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Mitski – Nothing’s About To Happen To Me: Ein verzauberter musikalischer Ort

ALBUM DER WOCHE: Indie-Drama-Pop mit faszinierender Storyline. Mitski verzaubert auf ihrem neuen Album mit fein und fragmentarisch gewebten Songs irgendwo zwischen Mediation und Melancholie.

“Mir wird nichts passieren” – so lautet (selbst-)beschwörerisch der Titel des achten Albums der Künstlerin Mitski: Im Zentrum des Konzepts steht dabei eine Frau, die sich vollständig aus der Gesellschaft zurückgezogen hat. Sie lebt allein in einem verwahrlosten Haus, das zur Projektionsfläche innerer Zustände wird. Draußen ist sie Außenseiterin, drinnen frei: das Motiv der Abschottung zieht sich somit nicht nur durch die Lyrics, sondern auch durch das gesamte Sounddesign, stets umschmeichelt von der Stimme der japanisch-amerikanischen Musikerin, die zuweilen an Nina Persson von den Cardigans erinnert oder an die weiße Katze auf dem Album-Cover?

Die erste Single „Where’s My Phone?“ ist ein catchy Rocksong mit verzerrten Fuzz-Gitarren, getragen von einem mantrahaften Refrain und kaskadenartiger Melodie. Begleitet wird die Single von einem Video des Regisseurs Noel Paul. Darin wird Mitski als paranoide Figur in einem heruntergekommenen Haus gezeigt, die versucht, ihre jüngere Schwester vor unerklärlichen Eindringlingen zu beschützen. Die Bildsprache erinnert an Horrorfilme, die Handlung bleibt bewusst unklar.

Überhaupt enden viele Lieder auf „Nothing’s About To Happen To Me“ mit grandiosen Crescendi, ihr musikalischer Mantel ist gewebt aus walzerartigem Country, drängendem Indie-Rock, zärtlichen Folk-Miniaturen, nostalgischem Soft-Rock und dramatischer Singer-Songwriter-Sehnsucht.

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Diese elf neuen Songs erzählen dabei keine lineare Geschichte, sondern bewegen sich bruchstückhaft in fragmentierten Bildern und brüchigen Szenen. Fasziniert folgt man der ausgelegten musikalischen Spur, die Mitski wie eine Zauberin zu spinnen vermag. „Nothing’s About To Happen To Me“ versetzt die Hörerinnen und Hörer tatsächlich in eine verzauberte Stimmung, mäandernd und melancholisch. Und so wird das Album tatsächlich zu einem verzauberten musikalischen Ort, in dem man sich verkriechen mag.

Mitski – Biografie

Geboren wurde Mitski Miyawaki am 27. September 1990 in Japan. Als Tochter eines US-amerikanischen Vaters und einer japanischen Mutter wuchs sie in zahlreichen Ländern auf – unter anderem in der Türkei, China, Malaysia und der Demokratischen Republik Kongo –, bevor sie in die USA zog. Die permanente Bewegung zwischen Kulturen, Sprachen und Identitäten hat Mitskis künstlerisches Selbstverständnis entscheidend geprägt. In ihren Songs spielt die Suche nach Zugehörigkeit, Heimat und Identität von Anfang an eine zentrale Rolle.

Ursprünglich begann Mitski ein Studium der Filmwissenschaften, wechselte dann jedoch an das renommierte SUNY Purchase Conservatory of Music in New York, um Komposition zu studieren. Dort entstanden ihre ersten beiden Alben Lush (2012) und Retired from Sad, New Career in Business (2013), die sie im Rahmen ihres Studiums selbst produzierte. Beide Veröffentlichungen blieben zunächst weitgehend unbeachtet, zeigten aber bereits die charakteristische Mischung aus emotionaler Direktheit und musikalischer Experimentierfreude, die später zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

Der Durchbruch mit „Bury Me at Makeout Creek“

2014 erschien mit Bury Me at Makeout Creek ihr erstes Album außerhalb des akademischen Kontexts. Die Songs waren roher, unmittelbarer und setzten erstmals stärker auf verzerrte Gitarren und expressive Vocals. Mitski verließ die klassische Kompositionsstruktur zugunsten einer direkteren, rockorientierten Ästhetik. Die Texte handelten von Schmerz, Begehren und innerem Aufruhr – Themen, die sie seither immer wieder aus neuen Perspektiven bearbeitet.

Mit dem vierten Album Puberty 2 (2016) gelang Mitski der Sprung in die breite Aufmerksamkeit des Indie-Publikums. Der Song „Your Best American Girl“ wurde zu einem kleinen Hit und brachte ihr Vergleiche mit Künstlerinnen wie St. Vincent oder PJ Harvey ein, ohne dass sie sich stilistisch in eine bestimmte Richtung drängen ließ. Auch Kritikerinnen und Kritiker lobten das Album für seine emotionale Wucht und die komplexe Auseinandersetzung mit kultureller Entfremdung.

Be the Cowboy und das Spiel mit der Persona

2018 folgte mit Be the Cowboy das wohl konzeptuell stärkste Werk ihrer bisherigen Karriere. Mitski erfand darauf eine zurückhaltende, kontrollierte Bühnenfigur, die sich bewusst vom rohen Emotionalismus früherer Alben distanzierte. Statt expliziter Gefühle dominierte hier eine kühle, teils ironisch gebrochene Distanz. Songs wie „Nobody“ oder „Geyser“ verbanden Pop-Elemente mit kunstvoller Komposition, ohne dabei an Ausdruckskraft zu verlieren. Das Album wurde von vielen Jahresbestenlisten geführt und etablierte Mitski endgültig als eine der relevantesten Songwriterinnen ihrer Generation.

Trotz des Erfolgs entschied sich Mitski 2019 zu einer längeren Pause vom Musikgeschäft. Sie zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, beendete die aktive Nutzung ihrer sozialen Kanäle und betonte in Interviews die Belastung, die mit dem öffentlichen Leben als Künstlerin einhergeht. Die Frage nach Authentizität, Kontrolle über das eigene Bild und den Preis der Sichtbarkeit begleitet sie seither als zentrales Thema.

Rückkehr mit existenzieller Schwere

Nach drei Jahren erschien 2022 Laurel Hell, ein Album, das mit Synthpop-Elementen arbeitete und gleichzeitig eine düstere, fast resignative Grundstimmung transportierte. Der vermeintlich tanzbare Sound kontrastierte mit Texten über emotionale Erschöpfung, Selbstverleugnung und das Aushalten einer Welt, in der Nähe und Distanz zunehmend ununterscheidbar werden.

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2023 folgte The Land Is Inhospitable and So Are We, ein orchestraler, ruhiger Gegenentwurf mit deutlichem Americana-Einschlag. Streicher, Slide-Gitarren und Mitskis eindringliche Stimme standen im Mittelpunkt eines Albums, das viele als eines ihrer reifsten und berührendsten Werke bezeichneten. Die Songs wirkten wie aus der Zeit gefallen und reflektierten über Verlust, Liebe und die Fragilität menschlicher Beziehungen.

Eine Karriere abseits des Mainstreams

Mitski lebt heute zurückgezogen, gibt selten Interviews und betont in ihren wenigen öffentlichen Äußerungen die Notwendigkeit kreativer Autonomie. Ihre Alben erscheinen weiterhin beim Indie-Label Dead Oceans, mit dem sie seit Jahren zusammenarbeitet. Mit Produzent Patrick Hyland verbindet sie eine langjährige kreative Partnerschaft, die entscheidend zum eigenständigen Sound ihrer Veröffentlichungen beiträgt.

Diskografie Mitski


2012: Lush

2013: Retired from Sad, New Career in Business

2014: Bury Me at Makeout Creek

2016: Puberty 2

2018: Be the Cowboy

2023: The Land Is Inhospitable and So Are We

2026: Nothing’s About To Happen To Me

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