Altwerden gilt hierzulande selten als Verheißung. Jugend ist Versprechen, Alter oft Problemzone. Christiane Rösinger dreht diese Perspektive um. In ihrem Hörbuch „The Joy of Ageing“ nähert sie sich dem Thema mit Witz und einer gehörigen Portion Trotz.
“The Joy of Ageing” ist kein Ratgeber im klassischen Sinn, sondern eine persönliche Bestandsaufnahme, die Komik und Ernst zusammenführt. Rösinger spricht über brennende Füße, über Geldsorgen, über gesellschaftliche Abwertung, über ihren Schlaganfall mit 42 und über die Freiheit, die sich im Alter trotz aller Beschwerlichkeiten auftun kann.
Christiane Rösinger ist eine prägende Figur der Berliner Subkultur. Als Sängerin der Lassie Singers und später von Britta hat sie Indiepop-Geschichte mitgeschrieben. Ihre Texte waren stets politisch und pointiert, sie sezierte Kapitalismus, Paarbeziehungen und Alltagslügen mit trockenem Humor.
Heute ist sie Großmutter, inszeniert ihre eigenen Stücke fürs Theater und erlebt am eigenen Körper und im ständigen Vergleich mit ihren jungen Schauspielern, was es heißt, älter zu werden. Der Gedanke, einen Altersratgeber zu schreiben, entsteht aus ökonomischer Notwendigkeit ebenso wie aus Neugier. Doch was daraus wird, ist etwas anderes: ein schonungsloses Hörbuch, das sich gängigen Erwartungen verweigert.
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Rösinger beginnt bei sich selbst. Morgendliche Beschwerden, zwickende Gelenke, der Blick in den Spiegel. Sie beschreibt diese Erfahrungen ohne Pathos. Das Altern ist keine Metapher, sondern ist täglich spürbar. Gleichzeitig steht hinter ihrer Gelassenheit eine biografische Erfahrung, die schwerer wiegt als jedes Ziehen im Rücken. Viele ihrer Weggefährten aus der Berliner Szene sind früh gestorben. Vor diesem Hintergrund relativieren sich Falten und Ischiasbeschwerden schnell. Einer ihrer zentralen Sätze bringt das auf den Punkt: Es gibt keine Alternative zum Altwerden, außer Sterben. Der Satz klingt hart, ist aber als Befreiung gemeint. Jammern bringt nichts, wer begreift, dass Altern ein Privileg ist, verliert einen Teil der Angst.
Während ältere Männer häufig als würdevoll oder souverän gelten, werden Frauen schneller abgewertet. Begriffe, die im männlichen Kontext fast liebevoll klingen, bekommen bei Frauen einen scharfen Beigeschmack. Rösinger analysiert diese Ungleichheit und den Jugendwahn mit gewohntem Spott. Sie verweist auf gesellschaftliche Mechanismen, die Frauen stärker über Attraktivität definieren und ihnen im Alter symbolisches Kapital entziehen. Die Anti-Aging-Industrie liefert das passende Versprechen dazu. Rösinger hält dagegen und plädiert für eine selbstbewusste Aneignung des Alters.
Dabei bleibt sie nicht bei Theorie. In Gesprächen mit Freundinnen zeigt sich, wie unterschiedlich Frauen mit dem Älterwerden umgehen. Da ist die Hundefrau, die Selbstoptimiererin, die Aussteigerin auf dem Land. Jede entwickelt eigene Strategien, keine taugt als allgemeines Vorbild. Positive Role Models sind rar. Das macht die Suche nicht einfacher. Rösinger verschweigt auch Krisen nicht, etwa ihren Schlaganfall. Plötzlich steht nicht mehr die Falte im Vordergrund, sondern die Fragilität des Körpers. Solche Erfahrungen schärfen den Blick für das Wesentliche.
Auch die Angst vor der Altersarmut hat die Realistin längst ad acta gelegt: sie habe als Independent Künstlerin gelernt, mit wenig zurecht zu kommen, deshalb werde sich für sie wenig ändern und auf Rente und Nichtstun hat sie sowieso gar keine Lust.
Neben aller Gesellschaftskritik entwickelt Rösinger stattdessen ein eigenes Altersmodell. Sie spricht vom „Senager“, einer Mischung aus Seniorin und Teenager. Beide Lebensphasen verbindet die Randständigkeit im ökonomischen Sinn. Beide entziehen sich der produktiven Mitte der Gesellschaft, kommen mit wenig Geld zurecht und hängen einfach mal in Parks rum oder bleiben einfach im Bett. Der Teenager probt den Aufstand, die Seniorin kann ihn sich wieder leisten. Diese Idee ist mehr als ein Wortspiel. Sie beschreibt eine Haltung: weniger gefallen wollen, weniger beweisen müssen. In einer Lebensphase, die nicht mehr von Karriereplanung oder die Suche nach einem Mann bestimmt ist, entsteht Spielraum.
Rösinger greift für ihr Hörbuch auch auf Erkenntnisse der Altersforschung zurück. Das Bild der U-Kurve des Glücks taucht auf, nach der die Lebenszufriedenheit in der Lebensmitte sinkt und später wieder steigt. Sie erkennt sich darin wieder. Die Dramen falscher Partnerwahlen, die Zweifel an der eigenen Laufbahn, vieles liegt hinter ihr. Stattdessen wächst eine Form von Gelassenheit, die nicht mit Resignation zu verwechseln ist. Es ist eher eine Desillusionierung, die befreiend wirkt.
„The Joy of Ageing“ funktioniert als Hörbuch besonders gut, weil Rösingers Stimme trägt. Ihr Tonfall verbindet Ironie mit Ernst, Distanz mit persönlicher Nähe. Man hört eine Künstlerin, die sich nicht neu erfinden muss, sondern konsequent weiterdenkt, was sie immer schon beschäftigt hat: gesellschaftliche Zuschreibungen, ökonomische Zwänge, weibliche Selbstbehauptung. Das Alter ist dabei kein Endpunkt, sondern ein weiterer Lebensabschnitt, der auch seine Vorteile bietet.
Ihre Lebenserfahrung hilft ihr auch für ihre Arbeit fürs Theater, im Berliner HAU inszeniert sie seit einigen Jahren unterhaltsame Musicals für jung und alt, in der sie um die Songs ihrer Bands Geschichten baut. Auch im aktuellen Stück “Leben im liegen” geht es um die Überforderungen durch den Alltag und alternative Lebensentwürfe, die sich gängigen Konventionen entziehen.
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Am Ende des Hörbuchs steht keine Anleitung, um ewig jung zu bleiben. Stattdessen formuliert Rösinger einen einfachen Rat: weniger klagen, mehr leben. Alt sein heißt für sie nicht Verzicht, sondern mehr Freiheit. Diese Freiheit muss man sich allerdings nehmen.
“The Joy Of Ageing” ist als Hörbuch bei Argon als Download und Stream erschienen. Am 6. Juni 2026 gibt es im HAU eine musikalische Lesung.
