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Musikbranche will KI-Kennzeichnung für Streamingdienste etablieren

Nachdem der Streamingdienst Deezer meldet, dass inzwischen ein Großteil der hochgeladenen Musik mit KI generiert wurde, schlägt nun eine breite Allianz der Musikindustrie einen einheitlichen Standard zur Kennzeichnung von KI-Musik vor. Ziel ist es, für mehr Transparenz auf Streamingplattformen zu sorgen.

Hinter der Initiative stehen unter anderem die Recording Industry Association of America (RIAA), der Verband unabhängiger Labels A2IM, das Worldwide Independent Network (WIN), der europäische Labelverband IMPALA, die Recording Academy, SAG-AFTRA sowie die Human Artistry Campaign. Streamingdienste gehören bislang allerdings noch nicht zu den Unterzeichnern.

Zwei Kennzeichnungen für unterschiedliche Formen von KI

Der Vorschlag sieht zwei verschiedene Kennzeichnungen vor. Ein großes “AI”-Symbol soll Titel markieren, deren Gesang, zentrale Instrumente oder komplette Produktion von einer generativen KI erstellt wurden. Ein kleines “ai” soll dagegen Musik kennzeichnen, bei der KI lediglich unterstützend eingesetzt wurde, etwa für einzelne kreative Elemente, während Gesang und wesentliche Instrumente von Menschen stammen.

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Gerade diese zweite Kategorie dürfte allerdings für Diskussionen sorgen. In modernen Produktionsprozessen kommen bereits heute zahlreiche KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz, vom Mixing über Mastering bis hin zur Klangbearbeitung. Wo die Grenze zwischen klassischer Software und kreativer KI-Unterstützung verläuft, ist bislang nicht eindeutig definiert. Zudem ist es für Musikhörer kaum nachvollziehbar, was der Unterschied von einem großen oder kleinen “KI”-Label sein soll.

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Verantwortung soll bei Labels und Vertrieb liegen

Im Gegensatz zu Deezer, das vollständig KI-generierte Musik mithilfe eigener Erkennungstechnologie automatisch identifiziert und kennzeichnet, setzt der Branchenvorschlag auf freiwillige Angaben der Rechteinhaber. Künstler, Labels und Distributoren sollen bereits beim Upload angeben, ob und in welchem Umfang generative KI verwendet wurde.

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Dieser Ansatz entspricht den Forderungen mehrerer Streamingdienste. Sowohl Apple Music als auch Tidal hatten zuletzt betont, dass die Verantwortung für die Kennzeichnung nicht allein bei den Plattformen liegen könne. Apple verlangt von Labels inzwischen entsprechende Metadaten über sogenannte “Transparency Tags”, Spotify bietet seit April KI-Angaben innerhalb der Song-Credits an. Tidal kennzeichnet bereits vollständig KI-generierte Titel und plant eine Ausweitung auf überwiegend KI-erstellte Musik.

Bei der Musikpromotion-Plattform Submithub, über die Künstler und Labels, Musikmagazinen ihre Musik schicken können, gibt es bereits die Option, KI-Musik automatisch abzulehnen. Laut dem Betreiber der Plattform ist der AI-Song Checker zu 99 Prozent korrekt.

Unsere Erfahrung bestätigt das bisher, auch wenn selbst geübte Ohren einzelne Irrtümer in bestimmten Genres wie Techno oder Rap nicht ausschließen können, da elektronische Musik ohne komplexe Harmonien oder Melodien vergleichsweise einfach mit KI hergestellt werden kann.

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Einheitlicher Standard könnte den Markt vereinfachen

Für Labels und Distributoren hätte ein gemeinsamer Branchenstandard einen praktischen Vorteil. Statt unterschiedliche Vorgaben einzelner Plattformen erfüllen zu müssen, könnten KI-Informationen künftig standardisiert über die gesamte Lieferkette übermittelt werden. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich Streamingdienste, Labels und Branchenorganisationen auf gemeinsame technische Standards einigen.

Unterstützung kommt bereits von der Digital Media Association (DIMA), dem Branchenverband der Streamingdienste. Auch Deezer signalisiert Bereitschaft, an einem gemeinsamen Rahmenwerk mitzuwirken. Der französische Streamingdienst verweist dabei auch auf die Frage, wie Trainingsdaten für KI-Modelle lizenziert werden und wie Rechteinhaber künftig fair vergütet werden können.

KI-Anteil wächst rasant

Die Diskussion kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Anteil KI-generierter Musik auf Streamingplattformen deutlich zunimmt. Deezer teilte erst in dieser Woche mit, dass an einzelnen Tagen inzwischen mehr als die Hälfte aller neu hochgeladenen Songs vollständig von KI erzeugt werden. Nach Angaben des Unternehmens werden derzeit durchschnittlich rund 90.000 KI-Titel pro Tag auf die Plattform hochgeladen. Gleichzeitig machen diese Aufnahmen bislang lediglich ein bis drei Prozent aller Streams aus, da Deezer sie aus seinen Empfehlungssystemen ausschließt.

Umsetzung dürfte noch dauern

Ob sich die vorgeschlagenen Kennzeichnungen tatsächlich als Branchenstandard etablieren, ist derzeit offen. Die Initiative basiert zunächst auf freiwilligen Angaben der Rechteinhaber und nicht auf verpflichtenden Kontrollen oder automatischer KI-Erkennung. Gerade bei teilweise KI-unterstützten Produktionen stellt sich zudem die Frage, wie sich der tatsächliche KI-Anteil überhaupt verlässlich dokumentieren lässt.

Für Musiker, Produzenten und Labels wird das Thema dennoch immer wichtiger. Je stärker generative KI zum Bestandteil professioneller Musikproduktionen wird, desto wichtiger werden transparente Metadaten. Sie könnten künftig nicht nur für Streamingdienste relevant sein, sondern auch für Lizenzierung, Rechteverwaltung und die Ausschüttung von Vergütungen.

Die Diskussion über KI-Kennzeichnungen reicht deshalb weit über die Frage der Transparenz hinaus. Mit generativer KI entstehen neue Wettbewerber für die Musikindustrie. Unternehmen wie Suno oder Udio verfügen über Systeme, die Musik in nahezu unbegrenzter Menge erzeugen können. Je leistungsfähiger diese Modelle werden, desto stärker konkurrieren sie um dieselbe Aufmerksamkeit, die bislang Künstlern und Labels vorbehalten war.

Sollten Streamingplattformen KI-Musik künftig in gleichem Umfang empfehlen wie menschlich produzierte Aufnahmen, könnten sich die Spielregeln des Marktes grundlegend verändern. KI-Systeme wären in der Lage, für nahezu jedes Genre, jede Stimmung und jede Nutzungssituation neue Titel oder beliebig viele Varianten bestehender Songs zu erzeugen. Statt einzelne Künstler aus Fleisch und Blut aufzubauen, könnten Unternehmen riesige Musikkataloge automatisiert produzieren und kontinuierlich erweitern. Die Produktionskosten würden sinken, während das Angebot immer weiter wächst.

Für junge Musiker hätte das erhebliche Folgen. Der Weg zu einem Publikum könnte schwieriger werden, weil immer mehr Veröffentlichungen um dieselben Plätze in Playlists, Suchergebnissen und Empfehlungssystemen konkurrieren. Auch bisher einträgliche Nebenjobs wie Musik für Werbung oder Filme werden inzwischen von KI erstellt. Labels müssen in der Folge noch stärker abwägen, in welche Talente sie investieren, wenn KI einen Teil des Marktes schneller und günstiger bedienen kann. Gleichzeitig könnten sich Investitionen auf Künstler konzentrieren, deren Persönlichkeit, Live-Präsenz oder kulturelle Bedeutung sich nicht durch generative Modelle ersetzen lassen.

Damit stellt sich für die Branche eine grundsätzliche Frage: Welche Rolle spielen Künstler und Labels in einem Markt, in dem Musik nicht mehr der begrenzende Faktor ist, sondern Aufmerksamkeit?

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