Was bleibt von Menschen, die längst nicht mehr da sind? Und wie sehr prägt uns das, was wir selbst nie erlebt haben? Mit ihrem zweiten Album „Wenn man das Licht zurückverfolgt, weiß man, wie alt die Sterne sind“ beschäftigt sich die Hamburger Indie-Pop-Künstlerin WIM mit Erinnerung, Verlust und den Spuren der Vergangenheit.
Der Titel klingt nach Astronomie, meint aber vor allem den Blick zurück. Licht erzählt von etwas, das längst vergangen ist und trotzdem noch sichtbar bleibt. In zehn Songs spürt WIM solchen Nachwirkungen nach: den Momenten, die sich festsetzen, den Menschen, die uns prägen, und den Lücken, die sie hinterlassen. Dabei wird es durchaus melancholisch, aber selten schwerfällig. Statt sich in der Vergangenheit einzurichten, sucht WIM nach einem Weg, mit ihr weiterzuleben.
Gleich zu Beginn erzählt „Auf den Tischen“ von einer Großmutter, die WIM nie kennenlernen konnte. Aus einem Gespräch mit ihrem Vater entsteht das Bild einer selbstbestimmten Frau, die ihrer Zeit voraus war. „Unser Haus“ führt zurück ins Elternhaus und zu der Erkenntnis, dass Orte bleiben, während Menschen gehen. „Gute, alte Zeit“ wiederum hält wenig von verklärter Nostalgie. Auch in „Blinder Fleck“ geht es um das plötzliche Verschwinden eines Menschen, während „Immer da“ dem endgültigen Fehlen nachspürt. Die Songs kreisen um Verlust, ohne sich darin zu verlieren.

Wie vielseitig das Album ausfällt, zeigen auch die drei Vorab-Singles. „Reim auf dich“ klingt zunächst nach Liebeslied, ist aber einer Freundschaft gewidmet und feiert das schöne Gefühl, jemanden anzuhimmeln. „Ich hab dich verloren“ erzählt vom Verschwinden im Alltag, von Menschen, die nach Berlin gehen und nicht zurückkommen. In „Deine große Liebe“ singt WIM gemeinsam mit Moritz Krämer (Die höchste Eisenbahn) übers Loslassen und darüber, nicht für immer in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Airplay bei NDR 2, FluxFM und radioeins gab es für die Singles bereits.
Musikalisch setzt WIM auf eine Weiterentwicklung ihres Debüts Boxer (2022), das mit Songs wie „An manchen Tagen“ und „Löwenherz“ bereits ihre Stärke für poetische Texte und emotionale Nähe zeigte. Gemeinsam mit Produzent Tobias Siebert (Kettcar, Enno Bunger), der auch am ersten Album maßgeblich beteiligt war, rückt sie diesmal stärker Richtung XL-Pop: Die Songs sind luftiger, rhythmischer und lassen dem Beat mehr Raum. Inspirationen reichen von Paula Hartmann und Chappell Roan bis zu Wir Sind Helden. Das Ergebnis bleibt unverkennbar WIM, klingt aber offener und beweglicher.
„Wenn man das Licht zurückverfolgt, weiß man, wie alt die Sterne sind“ ist ein Album über das, was vergangen ist und trotzdem in uns weiterlebt. WIM blickt zurück, ohne das Früher zum besseren Ort zu verklären und zeigt, dass Trost, Erinnerung und Verlust durchaus zusammen auf die Tanzfläche passen. Im November 2026 bringt sie das neue Album auf Tour.
