FAQ: Was ist der Unterschied zwischen Schlager und Pop?

Warum wir keinen Schlager vorstellen

Kürzlich fragte uns ein Nutzer auf Facebook, was eigentlich der Unterschied zwischen Schlager und Pop sei. Eine berechtigte Frage und der Versuch einer Definition.

Das fast schon vergessene Genre Schlager ist seit dem Erfolg von Helene Fischer und Dieter Bohlens Dauerwerbesendung DSDS wieder populär in Deutschland. Aber was heißt eigentlich Schlager? Und warum kann es nicht einfach "Pop mit deutschen Texten" heißen? 

Musik für die Massen

Laut "Handbuch der Terminologie der Musik" ist Schlager per Definition die „Kurzform für leicht eingängige Tanz- und Unterhaltungsmusik“. Die Funktion steht hier im Vordergrund, nicht die Musik selbst. Schlager ist Musik mit  „einfachsten musikalischen Strukturen und trivialen Texte, die an das Harmonie- und Glücksverlangen des Zuhörers appellieren“. Dabei seien "die Grenzen zur Popmusik und volkstümlichen Musik fließend“ (Microsoft Encarta).

Nach dem 2. Weltkrieg half die Schlagermusik dabei, das Trauma der Nazizeit zu vergessen und überwinden. Der Schlager dieser Zeit ist an Harmlosigkeit kaum noch zu überbieten, traf aber einen Nerv, die Menschen gierten nach langer Zeit des Krieges nach Harmonie und heiler Welt, egal wie verlogen diese war.

Das Land war nach 12 Jahren Hitler, 6 Jahren Krieg und dem Holocaust moralisch am Boden, doch bis in die späten 70er Jahre war die deutsche Musikszene dominiert von Schlager, der nonstop im Fernsehen und sogar im Kino zu hören war. Die Menschen lenkten sich lieber ab, statt sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und diese aufzuarbeiten. Der Schlager half beim Vergessen. Erst mit den 68ern begann eine ganze Generation sich dagegen aufzulehnen. Eine Ära, die auch neue Musik mit sich brachte.

Das Ende der Schlager-Ära

"Schlager sind Texte, die gesungen werden müssen, weil sie zu dumm sind, um gesprochen zu werden." (Gisela Uhlen - Schauspielerin)

Udo Lindenberg gehörte neben Reinhard Mey zu den ersten Künstlern, die aus der Schlager-Tristesse ausbrachen und mit selbst geschriebenen frechen Texten den deutschen Pop neu erfanden. Von den "Schlageraffen" distanzierte sich der Deutsch-Rocker klar und deutlich in seinem "Sonderzug nach Pankow". Ihm folgten viele Künstler nach, die ihre eigene Musik schufen und nicht nur Marionetten der Musikindustrie waren.

In den 80ern überschwemmte die vom Punk inspirierte Neue Deutsche Welle das angestaubte Schlager-Genre und spülte es in die Bedeutungslosigkeit. Schlager war Musik für alte Menschen und komplett out. In den 90ern gab es ein erstes Schlager-Revival als Gegenbewegung zur Techno-Revolution, war aber nur in Verbindung mit ironischer Pose denkbar (Dieter Thomas Kuhn, Gildo Horn, Schlagermove), während die alten Schlagerstars durch die Einkaufszentren der Republik tourten und vor Rentnern spielten.

Erst seit wenigen Jahren ist Schlager als Musikgenre wieder "angesagt". Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Bohlen-Show DSDS haben daran einen erheblichen Anteil. Bohlen nutzte seine Sendung, Schlager auch bei den Kids populär zu machen und damit seine eigenen Schlager-Platten zu verkaufen.

"Ein Schlager ist nur gut, wenn er sich gut verkauft. Ein Chanson kann ein Meisterwerk sein, auch wenn es nur drei Menschen findet." (Reinhard Mey)

Schlager ist nach wie vor Musik, die für einen Massenmarkt konzipiert ist, in der Regel von großen Plattenfirmen und Fernsehsendern künstlich in den Markt gepusht wird und das einzige Ziel hat, viel Umsatz zu machen. Das ist auch die BWL-Logik eines Dieter Bohlen: was verkauft ist gut, was nicht verkauft ist schlecht.

Diese Definition lässt sich vielleicht auf Waren anwenden, aber auf Kunst? Ist Kunst gut, weil sie angepasst und leicht verdaulich ist? Oder ist Kunst gut, weil sie besonders und wahrhaftig ist und sich von der Masse abhebt? 

Schlager: Das gebührenfinanzierte Musikgenre

Helene Fischer oder Andrea Berg wurden jahrelang im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von unseren Gebührengeldern als Schlagerstars aufgebaut, bevor sie ihre ersten großen Hits landeten. In den Seniorensendungen des Abendprogramms erreichten sie mit jedem Auftritt ein Millionenpublikum. Andere Musik wird im TV jenseits von ARTE hingegen so gut wie gar nicht mehr gespielt. Der Erfolg hat also zunächst nichts mit Qualität zu tun, sondern einfach nur mit Quoten.

Für uns als Musikredaktion sind andere Kriterien viel wichtiger als Verkaufszahlen und Charts: guter Pop ist ebenso eingängig und musikalisch häufig ganz ähnlich aufgebaut wie Schlager, hat aber etwas zu sagen, weil der Künstler seine Songs in der Regel selbst schreibt und nicht von angeheuerten Textern und Komponisten schreiben lässt.

Gute Popmusik ist Musik von echten Musikern und nicht von Interpreten, die sich die teuersten Songschreiber und Produzenten leisten können. In den 60er Jahren wurden fast alle bekannten Schlager von gerade mal einer Handvoll Komponisten geschrieben.

Für einen Schlagersänger reicht es bis heute halbwegs passabel auszusehen und ein paar Töne zu treffen. Eine ausgebildete Musical-Darstellerin wie Helene Fischer passt da natürlich perfekt ins Bild. Trotzdem singt sie einfach nur brav und adrett die Songs anderer Leute, so wie unzählige Schlagersängerinnen vor ihr. Schlager ist nichts anderes als professionelles Karaoke. Es macht manchmal Spaß, aber der künstlerische Wert ist, sagen wir mal vorsichtig: überschaubar.

Was macht "gute" Popmusik aus?

Gute Popmusik hingegen muss nicht von großartigen Sängern gesungen werden (Pet Shop Boys), guter Pop muss auch nicht von gutaussehenden Menschen gemacht werden (Herbert Grönemeyer), guter Pop muss einfach nur wahrhaftig und interessant sein und darf nicht einfach nur Gefühle vorgaukeln.

Das gilt übrigens auch für internationale Popmusik. Auch Musik aus USA oder England, die nur für einen Massenmarkt oder fürs Radio kalkuliert und produziert wird, ist in der Regel nicht besonders spannend für echte Musikfans, sie unterscheidet sich kaum vom deutschen Schlager. Wer Musik nicht nur im Radio hört, möchte nicht nur berieselt werden.

Natürlich gibt es auch viele Künstler, die ihre Songs nicht selbst geschrieben haben und trotzdem weit mehr als nur Schlagerinterpreten sind. Eine Legende wie Michael Jackson hat auch nicht alles selbst geschrieben, aber dass Michael Jackson ein großer Pop-Künstler mit Vision war, dürfte niemand ernsthaft bestreiten. Nur eines war Michael Jackson nie, selbst in seinen schwächsten Momenten war seine Musik nie bloß Schlager. Auch ein Frank Sinatra hat seine Songs nicht selbst geschreiben, dafür war die Qualität seiner Songs und seiner Interpretationen von einem anderen Stern und bleibt unerreicht. 

Die deutsche Janis Joplin, Joy Fleming, war eine der besten Soul- und Blues-Sängerinnen der Republik, bevor sie ins seichte Schlager-Genre wechselte und beim (gebührenfinanzierten) Grand Prix antrat, um ihren Lebensunterhalt als Sängerin bestreiten zu können. Auch große Künstler können zu Schlagersängern schrumpfen, wenn sie von der Kunst allein nicht leben können.

Natürlich verurteilen wir niemanden, der nach dem zehnten Bier auf Malle, beim Karneval oder beim Oktoberfest zu Schlagermusik auf den Tischen tanzt. Aber es gibt für uns einfach keinen Grund, diese Art von Musik redaktionell vorzustellen, weil sie reine Gebrauchsmusik und sowieso schon überall im Radio und Fernsehen läuft. Dazu gibt es auch gar nicht so viel zu sagen, Schlager sind selbst erklärend und allenfalls Begleitmusik für die Klatschmedien, die mit den privaten Affairen der Schlagerstars ihre Auflage steigern. Uns ist das alles völlig egal.

Wir bei Tonspion ziehen also eine klare Grenze zwischen Pop und Schlager. Gut gemachter Pop aus Deutschland ist sehr willkommen. Schlager und Volkstümliche Musik überlassen wir lieber anderen.

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