Luca App: Patente und Geschäftsmodell stoßen auf Kritik

Ein Berliner Start-Up und Rapper Smudo von den Fantastischen Vier haben die neue Corona-App Luca mit verschlüsselter Kontaktdatenübermittlung entwickelt. Sie soll Gesundheitsämtern künftig das Faxgerät ersetzen. Allerdings gibt es von Experten Kritik an der App.

Ein Berliner Start-Up namens neXenio GmbH, eine Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts und Rapper Smudo von den Fantastischen Vier haben eine neue Corona-App mit verschlüsselter Kontaktdatenübermittlung entwickelt: Sie soll mehr Freiheiten ermöglichen und Gesundheitsämter entlasten.


Video: Luca App

Der Frühling weckt Lockerungssehnsüchte in Corona-Zeiten, doch ein Ende der aktuellen Beschränkungen ist nicht in Sicht. Es gibt jedoch innovative Ideen, die alte Freiheiten wieder ermöglichen wollen wie die neue Luca-App. Sie wurde im Dezember 2020 entwickelt und seitdem von Fantastische-Vier-Rapper Smudo zusammen mit anderen Kulturschaffenden sowie einem Berliner Start-Up vermarktet. Kaum eine Talkshow, in der Smudo seit Beginn des Jahres nicht seine App als Lösung aller Probleme für die Veranstaltungsbranche anpries.

Kaum eine Branche ist durch Corona stärker geschädigt als die Kulturbranche. Es ist also auch im eigenen Interesse, wenn mit Smudo ein betroffener Künstler sich für eine Lösung des Problems stark macht. Im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung zeigte er volles Verständnis für den aktuellen Lockdown, drängt aber auf mehr Tempo.

„Die Beschlüsse halte ich für richtig. Wobei ich zu der Fraktion gehöre, die für eine Null-Fälle-Strategie plädiert. Also: ein harter, dafür aber kürzerer Lockdown. Dieser Weg würde uns schneller zu einem umgänglichen Leben mit dem Coronavirus führen. Und mit einer Software wie Luca würden wir die Gesundheitsämter derart entlasten, dass wir eine höhere Toleranz bei den Inzidenzen hätten und uns nicht mehr von Lockdown zu Lockdown hangeln müssen.“ (Smudo)

Luca App soll Kulturveranstaltungen in der Pandemie ermöglichen

Das Ziel der App: Kulturelles Leben zumindest teilweise wieder zu ermöglichen. Das Tool ist eine Check-In-App, mit der man sich per QR-Code einfach in bestimmten Locations an- und abmelden kann. Kneipen, Konzerte oder Sportstätten würden von solche einem System profitieren, das die Daten für Betreiber und Nutzer verschlüsselt und die Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter massiv erleichtert.

„Das ist einmalig. Ich weiß, das klingt verrückt, aber wir mussten feststellen, so eine Lösung gibt es in ganz Europa nicht. Es gibt viele Apps, die dieses Tagebuch führen, aber es gibt keine App, die einen Hin- und Rückkanal mit dem Gesundheitsamt hat“. (Smudo)

Die Registrierungslisten, die bislang händisch erfasst wurden und mühselig entziffert werden mussten, könnten nun mit nur einem Klick übertragen werden. Damit ließen sich neue Ausbrüche viel schneller kontrollieren und die Gesundheitsämter bekommen die Daten direkt von den Menschen mit den meisten Kontakten.

Luca App (Bild: Hersteller)

Wissenschaftler unterstützen die Luca App

Smudo ist von der eigentlich verblüffend einfachen Idee selbst überrascht, aber „so eine Lösung gibt es in ganz Europa nicht“. Keine andere App habe quasi einen Hin- und Rückkanal mit dem Gesundheitsamt und funktioniere im Fußballstadion, in der Kneipe, aber auch beispielsweise im Restaurant. Selbst bei höheren Inzidenzen funktioniere die Nachverfolgung dank der App. Zudem können auch Ergebnisse von positiven Corona-Schnelltests eingegeben und an die Kontakte weitergegeben werden.

Auch die Welt der Wissenschaft ist voll des Lobs über diese privatwirtschaftliche Initative. Die Virologin Melanie Brinkmann, bisher bekannt als Verfechterin einer #nocovid Strategie gab via Twitter bekannt, dass sie sich die App installiert habe.

Die Luca-App wird nun bereits auf den den friesischen Inseln Sylt, Amrum und Föhr genutzt, es haben sich dort bereits innerhalb von sieben Tagen 160 Händler, Restaurants und Hotels angemeldet.

Zurückhaltung beim Gesundheitsminister

Smudo hatte seine App bereits im November bei Gesundheitsminister Spahn vorgestellt, dessen Reaktion verhalten positiv gewesen sei, doch offenbar möchte Spahn lieber in überteuerte Projekte des Bundes investieren als in privatwirtschaftliche Initiativen. Das ist so, als hätte man die Entwicklung des Impfstoffes dem Robert-Koch-Institut überlassen. Es würde vermutlich irgendwann gelingen, aber nicht so schnell wie durch die private Wirtschaft.

Die offizielle Corona-Warn-App der Bundesregierung ersetze Luca sowieso nicht: Diese sei laut Smudo „ein individuellers Radar, das ein individuelles Risiko bemisst. Die ist mit Absicht passiv, läuft im Hintergrund und darf Daten nicht aufzeichnen.“ Die neue App hingegen erstelle sozusagen ein verschlüsseltes Kontakttagebuch in Echtzeit und sei damit eine echte Alternative zur „Lockdown-Keule“.

Inzwischen wurde eine entsprechende Funktionalität allerdings auch in die staatliche Corona-Warn-App integriert.

Kritik an Patenten und Geschäftsmodellen

Die Betreiber von Luca wollen die App quasi zum Standard für die Kontaktnachverfolgung aufbauen, natürlich unterstützt aus öffentlichen Mitteln. Trotzdem wurden Patente angemeldet und außerdem möchte Luca zur Schnittstelle für alle möglichen Geschäftsmodelle werden.

„Luca soll sich als offener Standard etablieren und kann mit anderen Bereichen und Business Modellen verbunden werden“, schreiben die Betreiber etwa auf ihrer Homepage. Ben Fooben macht per Twitter-Thread auf diesen Nebensatz aufmerksam und kritsiert, dass sich die App mit staatlicher Unterstützung quasi ein Monopol im Veranstaltungsbereich aufbauen können. Und das ist das Kerngeschäft der Betreiber der App. Ohne Luca könnte man dann eventuell künftig keine Veranstaltung mehr besuchen, was die App attraktiv für Werbetreibende oder Tickethändler machen würde. 

Schon jetzt verlangen viele Geschäfte, dass man sich mit der Luca App einloggt, wenn man nicht umständlich jedes Mal ein Formular ausfüllen möchte, wenn man einen Laden betritt.

Am Ende werden sich die Betreiber klar positionieren müssen, ob sie einfach nur ihre brachliegende Branche nur retten wollen – dafür bräuchte es eigentlich keine Patente oder anschließende Geschäftsmodelle – oder aber ganz andere geschäftliche Ziele verfolgen. Das wäre mit staatlicher Förderung nicht vereinbar, weil das für alle anderen Wettbewerber einen Nachteil darstellen würde.

Handelte es sich bei der App um einen Impfstoff oder andere Raketenwissenschaft, die ohne Staat quasi nicht entwickelt werden könnte, wäre es sicher etwas anderes. Was die Luca App macht, ist zwar eine verdammt gute Idee, aber auch ziemlich einfach und naheliegend – und laut Experten technisch nicht mal besonders gut umgesetzt. Schon jetzt kommt man um die Nutzung der App in Deutschland kaum mehr herum. Ein weiteres Beispiel, wo unser politisches System in der Corona-Krise geschlafen und dadurch Chancen verpasst hat.

▶︎  Luca App Infos: Die App ist für die Nutzer kostenlose, die Gesundheitsämter müssen für den Service hingegen bezahlen. Luca findet sich bei Google Play, im App Store und ist als Web App kostenlos erhältlich.


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Tonspion Redaktion

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