriter-Texte mit Pop-Produktionen zu verbinden.

Folklore (2003)

Drei Jahre nach dem Debüt folgt das zweite Album, das stärker von Furtados portugiesischen Wurzeln geprägt ist. Auf Folklore verarbeitet sie persönliche Themen, aber auch ihre Identität als Einwandererkind. Musikalisch ist das Album weniger radiotauglich, dafür reifer und dichter arrangiert. Streicher, akustische Gitarren und folkloristische Elemente treffen auf klassische Popstrukturen. Songs wie Powerless (Say What You Want) oder Try unterstreichen diese neue Richtung, während das für sie eher untypische Stadionlied Força als Hymne der Fußball-Europameisterschaft 2004 ihren internationalen Status zementiert.

Kommerziell kann Folklore nicht an den Erfolg des Debüts anknüpfen. In den USA bleibt das Album hinter den Erwartungen zurück, doch in Europa, insbesondere in Deutschland und Portugal, wächst ihre Fanbase. Furtado entscheidet sich in dieser Zeit gegen den schnellen Popweg und für künstlerische Integrität – ein Schritt, der ihr zwar Anerkennung, aber zunächst keine weiteren Charthits bringt.

Loose (2006)

Mit Loose vollzieht Nelly Furtado eine radikale stilistische Wende. Gemeinsam mit Produzent Timbaland orientiert sie sich an aktuellen Club-Sounds, R&B-Grooves und elektronischen Beats. Das Album erscheint im Sommer 2006 und wird zu einem der erfolgreichsten Pop-Releases des Jahrzehnts. Hits wie Promiscuous, Maneater, Say It Right oder All Good Things (Come to an End) dominieren weltweit die Charts.

Furtado präsentiert sich auf Loose nicht nur musikalisch, sondern auch visuell neu. Der Look ist urbaner, sinnlicher, selbstbewusster. Kritiker werfen ihr teilweise vor, sich dem Mainstream angepasst zu haben. Doch der überwältigend Erfolg und die Zeitlosigkeit des Albums spricht für sich: Über zehn Millionen verkaufte Alben weltweit, zahlreiche Auszeichnungen und ein Sound, der maßgeblich das Popjahr 2006 prägt und bis heute jede Tanzfläche anzündet.

Timbaland wird dabei zum entscheidenden Faktor. Seine düsteren, rhythmusgetriebenen Produktionen bilden das perfekte Gegenstück zu Furtados nuancierter Stimme. Gemeinsam schaffen sie eine Balance zwischen Hitmaschinerie und künstlerischer Handschrift, die bis heute als Paradebeispiel für gelungene Pop-Transformation gilt.

Mi Plan (2009)

Nach dem globalen Erfolg von Loose überrascht Furtado erneut – diesmal mit einem vollständig spanischsprachigen Album. Mi Plan erscheint 2009 und bringt ihr den Latin Grammy für das beste weibliche Pop-Album. Die Entscheidung für ein Album in einer anderen Sprache ist dabei nicht kalkuliert, sondern biografisch motiviert: Spanisch ist neben Portugiesisch ihre zweite Herzenssprache, sie spricht sie fließend und nutzt die Gelegenheit, um neue Zielgruppen zu erschließen.

Musikalisch setzt Mi Plan auf Akustikgitarren, weiche Popballaden und Latin-Rhythmen. Die Single Manos Al Aire wird besonders in Südamerika ein großer Erfolg. Gastauftritte von Alejandro Fernández, Josh Groban oder Julieta Venegas verleihen dem Album zusätzliche Tiefe. Furtado beweist, dass ihre Stimme auch in anderen musikalischen Kontexten funktioniert – ein weiterer Beweis für ihre Vielseitigkeit.

The Spirit Indestructible (2012)

Nach der künstlerischen Neuorientierung folgt mit The Spirit Indestructible ein Versuch, an die Erfolge von Loose anzuknüpfen. Wieder mit Timbaland und weiteren Produzenten im Studio, setzt das Album auf moderne Popproduktionen, Electro-Elemente und persönliche Themen. Die Single Big Hoops (Bigger the Better) versucht, das clubtaugliche Sounddesign früherer Hits zu reanimieren, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück.

Das Album verkauft sich mäßig, die Resonanz fällt verhalten aus. Zwar betont Furtado in Interviews, dass es sich um ein sehr persönliches Werk handelt, doch die große Öffentlichkeit scheint sich zu diesem Zeitpunkt von ihrer Musik entfernt zu haben. Die Zeiten der Popdominanz sind vorbei, ein neues Streaming-Zeitalter hat begonnen, in dem andere Stimmen den Ton angeben.

The Ride (2017)

Furtado zieht sich nach dem kommerziellen Misserfolg für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Sie beschäftigt sich mit Theaterarbeit, produziert Musik für andere Künstler:innen und arbeitet unabhängig an neuen Songs. The Ride erscheint 2017 auf einem Indie-Label und ist in vielerlei Hinsicht ein Neuanfang. Produziert von John Congleton (u.a. St. Vincent, Angel Olsen), klingt das Album roher, kantiger und introvertierter.

Statt Hochglanzpop gibt es reduzierte Instrumentals, experimentelle Arrangements und Songs über Selbstfindung und Heilung. Furtado lässt den Mainstream bewusst hinter sich und orientiert sich stärker an Indiepop-Ästhetiken. Kritiken fallen gemischt aus, doch das Album wird als ehrliches Statement einer Künstlerin gewürdigt, die sich nicht dem kommerziellen Druck beugt.

7 (2024)

Mit 7 veröffentlicht Nelly Furtado 2024 ihr erstes Studioalbum seit sieben Jahren. Gemeinsam mit Produzenten wie Dom Dolla, Kaytranada und SG Lewis kehrt sie zurück zum Clubsound, der sie auf Loose groß gemacht hat. House, R&B und elektronische Pop-Elemente prägen das Album, das zugleich persönlicher und kontrollierter wirkt als ihre früheren Dance-Tracks. Songs wie Love Bites oder Corazón zeigen eine Künstlerin, die sich neu erfindet, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen.


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